Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

19.05.2022

13:06

Christie's, Sotheby's und Phillips

New Yorker Abendauktionen: Trophäen zu Millionenpreisen

Von: Barbara Kutscher

Über 2 Milliarden Dollar nehmen Christie‘s, Sotheby‘s und Phillips für Hochpreiskunst ein. Das Vertrauen in das oberste Marktsegment ist angesichts der Weltlage stark. Sammler erwerben Sachwerte.

Von Yusaku Maezawa eingeliefert, verteuerte es sich um 48 Prozent auf 85 Millionen Dollar. Phillips; VG Bild-Kunst, Bonn 2022

Jean-Michel Basquiat „Untitled“

Von Yusaku Maezawa eingeliefert, verteuerte es sich um 48 Prozent auf 85 Millionen Dollar.

New York Die Weltwirtschaft gerät zunehmend aus den Fugen, aber die New Yorker Abendauktionen ließen das nicht spüren. Über zwei Wochen lang versteigerten Christie’s, Sotheby’s und Phillips Trophäen in selten gesehener Dichte zu Millionenpreisen in die ganze Welt. Zwei abschließende Abendauktionen bei Sotheby’s stehen bei Redaktionsschluss noch aus.

Neben Kunst von Impressionismus bis in die unmittelbare Gegenwart verlockten in dieser Saison auch gattungsfremde Objekte die Bieter zu hohen Preisen. Ein ziemlich komplettes Dinosaurier-Skelett eines räuberischen Deinonychus Antirrhopus aus der frühen Kreidezeit ging zu 12,4 Millionen Dollar nach Asien.

Emanuel Leutzes Historienbild von 1851 „Washington Crossing the Delaware“, das über 35 Jahre im Weißen Haus in Washington, DC, hing, brachte 45 Millionen Dollar. Und der massive Tisch des umtriebigen, viel zu früh verstorbenen Schwarzen Modedesigners Virgil Abloh steht bei Sotheby‘s zum Verkauf am Donnerstagabend an.

Bis einschließlich Mittwoch hatte Kunst allein in sieben Abendauktionen für über 2,1 Milliarden Dollar die Hände gewechselt. Es hagelte Superlative.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Phillips erzielte am 18. Mai mit einer Absatzquote von 100 Prozent das je beste Ergebnis für das Haus. Hier hatte das bekannte Riesenformat „Untitled“ von Jean-Michel Basquiat aus dem Jahr 1982 einen neuen Marktauftritt. Das Querformat kam bereits nach sechs Jahren wieder auf den Markt. Bei einem Bruttopreis von 85 Millionen Dollar ermöglichte es dem jungen japanischen Unternehmer Yusaku Maezawa eine Rendite von 48 Prozent.

    Das Historienbild, das Jahrzehnte im Weißen Haus gehangen hatte, erzielte 45 Millionen Dollar.

    Carl Emanuel Leutze „Washington Crossing the Delaware“

    Das Historienbild, das Jahrzehnte im Weißen Haus gehangen hatte, erzielte 45 Millionen Dollar.

    Hart umkämpft war bei Phillips auch ein Schwammrelief von Yves Klein aus dem Jahr 1961. Es kam auf knapp 20 Millionen Dollar und verdoppelte seinen Rekord von 2010.

    Stolz meldet das in russischer Eigentümerschaft befindliche Haus, dass in dieser eigens kuratierten Auktion 14 von 31 Kunstschaffenden weiblich waren. Neue Rekorde fuhren Werke von Yayoi Kusama, Robin F. Williams, María Berrío und die altmeisterlich malende junge Anna Weyant ein.

    Für Robert Manley, Phillips“ stellvertretenden Leiter für die Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts, „bewegen sich Kunst- und Finanzmärkte nicht notwendigerweise im Gleichschritt. Und man hat das Gefühl, dass sich Anleger in Sachwerte flüchten“.

    Offenbar bereitete die Akquise in dieser Saison keine großen Probleme. Hervorragende Resultate aus dem letzten November hatten Vertrauen in den Markt geschaffen. Allein Sotheby’s nahm 1,33 Milliarden Dollar ei. „Wir wurden von vielen Verkaufswilligen kontaktiert“, sagte Brooke Lampley, Sotheby’s Chefin für Globale Kunstverkäufe.

