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23.03.2022

17:09

Gleichberechtigung

Sklaverei: Wie eine Skulptur Rassismus und das Gegenteil thematisiert

Von: Barbara Kutscher

Der Bildhauer Jean-Baptiste Carpeaux schuf die Büste einer Schwarzen Frau. Sie klagt an mit ihrem Blick und protestiert gegen ihre Fesseln. Das Met-Museum thematisiert Rassismus.

Die Büste nimmt Partei gegen die Sklaverei. Der Künstler aber äußerte sich in seinen Schriften rassistisch. The Metropolitan Museum of Art, Purchase, Lila Acheson Wallace,

Jean-Baptiste Carpeaux "Warum als Sklavin geboren!"

Die Büste nimmt Partei gegen die Sklaverei. Der Künstler aber äußerte sich in seinen Schriften rassistisch.

New York Als vor vier Jahren die seltene lebensgroße Marmorbüste einer afrikanischen Sklavin im Kunsthandel auftauchte, griff das Metropolitan Museum of Art sofort zu. Geschaffen hatte sie Jean-Baptiste Carpeaux (1827 bis 1875), einer der bedeutendsten Bildhauer des 19. Jahrhunderts.

Für Sarah E. Lawrence, damals neu berufene Leiterin der Abteilung European Sculpture and Decorative Arts, war die außergewöhnlich ausdrucksstarke Skulptur mit dem eingemeißelten Titel „Pourquoi Naître Esclave!“ (Warum als Sklavin geboren werden) im Sockel bestens geeignet, das veraltete eurozentrische Narrativ der marmornen Großskulpturen im „Petrie European Sculpture Court“ aufzubrechen. 

Aber dann drängten die Black-Lives-Matter-Proteste des Sommers 2020 auch das Met-Museum in eine ganz neue Richtung. Inzwischen arbeiten hier mehrere über das Haus verteilte Projekte den systemischen Rassismus auf. 

Carpeaux“ im Jahr 1873 gemeißeltes Werk ist der Dreh- und Angelpunkt einer soeben eröffneten Langzeitausstellung, die noch bis zum 5. März 2023 zu sehen sein wird. Zum ersten Mal wird hier die Rolle untersucht, die Kunst in der Bewegung zur Abschaffung der Sklaverei spielte, hauptsächlich aufgezeigt am Beispiel von Skulpturen. In Frankreichs Kolonien wurde Sklaverei zuerst im Jahr 1794 und dann endgültig 1848 verboten, in England 1834 und in den Vereinigten Staaten erst 1865.

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    Mit nur 38 Objekten, darunter Leihgaben amerikanischer und französischer Museen, ist die Schau zwar klein im Umfang, leistet aber viel. Die Büste nehme einen „komplexen und auch widersprüchlichen Platz in der Diskussion der Anti-Sklaverei-Bewegung ein“, kündigte Met-Direktor Max Hollein bei der Ausstellungseröffnung an. Das Museum nutzt auch die Gelegenheit, vor der Folie historischer Werke aktuelle Fragen der Rassengleichstellung in den USA in Wandtexten anzusprechen, darunter die viel diskutierte „Representation“. 

    Blick in die Ausstellung "Fiktion einer Emanzipation": Was ist rassistisch? Was nicht? Quelle: Metropolitan Museum

    Ein Jahr zu sehen

    Blick in die Ausstellung "Fiktion einer Emanzipation": Was ist rassistisch? Was nicht? Quelle: Metropolitan Museum

    Carpeaux’ Büste geht auf eine Studie für seine monumentale „Fontaine des quatre-parties-du- monde“ im Pariser Jardin du Luxembourg zurück. Da stemmen vier beschwingte weibliche Akte, die vier Kontinente verkörpernd, gemeinsam die Himmelskugel. Aber noch bevor der Brunnen im Jahr 1874 vollendet werden konnte, entschloss sich Carpeaux, den Kopf der „Afrika“- Figur in Auflage zu reproduzieren, und stellte ihn im Salon 1869 vor unter dem Titel „Négresse“.

    Der Bildhauer wusste sich zu vermarkten. Über zwei Dutzend Mitarbeiter waren in seinem Studio allein für die Editionen seiner populärsten Werke abgestellt. Durch die ergänzte dramatische Fesselung und die hinzugefügte Inschrift „Pourquoi Naître Esclave!“ politisierte Carpeaux sein Werk.

