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07.07.2022

17:52

Galerien

Kunst im Trendviertel TriBeCa: Ein Gefühl von Old New York

Von: Barbara Kutscher

TriBeCa heißt das jüngste angesagte Viertel auf der Lower East Side von New York. Eine Galerie nach der anderen zieht es in den Distrikt im Süden Manhattans.

Die Galerie auf der Church Street bietet historischer und zeitgenössischer Kunst aus dem Baltikum ein Forum. Margot Samel

Margot Samel

Die Galerie auf der Church Street bietet historischer und zeitgenössischer Kunst aus dem Baltikum ein Forum.

New York Der stete Zug von New Yorker Galerien in den Süden Manhattans ist zum Boom angewachsen. Nicht nur ganz Junge oder die Mittelgroßen haben sich in das Karrée direkt unter Canal Street aufgemacht, das irgendwann mit dem griffigen Kürzel TriBeCa (Triangel below Canal) belegt wurde.

Auch einige der ganz großen Galerien wollen in einem der wohlhabendsten Viertel der Stadt präsent sein. Mittlerweile konzentrieren sich schon über 40 Galerien auf einen Radius von im Wesentlichen vier Straßen.

Auch Timothy Taylor wird im kommenden Frühjahr Manhattans bekanntes Galerienviertel Chelsea – mit mehreren hundert Kollegen – verlassen. Hier hatte er seit 2016 die Etage eines charmanten kleinen Townhouses belegt.

Aber die frische Energie von TriBeCa erinnere ihn an das SoHo der 1980er- und 90er-Jahre, so der Londoner Galerist zum Handelsblatt. „Die Pandemie war der Katalysator für unsere Expansion“, führte er gegenüber dem Kunstmagazin ARTnews aus. „Die erhöhte Visibilität New Yorks auch in diesen ungewöhnlichen Monaten gab uns die Zuversicht, bei der ersten Gelegenheit zu expandieren.“

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    Pace Gallery, die erst vor drei Jahren einen maßgeschneiderten siebenstöckigen Hauptsitz in Chelsea einweihte, wird ebenfalls ab Herbst in TriBeCa Flagge zeigen. Der Name des „125 Newbury“ getauften großen Ausstellungsraums greift die erste Adresse der Galerie in Boston auf.

    In TriBeCa will der 84-jährige Firmengründer Arne Glimcher ein Programm aus museumswürdigen und thematischen Ausstellungen kuratieren. Er hat die Geschäfte der mittlerweile internationalen Kette seinem Sohn Marc als CEO und President übertragen.

    Margot Samel eröffnete im Mai in 295 Church Street. Margot Samel

    Blick in die Soloausstellung von Kris Lemsalu

    Margot Samel eröffnete im Mai in 295 Church Street.

    Das Programm wird sich nicht unbedingt mit dem traditionellen Galeriemodell decken, kündigte eine Sprecherin an; nicht alle ausgestellten Objekte seien verkäuflich. Die erste Gruppenshow, „Wild Strawberries“, nach dem berühmten Bergman-Film von 1957, setzt den Ton. Es ist geplant, Werke von etwa zwei Dutzend Künstlern aus den 1960ern bis in die Gegenwart zu versammeln, darunter auch einige Leihgaben aus Museen.

    David Zwirner ist da schon einen riesigen Schritt voraus. In einer ehemaligen Cocktail-Lounge an Walker Street eröffnete er im vergangenen Oktober seine vierte Niederlassung in New York, „52 Walker“. Hier organisiert die junge schwarze Kuratorin Ebony L. Haynes jährlich drei bis vier Langzeitausstellungen. Es ist ein bewusst experimentelles Programm. Keiner der hier gezeigten Künstler mit ganz unterschiedlichen Hintergründen wird bisher von der Galerie vertreten.

    Dieser Teil TriBeCas lockt mit denkmalgeschützten Bauten und gusseisernen Fassaden, breiten Straßen, versteckten Gässchen und auch einer lebhaften Restaurant- und Barszene. Die ehemaligen Textilmanufakturen und Lagerhäuser für Kurzwaren wurden weitgehend zu luxuriösen Loftwohnungen umgebaut. Hier haben aber auch stets Künstler gelebt und gearbeitet.

    „Galerien lieben hier das Gefühl von Old New York“, so Immobilienmakler Jonathan Travis, Partner bei Redwood Property Group, zum Handelsblatt. Und bei ihren Umbauten bestehen sie darauf, den „Downtown“-Charakter von originalen Holzfußböden und gestanzten Blechdecken zu konservieren. Die New York Times beschrieb das einmal als „perfekten Kompromiss zwischen dem romantischen Selbstverständnis der Kunstwelt der 1960er und ihrer aktuellen, sehr professionellen Realität“.

    Das 2022 entstandene Objekt ist Teil der Einzelausstellung bei Margot Samel. Margot Samel

    Kris Lemsalu „Osmosis, Bottle Wall“

    Das 2022 entstandene Objekt ist Teil der Einzelausstellung bei Margot Samel.

