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04.03.2022

10:12

Buchbesprechung

Soziologe Alain Quemin: Wie Galerien mächtig werden

Von: Olga Grimm-Weissert

Ein neues Buch des Soziologen Alain Quemin beleuchtet die geschäftlichen Strategien der marktbeherrschenden Galerien für zeitgenössische Kunst.

Der französische Soziologieprofessor durchleuchtet die weltweit führenden Galerien. Hier posiert er vor dem Centre Pompidou in Paris. Armelle Malvoisin

Alain Quemin

Der französische Soziologieprofessor durchleuchtet die weltweit führenden Galerien. Hier posiert er vor dem Centre Pompidou in Paris.

Genf Alain Quemin beschäftigt sich seit dreißig Jahren mit der Analyse des internationalen Kunstmarkts. Mit seinem neuesten, voluminösen Buch „Die Welt der Galerien. Zeitgenössische Kunst, Marktstruktur und Internationalisierung“ untersucht der Professor für Soziologie die Entwicklung des Berufs der Galeristen von 1870 bis heute. Der Clou: seine Tabelle, die dank einer persönlich entwickelten Methode eine Rangfolge unter den derzeit führenden internationalen Galeristen ermittelt.

Vor zwanzig Jahren befragte der junge Soziologe Quemin zahlreiche Galeristen, um festzustellen, dass Lügen zu deren Usancen gehört. Seit er jedoch in diversen französischen Zeitschriften veröffentlicht, gewähren ihm dieselben Galeristen Hintergrundinformationen und intime Einblicke in ihre diskrete Welt.

Quemins Darstellung setzt ein mit dem Pariser Kunsthändler Paul Durand-Ruel (1831–1922), dem Erfinder des modernen Kunstmarkts. Durand-Ruel nahm seine Künstler unter Vertrag, kaufte viele ihrer Werke an, solange sie nicht gefragt waren, machte sie bekannt und verkaufte ihre Arbeiten im In- und Ausland.

1870 eröffnete Durand-Ruel eine Galerie in London, ein Jahr später in Brüssel und 1888 in New York. Seine Kollegen Ambroise Vollard, Daniel Henry Kahnweiler, später dann Leo Castelli und zuletzt Larry Gagosian in New York perfektionierten dieses „Business-Modell“ und bauten es mit globalen Filialnetzen weiter aus.

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    Lawrence Weiner „Language + the materials referred to“

    Die sprachphilosophische Arbeit markiert in Berlin die Konrad Fischer Galerie in der Neuen Grünstraße.

    Die Internationalisierung ist, laut Quemin der Kernpunkt des zeitgenössischen Kunstmarkts, weil sie Galeristen die Marktkontrolle garantiert.

    Nebenbei sorgen Galerien für zeitgenössische Kunst ständig weltweit für Nachfrage nach immer neuer frischer Kunst. Sie heischen vor ihren Kunden Eindruck mit fulminanten Geschäftsräumen, wie sie die Stararchitektin Annabelle Selldorf für die Mega-Galerien Gagosian, Hauser & Wirth oder Pace gestaltet. Als Vorbild dienen hier der Luxushandel oder Haute Couture, wo nur versteckt gelegene „Salons“ für die exklusiven Verkäufe reserviert sind.

    Le monde des galeries. Art contemporain, structure du marché et internationalisation
    CNRS Editions, Paris, 2021
    470 Seiten
    28 Euro

    Von strategischer Bedeutung sind Niederlassungen in Ferien- oder Festival-Orten wie Salzburg (Ropac) oder St. Moritz (Karsten Greve, Tornabuoni, Hauser & Wirth). Einmalig schöne Bauten auf Menorca, in Monaco oder Gstaad ermöglichen Hauser & Wirth Kontakte zu Käuferschichten mit höchster Finanzkraft, viel Freizeit und Langeweile.