    Der Kritiker Théophile Gautier zeigte sich begeistert: „Sie hebt die einzige freie Sache, die ein Sklave besitzt, ihren starren Blick, ein Ausdruck von Verzweiflung und stummer Anklage, eine zwecklose Bitte um Rechtfertigung, ein grimmiger Protest gegen das erdrückende Gewicht des Schicksals. Es ist ein Werk von seltener Kraft, in dem die ethnografische Exaktheit durch die tiefe Empfindung des Leidens dramatisiert wird.“ 

    Es liegt nahe, die Büste als Anti-Sklaverei-Appell von Carpeaux zu interpretieren. Aber seine schriftlichen Äußerungen unterstützen diese Lesart keineswegs. Vielmehr war der Bildhauer ein viel beschäftigter Favorit des Bürgertums im Second Empire (1850 bis 1872). Und Kaiserin Eugenie besaß die einzige andere existierende Marmorversion der Büste, heute in Kopenhagen verwahrt. 

    Wer diese Anstecknadel 1797 trug, wollte die Sklaverei abgeschafft wissen. Josiah Wedgwood produzierte dieses Medaillon mit gefesseltem Schwarzen massenhaft. The Metropolitan Museum of Art, New York, Gift of Frederick Rath

    Wedgewood-Sticker

    Wer diese Anstecknadel 1797 trug, wollte die Sklaverei abgeschafft wissen. Josiah Wedgwood produzierte dieses Medaillon mit gefesseltem Schwarzen massenhaft.

    Die Organisatorinnen der Schau sind Elyse Nelson, Assistant Curator der Abteilung, und Wendy S. Walter, Schriftstellerin und Professorin an der Columbia University. Sie argumentieren im Katalog vielmehr, dass sich Carpeaux opportunistisch in die Tradition populärer Anti-Sklaverei-Werke stellte.

    Besonders einflussreich war da Josiah Wedgwoods winziges Keramikmedaillon mit der Inschrift „Am I Not a Man and a Brother?“ von 1787. Der britische Unternehmer stimmte mit den in den 1790er-Jahren zu Tausenden frei verteilten Vorläufern heutiger Protestaufkleber für die Abschaffung der Sklaverei. Sein Motiv des knieenden Schwarzen in Ketten findet sich bis ins 19. Jahrhundert häufig in anderen Medien wieder, wie ein gezeigtes Parfümfläschchen aus England von um 1830 belegt.

    Das lange populär gebliebene Bild des geknechteten Schwarzen erfährt in der Ausstellung eine unerwartete Zäsur: Bereits zwei Jahre nach Abschaffung der Sklaverei in den USA, 1867, meißelte die amerikanische Schwarze Bildhauerin Edmonia Lewis ihre triumphierende Marmorgruppe „Forever Free“. 

    Eine deutliche Position als Gegner der Sklaverei nahm dagegen Carpeaux“ Zeitgenosse Charles-Henri-Joseph Cordier ein. Von ihm sind jetzt im Metropolitan Museum drei monumentale Bronzebüsten zu sehen, darunter „Femme des colonies“ mit drapiertem Gewand aus schön gemasertem Onyxmarmor. Cordiers ethnografischer Realismus mixt exotische Verführung mit westlichen Schönheitsidealen.

    Carpeaux vermarktete seine "Négresse" als Gipsbüste. Diese hier versteigerte das Auktionshaus Koller in Zürich 2021 für hohe 252.840 Franken. Foto: Koller

    Jean-Baptiste Carpeaux „Pourquoi Naître Esclave!“

    Carpeaux vermarktete seine "Négresse" als Gipsbüste. Diese hier versteigerte das Auktionshaus Koller in Zürich 2021 für hohe 252.840 Franken. Foto: Koller

    Wie Kunsthistoriker James Smalls jedoch in seinem Katalogbeitrag ausführt, muss Skulptur in dem kräftig nach Nordafrika und Südostasien expandierenden Imperium Napoleons III. gleichwohl als ein „Medium der Kolonialisierung“ gewertet werden. 

    „Pourquoi Naître Esclave!“ gibt in vielerlei Hinsicht mehr Rätsel auf, als die kleine Ausstellung lösen kann. Die Büste war aber stets kommerziell erfolgreich. Viele französische Firmen vermarkteten sie nach Carpeaux“ Tod in unterschiedlichen Größen und Materialien wie Bronze, Ton oder auch braun lackiertem Gips. 

    Dass sie auch ein heutiges Pop-Publikum zu faszinieren vermag, belegte kürzlich noch die Adidas-Kampagne für Beyoncés Ivy-Park-Sportswear. Da nimmt sie, ganz in Weiß, ihren Platz neben dem Weltstar ein.

    Metropolitan Museum New York:

    „Fictions of Emancipation: Carpeaux Recast“

    bis zum 5.3.2023

    Katalog 25 Dollar

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