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22.12.2021

14:37

Interview

Kunstsammler Christian Boehringer: „Ich möchte eine positive Debatte anstoßen“

Von: Sabine Spindler

Der Pharmaunternehmer Christian Boehringer hat sich der Written Art verschrieben. Erstmals spricht er über seine Ambitionen als Sammler und den Fall Helge Achenbach.

Der Sammler und Pharmaunternehmer spricht zur Eröffnung der Ausstellung „Shirin Neshat. Living in One Land, Dreaming in Another“ in der Pinakothek der Moderne in München. BrauerPhotos / S.Brauer

Christian Boehringer

Der Sammler und Pharmaunternehmer spricht zur Eröffnung der Ausstellung „Shirin Neshat. Living in One Land, Dreaming in Another“ in der Pinakothek der Moderne in München.

München Christian Boehringer hat zwei Missionen. An der Spitze der Gesellschafterversammlung des Pharmariesen Boehringer Ingelheim sitzt der hoch gewachsene Unternehmer an den Schaltstellen eines Weltkonzern. Als Kunstsammler fasziniert ihn die Written Art, deren Facettenreichtum in den kommenden zehn Jahren in der Pinakothek der Moderne in München zu sehen sein wird. Während der Ausstellung mit Werken von Shirin Neshat hatte das Handelsblatt Gelegenheit zu einem Treffen mit dem wie ein Gentleman gekleideten, zurückhaltend auftretenden 57-Jährigen.

Herr Boehringer, haben Sie auf der PIN.Benefizauktion im November Ed Ruschas Bild mit dem Schriftzug „Rusty Region“ erworben?
Das war jemand anderes. Ich habe schon 2013 für die Written Art Collection Ed Ruschas „A Sun on USA“ gekauft.

Der Schriftzug Rusty Region sieht aus, als blase ein Sturm eine dicke Staubschicht zur Seite. Das hätte zu Ihrer Collection gepasst, in der es um das Verhältnis von Geschriebenem und Nichtgesagtem geht.
Lassen Sie mich die „Written Art“ in einem Satz beschreiben: Es ist eine Kunst an der Grenze zwischen gestischem Malen, Konzeptkunst und Schreiben.

Ist das ein Gattungsbegriff wie Landschaft, Porträt oder Stillleben?
Ich muss ein bisschen ausholen. Im Nahen und Fernen Osten hat die Kalligraphie einen sehr hohen Stellenwert. Manche behaupten sogar, dass nur in der kalligraphischen Kunst die Wahrheit ausgedrückt werden kann. Im arabischen Raum war die Rolle figürlicher Bilder gering. Dort dominiert in der Architektur und in der Kunst die Schrift; während in Europa meines Erachtens erst Mallarmé und die Kubisten Schrift wieder ins Bild integrierten. Aber entscheidend für den Grundstein meiner Sammlung war das Art Informel, das im Paris in den Jahren nach dem 2. Weltkrieg entstand, als arabische, asiatische und westliche Künstler zusammentrafen und sich gegenseitig beeinflussten.

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    Sie meinen mit Art Informel die Abstraktionen eines Hans Hartung oder Pierre Soulages?
    Beide Künstler, insbesondere Hartung, gehören zu meiner Sammlung. Ihre Kunst entstand aus der Erkenntnis, dass nicht die figürliche Darstellung, sondern die Geste, der Mal-Akt aus der Bewegung heraus etwas zum Ausdruck bringt. Es geht bei der Written Art insofern um eine Mischung aus Emotionen, Gesten und Abstraktion. Das weist über die Schrift selbst hinaus. Man muss das gar nicht entziffern können. Mich interessiert das Kulturübergreifende.

    In seinen Datumsbilder wie der 26 x 33 cm großen Leinwand „June 1, 1967“ reflektiert der Konzeptkünstler On Kawara den Zusammenhang von Leben und Zeit. One Million Years Foundation

    On Kawara

    In seinen Datumsbilder wie der 26 x 33 cm großen Leinwand „June 1, 1967“ reflektiert der Konzeptkünstler On Kawara den Zusammenhang von Leben und Zeit.

