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22.09.2022

17:06

Fotografie

Wolfgang Tillmans in New York: „Ich will Verbindungen zwischen den Menschen finden“

Von: Barbara Kutscher

Das New Yorker Museum of Modern Art (MoMA) widmet dem deutschen Fotokünstler Wolfgang Tillmans seine bislang größte Werkschau. Die Ausstellung wird als Sensation gefeiert.

„Jedes Bild hat für mich einen eigenen Ton“, sagt der Künstler. „Die kleinsten Bilder und die größten sind in ihrer Bedeutung gar nicht so verschieden.“ Emile Askey

Blick in die Ausstellung von Wolfgang Tillmans „To look without fear“

„Jedes Bild hat für mich einen eigenen Ton“, sagt der Künstler. „Die kleinsten Bilder und die größten sind in ihrer Bedeutung gar nicht so verschieden.“

New York Nachdem ihn Europa in den letzten Jahren schon ausführlich würdigte – gerade noch im Sommer das mumok (Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig) in Wien – ist der Turner-Preisträger Wolfgang Tillmans (54) nun endlich auch in New York angekommen. Und wie könnte es anders sein: Das Museum of Modern Art ehrt ihn mit seiner bisher größten und ehrgeizigsten Retrospektive. 

Tillmans, als einflussreichster Fotograf seiner Generation gepriesen, darf mit seiner „To look without fear“ getitelten Show das gesamte riesige Obergeschoss im fünften Stock des Museums bespielen. 417 Arbeiten breitet er dort über elf Säle aus. Gezeigt wird sehr Bekanntes aus fünfunddreißig Jahren und auch manches Neue, während der Coronapandemie Entstandene. 

Die locker chronologisch angelegte Ausstellung eröffnet natürlich mit Tillmans einfühlsamen, nie voyeuristischen Beobachtungen aus der wilden Klubszene der 1990er-Jahre, die in Magazinen publiziert wurden und ihn als hippen Chronisten seiner Generation berühmt machten.

In verschiedenen Interviews legte Tillmans dar, dass er den Betrachter vor allem durch Identifikation engagieren und aus der Passivität locken möchte. „Es ist das Gefühl, ‚Ich bin nicht allein‘. Das ist die treibende Kraft dahinter, diese Dinge aufzuzeigen – ich will Verbindungen zwischen den Menschen finden.“

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    Zu sehen gibt es Stillleben, Modefotografien, Landschaften, Himmelserscheinungen, Alltagsszenen von Reisen rund um die Welt, aber auch eine Serie über Soldaten, Beispiele seines politischen und sozialen Engagements in der Installation „Truth Study Center“ und vor allem Porträts, sei es von Promis oder Freunden – nach Tillmans eigenen Angaben das Rückgrat seiner Praxis.

    Die Hängung ohne Hierarchien wurde vom Künstler selbst vorgenommen. Emile Askey

    Installationsansicht der Ausstellung von Wolfgang Tillmans „To look without fear“

    Die Hängung ohne Hierarchien wurde vom Künstler selbst vorgenommen.

    Auch an seine stete Faszination von neuen Technologien und Techniken wird erinnert. Dazu gehören etwa Experimente in der Dunkelkammer, die seit zwanzig Jahren sein Werk durch beeindruckende, manchmal riesige Abstraktionen erweitern. Das können auch chemische Reaktionen auf lichtempfindlichem Papier („Silver“) sein oder Aufzeichnungen von Lichtspuren, sogenannte Luminogramme, mit denen er in der berückenden „Freischwimmer“-Serie so erfolgreich spielt.

    Auch vier Videos sind vertreten, ein in den 1990er-Jahren explodierendes Medium, dem Tillmans damals aber als „zu verführerisch“ ablehnend gegenüberstand. Seit den 2000ern filmt er aber gelegentlich mit einer fixierten Kamera, wie er in seinen kurzen Kommentaren anlässlich der Presseeröffnung zugab. 

    Tillmans Karriere kann als lebenslange Erforschung unterschiedlicher Möglichkeiten der Wahrnehmung gelesen werden. Dem Betrachter fordert er vor allem Offenheit ab. Man solle seinen Werken nicht mit „W-Fragen“, also „Wo, Wer, Was oder Wann“ gegenübertreten. „Ich möchte Leute ermutigen, ohne Furcht zu schauen, und sich nicht darum zu sorgen, ob sie verstehen, was der Künstler sagen will“, so Tillmans. 

    Visionärer Universalgelehrter

    Seine erneute Hinwendung zur Musik, eine frühe Leidenschaft, steuert jüngste Werke zur Ausstellung bei. Noch bevor der gebürtige Remscheider seine erste Kamera erwarb, hatte er kurzzeitig als 18-Jähriger mit eigenen Songs und einer eigenen Band experimentiert.

    Über seine Kamera blieb er der Musik aber immer verbunden, fotografierte zum Beispiel über 200 Musiker, filmte Musikvideos und betätigte sich gelegentlich als DJ in Londons nun geschlossenem Schwulenklub Ghetto. Das MoMA lässt uns in einer Sound-Video-Installation nun in Tillmans 53 Minuten langes Debütalbum „Moon in Earthlight“ eintauchen. Hier könne man darüber meditieren, wie Musik unser Verständnis von Fotografie beeinflusst oder sogar dominiert, so Tillmans. In der für den Künstler gewohnt demokratischen Weise wird das Album frei über Streamingdienste verbreitet. 

