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07.10.2022

08:03

Expressionismus

Jubiläumsschau im Museum Folkwang betört ihre Besucher

Von: Regine Müller

Eine opulente Ausstellung beleuchtet die schicksalhafte Verbindung des Expressionismus mit dem Essener Folkwang Museum.

Zeitgenössische Kritiker schimpften über Bilder wie diese 1913 entstandene "Landschaft mit Kirche (Landschaft mit roten Flecken I)" und bezeichneten sie als "Pfuscherei" (Ausschnitt). Museum Folkwang, Essen

Wassily Kandinsky

Zeitgenössische Kritiker schimpften über Bilder wie diese 1913 entstandene "Landschaft mit Kirche (Landschaft mit roten Flecken I)" und bezeichneten sie als "Pfuscherei" (Ausschnitt).

Essen Die Kulturinstitutionen haben es gerade nicht leicht. Der Dauer-Krisenmodus lässt vielerorts das Publikum ausbleiben, besonders Theater und Konzertveranstalter, aber auch Museen klagen über schlechte Auslastung und forschen nach den komplexen Ursachen. Das Essener Museum Folkwang kennt diese Sorgen offenbar nicht, denn das Haus brummt.

Nach der großen Impressionisten-Schau im Februar gelingt dem Museum anlässlich seines 100. Geburtstags nun mit „Expressionisten am Folkwang. Entdeckt – Verfemt – Gefeiert“ eine zweite Blockbuster-Ausstellung, zu der das Publikum strömt. Schon bei der Schau im Februar überzeugten die Qualität der teils in Europa nie zuvor gesehenen Exponate und die gut strukturierte Präsentation, die mit der wechselvollen Geschichte der Bilder ein Stück Kunstgeschichte erzählte.

Die Expressionisten-Schau aber übertrifft den Jubiläumsauftakt noch an Dichte und Konzentration. Sie ist betörend sinnlich und verführt zu langem Verweilen. Auch hier verweisen die weit angereisten Exponate zurück auf das Folkwang Museum, das sie einst ausstellte oder erwarb, bevor ab 1933 die tiefe Zäsur der nationalsozialistischen Kulturpolitik die Werke in alle Winde zerstreute.

Auf 1400 Quadratmetern werden insgesamt rund 250 exquisite Exponate präsentiert. Werke der berühmten hauseigenen Sammlung treten dabei in einen Dialog mit internationalen Leihgaben aus bedeutenden Museen.

Untrennbar ist die Geschichte des Museums besonders mit der des Expressionismus verbunden, denn sein Gründer Karl Ernst Osthaus pflegte enge Kontakte zu den Vertreterinnen und Vertretern der neuen Kunstrichtung. Der wohlsituierte Industriellensohn stellte sie häufig zum ersten Mal überhaupt aus und erwarb im großen Schwung zentrale Arbeiten.

Zudem ließen sich die Zeitgenossen in seinem damals noch in Hagen ansässigen Museum (gegründet 1902, wurde die Sammlung 1922 nach Essen verkauft) inspirieren. So schrieb etwa Paula Modersohn-Becker 1905 in einem Brief: „Das Schönste war für mich in Hagen das Museum eines Herrn Osthaus. Der hat die neuste Kunst um sich versammelt: Rodin, Minne, Maillol und Meunier, Gauguin, van Gogh, einen alten Trübner, einen alten Renoir und viel anderes Schönes.“

Die Temperaarbeit "Liegender Stier" vereint die jüngsten Entdeckungen auf dem Gebiet der Malerei (Ausschnitt). Museum Folkwang, Essen

Franz Marc

Die Temperaarbeit "Liegender Stier" vereint die jüngsten Entdeckungen auf dem Gebiet der Malerei (Ausschnitt).

Modersohn-Becker ist ein eigenes der vierzehn Kapitel der Ausstellung gewidmet. Denn das Folkwang Museum zeigte 1913 die erste große Retrospektive der jung verstorbenen und zu Lebzeiten wenig bekannten Künstlerin, die von Hagen aus dann erfolgreich in weitere Städte wanderte.

