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07.01.2022

07:17

Interview

Mischa Kuball: „Ich bin vom Lichteuphoriker zum Lichtskeptiker geworden“

Von: Christiane Fricke

Der Künstler Mischa Kuball über die Schwierigkeit, heute noch mit Licht aufklärerische Impulse zu setzen und über jugendliche Anstöße, die ihn zum Künstler machten.

Der Künstler demonstriert die „Speaker's Corner“ im Hauptsaal von Museum Morsbroich. Er ist der zentrale Schauplatz seines re-inszenierten Projekts „leverkusen_transfer“. Ralph Goertz; IKS Medienarchiv; VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Mischa Kuball

Der Künstler demonstriert die „Speaker's Corner“ im Hauptsaal von Museum Morsbroich. Er ist der zentrale Schauplatz seines re-inszenierten Projekts „leverkusen_transfer“.

Düsseldorf Mischa Kuball ist mit beeindruckenden Lichtinstallationen im öffentlichen Raum bekannt geworden. Was der 62-jährige, in Düsseldorf lebende Künstler darüber hinaus geschaffen hat, ist erstmals Gegenstand einer großen Museumsausstellung. Dazu gehören Werke mit Licht, die das Publikum aktivieren, aber auch analytische Arbeiten am kulturellen Gedächtnis. Im Museum Morsbroich in Leverkusen kann man sich das breite Spektrum seiner Ideen und künstlerischen Strategien anschauen und Entdeckungsreisen in die Welten unternehmen, die er sich mit unendlicher Neugier und philosophischem Forscherdrang erschlossen hat.

Sie sind ein Künstler, der mit Licht in Verbindung gebracht wird und der es konzeptuell einsetzt. Wollen Sie Licht ins Dunkel bringen wie einst die Philosophen der Aufklärung?
Ja, mit einem kleinen Aber. Ich bin vom Lichteuphoriker zum Lichtskeptiker geworden, weil ich weiß, dass das nur in einem sehr bedingtem Rahmen möglich ist. Der Umgang mit Licht hat eine Inflation erlebt. Das Privileg, Licht wie in der Philosophie der Aufklärung an die Menschen heranzutragen, übernehmen längst auch Mitspielerinnen, die zwar über die technischen Möglichkeiten verfügen, aber keine inhaltlichen Impulse mehr setzen wollen. Früher wurde der Kirchturm, das Rathaus, der Versammlungsplatz illuminiert. Heute kann alles, auch das eigene Einfamilienhaus angestrahlt und mit einer vermeintlichen ‚Bedeutung' aufgeladen werden, die es letztlich nicht hat. Deshalb muss ich mich sehr genau fragen, wo und wann ich mit diesem Medium auftrete, um genau diesen aufklärerischen Impuls noch setzen zu können.

Ein Werk wie „New Pott“ beruht auf dem gegenseitigem Austausch von Dingen (Beleuchtung) und Gedanken. Es ist nicht als Einbahnstraße angelegt. Funktioniert Ihre Arbeit noch, wenn sie retrospektiv im Museum ausgestellt wird?
Ja, es ist ein wechselseitiger Austausch. Ich brachte – symbolisch – die Lampe mit dem eingravierten Text aus dem Johannes-Evangelium („Lux venit in mundum“), aber eben auch die Interviewfragen ein, die oft auch spontan auf die Situation reagierten. Zurückgeblieben bei den Familien ist das Licht UND die gemeinsame Erfahrung in der häuslichen Situation. Aus dem ‚Privaten‘ heraus bildete sich eine ‚öffentliche Bühne‘, wenn auch nur auf Zeit. Was mir an den Reaktionen in Leverkusen zu „New Pott“ auffällt, ist die Einschätzung dass es sich zwar um ein Zeitdokument handelt, aber doch immer noch auch Aktualität abbildet. Auch, weil die sogenannte Migrationsdebatte nichts von Ihrer Aktualität verloren hat. Ähnliches ist mit den „Bottroper Protokollen“ von Erika Runge passiert, die 1968 mitten in der Krise der Bergbauregion die Menschen im Ruhrgebiet zu ihrem Leben befragte. Aus den Interviews entstanden die „Bottroper Protokolle“.

Um Austausch und Gespräche geht es in „New Pott. Neue Heimat im Revier“ (2010). Das Projekt gab 100 Familien mit Migrationshintergrund eine Stimme. Achim Kukulies; VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Mischa Kuball

Um Austausch und Gespräche geht es in „New Pott. Neue Heimat im Revier“ (2010). Das Projekt gab 100 Familien mit Migrationshintergrund eine Stimme.

Was raten Sie einem Ausstellungsbesucher, der – ohne spezielles Hintergrundwissen – vielleicht etwas ratlos vor einer so komplexen Arbeit wie „research_desk_Nolde/Kritik/Kuball“ steht? Wie sollte er vorgehen, wenn er sich das Werk erschießen will?
Ich erkläre es an einem Beispiel: Als Zwölfjähriger fiel mir in einem Düsseldorfer Antiquariat Arno Schmidts Kurzroman „Aus dem Leben eines Faun“ in die Hände. Das Einzige, was mich damals berührt hat, war der Titel.

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    Das war ein Impuls.
    Richtig, und es war ein Anknüpfungspunkt später. Ich lernte den Literaturwissenschaftler Jan Philipp Reemtsma kennen, der Schmidts „poetisches Terrain“ daraufhin untersucht hat, wie viele Verständnismöglichkeiten es eröffnet, und den Herausgeber seiner Schriften, Bernd Rauschenbach. Und ich bin seit Jahren mit dem Werk Arno Schmidts beschäftigt. „Aus dem Leben eines Faun“ war mein erstes Buch von Schmidt und für mich ein Moment der Erweckung. Es war das Bild, das in meinem Kopf zu diesem Text entstand. Dadurch wurde meine Liebe zur Sprache geweckt, zu dieser Sprache, die Gleichzeitigkeit zum Ausdruck bringt wie bei John Dos Passos in seinem Roman „Manhattan Transfer“ (1925). Solche Wissensfelder haben zu künstlerischen Fragen geführt. Diesem Trieb, Wissen in neue Kontexte zu stellen, gehe ich in meiner Nolde-Arbeit auch nach. Die Art der Literatur war auch Vorlage für meine Intervention hier im Museum Morsbroich, als es darum ging, die Schließung des Museums auf jeden Fall zu verhindern – oder zumindest in der Öffentlichkeit zu verhandeln. Daraus entstand „leverkusen_transfer“ als Teil einer Gruppe von Werken („public preposition“), mit denen ich auf Orte im öffentlichen Raum reagiere und diese befrage.

    Herr Kuball, ich danke Ihnen für das Gespräch.

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