    Die Mieten seien erschwinglich. Gegenwärtig lägen sie zwar gleichauf mit dem Galeriendistrikt in Chelsea, aber hier sei oft ein voll funktionsfähiges und versicherbares Untergeschoss im Preis inbegriffen, so Travis weiter. Nach den Überschwemmungen durch Hurrikan Sandy im Jahr 2012, der große Schäden in Chelsea anrichtete, kein unwichtiges Kriterium.

    Travis ist der unbestrittene Motor hinter dem überraschend geschwinden Aufstieg TriBeCas zum Kunstzentrum. Der legendäre Galerist Jeffrey Deitch habe ihm sogar attestiert, „die kulturelle Landschaft von New York verändert zu haben“, so der Makler.

    Chelsea entwickelt sich zum „Downtown Shanghai“

    Als erster hatte Travis schon um 2015 das Potenzial von TriBeCa erkannt, nachdem der erfolgreiche Ausbau des Hochparks „Highline“ eine Änderung der Bauordnungsbestimmungen in Chelsea nach sich zog. „Hier scheint es sich jetzt vor allem um Immobilienentwicklung und banale Wohntürme aus Glas und Stahl zu drehen“, klagte ein Galerist. Ein anderer verglich die Entwicklungen in Chelsea mit „Downtown Shanghai“. 

    Die meisten der heute in TriBeCa angesiedelten Galerien wurden durch Travis vermittelt. Sein Erfolg überrascht ihn selbst etwas: „Nie und nimmer hätte ich gedacht, dass TriBeCa sich so schnell zur Destination entwickeln könnte. Üblicherweise braucht so eine branchenweite Wanderung länger als fünf Jahre“. Der vor etwa drei Jahren einsetzende Boom sei noch nicht vorbei. „Das Interesse wächst stetig. Bei dem sehr limitierten Inventar im Zentrum von TriBeCa wird sich dieser neue Kunstdistrikt wahrscheinlich künftig ausbreiten.“

    Der Galerist verlässt Chelsea zugunsten eines neuen Standorts im TriBeCa-Viertel. Timothy Taylor

    Timothy Taylor

    Der Galerist verlässt Chelsea zugunsten eines neuen Standorts im TriBeCa-Viertel.

    Auch den Händlernachwuchs zieht es her. Im Mai öffnete Margot Samel an Church Street ihre kleine Galerie in Lauflage, die vor allem historischer und zeitgenössischer Kunst aus dem Baltikum ein Forum bieten soll. Einige ihrer jungen Kollegen bevorzugen preiswertere Etagenräume in Bürogebäuden, darunter Queer Thoughts, Mother Tribeca oder Jayne Drosts JDJ TriBeCa.

    Drost begeisterte sich gegenüber dem Handelsblatt: „Die spannendsten Galerien befinden sich nun in TriBeCa. Die Szene hier ist so lebendig.“ Aus Philadelphia stießen die Geschwister Sam und Daniel Kapp mit ihrer Galerie Kapp Kapp dazu. Seit Anfang des Jahres laden sie mit ihrem Programm, das vor allem auf Gender und Sexualität fokussiert, ins ehemalige Studio des Künstlers Peter Doig im dritten Stock an Walker Street. Hier ist das Epizentrum der Szene.

    „Es wird aber immer eine kritische Masse von Galerien in Chelsea geben.“ Davon ist Architekt Markus Dochantschi, Gründer des New Yorker Architektur- und Designbüros studioMDA, überzeugt. Dochantschi wird auch in TriBeCa von vielen Galerien mit ihren Umbauten beauftragt. 

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    Kunstmesse

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    Europas wichtigste Kunstmesse präsentiert sich nach der Corona-Flaute in Bestform. Der Muttergesellschaft MCH Group droht derweil finanzielles Ungemach.

    „In Chelsea sind immer noch die großen Händler angesiedelt und nur dort kann es einen bestimmten Typ von Ausstellungen geben“, ist der Architekt überzeugt. Richard Serra etwa werde man in den kleinen Räumen auf der Lower East Side nicht finden. Aber TriBeCas stützenfreie Räume mit ihren hohen Decken und den großartigen strukturellen Kapazitäten der ehemaligen Gewerbebauten begeistern ihn. Die seien ansonsten kaum in der Stadt zu finden.

    Auch Kunstberaterin Lisa Schiff (SFA Advisory), eine langjährige TriBeCa-Bewohnerin, begrüßt das Wachstum ihres Viertels zur Kunstdestination. „Der einzige Nachteil: Wir haben alle auf zehn Jahre befristete Mietverträge abgeschlossen. Wenn die auslaufen, werden wir es uns wahrscheinlich nicht mehr leisten können, hier zu bleiben.“

    Mehr: Gallery Weekend Kunsthandel in London: Konzentriert auf den Inhalt, weniger auf das große Geld

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