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10.02.2022

08:10

Buchbesprechung

Die Restitution von Kulturgütern: Ein politisches Projekt

Von: Christiane Fricke

Die Juristin Sophie Schönberger analysiert in einem neuen Buch, wie Ideen und Recht auf die Rückgaben von Kulturgütern in Deutschland wirken.

Die Buchautorin lehrt an der Heinrich Heine-Universität in Düsseldorf Öffentliches Recht, Kunst- und Kulturrecht. Jochen Müller; C. H. Beck Verlag

Sophie Schönberger

Die Buchautorin lehrt an der Heinrich Heine-Universität in Düsseldorf Öffentliches Recht, Kunst- und Kulturrecht.

Düsseldorf Die Restitution von Kulturgütern an die Nachkommen der vom NS-Staat Verfolgten und der Opfer des Kolonialismus ist geschichtlich betrachtet ein relativ junges Phänomen. Das Unrecht liegt in beiden Fällen viele Jahrzehnte zurück. Und doch empfindet es eine wachsende Öffentlichkeit heute als richtig, wenn die Objekte ihren ursprünglichen Besitzern oder ihren Nachkommen herausgegeben werden.

Sophie Schönberger, die an der Heinrich Heine-Universität in Düsseldorf Öffentliches Recht, Kunst- und Kulturrecht lehrt, hat das Bedürfnis nach einem Umgang mit einer belasteten Vergangenheit genauer durchleuchtet. In ihrem bei Beck erschienenen Buch „Was soll zurück? Die Restitution von Kulturgütern im Zeitalter der Nostalgie“ betrachtet sie die Ideen und rechtlichen Rahmenbedingungen, die in Deutschland auf Rückgaben von NS-Raubkunst, von kolonialen Kulturgütern und auf die Debatte um die Entschädigungsforderungen der Familie Hohenzollern wirken.

Das handliche Buch liest sich spannend, weil hier erstmals der Versuch unternommen wird, die Praxis von Rückgaben in ihren Sinnzusammenhängen zu verstehen. Schönberger klopft die Ideen dahinter ab und zeigt, wo Schwächen, Grenzen und Möglichkeiten liegen.

Sophie Schönberger: Was soll zurück? Die Restitution von Kulturgütern im Zeitalter der Nostalgie
Verlag C. H. Beck, München 2021
158 Seiten
14,95 Euro

Idealerweise zielen alle Formen des Zurückgebens auf zweierlei: auf eine Auseinandersetzung mit vergangenem Unrecht und in gewissem Umfang auch auf eine Wiedergutmachung. Der jedoch sind Grenzen gesetzt, erläutert Schönberger. So wird der Kolonialismus heute zwar als moralisch verabscheuungswürdige politische Gewaltanwendung verurteilt, jedoch weiter nach dem vergangenen Recht der Kolonialzeit beurteilt. Das alte Recht schreibt sich fort, weil es an politischem Gestaltungswillen fehlt, es zu ändern.

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    Die Museen nimmt die Autorin als zentrale, aber letztlich überforderte Akteure in den Blick. Auf ihnen lastet die Hauptverantwortung bei Rückgaben. Sie sollen nicht nur ihrer Rolle als Sammler, Aussteller und Vermittler bzw. als Konstrukteure von Identität gerecht werden. Sie sollen auch die Vergangenheit aufarbeiten. Da sie dies weitgehend an die kunsthistorische Provenienzforschung delegiert haben, und diese stärker auf die Kunst und ihren Markt fokussiert, geraten die individuellen Verfolgungsschicksale ins Hintertreffen, kritisiert die Juristin.

    Das Rautenstrauch-Joest-Museum in Köln will Werke aus Benin an Nigeria rückübertragen. picture alliance/dpa

    Museumsdirektorin Nanette Snoep

    Das Rautenstrauch-Joest-Museum in Köln will Werke aus Benin an Nigeria rückübertragen.

    Hinzu kommt, dass „rechtliche Regeln, die das Zurückgeben politisch verbindlich gestalten würden“, bis heute nicht existieren. Damit bleiben Parlamente als „Rechtssetzer“ und Gerichte als „Rechtsdurchsetzer“ außen vor. Am Ende führt das dazu, dass größere Streitigkeiten um die Restitution von NS-Raubkunst zunehmend vor amerikanischen Gerichten ausgetragen werden. Die Deutung der deutschen Unrechtserzählung verlagert sich ins Ausland.