    Christie's in New York: Andy Warhols Marilyn: Der Hammer fiel schon nach fünf Minuten

    Christie's in New York

    Andy Warhols Marilyn: Der Hammer fiel schon nach fünf Minuten

    Den Auftakt des Auktions-Marathons im Mai hat Christie‘s zum Teil mit Bravour bestanden. Der Warhol-Rekord wurde angehoben, junge Künstler bleiben teuer.

    Christie’s konnte ein auf vier Nächte verteiltes Angebot zu beinahe 100 Prozent und 1,25 Milliarden Dollar absetzen. Stolz war man hier vor allem auf Nachlässe legendärer Sammlerinnen. Zum einen den der im April 2020 verstorbenen New Yorker Investorin und Philanthropin Anne Bass. Zum anderen den der Zürcher Händlerin Doris Ammann, die gemeinsam mit ihrem Bruder seit 1977 die weltbekannte Galerie Thomas Ammann Fine Art betrieb.

    Dazu wurde am Samstagmorgen die bedeutende Surrealismus-Sammlung der bereits 2019 verstorbenen New Yorker Rosalind Gersten Jacobs und Melvin Jacobs versteigert. Rosalind nutzte als Einkäuferin für die Kaufhauskette Macy’s ihre Geschäftsreisen nach Europa dazu, seit den 1950er-Jahren Freundschaften mit führenden Künstlern der Dada-Bewegung und des Surrealismus zu knüpfen.

    Das Highlight der Sammlung, die unikate sogenannte Rayographie (Fotogramm) von Man Rays ikonischem Rückenakt „Violon d’Ingres“ von 1924, erwarb sie 1962 direkt beim Künstler. Mindestens vier Telefonbieter setzten bei 12,4 Millionen Dollar weit über der Taxe gleich den neuen Bestpreis für das Medium Fotografie.

    Afroamerikanische Maler sind gefragt. Die ausgelassenen Tänzer kamen auf 15,3 Millionen Dollar. Christie's Images Ltd. 2022

    Ernie Barnes „The Sugar Shack”

    Afroamerikanische Maler sind gefragt. Die ausgelassenen Tänzer kamen auf 15,3 Millionen Dollar.

    Auch andere Surrealisten erzielten starke Preise. So verbesserte Sotheby’s am Dienstagabend den Rekord für die britisch-mexikanische Künstlerin Leonora Carrington mit ihrem geheimnisvoll düsteren Bild „The Garden of Paracelsus“ auf 3,3 Millionen Dollar. Sie steht wieder im Focus, weil Cecilia Alemani ihre Venedig Biennale mit „The Milk of Dreams“ überschrieben hat. Das ist der Titel eines Kinderbuchs von Carrington, die in Venedig auch in einem erhellenden Surrealismus-Kabinett figuriert.

    Das gehypte Toplos der Doppelwoche, Andy Warhols Siebdruck „Shot Sage Blue Marilyn“ wurde – wie berichtet – am 9. Mai als letztes Los von 34 Werken der privaten Sammlung Doris Ammanns aufgerufen. Langjährige Kundenpflege hatte sich hier für Christie’s ausgezahlt, unangefochten zog der Nachlass ins Rockefeller Center.

    Auktionen in New York: Christie's setzt 1,3 Milliarden in nur einer Woche um

    Auktionen in New York

    Christie's setzt 1,3 Milliarden in nur einer Woche um

    Ein wildes Tanzbild, ein Skelett und ein amerikanisches Historienbild machen auf Christie's jüngster Abendauktion Furore. Herausragend auch die Ergebnisse der Sammlung Anne Bass.

    Zusätzlich wurden 62 Werke aus dem Ammann-Nachlass, der von einer Kunstberaterin als „Nischengeschmack“ charakterisiert wird, in einer Tagesauktion versteigert. Sie addierten 7,3 Millionen Dollar zu den abendlichen 317,8 Millionen Dollar. Der gesamte Nettoerlös steht der neugegründeten Thomas und Doris Ammann Foundation zur Verfügung, die sich dem Wohlergehen benachteiligter Kinder widmen wird.

