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23.06.2022

08:05

Großausstellung

12. Berlin Biennale: Heilen mit der Kraft der Bilder

Von: Christian Herchenröder

Der Künstler Kader Attia hat die eminent politische Berlin Biennale kuratiert. Die Kunst gibt zahlreiche Denkanstöße zur Veränderung der Welt.

Der Wandmontage zu Grunde liegen gefilmte Interviews und Fotos von 1983. Sie zeugen von der Anpassungsleistung der Migrantinnen. Silke Briel

Nil Yalter „Exile is a hard job“

Der Wandmontage zu Grunde liegen gefilmte Interviews und Fotos von 1983. Sie zeugen von der Anpassungsleistung der Migrantinnen.

Berlin Kann Kunst heilen? Das ist die Kardinalfrage, die sich angesichts der 12. Berlin Biennale aufdrängt. Kunst als Heilung, Kunst als Katharsis hat sich Kader Attia, der in Berlin lebende franko-algerische Künstler und Leiter dieser Schau auf die Fahnen geschrieben, wenn er betont: „Die Kunst muss sich der Gesellschaft im Allgemeinen öffnen und insbesondere im Digitalen das Feld der Emotionen zurückerobern. So kann sie ihre kathartische Funktion erfüllen.“

Das Digitale spielt in dieser Biennale und ihren sechs Schauplätzen eine starke Rolle. Mehr als die Hälfte aller Exponate sind Arbeiten weiblicher Künstler, die mit großer Einfühlung von den fünf Kuratorinnen Anna Teixera Pinto, Do Tuong Linh, Marie Helene Pereira, Noam Segal und Rasha Salti ausgewählt wurden. Feminismus ist ja ein eminent wichtiger Katalysator des Ausstellungswesens und des Marktes geworden.

Aber auch andere Zentralthemen dieser Schau – Dekolonisierung, Restitution, Ökologie, Krieg, die Überwindung von Armut und ausbeuterischen Praktiken – sind wichtige Impulsgeber für Künstlerinnen und Künstler in aller Welt. Es ist eine Biennale geworden, die stärker als ihre Vorgängerinnen in die jeweilige Problematik hineinzieht. Oft, nicht immer, erreicht sie eine sinnliche Präsenz, die bei politischen oder ökologischen Problemstellungen nicht immer gegeben ist.

Das zeigt sich besonders stark in Werken, die die weibliche Unterdrückung anprangern. Im Untergeschoss des Ausstellungshauses „Kunst Werke“ hat die in Goa lebende Mayuri Chari eine Werkgruppe zusammengestellt, in der der weibliche Körper als Instrument der Erniedrigung und Gewalt figuriert.

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    Dem Nacktheits-Verbot der indischen Gesellschaft hält Chari eine Stickerei mit nackten weiblichen Körpern, Aquarelle und eine Wandarbeit mit 162 Vaginen vor Augen, die aus Kuhfladen, Sägemehl und Bockshornkleepulver geformt sind. Der gemeinsame Titel dieser Werke ist: „Ich wurde nicht zum Vergnügen erschaffen“.

    Der Künstler wehrt sich mit dieser Serie gegen die biometrische Gesichtsüberwachung. Laura Fiorio

    Zach Blas „Gesichtsbewaffnungssuite"

    Der Künstler wehrt sich mit dieser Serie gegen die biometrische Gesichtsüberwachung.

    Ein anderes, weniger aufwendiges Exponat ist die mit Rostflecken getränkte Arbeit von Christine Safatly. Sie strahlt schmerzliche Intimität aus. Mit Nägeln, Nadeln und Drähten durchbohrte Kleidungsstücke symbolisieren die Verletzungen und Unterdrückungsmethoden, denen Frauen im Libanon ausgesetzt sind.

    Dicht bespielt ist auch die Sektion im Hamburger Bahnhof. Hier sind Arbeiten stärkster Ausstrahlung versammelt. Das mit beginnt mit einer Installation des in Dubai lebenden Dokumentar-Künstlers Lawrence Abu Hamdan. Er fasst Daten aus 15 Jahren Luftüberwachung des Libanon durch israelische Militärflugzeuge in einem Raum umspannenden Bild zusammen, das die Verletzungen des Luftraums in düsteren Wolkenformationen zeigt.

    Geradezu überwältigend in ihrer emotionalen Wirkung ist eine digitale Großinstallation des in Toronto und London wirkenden Zach Blas, die sich gegen die biometrische Gesichtsüberwachung wehrt. Da fließen milchige, blutige und wässrige Tränen, die in ein Reservoir der Kommunikation und Kontrolle fließen.

    Ein Blick auf die Installation im Hamburger Bahnhof. Laura Fiorio

    Raed Mutar, Praneet Soi, Tammy Nguyen

    Ein Blick auf die Installation im Hamburger Bahnhof.

    Stark sind hier die ausgewählten Videoarbeiten. Ein Klassiker ist das 2010 entstandene Video der zwei Jahre später verstorbenen Ägypterin Amal Kenawy. „Das Schweigen der Lämmer“ präsentiert Projektionen und Straßenszenen, die Beklemmung und Unbehagen provozieren und die repressive Bedrängung der Künstlerin durch Passanten zeigen.