    Was hat Sie zu diesem besonderen Gebiet der Kunst gebracht?
    Das kam in verschiedenen Schritten. Angefangen hat es, als Professor Heinz Kroehl 2009 in mein Büro kam. Er wollte eine Ausstellung machen und hat mir drei Bilder vorgelegt: von Hans Hartung, Medhi Quotbi und Yu-ichi Inoue. In diesen Bildern waren genau die drei Richtungen vertreten, von denen ich spreche. Die Idee dahinter war zu zeigen, dass drei Kulturkreise vielleicht das Gleiche ausdrücken wollten, aber an ihre jeweilige Kunst unterschiedlich herangegangen sind.

    Sie waren sofort überzeugt?
    Ich fand das interessant und sehr ästhetisch. Als die geplante Ausstellung 2011 in Wiesbaden mit Hilfe von Leihgaben zustande gekommen war, haben mich so viele Bilder angesprochen, dass ich sofort überlegt habe, einige zu behalten. Das kann man noch unter „Kunst fürs Wohnzimmer“ verbuchen, aber das Thema hat mich nicht mehr losgelassen. Ich hatte sogar überlegt, eine Folgeausstellung auf den Weg zu bringen. Ich habe dann angefangen, Kunstwerke des Art Informel neben dazu passenden Werken aus dem Nahen und Fernen Osten zu kaufen. Nicht nur traditionelle Werke. Die Avantgarde war in den 1950er- und 1960er-Jahren dort sehr präsent, denken wir an die Gutai-Gruppe mit Kazuo Shiraga, der mit den Füßen malte.

    Vita Christian Boehringer

    Christian Boehringer

    gehört als Vorsitzender des Gesellschafterausschusses zur vierten Inhabergeneration des Pharmaunternehmens Boehringer Ingelheim. Nach Stationen u.a. im internationalen Management der Henkel KGaA übernahm er bei Boehringer Ingelheim die Verantwortung für das globale CRM-Projekt-Management.

    Seit 2007

    steht Boehringer als Vorsitzender dem Gesellschafterausschuss vor, der die Interessen der Inhaberfamilien vertritt.

    Inzwischen ist die Konzeptkunst eingezogen mit On Kawara oder Lawrence Weiner, die aufgesprühte Druckschrift für ihre Bilder benutzen. Trifft auf sie die eingangs formulierte Definition noch zu?
    Ich hatte als Sammler natürlich irgendwann eine konzeptionelle Krise. Ich hatte vor, die Nachkriegskunst um skripturale Kunst der 1960er-Jahre zu erweitern. Viele Museumsleute bestätigten mir, dass die Idee gut ist, aber nicht reicht. Es gab schon wichtige Ausstellungen zu diesem Aspekt, und Namen wie Cy Twombly oder Jackson Pollock sind in den Sammlungen wichtiger Museen vertreten. Ich finde es deshalb nicht mehr nötig, sie unbedingt für meine Sammlung zu kaufen. Mein Berater und ich entwickelten ab 2012 eine andere Strategie: die Sammlung in ein zeitgenössisches Dreieck aus Schrift-Bild-Sprache einzubetten. Das gestattet uns eine Offenheit für kommende Spielarten der Written Art. Und man sieht ja an Shirin Neshat, dass es immer wieder neue, individuelle Ausdrucksmöglichkeiten gibt.

    Was haben Sie vor Written Art gesammelt?
    Mit meinen Eltern habe ich viele Museen dieser Welt besucht und begeistert Vorträge über Kunst gehört, aber Sammeln war nie ein Thema. Dass ich heute sammle, kann ich mir nur so erklären: Die thematische Tiefe der Written Art in Kombination mit der kulturellen Auseinandersetzung gibt mir persönlich einen sammlerischen Sinn. Ich hatte von Anfang an den Glauben, das ist zeitgemäß, da liegt sehr viel Schönheit drin, dafür werden Menschen ins Museum gehen.