    Einige der von den Ammanns gesammelten Künstler trafen einen Nerv. So bewarben sich 18 internationale Bieter um Francesco Clementes schönes Bild „The Fourteen Stations, No. XI“ aus dem Jahre 1981, das bei der neuen Bestmarke von 1,9 Millionen Dollar dem Groß-Sammler Peter Brant zugewiesen wurde.

    Das gehypte Los der Woche wurde bestens vermarktet. Hier posieren Marc Porter (li.) Chairman für amerikanische Kunst, und Alex Rotter, Chairman für Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts. John Angelillo; Imago Upi

    Andy Warhol „Shot Sage Blue Marilyn“

    Das gehypte Los der Woche wurde bestens vermarktet. Hier posieren Marc Porter (li.) Chairman für amerikanische Kunst, und Alex Rotter, Chairman für Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts.

    Auch andere sogenannte New Yorker „Neo-Expressionisten“ der 1980er-Jahre sind wieder im Aufwind. Eric Fischls wichtiges Bild „The Old Man’s Boat and the Old Man’s Dog“ von 1982 verdoppelte am folgenden Abend in Christie’s Auktion „21st Century“ den Künstlerrekord auf 4,1. Die Taxe hatte bei 2 bis 3 Millionen Dollar gelegen. Das Gemälde hatte die figurative Kunst in der „Biennial Exhibition“ des Whitney Museum of American Art 1983 in New York vertreten.

    Wie gewohnt begeisterten sich asiatische Teilnehmer für das mit gegenwärtigen „It Kids“ gespickte Angebot und bewilligten sechs Rekord für diese Kategorie der ganz jungen Künstler. In diesem Kontext sollte auch der Markt für Gerhard Richter einen neuen Schub erhalten. Das hat aber nicht geklappt.

    Das „Abstrakte Bild (809—4)“ von 1994 hatte im Oktober 2012 in London Berühmtheit erlangt, als es bei umgerechnet 34 Millionen Dollar (22 Millionen Pfund) den neuen Rekord setzte. Diesmal fiel der Bieterkampf aus. Das Bild fällt bei 33 Millionen Dollar netto, das sind mit Aufgeld 36,5 Millionen Dollar, an den Garantiegeber. Auch Richters riesiges „Seestück“ in bester Erhaltung aus der Sammlung Macklowe, verharrte bei der unteren Erwartung von 30,2 Millionen Dollar brutto.

    Zweite Auktion nach Scheidungskrieg: Sammlung Macklowe verfehlt nur knapp die Marke von einer Milliarde Dollar

    Zweite Auktion nach Scheidungskrieg

    Sammlung Macklowe verfehlt nur knapp die Marke von einer Milliarde Dollar

    Der zweite Teil mit Kunst von Harry und Linda Macklowe spielt 246,1 Millionen Dollar ein. Mit dem Gesamtergebnis nahe einer Milliarde hat Sotheby’s Marktgeschichte geschrieben.

    Dynamischer ist derzeit der Markt für Sigmar Polke. Polkes frühes von Pop-Art inspiriertes Bild „Plastik-Wannen“ aus dem Jahr 1964, ebenfalls aus der Macklowe Sammlung, wurde erst bei 6,2 Millionen Dollar, weit über der Taxe von 3,5 Millionen Dollar, an den Kunden von Caroline Lang, Sotheby‘s Schweiz Chefin, gewiesen. David Galperin, Sotheby’s Abteilungsleiter Contemporary Art, Americas, sieht vor allem für Polkes Werke der 1970er- bis 1990er-Jahre enorme Wachstumsmöglichkeiten.

    Auktionsgeschichte wurde in dieser Saison auch bei Sotheby’s geschrieben. Die zweite Versteigerungsrunde der legendären Sammlung des New Yorker Immobilienentwicklers Harry Macklowe und seiner Ex-Frau Linda nahm an diesem Montag für 30 Werke des Abstrakten Expressionismus, der Pop-Art und der Minimal Art weitere 246,1 Millionen Dollar ein.