Auch die Künstlergemeinschaft Brücke konnte 1907 erstmals am Folkwang Museum ausstellen, nachdem sich Erich Heckel 1906 an Osthaus gewandt hatte. 1910 folgte die zweite Brücke-Schau in Hagen. Nach der Auflösung der Künstlergruppe 1910 blieb vor allem der Kontakt zwischen Karl Ernst Osthaus und Ernst Ludwig Kirchner eng, auch er erlebte 1913 die erste Einzelausstellung seiner Karriere im Folkwang Museum.

Karl Ernst Osthaus Begegnung mit Egon Schiele

Nun zu sehen ist unter anderem das vibrierende Bild „Doris mit Halskrause“ aus dem Museo Nacional Thyssen Bornemisza in Madrid, der furiose Holzschnitt-Zyklus „Peter Schlemihls wundersame Geschichte“ und die erstaunlichen Pläne für ein nicht umgesetztes Projekt, für das Kirchner das Essener Museum mit großen Wandgemälden ausschmücken sollte.

Intensive Verbindungen baute Osthaus auch zur Künstlervereinigung ‚Der Blaue Reiter‘ auf: Der Mäzen übernahm deren erste Münchener Ausstellung 1912 nach Hagen. Wie persönlich und eng die Beziehungen von Osthaus zu vielen Künstlern waren, wird in der Ausstellung unter anderem durch die Begegnung mit Egon Schiele deutlich.

Kirchner gehörte zu den Künstlern, die das Ehepaar Osthaus im Ersten Weltkrieg unterstützte. Museum Folkwang, Essen

Ernst Ludwig Kirchner "Wintermondnacht"

Kirchner gehörte zu den Künstlern, die das Ehepaar Osthaus im Ersten Weltkrieg unterstützte.

1910 erwarb Osthaus auf einer Reise nach Wien unter anderem zwei Zeichnungen des jungen Malers. Im nächsten Jahr schrieb der Zwanzigjährige mehrere Briefe an Osthaus, in denen er den Sammler darum bat, weitere Werke zu erwerben, von denen er einige kurzerhand gleich mitgeschickt hatte. „Nehmen Sie 6 oder 8, soviel sie wollen“, schrieb Schiele, er brauche dringend 200 Kronen. Osthaus nahm alle Bilder und bot ihm 250 Kronen.

Der Briefwechsel, an dem auch Graphologen ihre Freude haben dürften, ist in einer Vitrine ausgestellt. Schiele schreibt in winzigen, gedrängten Lettern, die Antworten sind maschinengetippt. Auch von Schiele organsierte Osthaus 1912 die erste museale Einzelausstellung des Künstlers überhaupt und die einzige zu seinen Lebzeiten.

Zu sehen sind einige Blätter, von denen die Kuratoren vermuten, dass sie sich einst in Osthaus‘ Sammlung befanden, sie wurden nun aus dem Leopold-Museum in Wien ausgeliehen. Besonders eindrücklich ein Selbstporträt auf Papier, aus dem Schiele den Betrachter aus seltsam stechenden Augen anstarrt.

Vom NS-Regime fast zerschlagen

Neben Werken von Edvard Munch, den Malern des Blauen Reiter und der Brücke sind auch herausragende Bildhauer-Arbeiten etwa von Wilhelm Lehmbruck und Ernst Barlach zu sehen. Das Bestechende an der Essener Ausstellung ist jedoch die Verbindung der Werke mit der Geschichte der Folkwang-Sammlung, die durch die Beschlagnahmung von rund 1400 als „entartet“ eingestuften Werke durch das NS-Regime nahezu zerschlagen wurde.

Ein ganzer Raum widmet sich der Ausstellung „Entartete Kunst“ und listet die Werke aus dem Folkwang Museum auf: Allein 500 Arbeiten Emil Noldes waren darunter, dessen enge Beziehung zu Karl Ernst Osthaus in der Schau ebenso beleuchtet wird, wie seine erst in den letzten Jahren erforschte Nähe zum Nationalsozialismus.

Die Ausstellung „Expressionisten am Folkwang: Entdeckt – verfemt – gefeiert“ läuft bis 8. Januar 2023. Der Katalog kostet 38 Euro. Ergänzend empfiehlt sich die Lektüre von: Rainer Stamm und Gloria Köpnick: Karl Ernst und Gertrud Osthaus. Die Gründer des Folkwang-Museums und ihre Welt, Verlag C.H.Beck, München 2022, 29,95 Euro

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