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09.06.2022

11:23

Digitalisierung in der Klassik Stiftung Weimar

Virtuelle Sondierung: Was Goethe so alles in den Schubladen liegen hat

Von: Susanne Schreiber

In der Klassik Stiftung Weimar treffen Wissenschaftler und Spieleentwickler aufeinander. Aus Goethes Arbeitszimmer wird ein Tisch digitalisiert. Das weckt den Spieltrieb in mir. Ein Selbstversuch.

Das originale Arbeitszimmer im Goethehaus am Frauenplan dürfen Besucher nur von der Türschwelle aus hinter einem Absperrband besichtigen. Fotothek © Klassik Stiftung Weimar

Ausgangspunkt der 3D-Animation

Das originale Arbeitszimmer im Goethehaus am Frauenplan dürfen Besucher nur von der Türschwelle aus hinter einem Absperrband besichtigen.

Weimar Waren Sie schon mal in Weimar? In Goethes Wohnhaus am Frauenplan? Dann mussten Sie wie ich an der Absperrung vor dem Arbeitszimmer stoppen. Ein Digitalisierungsprojekt der Klassik Stiftung Weimar erschließt derzeit den vielseitigen Schriftsteller in neuartiger Weise.

In einer Computeranimation können Sie demnächst wie Johann Wolfgang von Goethe selbst durch sein mit Tischen und Schränken vollgestelltes Arbeitszimmer gehen. Wie er können Sie ein Stehpult in einen Zeichentisch mit großer Platte verwandeln und Caspar David Friedrich-Zeichnungen studieren.

Das Projekt heißt „Goethe-Apparat“ und stellt einen auf den ersten Blick unscheinbar wirkenden „Zeichentisch“ in den Mittelpunkt. Der Titel Apparat spielt auf jenes Handanlegen an, das dem Besucher im Museum in der Regel untersagt ist.

„Der Besucher wird – aus Sicherheitsgründen – nie in Goethes Arbeitszimmer hineingehen dürfen. Die Digitalisierung des Arbeitszimmers schließt deshalb eine Lücke,“ sagt Dirk Wintergrün, seit März Direktor Digitale Transformation in der Klassik Stiftung beim Vorgespräch in seinem Büro.

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    Virtuell wird erstmals die Interaktion des Besuchers mit empfindlichen Objekten möglich. Zusätzlich zum Zeichentisch sollen später auch der „Schreibtisch mit Aufsätzen“ und das „Große Stehpult“ als Animation verfügbar sein.

    Was aber bewahrte der Schriftsteller mit den vielen Interessenfeldern auf in den vielen Schubladen? Woraus zog das Multitalent Inspiration? Womit umgab sich der Verfasser des „Faust“ und der „Farbenlehre“ freiwillig? Das erfährt der spielfreudige Besucher ganz spielerisch.

    „Der Goethe-Apparat ist kein Gamification-Projekt. Disneyland wird es nicht.“ Hannes Bertram; Klassik Stiftung Weimar

    Dirk Wintergrün

    „Der Goethe-Apparat ist kein Gamification-Projekt. Disneyland wird es nicht.“

    „Goethe war einer, der sein Arbeitszimmer umräumen musste, um seinen Zeichentisch aufklappen zu können,“ sagt Alexander Methfessel, Restaurator und als Digital Curator verantwortlich für den Goethe-Apparat. Der heilige Gral, das Arbeitszimmer im Dichterhaus, sah selten so aus, wie es die Besucherinnen und Besucher heute sehen. „Goethes Arbeitswelt war ständig im Wandel.“ Das zu vermitteln sei die Hauptbotschaft des virtuellen Stehpults, an dem Goethe zeichnete.

