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21.04.2022

16:37

Ausstellung

Marlene Dumas: Malerin ohne Tabus

Von: Olga Grimm-Weissert

Marlene Dumas ist als Südafrikanerin mit der Ausgrenzung groß geworden. Die Pinault Collection in Venedig zeigt einen Überblick über ihr Werk.

Von li. nach re.: „The Origin of Painting (The Double Room)“, 2018, „Time and Chimera“, 2020 und „The Making of“, 2020. Ph. Marco Cappelletti mit Filippo Rossi; Palazzo Grassi

Blick in die Ausstellung von Marlene Dumas in der Pinault Collection in Venedig

Von li. nach re.: „The Origin of Painting (The Double Room)“, 2018, „Time and Chimera“, 2020 und „The Making of“, 2020.

Venedig Trotz – oder wegen – ihrer scham- und tabulosen Werke zählt Marlene Dumas zu den teuersten Künstlerinnen des Auktionsmarkts. Ihre Soloausstellung im Palazzo Grassi in Venedig versteht sie als sowohl feministisches, politisches als auch soziologisches und antirassistisches Manifest (bis 8.1.2023).

Das Konzept für die „open-end“ betitelte Schau entwickelte die Künstlerin gemeinsam mit der Kuratorin der Pinault Collection, Caroline Bourgois. Die perfekt präsentierte Ausstellung bietet einen repräsentativen Überblick über Dumas“ figurative Gemälde und Papierarbeiten. Sie trägt zum Verständnis der nicht immer leicht nachvollziehbaren Arbeiten bei.

Denn viele der ziemlich dunklen oder grell farbigen Gemälde der 1953 in Südafrika geborenen und in Amsterdam lebenden Malerin wirken unheimlich, aggressiv und pornografisch. Sie erscheinen verzerrt, grotesk und schrill. Dumas“ Serien auf Papier sind meist mit Tusche und Wasserfarben in rascher Geste aufs Papier geschleudert, um die gewählte Thematik zu denunzieren.

Marlene Dumas“ Kindheit war von der Apartheidpolitik und der daraus resultierenden sozialen Segregation derartig geprägt, dass dieses Thema ihr Werk bis heute durchzieht. Einen weiteren roten Faden legt die konzessionslose Darstellung des weiblichen Körpers, seiner sexuellen Funktionen und kommerziellen Ausbeutung.

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    Dumas, die in Amsterdam lebt, setzt sich kategorisch über jegliches Tabu hinweg. Peter Cox, Eindhoven

    Marlene Dumas „Fingers“

    Dumas, die in Amsterdam lebt, setzt sich kategorisch über jegliches Tabu hinweg.

    Umso frappierender wird das Bild einer Brust („Areola“ 2018), eines schwarzweißen Venushügels („Magnetic Fields, for Margaux Hemingway“, 2008), oder der ungeniert dargebotene Einblick in Vulva und Anus einer Sexarbeiterin des Amsterdamer Rotlichtviertels („ Miss Pompadour“, 1999). Hemmungslos malt Dumas überdimensionale Frauenakte wie „Drunk“ von 1997 oder „Birth“. Darauf figuriert ihre schwangere Tochter Helena 2018 wie auf einem Jugendstilbild.

    Noch engagierter ist die gesamte Serie der dunkelhäutigen nackten „Magdalena“. Dumas kritischer Blick setzt sich kategorisch über jegliches Tabu hinweg. Literarische Gestalten inspirieren Dumas für Porträts: von William Shakespeare über Charles Baudelaire bis Jean Genet. Auch die im Wasser treibende Leiche der von „Hamlet“ verschmähten Ophelia taucht in der venezianischen Schau mehrmals auf.

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    Einen ganzen Saal widmet Dumas dem Schicksal geächteter homosexueller Männer. Das Porträt Oscar Wildes entlieh die Londoner Tate für die Schau. Unter dem Porträt des Vietnam-Veteranen Leonard Matlovich notiert sie handschriftlich: „Als ich in der Armee war, gab man mir eine Medaille, weil ich zwei Männer tötete. Man hat mich entlassen, weil ich einen liebte“.

    Die Ausstellung hält ein subtiles Gleichgewicht zwischen den Papierarbeiten und den Gemälden der seit 1975 in Holland lebenden Marlene Dumas. Mehrere der besten Exponate erwarb Hausherr François Pinault im Laufe der letzten zwanzig Jahre für seine „Collection“. „The Origin of Painting (The Double Room)“, 2018, „Time and Chimera“, 2020 und „The Making of“, 2020.

    Aus einer anonymem Sammlung stammt das Querformat „The Visitor“ von 1995. Darauf warten junge Frauen in einem Bordell auf den nächsten „Besucher“. Sotheby’s London schlug das Gemälde am 1. Juli 2008 für 3,2 Millionen Pfund zu.

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    Ein Bild aus der Serie „Magdalena“ von 1995, von der Pinault eines ausstellt, kostete 2017 bei Sotheby's in New York 3,6 Millionen Dollar. Ein blau getöntes Männerporträt - Diptychon von 1985 erzielte 2017 in New York bei Phillips 3,6 Millionen Dollar. „Die Baba“, ein Kinderporträt von 1985 , ebenfalls die Leihgabe eines Privatsammlers, wurde im November 2006 bei Christie’s New York für 1,9 Millionen Dollar ersteigert.

    Es ist bekannt, dass der 85-jährige François Pinault die Ausstellungen im Palazzo Grassi gezielt dazu benützt, um die Preise der von ihm gesammelten Künstler anzuheben. Dumas Gemälde rangieren bereits in guter Position, ganz im Gegensatz zu den Papierarbeiten, die im Handel ab 2000 Dollar kosten.

    Dumas“ Galerien und Sammler sind vorwiegend in Holland, Belgien und den USA angesiedelt. In New York richtete ihr David Zwirner zuletzt eine klug kalkulierte Galerie-Präsentation aus. Denn auch er sammelt privat Marlene Dumas.

    Mehr: Pinault Collection: Ein Museumstraum im Herzen von Paris

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