    Ein anderes Video widmet sich dem Tanz. Dutzende Tänzerinnen und Tänzer verschiedener Hautfarbe führen begeisternde Krafttänze zu Jean-Philippe Rameaus Ballett „Les Indes galantes“ aus, das in der Barockzeit erstmals afrikanische Akteure auf die Bühne brachte. Der Pariser Clément Cogitore hat dieses Video 2017 als wirkungsvollen Retro-Impuls geschaffen.

    Bedrückender Irrgarten aus Abu Ghraib-Fotos

    Eines der stärksten Exponate ist ein aus bedrückenden Bildern komponierter Irrgarten. Jean-Jacques Lebel reiht die Quälerei und Erniedrigung in dem von der Bush-Regierung gebauten Gefängnis Abu Ghraib in der Nähe von Bagdad in lebensgroßen Farbfotos aneinander. Ein Dokument der Entmenschlichung und kriminellen Entgleisung.

    Traditionelle Malerei im detailreichen Stil balinesischer Künstler ist das Ausdrucksmittel der im amerikanischen Easton lebenden Tammy Nguyen. Sie schuf für die Biennale 14 Gemälde der christlichen Kreuzwegstationen, in denen das Passionsgeschehen von Geflüchteten auf einer vom Urwald überwucherten indonesischen Insel nachgestellt wurde.

    Ausstellung: 59. Kunst-Biennale von Venedig: Die Welt am seidenen Faden

    Ausstellung

    59. Kunst-Biennale von Venedig: Die Welt am seidenen Faden

    Die älteste internationale Ausstellung der Welt rückt übersehene Künstlerinnen ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Ihre Werke kreisen um Surrealität, Verunsicherung und die Auflösung der Werte.

    Im Hamburger Bahnhof und Akademie der Künste am Hanseatenweg ist das Aufgebot der Künstler insgesamt nicht so spannend. Die Erinnerung an einen Kernwaffentest des französischen Militärs in der algerischen Wüste wecken Fotografien und ein Video des Algeriers Ammas Bouras, das die bis heute fortwirkende Verwüstung und Verödung zeigt.

    Der Vietnamese Tuán Andrew Nguyên beschwört die Rettung des Ökosystems und kämpft mit poetischen Bildern gegen die Bedrohung der heimischen Tierwelt. Ein zweiter Film geißelt Vertreibung und Rassismus als Nachwirkung des Kolonialismus.

    Kolonialismus ist ein Hauptthema in der Akademie der Künste am Pariser Platz. Kunst und Aktivismus verbindet die in Paris und Basel arbeitende Deneth Piumakshi Veda Arrachchige. Sie hat drei Jahre lang in Berlin, Basel und Paris nach den sterblichen Überresten ihrer indigenen Vorfahren aus Sri Lanka geforscht. In die Mitte der Bilddokumente hat sie einen lebensgroßen 3D-Abdruck ihres Körpers als Indigene gestellt, die den Schädel eines ihrer Vorfahren beschwörend in Händen hält.

    Der Haitianer Dubréus Lhérisson hat Totenschädel aus Friedhöfen und Tempeln mit Pailletten und Glitter überzogen, um ihnen in der von Erdbeben heimgesuchten Stadt Port-au-Prince ein zweites Leben zu schenken. Eindrucksvoll ist der Einschub mit einer Dokumentation in der Mitte der Enfilade. Dort sind Kreuzigungs-Figuren anonymer afrikanischer Künstler der expressionistischen Malerei von Emil Nolde und Karl Schmidt-Rottluff gegenübergestellt. Das belegt eine forcierte Anverwandlung der ‚exotischen“ Bildwelt.

    Kunstmesse: Art Basel: Gesellschaftlich engagierte Kunst setzt starke Akzente

    Kunstmesse

    Art Basel: Gesellschaftlich engagierte Kunst setzt starke Akzente

    Europas wichtigste Kunstmesse präsentiert sich nach der Corona-Flaute in Bestform. Der Muttergesellschaft MCH Group droht derweil finanzielles Ungemach.

    Eher enttäuschend sind die sieben in der Stasi-Zentrale gezeigten Arbeiten. Zu überzeugen vermag nur Ngô Thàn-Bác mit Fotos seiner Aktion zur Entheroisierung von Denkmalen in Hanoi. Vor diesen vollführt der dort lebende Konzeptkünstler Kopfstände. Und verkehrt damit die Perspektive auf die Helden der Geschichte.

    Kann Kunst heilen? Das fragt man sich wieder nach dem Durchschreiten aller Stationen dieser Großausstellung. Heilen wohl eher nicht. Aber Kunst kann, wie in dieser systemkritischen Biennale Denkanstöße geben, mit der Kraft der Bilder, mit überzeugender sinnlicher und gedanklicher Präsenz aufzeigen, was auf unserem Planeten schief läuft und was zu reparieren ist. Und das ist schon sehr viel.

    Die 12. Berlin Biennale läuft bis 18. September. Der Katalog kostet 12 Euro. Ausstellungstickets sind online erhältlich und im KW Institute for Contemporary Art, in der Akademie der Künste am Pariser Platz, im Hamburger Bahnhof. In der Akademie der Künste am Hanseatenweg können keine Tickets gekauft werden.

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