Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

04.08.2022

16:04

Deutscher Kunsthandel

André Kirbach in Pilsum: Faible für das Stille

Von: Christiane Fricke

Der Düsseldorfer Kunsthändler André Kirbach hat Ostfriesland zum Arbeits- und Lebensmittelpunkt erkoren. Hier gibt der Anhänger des Zen-Buddhismus vielfältige Anstöße für das kulturelle Leben.

Der Kunsthändler verlegte seinen Arbeits- und Lebensmittelpunkt 2016 von Düsseldorf in das ostfriesische Dorf Pilsum. Galerie Kirbach

André Kirbach

Der Kunsthändler verlegte seinen Arbeits- und Lebensmittelpunkt 2016 von Düsseldorf in das ostfriesische Dorf Pilsum.

Pilsum Eine Zuckerdose aus dem Biedermeier mit angeklebtem Henkel war das erste Objekt, das André Kirbach erwarb. Lebenswege von Sammlern beginnen so, und nicht selten auch die von Kunsthändlern. Kirbach war damals zwölf, las Moby Dick, interessierte sich für Antiquitäten und ein ausgestopftes Krokodil. Weil das Taschengeld dafür nicht reichte, ging er auf den Flohmarkt und verkaufte seine Spielsachen.

Heute ist Kirbach Mitte Fünfzig und Kunsthändler mit einem Programm, das der kindlichen Begeisterung für das Exotische noch immer Raum lässt. Zwei riesige Eier, Blickfang der Jahresausstellung 2022, entpuppen sich als zentralasiatische Steingewichte aus der Bronzezeit. Eine Nackenstütze aus Äthiopien gesellt sich zu einem Hocker, den der französische Designer Xavier Pauchard 1934 für die französische Air Force fertigte.

Den Hang zum Exotischen flankiert ein Gespür für das Besondere, Schöne. Das kann ein formschöner großer Wasserkessel sein, der um 1900 in Norddeutschland in Gebrauch war. Oder eine zeitgenössische Nassplatten-Kollodium-Fotografie eines Wasserglases von Steffen Diemer oder auch Bücher aus dem 18. Jahrhundert; eine Leidenschaft, die erst vor vier Jahren entbrannte.

Eine wohltuende Ruhe strahlen Gegenstände, Bilder und Skulpturen aus, die Kirbach in Ausstellungen arrangiert. Sei es auf der mittlerweile untergegangenen Messe „Cologne Fine Art“, die er seit 2010 mit stets extravagant inszenierten Standarchitekturen aufwertete; sei es am Hauptsitz seines Kunsthandels, den er 2016 von Düsseldorf in das ostfriesische Warftdorf Pilsum verlegte: „Sie finden mich immer fernab vom üblichen Mainstream.“

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Natürlich sammelt Kirbach. Und er lebt mit den Dingen, die ihm am Herzen liegen. In seinem eigenen Zuhause, einem ehemaligen Landarbeiterhäuschen, umgeben ihn zahlreiche Buddhas, die Steinskulptur einer Sitzenden von Hede Bühl im Garten, sparsam bearbeitete Stein- und Holzskulpturen von Heiner Koch, ein rätselhaftes Objekt von Joseph Beuys neben altem Zinn auf der dunklen historischen Anrichte. Auf der Fensterbank steht eine winzige filigrane Drahtskulptur von Günter Haese.

    Auf dem Lütticher Barock-Tisch stehen unter anderem ein norddeutscher Messingleuchter aus dem 18. Jahrhundert und ein Raerener Bauerntanz-Humpen aus dem 16. Jahrhundert. An den Wänden hinten eine Truhe aus dem 16. Jahrhundert, darüber fünf Wiesenblumen-Fotografien von Dr. Oskar Schweighard aus den 1950er-Jahren und rechts die dreiteilige Fotoarbeit „How can you make art?“ (2019) von Keiko Sadakane. Galerie Kirbach

    Blick in die Galerie Kirbach

    Auf dem Lütticher Barock-Tisch stehen unter anderem ein norddeutscher Messingleuchter aus dem 18. Jahrhundert und ein Raerener Bauerntanz-Humpen aus dem 16. Jahrhundert. An den Wänden hinten eine Truhe aus dem 16. Jahrhundert, darüber fünf Wiesenblumen-Fotografien von Dr. Oskar Schweighard aus den 1950er-Jahren und rechts die dreiteilige Fotoarbeit „How can you make art?“ (2019) von Keiko Sadakane.

    Bereits jetzt weiß Kirbach, welchen Platz in der noch nicht fertig renovierten Gästewohnung über der Galerie seine besonderen Möbel aus den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts einnehmen sollen. Das Faible für die Ideen von De Stijl und Bauhaus pflegt der studierte Objekt-Designer seit seiner Jugend.

    Auf die kommende Ausgabe der Messe „Art Cologne“ bringt er eine Tagesliege von Mies van der Rohe mit. Und selbstverständlich handelt es sich hier um ein seltenes frühes Exemplar, das mit besonderen Maßen und in nur sehr kleiner Stückzahl hergestellt wurde. Zu finden auf seinem Stand in der neu eingeführten Sektion Art & Object, dem Ersatz für die gestrichene Cologne Fine Art & Design.