    Wir gehen zu dritt vom Verwaltungssitz der Stiftung hinüber zum Goethe-Museum und -Wohnhaus. Im Parterre, wo sich einst Goethes Diener erholten, ist kein historisches Interieur erhalten. Deshalb steht hier die Medienstation für den Goethe-Apparat. Im Vorgriff auf das, was Besucherinnen und Besucher ab Ende Oktober 2022 entdecken können, darf ich den Prototyp ausprobieren.

    Der Hochleistungsrechner erkennt meine Hände sofort. Voller Spielfreude darf ich ins Leere greifen und tun, was in Realität niemals möglich wäre: Schubladen öffnen und mich im persönlichen Bereich des Hausherrn mit unverhohlener Neugierde umsehen. Das ist zwar indiskret, aber im Gaming-Modus offiziell erlaubt.

    „Goethe-Apparat“

    Die 3D-Animation

    soll ab Ende Oktober 2022 für spielerischen Zugang zu dem vor allem akademisch wahrgenommenen Dichter sorgen.

    Die Digitalisierung

    erfolgt in enger Kooperation mit Digitus Art GmbH und Co. KG in Weimar. Finanziert wird es durch Mittel der „Neustart Kultur“-Initiative des Bundesministeriums für Kultur und Medien.

    Ungeschickt und ruckelig ziehe ich virtuelle Schubladen auf. Es klappt nicht auf Anhieb, was an der Testphase, aber auch an meiner mangelnden Übung liegt. Noch sind die Schübe leer. Aber in Kürze werden Malutensilien und Papierbögen für den Zeichner, Gesteinsproben für den Naturforscher und eine Kleinskulptur für den Napoleon-Verehrer Goethe zu entdecken sein.

    „Hier offenbart sich das Wesen des Dichters, der ein Wahrnehmungsmensch war und sich von Objekten beim Schreiben inspirieren ließ,“ sagt Ulrike Lorenz, Präsidentin der Klassik Stiftung. „Zugleich öffnen wir völlig neue, spielerische Zugänge in die zahlreichen Schubladen, Geheimfächer und Klappfunktionen. Goethe plaudert quasi aus dem ‚Nähkästchen‘“.

    Ich stehe beim intimen Blick in Goethes Privatsphäre in einen Rundschirm von mehr als 2 mal 4 Metern und ergreife die Konsole, um mich am Bildschirm durch Goethes Arbeitszimmer zu bewegen. Über das Stehpult hinweg blicke ich in den frühsommerlichen Prachtgarten hinter dem Wohnhaus. Bei der Eröffnung des Goethe-Apparats wird es selbstverständlich ein Herbstgarten sein.

    „Wir loten mit der digitalen Öffnung dieses Möbels die Möglichkeiten eines neuen Vermittlungsansatzes aus.“ IMAGO/Karina Hessland

    Ulrike Lorenz, Präsidentin der Klassik Stiftung Weimar

    „Wir loten mit der digitalen Öffnung dieses Möbels die Möglichkeiten eines neuen Vermittlungsansatzes aus.“

    Und auch für den Winter ist schon vorgesorgt. Als Ende 2021 in Weimar unerwartet viel Schnee lag, wurden sofort Vorlagen für den animierten Wintergarten angefertigt.

    „Storytelling kommt aus den Digitalen Medien, hier vor allem aus dem Marketing und Gamingbereich“, erzählt Alexander Methfessel. „Mit Narrativen und Drehbüchern werden inzwischen auch Ausstellungen kuratiert, Objekte und Themen im Kulturbereich erfahrbar gemacht.“ Der Digital Curator, der gern Weste und Käppi trägt, ist – natürlich – selbst Gamer.

    Doch die beiden Stiftungsvertreter bestehen darauf: Der Goethe-Apparat ist kein Gamification-Projekt. „Disneyland wird es nicht“, wiegelt Dirk Wintergrün meine Befürchtungen ab. „Denn gleich nach Goethes Tod 1832 wurden alle Elemente des Arbeitszimmers akribisch aufgelistet und versiegelt.“ So viel Genauigkeit ist eben Standard für eine Einrichtung, die auch Wissenschaftler bedient.

