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21.12.2018

13:19

Galerie Kicken

Düsseldorf investiert Millionen in Fotokunst

Von: Susanne Schreiber

Die Stadt erwirbt den Bestand der Galerie Kicken für das Museum Kunstpalast. Annette Kicken will sich auf die Betreuung von Sammlungen konzentrieren.

Wer die DDR jenseits der Vorurteile kennen lernen will, kommt an den Lichtbildern von Sibylle Bergemann nicht vorbei. Galerie Kicken/ Nachlass Sibylle Bergemann; Ostkreuz

Sibylle Bergemann „Marisa und Liane, Sellin, Insel Rügen“

Wer die DDR jenseits der Vorurteile kennen lernen will, kommt an den Lichtbildern von Sibylle Bergemann nicht vorbei.

Düsseldorf Das Defizit in Düsseldorf hatte Felix Krämer wohl schon vor seinem Amtsantritt ausgemacht. Seit gut einem Jahr ist der 47-jährige Kunsthistoriker Generaldirektor im Museum Kunstpalast, das seit Kurzem nur mehr als Kunstpalast firmiert. Dass die Fotografie an der Wiege der „Düsseldorfer Photoschule“ institutionell zu wenig Beachtung findet, wird dem Sohn eines Fotografen früh aufgefallen sein. Vermutlich schon, bevor sich 2017 eine Lobbygruppe für ein neues, eigenes Fotozentrum starkzumachen begann.

Schließlich hatte Krämer als Kustos im Frankfurter Museum Städel schon 2014 die glänzende Bestandsschau kuratiert, in der Malerei, Skulptur und Lichtbilder gleichberechtigt die Neuerungen verschiedener Epochen vor Augen führen. Neben den lichtdurchfluteten Sälen für Malerei führen Kabinette den Besucher ein in die Frühzeit der Fotografie samt ihren ästhetischen und formalen Revolutionen.

Das Medium der Zukunft

Mit dieser Erfahrung vermochte der neue Direktor, die Düsseldorfer Lokalpolitik mit einer flammenden Rede für seine Argumentationslinie zu begeistern. Weil die Fotografie, Krämer zufolge, „das Medium der Zukunft ist“, stimmte der Rat der Stadt vergangene Woche einstimmig für den Erwerb der Backlist der Galerie Kicken.

In diesen Schritt in die Zukunft investiert die wirtschaftlich gut dastehende Stadt rund acht Millionen Euro „aus dem Investitionsfonds“, wie Krämer dem Handelsblatt mitteilt. Das ist ein gewaltiger Sprung nach vorn. Denn zu dem dokumentarisch angelegten AFORK, dem Archiv künstlerischer Fotografie der rheinischen Kunstszene, gesellt sich jetzt eine enzyklopädische Sammlung von Fotokunst.

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    Der Ankaufspreis ist zwar deutlich unter dem Marktwert von geschätzt zwölf Millionen Euro. Doch viel für Düsseldorf. Warum die späte Kurskorrektur?

    Weil die Galerie Kicken die erste deutsche Fotogalerie von Weltgeltung ist. Weil das 1974 gemeinsam von Rudolf Kicken (1947 – 2014) und dem bald wieder aussteigenden Wilhelm Schürmann in Aachen gegründete Unternehmen mit pionierhaften Ausstellungen ein weltweit anerkanntes Profil entwickelt hat.

    Weil das Galerie- und Museumspublikum ihrer Beharrlichkeit und Kenntnis nicht nur die Wiederentdeckung der Bauhaus-Fotografie verdankt, sondern auch die der deutschen und tschechischen Avantgarden. Schon in den 1980er-Jahren hat Rudolf Kicken dann von Köln aus 80 Prozent seines Galeriebestands in die USA verkauft.

    Das Foto stammt von Wilhelm Hammerschmidt, der in den frühen 1860er-Jahren ein Atelier in Kairo betrieb. Das Bild wurde in den 1860er-Jahren auf Albuminpapier belichtet. Galerie Kicken

    Pyramide von Gizeh

    Das Foto stammt von Wilhelm Hammerschmidt, der in den frühen 1860er-Jahren ein Atelier in Kairo betrieb. Das Bild wurde in den 1860er-Jahren auf Albuminpapier belichtet.

    „Alle qualitätvolle Kunst landet irgendwann in einem öffentlichen Museum“, sagte der Galerist, der sich in jungen Jahren zwischen dem elterlichen Bauunternehmen und der damals nicht als Kunstform anerkannten Fotografie entscheiden musste, kurz vor seinem Tod dieser Zeitung.