    Seine persönlichen Liebhabereien trennt Kirbach jedoch streng vom Geschäft. „Sonst würde man die besten Stücke nicht an die Kunden weitergeben“, ist er überzeugt. Nicht zum Verkauf steht daher eine monografische Kollektion mit Keramiken des japanischen Töpfers Fujiwara Kei, eine Sammlung mit über 50 Kinderstühlen der 1920er- bis 1960er-Jahre und eine Sammlung mit frühen Industriemöbeln der Chemnitzer Firma Rowac. Sie baute den ersten Hocker aus Stahl.

    Aus der Sicht des Kunsthändlers ist Kirbachs Perspektive auf das Sammeln eine andere: „Was ist Sinn der Sache“, fragt er rhetorisch: „Nicht das Behalten!“ Er müsse sich entwickeln. „Sonst fange ich an, Dinge anzuhäufen, zu raffen.“

    2021 eröffnete André Kirbach seine Galerie im aufwändig sanierten, ehemaligen Dorfmarkt von Pilsum. Galerie Kirbach

    Im Ortskern von Pilsum zwischen der Kreuzkirche und der Alten Brauerei

    2021 eröffnete André Kirbach seine Galerie im aufwändig sanierten, ehemaligen Dorfmarkt von Pilsum.

    Mit 35 Jahren entdeckte Kirbach den Zen-Buddhismus. Vielleicht ist auch das ein Grund, warum die Dinge bei ihm im Fluss bleiben. Als „permanentes Suchen“ charakterisiert er folgerichtig seine Auseinandersetzung mit der Kunst.

    Bereits mit zehn Jahren wollte Kirbach Künstler werden, entschied sich dann aber weise für ein Design-Studium. Parallel arbeitete er einige Jahre in einer Galerie für Nomadenteppiche, bevor er sich 2000 als Händler selbstständig machte, zunächst mit einem Akzent auf der Stammeskunst.

    Mit dem Zen wuchs das Interesse für die japanischen Kunstrichtungen, insbesondere für die schlichten, versehrt anmutenden Keramikgefäße japanischer Künstler. Seit Jahren begleitet Kirbach das in der japanischen Kultur verwurzelte ästhetische Verständnis von Wabi Sabi, das den Blick für die stille Schönheit des Vergänglichen und die Einfachheit der Dinge öffnet.

    Kirbachs unermüdliches Suchen korrespondiert mit einer bemerkenswerten Beweglichkeit, auch über größere Distanzen hinweg. Regelmäßig pendelt der gebürtige Niederrheiner nach Düsseldorf, um seinen 50 Quadratmeter großen Showroom zu bespielen, Kunden zu treffen und den Buddha-Verein zu leiten. Und er pendelt ins ostfriesische Aurich. Dort organisiert er als Vorsitzender das Ausstellungsprogramm des örtlichen Kunstvereins und sorgt immer wieder auch mit prominenten Künstlernamen für Aufmerksamkeit.

    Der Kunsthändler mit einer typischen, an einen Brotlaib erinnernde Holzskulptur von Heiner Koch auf einem Tisch der Firma Rowac. Im Hintergrund das Leinwandgemälde „ohne Titel“ (1991) von Günter Dohr, dessen Nachlass Kirbach betreut. Galerie Kirbach; VG Bild-Kunst für Dohr

    André Kirbach

    Der Kunsthändler mit einer typischen, an einen Brotlaib erinnernde Holzskulptur von Heiner Koch auf einem Tisch der Firma Rowac. Im Hintergrund das Leinwandgemälde „ohne Titel“ (1991) von Günter Dohr, dessen Nachlass Kirbach betreut.

    Der jüngste Coup: die Kooperation des Kunstvereins mit der Berliner Galerie Office Impart und der Kunsthalle Emden. Sie beschert Aurich eine sehenswerte Schau mit Keramikarbeiten von Jonathan Meese und Conny Maier (bis 4.9.). Das Projekt ist Teil der ersten Ostfriesland Biennale, die erst vor kurzem von einer jungen Riege gebürtiger Ostfriesen ins Leben gerufen wurde.

    Von selbst versteht sich, dass unter den 17 Ausstellungsorten der Kunstschau auch die eigenen Galerieräume im sogenannten „Kunstraum Pilsum“ vertreten sind. Kirbachs 2018 gegründete „Kunststiftung Krummhörn e.V.“ kommt hier ins Spiel, aktuell als Gastgeber für die Ostfriesland Biennale.

    Einmal jährlich bespielt die Stiftung – unabhängig vom Galerieprogramm – für drei Monate die Räume. Außerdem gestaltet sie nach und nach eine 400 Quadratmeter große Wiese im Nachbardorf Hamswehrum in einen Skulpturengarten um. So sorgt der geschickte Händler bereits für die Fortsetzung seines Lebenswerks.

    Kurz vor Redaktionsschluss kam noch diese, typischerweise mit einem Haiku eingeleitete Nachricht: Im Düsseldorfer Showroom herrsche derweil zwar offiziell Sommerpause, heißt es in der Mitteilung an die Kunden. Dennoch sei er dort nicht untätig geblieben.

    „Ich nutze momentan die Ruhe und bearbeite nebenbei unseren Bestand an fast 50 Gemälden von Jupp Lückeroth“. Diese seien nun alle ausgepackt, seien gemeinsam mit einem Historiker begutachtet worden und würden jetzt darauf warten, fotografiert zu werden. Wer sie einmal alle besichtigen möchte, hat im August die Gelegenheit dazu.

    Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

    Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

    Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

    ×