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06.11.2021

10:10

Buchbesprechung

Non Fungible Token: Kunst, Hype oder Ware?

Von: Stefan Kobel

NFTs sind ein heißes Thema. Doch Informationen darüber sind meist fragmentarisch und im Internet verstreut. Ein neues Buch beleuchtet Grundlagen, Hintergründe und Akteure.

Auf Tour durch das NFT LAB "Game Over" mit der animierten "Mona Lisa" auf dem Tablet. REUTERS/Annegret Hilse

Künstlergruppe Die Dixons in Berlin

Auf Tour durch das NFT LAB "Game Over" mit der animierten "Mona Lisa" auf dem Tablet.

Wiesbaden Bedeuten NFTs das Ende der Kunst und des Kunstmarkts oder ihre Rettung? Das weiß auch Kolja Reichert nicht. Ansonsten lässt der Kurator an der Bundeskunsthalle in Bonn in seinem bei Wagenbach erschienenen Buch „Krypto-Kunst“ jedoch kaum eine Frage zum Thema unbeantwortet.

In einem schmalen Bändchen bringt er Theorie und Praxis der Non Fungible Tokens, der durch eine Blockchain abgesicherten Besitzzertifikate, so zusammen, dass auch Menschen, die mit dem Begriff nichts anfangen konnten, sich selbst in Expertenrunden nicht verloren fühlen.

Alle wichtigen Aspekte des Phänomens, das seit Anfang 2021 die Schlagzeilen nicht nur der Kunstpublikationen mitbestimmt, werden kenntnisreich beleuchtet. Wie funktioniert eine Blockchain, was sind NFTs, wer kauft sie, und was ist Kryptokunst überhaupt?

Eines ist für den Autor klar: NFTs lösen in einem Teilbereich das ein, was von der Kunst gern behauptet wird, nämlich dass sie autonom sei.

Die Blockchain habe mit „Dezentralen Autonomen Organisationen“ – DAO – das Konstrukt einer juristischen Person hervorgebracht, die basisdemokratische Entscheidungen ohne Vermittlerinstanz treffen kann. Dieser Umstand ist nicht banal, betrifft er doch unmittelbar die Art, wie die mithilfe von NFTs erzeugten und verbrieften Inhalte vermittelt werden. Vermittlung meint in diesem Fall den Besitzerwechsel, also den Handel.

Es wird gern behauptet, Kunst sei ein Spiegel der Gesellschaft. Demnach wären NFTs das passende Kunstvehikel für eine Welt, die nicht mehr auf abstrakten Werten und übergeordneten Prinzipien aufbaut, sondern auf Transaktionalität und Transparenz – innerhalb der Kryptowelt. Deren Regeln erscheinen Außenstehenden jedoch ebenso unverständlich wie den meisten Menschen die ungeschriebenen Regeln der traditionellen Kunstszene.

Kolja Reichert: Krypto-Kunst
Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2021
80 Seiten
10 Euro

Reichert liefert keine Bedienungsanleitung zur Navigation auf den verschiedenen Plattformen oder Empfehlungen für den NFT-Markt. Er erklärt vielmehr die Grundlagen des neuen Feldes und bettet das Phänomen in einen größeren Zusammenhang ein.

Einfach macht es der Autor seinen Lesern nicht immer, und bisweilen gleiten die kompakten Formulierungen ins Bedeutungsschwangere. Etwa, wenn er das Revolutionäre an den digitalen Zertifikaten erklärt: „NFTs begleiten einen kategorischen Umschlag hinsichtlich dessen, was ein Kulturgut ist: NFT-Transaktionen beziehen sich nicht auf physische Objekte im Raum. Sie beziehen sich auf Momente in der Zeit. Der im Smart Contract verzeichnete Zeitstempel ist der Quell der Aura. An die Stelle physischer Ausdehnung tritt ein Moment in der Geschichte. Gehandelt wird Geschichte selbst.“

Etwas niedriger hätte man das Phänomen auch aufhängen können. Die Überhöhung macht jedoch deutlich, welches Potenzial in der Innovation ruht.

Gleichzeitig warnt Reichert vor Gefahren für die Kunst, die besonders dann drohten, wenn NFTs dazu führten, dass sich künstlerische Produktion zu sehr an der Nachfrage orientiere, statt ästhetischen Ansätzen zu folgen.

Neue Möglichkeiten für die Finanzbranche

Das liegt jedoch weniger in der Handelbarkeit elektronischer Kunst, deren Sammlerkreis in der klassischen Kunstszene, die noch auf Repräsentation und Musealität setzt, auch in absehbarer Zeit überschaubar sein dürfte. Vielmehr eröffnet die Verifizierung von Kunst in einer Blockchain Möglichkeiten für die Finanzbranche, indem physische Kunstwerke in virtuelle Anteile aufgeteilt werden, die dann auf eigenen Marktplätzen wie Aktien gehandelt werden können.

Der umfangreiche Quellennachweis macht das Heft zu einem längeren wissenschaftlichen Aufsatz. Der lässt sich Dank der Erfahrung des Autors als Feuilleton-Redakteur der Frankfurter Allgemeine Zeitung gut lesen.

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