    Museumschefin Ulrike Lorenz: „Das Museum muss in die Gesellschaft eingreifen“

    Museumschefin Ulrike Lorenz

    „Das Museum muss in die Gesellschaft eingreifen“

    Fünf Jahre arbeitete die Chefin der Kunsthalle Mannheim an der neuen Ausstellung, die auch von der der Finanzkrise handelt. Ein Gespräch über Kunst und Ökonomie.

    Viel Mühe verwenden die Entwickler auf die Oberflächen: Holz ist auch am Bildschirm gemasert, Fenstergewände sind sichtbar von Hand bearbeitet, die Wände sind so schief und krumm wie im Original. „Der Realitätsgrad liegt über dem in Games,“ bemerkt Alexander Methfessel nicht ohne Stolz.

    Anders als in einem Neuwagen etwa von Ford, in dem ich durch spritsparendes Fahren Sterne sammeln kann, verzichten die Entwickler des Goethe-Apparats aber auf spieletypische Auszeichnungen und den Wettbewerb der Gamer.

    Der Präsidentin geht es um etwas anderes: „Wir locken im Modus des Computer-Games zum Erkunden und Verstehen des entrückten, oft auch nur akademisch wahrgenommenen Dichters,“ sagt Ulrike Lorenz. „Das ist ein Wagnis. Wir wollen herausfinden, mit welchen digitalen Methoden historische Überlieferungen auf die nächste Generation übertragbar sind.“

    Lorenz erzählt, dass Goethe den Tisch als Arbeitsinstrument selbst entworfen hat. „Wir loten mit der digitalen ‚Öffnung‘ dieses Möbels die Möglichkeiten und Grenzen eines neuen Vermittlungsansatzes aus, der dezidiert die Aura des Objekts mit dem digitalen Spiel verknüpft.“

    „Goethe musste sein Arbeitszimmer umräumen, um seinen Zeichentisch aufzuklappen.“ Alexander Methfessel

    Alexander Methfessel

    „Goethe musste sein Arbeitszimmer umräumen, um seinen Zeichentisch aufzuklappen.“

    Goethe sammelte Skulpturen, Gemälde, Grafik und Gestein, aber auch antike Kleinbronzen und Münzen. Er besaß untere anderem Zeichnungen von Caspar David Friedrich, etwa der „Abend an der Elbe“ oder die „Hügelige Landschaft bei Sonnenaufgang“ sowie Landschaften von Jacob van Ruisdael. Aufbewahrt sind Letztere heute im Schlossmuseum.

    Dass er die Motive berühmter Künstler nachgezeichnet hat, hielt der Schriftsteller und Politikberater in Briefen und Tagebüchern fest. Die wiederum liegen als „Propyläen-Projekt“ der Klassik Stiftung digitalisiert vor. „Das bringen wir jetzt zusammen,“ erklärt Wintergrün. „Goethe als Sammler kennen die wenigsten Besucher. Ihn aber am virtuellen Stehpult zu entdecken, bleibt in Erinnerung,“ ist sich Methfessel sicher.

    Wo aber befand sich Caspar David Friedrichs Zeichnung, als Goethe sie kopieren wollte? Dafür sieht das Stehpult einen stoffbespannten Rahmen vor, der sich senkrecht über der schräg gestellten Zeichenplatte einklicken lässt. „Wir wussten lange nicht, wozu er diente,“ erläutert Methfessel. „Mit ‚Goethes Pinnwand‘ haben die Restauratoren jetzt endlich auch eine Erklärung, warum so viele Zeichnungen und Grafiken aus Goethes Sammlung kleine Löcher aufweisen.“

    Riesiger Aufwand an Forschung und Vermessung

    Das Digitalisierungsprojekt des Zeichentischs ist einmalig und hat kein Vorbild. Der Aufwand an Forschung und Vermessung ist riesig, dementsprechend groß sind die Datenmengen.