    Quemin zufolge findet sich die stärkste Konzentration bedeutender Galerien in Deutschland. Sie sind jedoch besonders von den Messen, insbesondere der „Art Basel“ abhängig. Deren Leitung möchte die besten Sammler anziehen, sozusagen im Schlepptau der ausstellenden Galeristen.

    Ropac auf Rang 1

    Überraschend ist die Rangfolge. Um sie zu ermitteln kombiniert der Autor seine eigenen Kriterien mit Ermittlungen von Artfacts.net. Eine „große“ Galerie ist eine mit starken finanziellen Mitteln; also auch der entsprechenden Macht den Kunden und – weniger – den Künstlern gegenüber. Die Qualität der vertretenen Künstler bestimmt die Qualität der Galerie.

    Thaddaeus Ropac ist bei Quemin die Nummer Eins, gefolgt von Marian Goodman, Konrad Fischer, Sprüth Magers, Gagosian, White Cube, David Zwirner, Lisson Gallery, Hauser & Wirth und Chantal Crousel. Auf Platz elf folgt Rüdiger Schöttle.

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    International Galleries Alliance

    Stärkung im Wettbewerb: Galerien schließen ein Bündnis

    Über 160 Galerien haben sich international verbündet. Sie wollen neue Formen der Zusammenarbeit erproben und eine eigene Verkaufsplattform etablieren.

    Auf Ropacs langer Liste von 70 Stammkünstlern rangiert in Quemins Augen zuoberst Lawrence Weiner. Es folgen Erwin Wurm, die Stiftung Robert Rauschenberg, Georg Baselitz, der Harun Farocki-Nachlass, Valie Export, Arnulf Rainer, Alex Katz, Anselm Kiefer und Imi Knoebel. Diesen Topkünstlern stehen zwei, drei, manchmal sogar sechs weitere Galeristen zu Diensten.

    Ropac gewann die besten Künstler aus Deutschland – abgesehen von Gerhard Richter, der bei Marian Goodman bleibt – aus Österreich, der Schweiz und den USA. Der Galerist, der sein Imperium von Salzburg aus startete, reagiert rasch auf neue Tendenzen. Längst konnte er Martha Jungwirth und Elisabeth Peyton an sich binden, aber auch Adrian Ghenie und Imran Qureshi.

    Wen Platz fünf für den von vielen als einflussreichsten Marktmacher betrachteten Larry Gagosian erstaunt, dem antwortet Quemin: „Der 76-jährige Amerikaner nimmt eine Sonderstellung am Markt ein. Seine Platzierung ist relativ schwierig.“

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    Auf Platz drei, noch vor Gagosian, behauptet sich die Konrad Fischer Galerie, heute von Tochter Berta Fischer geleitet. Der weitsichtige Künstler-Galerist setzte früh auf Konzeptkunst, Minimal Art und Arte povera. Er gab den Künstlern oft Aufträge für ortsgebundene Werke. Lawrence Weiners Wortkunst prägt die Fassade der Berliner Dependance. Doch die Konrad Fischer Galerie ist atypisch, weil sie nur in Deutschland vertreten ist.

    Ein anderes Schwergewicht aus Deutschland ist die Galerie Sprüth Magers. Hier hebt der wertende Soziologe die früh geförderten Positionen von heute weltberühmten Künstlerinnen hervor. Er lobt das frühe Interesse für Fotografie sowie die qualitätvolle Künstlerliste.

    Einerseits rückt Quemin Leistung und Kraft europäischer Galerien in den Fokus, indem er sie noch vor der mächtigen amerikanischen Trias Gagosian, Zwirner und Pace platziert. Andererseits relativiert Alain Quemin seine Tabelle mit der Rangfolge selbst: „Die Tabelle soll nur ein Instrument zum Verständnis für die Entwicklung der zeitgenössischen Galerien und deren Sozialstruktur sein“. Es sei keineswegs möglich, einen definitiven Stellenwert der Galerien anzugeben, da es sich um eine fluktuierende Hierarchie handelt.

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