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04.07.2010

09:40

Berlinde de Bruyckere

Erfolg mit einem verdrängten Thema

Von: Susanne Schreiber

Der Tod ist ihr Thema. Das verschreckt die einen Betrachter, die anderen sind gebannt. Denn so wie die Belgierin Berlinde de Bruyckere Mensch und Tier mit Epoxit und Malerei in Wachs nachbildet, hat es etwas Anrührendes. Nicht der Voyeurismus dominiert, sondern das Mitgefühl und die Reflexion eines verdrängten Tabus.

So wie Berlinde de Bruyckere die tote Gestalten behandelt, gewinnen die Gefolterten ihre Würde zurück. Ausschnitt aus "Romeu". Galerie Hauser

So wie Berlinde de Bruyckere die tote Gestalten behandelt, gewinnen die Gefolterten ihre Würde zurück. Ausschnitt aus "Romeu".

ZÜRICH. Nackt liegt sein Körper da. Über einem kissengepolsterten Hocker. Ohne Kopf, ohne Arm - und doch so, dass die Galeriebesucherin den Blick nicht abwenden kann von ihm. "Romeu" von Berlinde de Bruyckere ist zwar die Skulptur eines Gefolterten. Sie ist aber auch die künstlerische Reflexion des Tabuthemas Tod. "Ich will zeigen, wie hilflos der Körper sein kann. Das ist aber nichts, wovor man Angst haben muss. Es kann etwas sehr Schönes sein", sagt die Künstlerin. Seit ihrem internationalen Durchbruch auf der Biennale in Venedig 2003, ist die 46-jährige Genterin bei der Galerie Hauser & Wirth unter Vertrag. Ein Sechser im Lotto, denn die in Zürich und London ansässige Galerie hat beste Verbindungen zu bedeutenden Sammlern und Institutionen. Für den lebensgroßen Torso "Romeu" (2010) erwartet sie 200.000 Euro.

Manche Betrachter können gar nicht hinschauen

Schön ist nicht der Tod bei de Bruyckere, schön ist die Malerei, mit der sie die Epoxit-Abformung überzieht: rote und blaue Pigmente werden in einer hauchdünnen Wachsschicht aufgetragen, so dass die künstliche Oberfläche einerseits wie ein abstraktes Gemälde wirkt und andererseits wie menschliche Haut. Durch das Wechselspiel von weißen, rötlichen und bläulichen Flecken wirkt die Skulptur täuschend "echt". Das polarisiert die Betrachter. Die einen können gar nicht hinschauen, andere sind gebannt.

Die Kunstszene hat schnell erkannt, dass die Art, wie sich de Bruyckere dem Thema Tod nähert, so faszinierend wie individuell ist. So grausam "Romeu", das männliche Modell, dessen Körper sie abgeformt und gewaltsam verändert hat, umgekommen scheint, er wird durch die Kunst überhöht. Der gemarterte Körper bekommt seine Würde zurück, weil die Künstlerin ihm Pathos und Mitleid entgegenbringt. De Bruyckere hat sich die Geplagten der Welt in den Bildern von Hieronymus Bosch, Albrecht Dürer genau angesehen, aber auch die von Vater und Sohn Tiepolo sowie die Barockskulptur. Sie schafft es, die heutigen Betrachter nicht gleichgültig zu lassen - ähnlich wie Francis Bacon, der größte britische Maler des 20. Jahrhunderts.

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    Schmerzhafte Verwandlung eines Jägers

    Hauser & Wirth warten mit zwei weiteren neuen Werken auf: mit den (scheinbar) gehäuteten Hirschgeweihen, die auf die Metamorphose des antiken Jägers Aktäon anspielen. Der hatte Diana, der Göttin der Jagd, unerlaubt beim Bad beobachtet. Die Göttin hat ihn zur Strafe in einen Hirsch verwandelt, den seine eigenen Hunde zerfleischen (60. 000 Euro). De Bruyckere fasst das Drama ganz knapp in zwei mit Schnüren zusammengebundene Paare von Vier-Endern, bei einem sind ein paar Wachstumsspitzen mit Mull umwickelt.

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