    Die Hängung zwingt den Betrachter zum Vor und Zurück vor den Exponaten. Postkartengroß abgezogene Stillleben müssen sich neben riesig aufgeblähten ungerahmten Porträts behaupten. Emile Askey

    Installationsansicht der Ausstellung von Wolfgang Tillmans „To look without fear“

    Die Hängung zwingt den Betrachter zum Vor und Zurück vor den Exponaten. Postkartengroß abgezogene Stillleben müssen sich neben riesig aufgeblähten ungerahmten Porträts behaupten.

    Die New Yorker Presse reagiert begeistert. Die New York Times spricht von „einer der am meisten erwarteten Ausstellungen des Jahres“; der prominente Kritiker Jerry Saltz entdeckt Tillmans als „visionary Polymath“ (visionären Universalgelehrten).

    Mit seinen Fotoarbeiten war man hier schon lange vertraut, sei es durch Galerieausstellungen, zuletzt bei David Zwirner, oder Tillmans erster US-Museumsshow in MoMA PS1 im Jahr 2006. Damals hatte er in „Freedom from the Known“ 25 neue Abstraktionen vorgestellt. Aber die ganze Bandbreite seines Schaffens war hier bisher nicht bekannt. 

    Acht Jahre lang habe sie an der Verwirklichung dieser Ausstellung gearbeitet, so Roxana Marcoci, Senior Curator of Photography am MoMA. Sie erinnere sich noch genau an ihre erste Begegnung mit Tillmans Fotografien: Das war im Herbst 1994 bei seinem US-Debüt in der Andrea Rosen Gallery in SoHo. Die ungewöhnliche, ganz unhierarchische Hängung, in der Zeitungsartikel neben ungerahmten Fotos an die Wände gepinnt waren, hätte sie umgehauen. 

    Fotografie: Tillmans Suche nach Neuem

    Fotografie

    Tillmans Suche nach Neuem

    Die Düsseldorfer Ausstellung über den Fotografen Wolfgang Tillmans begeistert.

    An dieser Präsentation hält Tillmans bis heute fest und legt immer noch selbst bei jeder Installation Hand an. Für die MoMA-Show habe er sechzehn Tage lang bis kurz vor Mitternacht im fünften Stock des Museums an der Hängung gearbeitet, so der Künstler. Übrigens publiziert er über den digitalen Musikdienst Spotify auch kostenlos den 10-stündigen Soundtrack, der ihn dabei inspirierte. 

    Jeder Raum erhielt einen eigenen Rhythmus, Gruppen von Fotos wurden auf alle verfügbaren Oberflächen verteilt, machen auch vor Türen nicht Halt. Postkartengroß abgezogene Stillleben müssen sich neben riesig aufgeblähten ungerahmten Porträts behaupten, alles ist ganz unmuseal nur mit Tesafilm oder Klammern befestigt. „Jedes Bild hat für mich einen eigenen Ton. Die kleinsten Bilder und die größten sind in ihrer Bedeutung gar nicht so verschieden“, erklärte Tillmans einmal die zugrunde liegende Logik.

    Den Betrachter nötigt er damit in eine Art Choreographie; ganz nah muss man an winzige Formate herantreten, den riesigen Abzug gleich daneben aber im gehörigen Abstand erfassen. Der Kunsthistoriker Yve-Alain Bois argumentiert in seinem Katalogbeitrag, dass Tillmans“ eigentliches Medium nicht die Fotografie sei, sondern der Kontext der „Aktivierung“ oder Verbreitung, etwa in Zeitschriften, aber vor allem in seiner Ausstellungspräsentation. Fotografie sei nur ein Gegenstand. 

    Wolfgang Tillmans-Ausstellung: Macht und Ohnmacht des Bildes

    Wolfgang Tillmans-Ausstellung

    Premium Macht und Ohnmacht des Bildes

    Der deutsche Fotograf Wolfgang Tillmans zeigt sich in London als großer Künstler, der auch politisch Stellung bezieht. Wer die Ausstellung in der Tate Modern besucht, geht ein unerwartetes Wagnis ein.

    Über seine lange Karriere erfuhr das Medium einen radikalen Wandel, der vor 25 Jahren noch unvorstellbar war: „Obwohl heute jeder irgendwie ein Fotograf ist, stechen meine Bilder immer noch heraus und bleiben was sie sind, das ist keine Selbstverständlichkeit“, so der Künstler zum Magazin New Yorker. 

    Tillmans Fotografien werden heute regelmäßig auf Auktionen angeboten. Besonders erfolgreich sind seine großformatigen Abstraktionen. 2017, im Jahr der beiden Retrospektiven in der Tate Modern in London und der Fondation Beyeler in Riehen, konnten eine Reihe von sechsstelligen Preisen in Abendauktionen erzielt werden.

    Bis heute hält „Freischwimmer#84“ (2004, Einser Auflage, plus Künstlerabzug) den Rekord mit 605.000 Pfund (785.510 Dollar). Der Einlieferer hatte das Werk im Jahr 2012 für 39.650 Pfund ersteigert. Dieses Niveau konnte nicht aufrechterhalten werden. Im März setzte Christie’s in einer Tagesauktion in New York bei 201.600 Dollar den jüngsten Bestpreis. Für die fast vier Meter hohe Abstraktion „Zero Gravity V“ waren höchstens 180.000 Dollar erwartet worden. 

    Mehr: Wolfgang-Tillmans-Ausstellung in Basel: Die Idee der Schönheit ist politisch

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