    Damit wurde die Macklowe-Kollektion, die im Zuge eines erbitterten Scheidungskrieges eingeliefert worden war, mit erstaunlichen mit 922,2 Millionen Dollar bewertet. Nicht ganz die erhoffte Milliarde, aber es ist doch die teuerste jemals versteigerte Privatsammlung.

    Polkes frühes von Pop-Art inspiriertes Bild (1964) stammt aus der Macklowe Sammlung. Es wurde erst bei 6,2 Millionen Dollar weit über der Taxe zugeschlagen. Sotheby's; VG Bild-Kunst, Bonn 2022

    Sigmar Polke „Plastik-Wannen“

    Polkes frühes von Pop-Art inspiriertes Bild (1964) stammt aus der Macklowe Sammlung. Es wurde erst bei 6,2 Millionen Dollar weit über der Taxe zugeschlagen.

    Grégoire Billault, Leiter Zeitgenössische Kunst in New York, sah, dass es „trotz des derzeit sehr schwierigen Kontextes immer noch Appetit auf Schönheit und großartige Kunst gibt. Sammler und auch Institutionen nutzten heute die Gelegenheit, ihre Sammlungen drastisch zu verändern und zu komplettieren“.

    Aber auch Moderne und Impressionismus bewiesen ihre internationale Anziehungskraft, angeführt von Pablo Picasso und Claude Monet. Sotheby’s Moderne-Auktion spielte am 17. Mai mit 408,5 Millionen Dollar sogar das drittbeste Ergebnis für eine Auktion im Haus ein.

    Picassos „Femme nue couchée“ (1932) setzte sich an die Spitze, eingeliefert vom Hedgefonds-Manager Steve Cohen gegen eine unveröffentlichte Erwartung von 60 Millionen Dollar. Bei wenig Interesse konnte die New Yorker Kunstberaterin Amy Capellazzo bereits bei 58 Millionen Dollar zugreifen. Mit Aufgeld schuldet ihr Kunde 67,5 Millionen Dollar.

    Monet war in den beiden Wochen allein mit neun Gemälden aus sämtlichen Perioden präsent. Anfängliche Bedenken, ob der Markt dieses Angebot absorbieren könne, wurden schnell zerstreut. Sotheby's

    Claude Monet „Le Parlement, soleil couchant“

    Monet war in den beiden Wochen allein mit neun Gemälden aus sämtlichen Perioden präsent. Anfängliche Bedenken, ob der Markt dieses Angebot absorbieren könne, wurden schnell zerstreut.

    Monet war in den beiden Wochen allein mit neun Gemälden aus sämtlichen Perioden präsent. Anfängliche Bedenken, ob der Markt dieses Angebot absorbieren könne, wurden schnell zerstreut. Sotheby’s tief verschneite Landschaft in Argenteuil von 1875 wurde von der Händlerfamilie Nahmad bei 6,3 Millionen Dollar brutto übernommen; die Gartenansicht „Les Arceaux de roses, Giverny“ vom einzigen Interessenten, einem asiatischen Bieter, zu angemessenen 23,3 Millionen Dollar brutto gesichert.

    Run auf Monet trotz Überangebot

    Aber besonders gefochten wurde um drei Bilder Monets, die Anne Bass in den frühen 1980er-Jahren erworben hatte. Sechs entschiedene Bewerber hoben ihre Londoner Ansicht „Le Parlement, soleil couchant“ auf 75,96 Millionen Dollar.

    „Es ist auffallend: Der Markt für moderne und zeitgenössische Kunst scheint in dieser Saison trotz aller Fluktuation in den Finanzmärkten, Inflation in den USA und dem Krieg in der Ukraine nur stärker geworden zu sein“, beobachtete auch die New Yorker Kunstberaterin Megan Fox Kelly. „Der Appetit von Sammlern hat nicht nachgelassen, nicht nur für beispiellose Werke wie die Monets aus dem Besitz von Anne Bass, sondern auch für zeitgenössische Kunst.“

    Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

    Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

    Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

    ×