    Malerei und Poesie gehörten für die 2021 verstorbenen Künstlerin Etel Adnan zusammen, wie in ihrem 60seitigen Leporelle „Kalimat“ von 2012.   © Written Art Collection

    Etel Adnan

    Malerei und Poesie gehörten für die 2021 verstorbenen Künstlerin Etel Adnan zusammen, wie in ihrem 60seitigen Leporelle „Kalimat“ von 2012. ©

    Warum ist man auf Sie zugegangen? Hat das Unternehmen Boehringer Ingelheim ein Förderbudget?
    Ach wissen Sie, in der Region, in der ich lebe, weiß man schon, wo man anklopft. Herr Prof. Kroehl kannte das kulturelle Konzept des Unternehmens Boehringer Ingelheim. Mein Großvater hatte in den 1950er-Jahren die Ingelheimer Tage gegründet. Anfänglich litt er unter der Perspektivlosigkeit eines besetzten Landes, das den Krieg verloren hatte. Dann erkannte er die Chance Deutschlands, sich zu öffnen und Teil eines Staatenbundes zu werden. So hatte er die Idee, andere Kulturen in Form von Länderausstellungen – zu denen auch Kunst gehörte – nach Ingelheim zu holen. Heute konzentrieren die Ingelheimer Tage sich auf Kabinettausstellungen, also auf Kunst.

    Das Konzept Brückenbauen schwingt auch in Ihrer Sammlung mit.
    Die gesellschaftliche Relevanz liegt darin, dass die Werke eine Einladung zur Beschäftigung mit anderen Kulturen geben. Was erzählt die arabische Kunst über die Poesie dieser Region? Warum haben die Asiaten keine Farben, sondern nur Licht und Schatten? Ich möchte, dass sich Menschen mit solchen Aspekten auseinandersetzen, bevor sie urteilen. Es gibt Unterschiede zwischen den Kulturen und den Werten von Menschen. Diese Kunst fragt nach den vielen Gemeinsamkeiten, aber auch nach den Unterschieden unserer Weltgemeinschaft. Und das ist dringlicher denn je. Die Nachkriegsgeschichte wurde politisch und wirtschaftlich zunehmend die einer globalen Vernetzung. Aber im Moment vertiefen sich die Gräben leider wieder. Ich möchte eine positive Debatte anstoßen.

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    Hat Written Art auch politische Kraft?
    Bis in die 1970er-Jahre war die Written Art mit Ausnahme der Konzeptkunst eher unpolitisch. Selbst Shirin Neshat sagt, dass sie früher keine Aktivistin war, sondern erst in ihren Bildern ihre eigene Geschichte aufgearbeitet hat. Sie hat verstanden, dass man auf freundliche Art und Weise deutliche Botschaften mitteilen kann. Oder nehmen Sie Qui Zhijie und sein „Mappa Mundi“- Projekt. Auf den manchmal realen, aber meist surrealen Karten ersetzt er die Namen von Städten und Bergen durch Begriffe wie „Jesus“ oder „Buddha“ und erläutert globale Religionsgeschichte.

    Als Sie Ihre Sammlung stärker in Richtung Gegenwart öffneten, haben Sie Helge Achenbach engagiert. Wie enttäuschend war für Sie der Ausgang der Geschichte?
    Ich habe damals einen unabhängigen Berater gesucht. Ich wollte jemanden, der mir offen sagt, was die Sammlung braucht, um mit Museen zu kooperieren. Ich glaube, dass er in dieser Beziehung fair war. Er hatte einen guten Kunstverstand und beste Kontakte. Nur einige andere Dinge hätte er eben nicht tun dürfen.

    Die Literatur-Nobelpreisträgerin geht in postkartengroßen Collagen wie „1102 vom 28.12.2012“ der Poesie von Wort und Schrift nach (Ausschnitt). Written Art Collection; VG Bild-Kunst, Bonn 2021

    Herta Müller

    Die Literatur-Nobelpreisträgerin geht in postkartengroßen Collagen wie „1102 vom 28.12.2012“ der Poesie von Wort und Schrift nach (Ausschnitt).

    Sie gehörten zu den ersten Achenbach-Kunden, die Verdacht schöpften.
    Mir war aufgefallen, dass seine Events in gar keinem Verhältnis standen zu dem Auftragsbudget. Mit den üblichen Kommissionen wird man ja kein Millionär, das hat mich skeptisch gemacht. Es hat dann eine ganze Weile gedauert, bis wir die Differenzen zwischen der Originalrechnung und der von ihn gefälschten, weitergeleiteten erkannt haben.

