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29.09.2022

14:17

Ausstellung

Provenienzforschung in Zürich: Das lernende Museum

Von: Susanne Schreiber

Das Museum Rietberg gibt zum ersten Mal umfassenden Einblick in die eigene komplizierte Sammlungsgeschichte. Und wird zum Vorreiter der sich verändernden Museumswelt.

Der Kunsthandel bevorzugte die schönen Köpfe. Kennt der Westen doch seit der Antike Büsten für Herrscher und Denker. Abgebildeter Buddha-Kopf stammt aus der chinesischen Provinz Hebei. Museum Rietberg

Abgeschlagen

Der Kunsthandel bevorzugte die schönen Köpfe. Kennt der Westen doch seit der Antike Büsten für Herrscher und Denker. Abgebildeter Buddha-Kopf stammt aus der chinesischen Provinz Hebei.

Der chinesische Steinbuddha lächelt achtsam und gelassen in sich hinein. Doch die scharfen Bruchkanten am Hals der leicht überlebensgroßen Büste wollen nicht zu seiner inneren Ruhe passen. Sie wecken die Detektivin in der Museumsbesucherin. Die aktuelle Ausstellung „Wege der Kunst. Wie die Objekte ins Museum kommen“ im Museum Rietberg liefert dazu mit einer ungewöhnlichen Schau den Schlüssel.

Der antike Kopf ruhte wie viele andere auch noch bis ca. 1910 auf einem Körper. Das Herauslösen vollständiger Figuren aus Steinnischen muss schwierig gewesen sein. Viel verfallene Ritualkunst zerbrach. Da konzentrierten sich ‚Vermittler‘ lieber auf die schönen Köpfe. Bis 1909 glaubte der Westen, es gebe in China keine Monumentalskulptur.

Doch als ein Bildband 1909 die Höhlentempel in Nordchina bekannt machte, entstand unmittelbar ein Markt für ein völlig neues Sammelgebiet. 1925 waren die Buddhaköpfe bereits eine Modewelle. Die abgeschlagenen Buddha-Häupter irritierten europäische Sammler und Händler keineswegs. Kennt der Westen doch seit der Antike Büsten für Herrscher und Denker.

Das Museum Rietberg in Zürich ist eines der renommiertesten Museen für außereuropäische Kunst in Europa. Seit mehr als zehn Jahren ist auch dem Publikum klar, dass die Erforschung der Herkunftsgeschichten der Artefakte Brisanz birgt. Wer sammelt wozu, fragt das Museums-Team und bezieht das Publikum mit ein. Unter Federführung der Provenienzforscherin Esther Tisa Francini hat es viele Jahre Tiefenbohrungen am Bestand vorgenommen.

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    Bei den Benin-Bronzen, von denen das Museum nur wenige besitzt, war der tausendfache Raub eine Racheaktion britischer und deutscher Soldaten: eine Demütigung aufmüpfiger Afrikaner. Nicht immer gab es Tote, nicht immer wurde ein Palast wie in Benin-City abgebrannt. Hinweise auf den Widerstand von Dorfbewohnern gegen den Abzug verfallender Ritual-Objekte finden sich aber häufig.

    „Wege der Kunst. Wie die Objekte ins Museum kommen“ Museum Rietberg

    Blick in die Ausstellung

    „Wege der Kunst. Wie die Objekte ins Museum kommen“

    In seiner faszinierenden Ausstellung erzählt das Züricher Museum konsequent multiperspektivisch. Nur so werden die unterschiedlichen Interessen deutlich. Im Zentrum steht bei jedem einzelnen Exponat die Objektbiografie: Wissen aus Museumsakten, das fast nie vor den Besuchern ausgebreitet wird, weil es im Museum bisher vor allem um Ästhetik ging.

    Das neue, vorbildliche Museumsnarrativ verknüpft nun Kunstgeschichte und Landesgeschichte, schließt das Wissen der Herkunftsgesellschaften ein, aber auch die Historie der Sammlerinnen und Sammler und die der Kunsthändler. Denn der Galerist ist nicht nur Kaufmann. Bisweilen ist er der „Tastemaker“, der ein Sammelgebiet überhaupt erst erkennt und erschließt. Bisweilen manipuliert er auch die Kunst.

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    Beispiel 1: So war es 1889 der in Paris lebende Japaner Hayashi Tadamasa, der durch seine Importe den Japonismus ermöglichte. Die Kuratorinnen hüten sich gleichwohl vor Idealisierung. Sie fanden heraus, dass die These, Hayashis Siegel seien Gütesiegel, nicht zu halten ist. Sie beweisen vielmehr, dass das Museum nicht nur kostbare Drucke von Erstauflagen besitzt, sondern auch wenige wertvolle Nachdrucke, die nur durch Siegel nobilitiert werden sollten.

    Beispiel 2: Als sich die wilden Keramikpferde der Tang-Zeit besonders gut verkaufen ließen, „verbesserten“ findige Zwischenhändler sie mit einer Polospielerin. Die attraktive Sportlerin auf dem galoppierenden Ross stieß bei den Abnehmern in Europa auf noch größere Begeisterung. Sie wurde erst 1990 als spätere Hinzufügung entlarvt.

