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28.04.2022

15:23

Galerienrundgang

Gallery Weekend Berlin: Der Trend geht zum Großformat

Von: Christian Herchenröder

52 Berliner Galerien sind das ganze Wochenende über geöffnet. Die sorgfältig arrangierten Leistungsschauen locken Sammler an viele neue Orte.

Blick in die zum Gallery Weekend eröffnete Ausstellung „durchscheinen ist alles“ in der Galerie neugerriemschneider in Berlin. Jens Ziehe / VG Bild-Kunst, Bonn 2022

Thomas Bayrle

Blick in die zum Gallery Weekend eröffnete Ausstellung „durchscheinen ist alles“ in der Galerie neugerriemschneider in Berlin.

Berlin Wanderschaft ist angesagt. Die Berliner Galerieszene ist wieder einmal in Bewegung. Rechtzeitig zum Gallery Weekend haben nicht weniger als fünf Galerien neue Räume bezogen. Es sieht so aus, als ob nach der Coronaphase der Hunger auf Kunst und der große Atem zurückgekehrt sind.

In Berlin werden sie in diesen Tagen besonders gestillt, denn das Programm der 52 am Gallery Weekend beteiligten Häuser ist so animierend wie lange nicht (bis 1. Mai). Ein Trend zum Riesenformat, der auch die Messen prägt, ist unverkennbar.

Mit ihrem neuen Zweigsitz in der Christinenstraße 18 hat die Galerie Neugerriemschneider Raum für großformatige Werke hinzugewonnen. In diesen Hallen eines ehemaligen Pumpwerks sollen zwei Ausstellungen pro Jahr laufen.

Eröffnet wird mit Künstlerporträts von Thomas Bayrle. Sie setzen einen starken Kontrast zu den parallel im Stammsitz in der Linienstraße gezeigten Bildern des Künstlers, in denen digital aus tausend kleinen Smartphones komponierte Industrieroboter Revue passieren. In den Porträts von Claude Monet bis Yayoi Kusama überdeckt der 85-jährige Künstler das handgemalte Konterfei mit digitalen schwarzen Schraffuren, die die persönliche Handschrift neutralisieren: eine paradoxe, aber effektvolle Rückkoppelung des seriellen Prinzips.

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    In den Wilhelm Hallen im Berliner Norden eröffnet Mehdi Chouakri eine 1000 Quadratmeter messende Dependance. Hier sind neben einem Posenenske-Kabinett – der Galerist betreut hier ihren Nachlass – ein großer Showroom und ein imposantes Depot untergebracht.

    Die Eröffnungsschau mit Werken John M. Armleders zeigt den Schweizer Künstler in seiner Vielseitigkeit: von der seriellen, mit Hohlspiegeln bestückten Wand über das Möbelobjekt bis zu farbigen Schüttbildern, deren Impulsivität mit Goldflitter konterkariert ist (ab 100.000 Euro).

    Charakteristisch für den Künstler ist das stete Interesse am Körper. Der Digitaldruck entstand 2006, die zugrundeliegende Aufnahme 1968. Artists Rights Society, New York / VG Bild-Kunst, Bonn / Konrad

    Bruce Nauman „Cockeye Lips (from Infrared Outtakes)“

    Charakteristisch für den Künstler ist das stete Interesse am Körper. Der Digitaldruck entstand 2006, die zugrundeliegende Aufnahme 1968.

    Dass in Berlin immer wieder Galerie-Migration angesagt ist, dokumentieren auch neue Räume von Alexander Levy, der sich in Alt-Moabit den Parcours mit seinem Vater teilt, der hier sein surrealistisches Programm mit starken Arbeiten von Meret Oppenheim, Man Ray und Daniel Spoerri präsentiert.

    Die Galerie Kewenig gönnt sich einen Zweitsitz in der Charlottenburger Mommsenstraße und eröffnet mit Bertrand Lavier, dem Vertreter einer Konzeptkunst, die sich mit distanzierender Ironie bekannter Bildmotive aus Alltagswelt und Kunstgeschichte bedient.

    Im queeren Berlin der 1990er-Jahre

    Nach 13 Jahren in Kreuzberg ist die Galerie Chert Lüdde nach Schöneberg in die Hauptstraße gezogen. Hier lassen sich in einer 300 Quadratmeter umfassenden Enfilade mehrteilige Ausstellungen arrangieren. Zur Eröffnung gibt es eine Doppelschau.

    Schwarzweiß-Fotografien des queeren und punkigen Berlin der 1990er-Jahre von Annette Frick zeigen ein großes Mitgefühl für eine Szene, in der Glanz und Desillusion dicht beieinander liegen. Mit monumentalen Blüten und Bildern, die aus den mit Reißspuren gebändigten Wandpapierlagen des einstigen Vorgängerladens komponiert sind, wird Verloschenes in Kunst verwandelt (2500 bis 70.000 Euro, bis 21.5.).

    Schon seit einigen Wochen läuft in Max Hetzlers Räumen in der Bleibtreustraße eine Doppelschau mit exemplarischen Fotografien von Thomas Struth: psychologisch erhellende Familienporträts und Aufnahmen, die in der Europäischen Organisation für Kernforschung entstanden.