    Möglich wurde der Start im zweiten Lock-down 2020. Das Arbeitszimmer konnte ohne Beeinträchtigung des Publikums für fotogrammetrische und Laser-Aufnahmen leer geräumt werden. Restauratorinnen und Restauratoren begannen ihre Untersuchungen.

    Wem aber gehören die Rechte an diesen anspruchsvollen 3D-Daten der Animation? „Die Klassik Stiftung legt Wert drauf, ihre Rechte behalten und über die Nachnutzung entscheiden zu können,“ betont Direktor Wintergrün.

    Die Projektmittel für den Goethe-Apparat belaufen sich auf 450.000 Euro. Sie stammen vollständig aus der „Neustart Kultur“-Initiative des Bundesministeriums für Kultur und Medien. Ein Klacks verglichen mit dem Playstation-Hit „Horizon Forbidden West“, der Sony über 200 Millionen Dollar kostete.

    Kompensiert wird das bescheidene Budget durch Eigenleistung und die Kooperation mit „Digitus Art GmbH und Co. KG“. Das ist ein wachsendes Start-Up-Unternehmen aus Weimar, dem die Prominenz des Auftraggebers auch Ansporn ist.

    In der Mitte der Zeichentisch, rechts der Schreibtisch mit Aufsätzen aktuell schwarz-weiß mit „Erlkönig-Effekt“, weil die finale Textur noch nicht fertig ist. Alexander Voigt / Digitus Art GmbH & Co. KG, Klassik Stiftung Weimar

    Das Arbeitszimmer in der 3D-Animation

    In der Mitte der Zeichentisch, rechts der Schreibtisch mit Aufsätzen aktuell schwarz-weiß mit „Erlkönig-Effekt“, weil die finale Textur noch nicht fertig ist.

    Zu Hause am Bildschirm ist der „Goethe-Apparat“ leider noch nicht zu bedienen. Der Grund: Zu wenige Privatleute verfügen über einen leistungsstarken Rechner für High End-Daten. „Das dürfte in wenigen Jahren mit der Weiterentwicklung der Hardware und vor allem der Streaming-Technologie für 3D-Inhalte schon anders sein,“ schätzt Methfessel.

    In der ersten Ausbaustufe sollen 15 Objekte virtuell nachgebildet werden. Später folgen Visitenkarten, mehrere Stapel Bücher, Steine und drei Schalen für wissenschaftliche Experimente.

    Dann rundet sich der Kosmos des den Großherzog von Weimar politisch beratenden Literaten im virtuellen Raum. Er rundet sich zum Bild eines Mannes, der Gedichte, Theaterstücke und Experimente zum Licht seinem Sekretär Eckermann diktierte, der nur Liebesbriefe selbst schrieb; der als Politiker, Poet und Naturforscher täglich in seinem Haus illustre Gäste empfing und mit Prominenten korrespondierte.

    Spiel statt Geniekult: So wird selbst Goethe nahbar

    An der Medienstation ist das Interessensspektrum dieses hart arbeitenden Mannes womöglich leichter nachvollziehbar als beim Rundgang im echten, arg repräsentativen Dichterhaus. „Goethes Wirken ist in all seinen Bereichen Arbeit. Und nur im kleinsten Bereich Intuition, die vom Himmel fiel,“ sagt Dirk Wintergrün.

    Der Geniekult hat endgültig ausgedient. Ohne Sockel wird der Klassiker nahbar. Wenn täglich drei Milliarden Menschen mit Games zu tun haben, dann liegt im Goethe-Apparat ein riesiges Potenzial, der Klassik Stiftung neue Zielgruppen jenseits der Bildungsbürger und Forscher zu erschließen.

    Mehr: Präsidentin der Klassik Stiftung Weimar im Interview: Ulrike Lorenz: „Wir wollen die Existenzfragen von Menschen in den Mittelpunkt stellen“

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