    Beispiel 3: Im Fall von präkolumbischen Textilien wurden große Bildteppiche von Händlern zerteilt, weil Einzelbildmotive leichter Käufer fanden. Der hiesige Kunstfreund kennt das schändliche Verfahren ja aus der europäischen Buchkunst.

    Das Foto zeigt die Sammlerin um 1925 in ihrer Berliner Wohnung mit außereuropäischer Kunst. bpk; Handschriftenabteilung, Staatsbibliothek zu Berlin

    Nell Walden

    Das Foto zeigt die Sammlerin um 1925 in ihrer Berliner Wohnung mit außereuropäischer Kunst.

    Wer sammelt? Was wird gesammelt? Wozu? Wer so fragt, erkennt auch Bedeutungsverschiebungen. Nehmen wir die Ozeanien-Sammlung von Nell Walden. Die Ehefrau des Betreibers der Sturm-Galerie war auf der Suche nach neuer, unverbrauchter Kunst.
    Die fand sie nicht nur in der Avantgarde, die Herwarth Walden ausstellte. Ab 1913 sammelte die nach Berlin gezogene Schwedin selbst auch Artefakte aus Asien, Ozeanien und Afrika. Außereuropäische Kultobjekte wurden aus dem Ritual der Herkunftsgesellschaft gelöst und wegen ihrer Ästhetik geschätzt.

    Nell Walden inszenierte Masken, Schilde, Hocker und Tische in ihrer Wohnung. Sie erkannte darin expressiven Ausdruckswillen. Diesen stellte sie gleichberechtigt neben zeitgenössische Kunst; zuhause und in Gastausstellungen in der Sturm-Galerie.

    Kunstgeschichten spiegeln den Arbeitsprozess

    Beiden Kunstrichtungen erklärten die Nationalsozialisten den Kampf. Schon 1932 verbrachte Nell Walden ihre 600 Werke zählende Sammlung in die Schweiz, wo sie ein Haus besaß. Nach Kriegsende begann sie zu verkaufen: An Johannes Itten für das geplante Rietberg Museum und 1954 auch an das Auktionshaus von Norbert Roman Ketterer.

    Das Rietberg Museum hat zahlreiche Abteilungen. Alle sollen in der Schau vorkommen: Afrika, Nord- und Südamerika, Asien und Ozeanien. Das führt zu 400 Exponaten an 22 Ausstellungsstationen, die im Alt- und im Neubau in die Dauerpräsentation integriert sind.

    Wer vor allem am Anfang nach den polygonalen Vitrinen Ausschau hält, verirrt sich weniger zu Exponaten, deren Herkunftsgeschichte noch nicht zu Ende ermittelt ist. Sie figurieren in der Bestandsschau, nicht aber in der Sonderausstellung.

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    Das Stern Cooperation Project bilanziert in einem Digitalkongress den Stand der internationalen Forschung zur Düsseldorfer Galerie des jüdischen Kunsthändlers Max Stern.

    Doch die Masse an Information scheint mehr, als der Gast aufnehmen kann. Die lange Laufzeit bis in dem Sommer 2023 ermöglicht einigen Besuchern immerhin zwei Besuche. Wer das nicht vermag, greift auf das gelungene Lesebuch zurück, das den Katalog ersetzt. Weil die vielen ineinander verwobenen Kunstgeschichten einen Arbeitsprozess spiegeln sollen, ist das Buch auf farbigem Papier gedruckt. Auf den Pastellseiten lässt sich erhellender Text gut lesen, auf den Packpapierseiten weniger.

    Vielleicht ist die Sonderausstellung etwas groß geraten. Aber der Ansatz, dem Besucher und der Besucherin die Bedeutungsverschiebungen im Prozess der Musealisierung offen zu legen, ist erfrischend. Er wird die Präsentationsformen im Rietberg Museum, aber auch in vielen anderen Häusern erneuern.

    Dekolonisierung taugt nicht als Begriff

    In dieser Ausstellung lernt der Besucher das Rietberg Museum als lernendes Museum kennen. Das forscht auf Augenhöhe mit Expertinnen aus Herkunftsgesellschaften. Dekolonisierung lautet ein Schlagwort, das die Politik heute vorgibt.

    Annette Bhagwati, seit 2019 Direktorin im Rietberg Museum stellt klar, dass dieser Begriff wenig hilfreich ist. Keine Seite kann die Geschichte ungeschehen machen. Es geht vielmehr um aktive Auseinandersetzung mit der gemeinsamen Geschichte. Dialogfähigkeit und eine kollaborative Praxis gehören dazu.

    Und so lernen die Besucher in den „Wegen der Kunst“, dass es nicht nur eine Kunstgeschichte gibt, sondern viele. Dass nicht mehr die westliche Sicht dominiert. Gut so.

    „Wege der Kunst. Wie die Objekte ins Museum kommen“ — Ausstellung in den Sammlungen des Museums Rietberg: Bis 25. Juni 2023 Das Lesebuch erscheint im Verlag Scheidegger & Spiess und kostet 39 Franken/38 Euro.

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