    Anders der Umgang mit der ungelösten Frage nach der Rolle der Hohenzollern bei der Etablierung des Nationalsozialismus. Sie soll – wie auch der Streit über die Vermögensauseinandersetzung – vor Parlament und Gericht entschieden werden.

    Diese Gedenkköpfe eines Königs aus dem Königreich Benin sind Teil der Ausstellung «Benin. Geraubte Geschichte» im Museum am Rothenbaum. Kulturen und Künste der Welt in Hamburg, die nun bis voraussichtlich Ende 2022 zu sehen sein wird. Daniel Reinhardt/dpa

    Benin-Bronzen

    Diese Gedenkköpfe eines Königs aus dem Königreich Benin sind Teil der Ausstellung «Benin. Geraubte Geschichte» im Museum am Rothenbaum. Kulturen und Künste der Welt in Hamburg, die nun bis voraussichtlich Ende 2022 zu sehen sein wird.

    „Echte Gerechtigkeit kann es nach historischem Unrecht nicht geben“, schreibt Schönberger. Aber es kann Annäherungen an Vorstellungen von Gerechtigkeit geben. In dreierlei Hinsicht: auf der Ebene der Rückgabe eines Kulturguts, auf der Ebene des Dialogs und der symbolischen Deutung.

    Schwachpunkt bei der Rückgabe sind damit einhergehende Enttäuschungen. Etwa die enttäuschten Erwartungen Zurückgebender, wenn ein an die Erben der NS-Opfer restituiertes Bild bald auf dem Kunstmarkt veräußert wird. Bei kolonialen Objekten kann die nicht erkannte oder geachtete besondere spirituelle, sakrale oder kulturelle Bedeutung als Demütigung erlebt werden.

    Im Fall Hohenzollern herrscht Unsicherheit über die Frage, welche soziale und kulturelle Bedeutung man den umstrittenen Gegenständen zumessen will: „Handelt es sich um reines Privatvermögen des heutigen Erben oder um Objekte, die aufgrund ihrer politischen oder kulturellen Bedeutung nicht eigentlich dem Gemeinwesen zustehen“, schreibt Schönberger.

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    Das steht im Koalitionsvertrag: ein Mindestlohn für Kulturschaffende, die Unterstützung für Galerien und ein Raubkunstgesetz.

    Auch wer den Dialog in den Vordergrund des Rückgabeprozesses stellt, erfährt Einschränkungen. Beispielsweise wenn der Dialog selbst Gerechtigkeitsfragen aufwirft. So stellen sich im Umgang mit kolonialen Objekten Fragen, wer den Dialog führen und mit wem gesprochen werden soll; wer über das Verfahren bestimmt oder wer als Partner ausgewählt wird. Hier Entscheidungen zu treffen, führt immer wieder zu Konflikten.

    „Etwas Positives mit eigener Substanz“ erkennt Schönberger in der symbolischen Bedeutung des Zurückgebens: „das Anerkenntnis historischer Schuld, der Respekt vor den Opfern, das Bedauern, die Bitte um Vergebung“. Der Zugang zur Gerechtigkeit erfolge hier durch die Herstellung von Erinnerung.

    Gestaltungsauftrag für Gegenwart und Zukunft

    Aufgabe heute sei es, mit dem Zivilisationsbruch zu leben, ihn auszuhalten und aus seiner Erfahrung heraus Gegenwart und Zukunft zu gestalten. Es kann am Ende also nicht darum gehen, ein belastetes Objekt einfach los zu werden oder sich symbolisch von der Schuld zu reinigen. Die Chance besteht vielmehr darin, das Zurückgeben als bewussten politischen Prozess zu gestalten. Das aber, hält die Autorin abschließend fest, sei kein nostalgisches Projekt, sondern ein politisches.

    Damit kommt Schönberger am Ende noch einmal auf das eingangs behandelte Thema der Nostalgie zurück, das sich auch im Untertitel des Buches wieder findet. Nicht die nationalistische Form der „restaurativen Nostalgie, die in erster Linie die eigene Geschichte frei von negativen Erzählungen halten will, kann die Lösung sein. Chancen eröffnet vielmehr das Gegenmodell einer „reparativen“ Form der Nostalgie, die eingefahrene Deutungen der Vergangenheit hinterfragt und neue, kritische Auseinandersetzungen an ihre Stelle setzt.

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