    Die Motive der extrem aufwendigen Markerzeichnungen erzeugt der Künstler aus Landschaftsmotiven aus dem Yosemite Park, mit denen der Apple Konzern seit 2013 jedes seiner neuen Betriebssysteme als Standardhintergrund ausstattet (Ausschnitt aus einem viereckigen Format). Galerie Conrads

    Alain Butler „Monterey Graphic dot jpeg v2“

    Die Motive der extrem aufwendigen Markerzeichnungen erzeugt der Künstler aus Landschaftsmotiven aus dem Yosemite Park, mit denen der Apple Konzern seit 2013 jedes seiner neuen Betriebssysteme als Standardhintergrund ausstattet (Ausschnitt aus einem viereckigen Format).

    In den im letzten Herbst in den Mercator Höfen bezogenen Räumen zeigt Hetzler Werke aus den drei ersten Dekaden des 2018 verstorbenen Malers Günther Förg. Hier bannen Riesenformate im unteren Galeriesaal den Blick, während in den oberen Räumen die wenig bekannten Skulpturen und die Bronzebilder den Blick auf das bis 2007 gezeigte Gesamtwerk erweitern (35.000 bis 1,8 Millionen Euro, bis 6. August).

    Die monumentalsten Werke dieses Galeriewochenendes liefert der Amerikaner Sterling Ruby bei Sprüth Magers. Die aus behandelten Stoffen zusammengenähten Hochformate haben Dimensionen, die auf Anhieb überwältigen und in Bann ziehen. Das lässt sich weniger von den Wasser suggerierenden Malereien sagen, die goldfarbigen Keramikblüten verbreiten eine eher müde Poesie (45.000 bis 400.000 Dollar, bis 30. Juni).

    Es stellen sich vor: Woody, Be(r)ta, Ceta und Dieta aus der Serie „Creatures“ von 2022.

    Karsten Konrad bei Alexander Ochs Private

    Es stellen sich vor: Woody, Be(r)ta, Ceta und Dieta aus der Serie „Creatures“ von 2022.

    Das einstige Umspannwerk in der Neuen Grünstraße, in der seit 2018 die Galerie Konrad Fischer residiert, ist das ideale Forum für die Kunst von Bruce Nauman, dessen Arbeiten sie seit 1968 in 18 Ausstellungen zeigte. Der 80 Jahre alte Pionier der Konzeptkunst hat ein neues Video geschaffen, das hier mit einem Prototyp in puristischem Schwarz-Weiß figuriert.

    Die Hände des Altmeisters zeichnen auf vernarbter Holzplatte ein X nach, die Unterschrift eines indigenen Häuptlings auf einem Vertrag mit der kanadischen Regierung. Drei der berühmten Hand-Skulpturen, von denen eine für zwei Millionen Dollar zu haben ist, veredeln die Schau. Die Preise für die ausgewählte Grafik liegen bei 7500 bis 50.000 Euro (bis 27. August).

    Ein Stammkünstler der Galerie Buchmann ist der mit starken Farben und Naturmaterialien arbeitende Günther Laib. Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen in den Jahren 2007 bis 2009 entstandene Reishäuser. In den verkäuflichen Exemplaren ist der Reiskorpus in strahlend rot lackierte Holzhüllen eingebettet. Wie in seinen Arbeiten aus Bienenwachs und Blütenstaub bekräftigt der Künstler hier seine zyklische, der Nachhaltigkeit verpflichtete Praxis (90.000 bis 100.000 Euro).

    Gallery Weekend Berlin: Neue Hallen für die zeitgenössische Kunst

    Gallery Weekend Berlin

    Neue Hallen für die zeitgenössische Kunst

    Ein Höhepunkt der Berlin Art Week ist das bis Sonntagabend dauernde Gallery Weekend. Die besten seiner Ausstellungen lehren das Staunen und öffnen die Augen.

    Absolute Knaller sind die Gemälde der jungen Amerikanerin Francesca Facciola in ihrer ersten deutschen Ausstellung bei Contemporary Fine Arts. Sie sind eine Mischung aus subversivem Post-Pop und Hyperrealismus, schrill und hintergründig zugleich. Da posiert in perspektivischem Strahlenkranz ein aufreizendes Nacktmodell mit übergroßen Wundmalen als Christus; Clownfiguren grinsen aus einem Drehbild; ein kleinwüchsiger Priester tritt schattenreich aus gelber Kulisse: jedes Motiv ein Blickfänger (15.000 bis 35.000 Euro, bis 4. Juni).

    Die dunklen von 2006 bis 2021 entstandenen Haus-Bilder von Horst Antes in der Galerie Friese lassen sich in ihrer fortlaufend verinnerlichten Reduktion als Konzeptkunst betrachten (49.000 bis 263.000 Euro, bis 11. Juni).

    Nicht weit davon, in der Fasanenstraße, zeigt Wolfgang Werner parallel zur Retrospektive André Thomkins in der Sammlung Scharf-Gerstenberg Werke aus allen Schaffensphasen des Schweizer Künstlers. Er erscheint auch hier als malender und zeichnender Tausendsassa zwischen Surrealismus und Abstraktion. Die Preise sind mit 4500 bis 40.000 Euro noch recht moderat angesetzt (bis 18. Juni).

    Mehr: Messe für zeitgenössische Kunst: Art Brussels: Pflichtprogramm für Europas Kuratoren

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