    Jetzt darf sich Düsseldorf auf den Zuwachs von über 3.000 Fotos freuen. 1.823 Abzüge verkauft Annette Kicken, 1.216 Aufnahmen schenkt sie dem Museum Kunstpalast. „Da es auch international kaum eine vergleichbar breit angelegte Sammlung in dieser Qualität gibt, stellt der Erwerb historisch eine große Chance dar.

    Es war Annette Kicken wichtig, dass dieses Konvolut nach Düsseldorf geht, also einer Stadt, in der die Fotogeschichte eine bedeutende Rolle spielt, die bislang aber über keine eigene Fotografie-Sammlung verfügt. So ist auch der hohe Schenkungsanteil zu erklären“, sagt Krämer.

    Das „Who’s who“ der Fotokunst

    Die Künstlerliste dieser heute nicht zusammenstellbaren Sammlung liest sich wie ein „Who’s who“ der Fotokunst: Gertrud Arndt, Robert Capa, Heinrich Kühn, László Moholy-Nagy, August Sander, Edward Weston, um nur einige herauszugreifen. Zu Gruppen von Lichtbildern aus dem 19. Jahrhundert kommen solche zur Neuen Sachlichkeit und dem Neuen Sehen, der Autorenfotografie und der Fotografie aus der DDR. Alle „Vintage-Prints“, später vom Fotografen selbst angefertigten, autorisierten Abzüge sowie Alben und Portfolios sind in musealer Qualität und bestem Zustand.

    Annette Kicken ließ in der „FAZ“ verlauten, dass sie ihre Galerie schließen wird, um sich mit ihrem Team stärker als bisher der Wissenschaft und Begleitung von institutionellen und privaten Sammlungen zu widmen. Wieder einmal wandelt sich eine Topgaleristin zur Händlerin ohne Ladenlokal.

    Das Ziel von Annette und Rudolf Kicken war es, die Fotokunst als gleichberechtigtes Medium neben Malerei und Skulptur zu etablieren. Denn man kann, so Felix Krämer zum Handelsblatt, „die Malerei der Neuen Sachlichkeit nicht ohne die Fotografie der Zeit wirklich verstehen.

    Auch die Düsseldorfer Malerschule ist im Kontext der Erfindung der Fotografie zu sehen, denn durch das neue fotografische Medium hat sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts das Sehen radikal verändert. Und im 20. Jahrhundert; wie wollen Sie die Bildgeschichte ohne Fotografie erzählen?“

    Neue Besuchergruppen begeistern

    Erfahrung für solche Dialogstrategien bringt Krämer aus Frankfurt mit, wo er die Privatsammlungen der Ehepaare Wiegand und Kicken geschickt integrierte: „Die Chance für den breit aufgestellten Kunstpalast besteht darin, Menschen für die Fotografie zu begeistern, die nicht auf die Idee gekommen wären, ein Fotomuseum zu besuchen. Umgekehrt ermöglicht die Fotografie aber auch, den Blick auf andere Sammlungsbereiche zu lenken, die sonst vielleicht nicht so im Fokus stehen.“

    Unabhängig von der erst nach Umbaumaßnahmen realisierten dialogischen Sammlungspräsentation wird das Publikum im Frühjahr 2020 die Kicken-Sammlung in einer Sonderausstellung selbst in den Blick nehmen können.

    Vision für ein Fotozentrum

    In der Stadt loben alle den Ankauf, der Oberbürgermeister, der Kulturdezernent und auch Hagen Lippe-Weißenfeld, neben Jan Hinnerk Meyer einer der Initiatoren des angedachten Fotozentrums. „Der Ankauf ist ein kluger Baustein zur musealen Sammlungserweiterung, dem jetzt ein zweiter Schritt mit der Gründung eines eigenständigen Fotozentrums folgen sollte.

    Dies würde archivalisch, kuratorisch und konservatorisch arbeiten und sich im Sinne eines übergreifenden Servicecenters mit allen Fotomuseen weltweit vernetzen“, skizziert Lippe-Weißenfeld seine Vision unverdrossen.

    Annette Kicken indes hat nicht nur verkauft und geschenkt. Sie investiert auch in Infrastruktur. Und finanziert fünf Jahre lang eine Foto-Kuratorenstelle für die Betreuung der Sammlung Kicken im Kunstpalast. Das ist einmalig in Deutschland.

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