    Um 1,2 Millionen Euro wurden Sie betrogen. Hat das Ihr Vertrauen in den Kunstmarkt erschüttert?
    Ich habe das Geld zum Glück zurückbekommen. Ich bin jemand, der mit dem Bewusstsein an so eine Sache herangeht, dass es auch schief gehen kann. Ich habe mich im Vorfeld über meine Partner erkundigt. Der Charme des Vertrags war, dass notfalls die mich damals beratende Bank gehaftet hätte. Die 1,2 Millionen Euro sind wieder in Kunstkäufe geflossen.

    Heute berät Sie Thomas Kellein, Art Consultant der Schweizer Privatbank Bergos, früher Team Achenbach.
    Kellein war klar in seiner Position, er hat nicht betrogen, sondern 2013 vielmehr aufgeklärt. Zusätzlich hat er mir 2012 bereits ehrlich gesagt, wo das Niveau der Sammlung steht.

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    Während der Zusammenarbeit mit Achenbach war von einer Ankaufsumme von 10 Millionen Euro die Rede. Ist das Ihr Jahresbudget?
    Darüber gebe ich keine Auskunft, das ist meine Privatangelegenheit.

    Kunst als Geldanlage – spielt das für Sie eine Rolle?
    Wir sprechen hier nicht von einem Investment. Wenn ich Geld verdienen will, dann verkaufe ich Pillen. Damit verdiene ich mein Geld. Ich habe das Privileg, neben dem Beruflichen Dinge machen zu können, die ich für gesellschaftlich wichtig halte. Ich versuche natürlich, Kunst zu kaufen, die Bedeutung hat und noch nicht auf dem preislichen Höhepunkt angekommen ist. Mein Budget ist nicht unbegrenzt. Aber wenn mein Sohn einmal die Sammlung nicht fortsetzen will und man mit einer Null herauskommt, hat sich alles mehr als gelohnt.

    Es heißt, in jeder Sammlung spiegelt sich die Persönlichkeit des Sammlers. Stimmt es, dass Sie als Kind Schwierigkeiten beim Schreiben hatten?
    Ja, ich war Legastheniker. Aber zum Glück zu einer Zeit, als man nicht mehr ausgegrenzt wurde und es genügend pädagogische Programme gab. Ich bin bis heute kein Weltmeister im Schönschreiben, aber ich bin bei dem Thema Handschrift mit meiner Stiftung „Written Art Foundation“ an den Schulen unterwegs.

    Worin sehen Sie im digitalen Zeitalter die Rolle der Handschrift?
    Ganz simpel: Wer mit der Hand schreibt, kann Zusammenhänge besser verstehen, ist kreativer und kann sich Dinge besser merken. Die Leute mit den dicksten Kabelsträngen und den größten Bildschirmen, die bei Boehringer für die digitalen Konzepte verantwortlich sind, haben Zettel und Stifte auf dem Schreibtisch. Die entwickeln ihre Gedanken und Ideen handschriftlich. Und um auf die Kunst zurück zu kommen, Written Art ist auch eine Kunst der Bewahrung von Schrift.

    Raumaufnahme mit Werken aus der Serie „Land of Dreams“ aus den Jahren 2019 und 2021, die mit Mitteln der Written Art Collection für die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen erworben wurden. Shirin Neshat, Gladstone Gallery, New York and Brussels, and Goodman Gallery, London and Capetown; Foto: Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Haydar Koyupinar

    Shirin Neshat

    Raumaufnahme mit Werken aus der Serie „Land of Dreams“ aus den Jahren 2019 und 2021, die mit Mitteln der Written Art Collection für die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen erworben wurden.

    Die Präsentation Ihrer Sammlung in einem Museum scheint Ihnen sehr wichtig. Ist das Philanthropie oder ein Steuermodell?
    Wo hört Philanthropie auf und wo beginnt Eigennutz? Der Firmengründer gründete eine erste Kranken- und Rentenversicherung, eine Werkskantine und Werkswohnungen. War er sozial oder eigennützig, weil Mitarbeiter, deren Grundbedürfnisse gedeckt sind, besser arbeiten? Ich kann ihn nicht mehr fragen, aber ich denke beides. Ich erhoffe mir, wenn sich Besucher mit der „Written Art“ auseinandersetzen, dass dies den Zusammenhalt unserer Gesellschaft fördern kann.

    Warum bauen Sie kein eigenes Museum? Eine zweite Written Art Collection gibt es wahrscheinlich nicht auf der Welt.
    Es gibt schon genügend Museen. Um ein eigenes Haus zu finanzieren, braucht man ein größeres Budget. Die Frage ist, wie kriege ich die Kunst in die Museen? Öffentlichkeit ist viel entscheidender. Den Testlauf dazu haben wir in Venedig auf der Biennale durchgeführt, mit Ausstellungen zu Lawrence Weiner oder Jenny Holzer. Und es hat sich herausgestellt, die Idee wird angenommen, unser Konzept ist nicht nur eine fixe individuelle Idee.

    Magie der Träume

    Shirin Neshat-Ausstellung „Living in One Land, Dreaming in Another“

    Wie in einer Ruhmeshalle hängen die 111 Foto-Porträts von Shirin Neshats neuester Serie „Dream Land“ dicht an dicht an den Saalwänden. Es hat etwas Andächtiges. Die amerikanisch-iranische Künstlerin hat sich in den 1990er-Jahren mit ihren Fotografien von Tschador-umhüllten Frauen ihren Platz in der Kunstwelt erobert. Deren Porträts hat sie mit persischen Poemen überschrieben.

    In ihrem jüngsten Werkblock

    der den Kern der Ausstellung „Living in One Land, Dreaming in Another“ in der Pinakothek der Moderne in München ausmacht, hat sie erstmals US-Amerikaner vor die Kamera geholt. Navajo-Indianerinnen, alte Militärs, Schwarze Frauen, weiße Cowboys. Bürger der Vereinigten Staaten und viele zugleich Immigranten wie die Künstlerin selbst. Wie in allen ihren vielschichtigen, eindringlichen und poetischen Porträts geht es auch hier um Identität, um Fremdheit und Zugehörigkeit.

    Die persönlichen Träume

    dieser Menschen hat Shirin Neshat kalligraphisch fein in ihrer Muttersprache Farsi auf die Fotografien geschrieben. Leer bleibt der Hintergrund bei denjenigen, die keine Träume mehr haben. Wie eine tiefenpsychologische Anleitung zu der Porträtserie erscheint ihr gleich betiteltes Video. Eine Reise voller Magie in die verdrängte Gedankenwelt unterschiedlichster Menschen, in der kulturelle Gegensätze verblassen. Die Ausstellung läuft bis 24. April 2022.

    Sie haben gerade mit der Pinakothek der Moderne in München eine zehnjährige Kooperation gestartet. Es ist kein üblicher Leihvertrag eines Werkblocks über eine Dekade. Was ist anders?
    Beide Partner glauben, dass „Written Art“ zeitgemäß ist und viele Menschen ansprechen kann. Die Pinakothek möchte Ihre Sammlung öffnen für Künstler außerhalb des Westens. Mit Hilfe der von der „Written Art Collection“ finanzierten Kuratorenstelle und des bereitgestellten Ankaufbudgets wird dies im Rahmen der zehnjährigen Zusammenarbeit möglich. Gleichzeitig werden die Ausstellungen durch Werkblöcke der „Written Art Collection“ bereichert. Die Kombination starker Werkblöcke erleichtern es, weitere Bilder der Künstler für Ausstellungen geliehen zu bekommen.

    Als Auftakt zeigt München Werke von Shirin Neshat. Bei der Ausstellungs-Eröffnung nannten Sie sie den Star Ihrer Sammlung.
    Sie gehört zweifellos zu den Top-Five meiner Sammlung. Sie verkörpert auf sehr eindringliche Weise alles, was ich hier über Written Art gesagt habe. In der jüngsten Werkgruppe „Land of Dreams“ löst sie sich erstmals ganz vom Iran und zeigt die kulturelle Vielfalt in den USA aus Sicht einer Migrantin. Trotzdem bleibt die Handschrift der Werke eindeutig die Ihre – ein westlicher Künstler könnte eine solche Arbeit nicht erschaffen. Neshats Wurzeln liegen in ihrer kulturellen Heimat begründet. Es geht bei ihr wie bei allen Werken der Sammlung um sehr universelle Fragen von Menschlichkeit. Die Ausstellung hatte am ersten Tag 1000 Besucher trotz Corona-Testpflicht. Das zeigt, wir haben den Nerv der Zeit getroffen.

    Herr Boehringer, herzlichen Dank für das Gespräch.

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