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22.12.2021

10:05

Jahresbilanz 2021

Inflation, neuer Reichtum und Statusdenken beflügeln den Kunstmarkt

Von: Christian Herchenröder

Trotz Pandemie war 2021 ein Jahr der Rekorde auf dem Auktionsparkett. Das Wichtigste: Die Käuferschaft hat sich entscheidend verjüngt. NFTs und Luxusgüter boomen.

Versteigert für 92,2 Millionen Dollar. Der Einlieferer, der New Yorker Immobilien-Tycoon Sheldon Solow, hatte für das im Jahr 1982 in London zu 810.000 Pfund ersteigerte Bild mindestens (unveröffentlichte) 80 Millionen Dollar erwartet (Ausschnitt). Sotheby´s

Sandro Botticelli „Junger Mann mit Rundbild“

Versteigert für 92,2 Millionen Dollar. Der Einlieferer, der New Yorker Immobilien-Tycoon Sheldon Solow, hatte für das im Jahr 1982 in London zu 810.000 Pfund ersteigerte Bild mindestens (unveröffentlichte) 80 Millionen Dollar erwartet (Ausschnitt).

Berlin Es war vorauszusehen. Als am 1. Dezember bei Christie’s in Hongkong Amoako Boafos gelbgrundiges Gemälde „Hands up“ von 2018 gegen Unterbieter aus New York und London einem asiatischen Käufer für 3,4 Millionen US-Dollar zugeschlagen wurde, war das ein kalkulierter Triumph.

Der 37 Jahre alte Maler aus Ghana ist erst 2020, als sich seine Preise blitzschnell verzehnfachten, zu einer global begehrten Marktikone geworden. Jetzt liegen sie schon beim Hundertfachen dessen, was seine kalifornische Stammgalerie Roberts noch 2019 für Boafos markanten Darstellungen Schwarzer Menschen forderte.

Der Hype um Boafo ist charakteristisch für einen Trend, der das Marktjahr 2021 prägte: die starke Position der sogenannten aufstrebenden Künstler der Generation bis 40, die in den Auktionen in London, New York und Hongkong ihre Preise multiplizierten.

Trend 1: Unter 40

Neben Boafo traten unter anderen die Amerikanerin Avery Singer hervor. Singers computergesteuerte Bilder liegen bislang bei 4,5 Millionen Dollar. Für ihre in starken Farben malende Landsmännin Shara Hughes konnte Phillips in der Spitze 1,5 Millionen US-Dollar einnehmen.

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    Der Hype gilt auch dem 2019 mit 35 Jahren gestorbene Kanadier Matthew Wong. Dessen hohe Preise schnellten bereits im Dezember 2020 von 80.000 auf 4,9 Millionen US-Dollar. Diese Notierungen sind nicht zuletzt Ausfluss einer Spekulationswelle, die zurzeit eine Reihe vielversprechender, vor allem Schwarzer Künstlerinnen und Künstler erfasst. Für die Auktionshäuser sind sie eine Morgengabe, von der sie noch lange zehren. 

    Sotheby's Verkaufsraum präsentiert sich kamerafreundlich gestylt. Sotheby's

    Umschlagplatz für Kunstwerte

    Sotheby's Verkaufsraum präsentiert sich kamerafreundlich gestylt.

    Trend 2: Die Erholung

    Es gibt generell genug Grund zu feiern. Die Erholung der Kunstmärkte in epidemischer Zeit hat sich fortgesetzt und es sieht fast so aus, als habe gerade die Corona-Phase den Absatz und die Preise beflügelt. Eines war schon im Herbst 2020 klar: Die Pandemie hat ein strategisches Umdenken gefördert. Alle Häuser müssen sich auf eine jüngere Käufergeneration einstellen.

    Ein Viertel der Bieter ist unter 40, in Hongkong sind es sogar 30 Prozent. Ein Drittel aller Lose, und nicht nur das gehätschelte Luxusgut, wurde in Online only-Auktionen transferiert. Selbst Online-Gebote in Millionenhöhe sind auch in Live-Auktionen keine Seltenheit mehr.

    Aber die marktbeherrschenden Sammelgebiete hatten in diesem Jahr einen grandiosen Auftritt. Laut dem Forschungsinstitut ArtTactic hat der Markt für Altmeister, Impressionisten, Moderne und zeitgenössische Kunst 2021 mit einem Allzeithoch von 6,6 Milliarden Dollar selbst das Spitzenjahr 2018 überrundet.

    Rückkehr an die Börse nicht ausgeschlossen

    Auch der Jahresumsatz von Sotheby’s bestätigt diesen Trend. Das Auktionshaus hat in Auktionen 5,9 Milliarden und mit Privatverkäufen 1,3 Milliarden Dollar umgesetzt – ein Rekorderlös in der Geschichte des Auktionsriesen. Allein die Macklowe Collection mit Nachkriegskunst, deren zweiter Teil im Mai versteigert wird, bescherte mit 676 Millionen Dollar den höchsten Auktionserlös des Jahres. Angesichts dieser Erfolge wird bereits von Sotheby’s Rückkehr an die Börse gemunkelt. 

    Christie’s beziffert seinen Gesamtumsatz mit 7,1 Milliarden Dollar für 2021. 1,7 Milliarden davon entfallen auf Private Sales: ein Rekord. Ganz oben in der Gewinnskala liegt das Luxus-Segment mit 980 Millionen Dollar Umsatz. 

    Der 37 Jahre alte Maler aus Ghana wurde binnen kürzester Zeit zu einer global begehrten Marktikone hochgejubelt (Ausschnitt). Christie's; VG Bild-Kunst, Bonn 2021

    Amoako Boafo „Hands up“

    Der 37 Jahre alte Maler aus Ghana wurde binnen kürzester Zeit zu einer global begehrten Marktikone hochgejubelt (Ausschnitt).

    Aber auch andere Markt-Repräsentanten haben deutlich zugelegt. Das drittgrößte Auktionshaus Phillips verkündet einen Spitzenerlös von 1,2 Milliarden Dollar. Allein der Jahresumsatz von Armbanduhren stieg bei Phillips auf 209,3 Millionen Dollar.

    Das Berner Haus Kornfeld hatte 2021 mit 75 Millionen Schweizer Franken das beste Resultat seiner Firmengeschichte, und das mit nur fünf Auktionen. Bei Koller wurden ganzjährig 80 Millionen Franken eingespielt.

    Ketterer Kunst kann sich mit dem Rekorderlös von 88 Millionen Euro und 15 Zuschlägen über 1 Million Euro wieder an die Spitze der deutschen Häuser setzen. Grisebach in Berlin erzielte mit 55,3 Millionen Euro das beste Gesamtergebnis seiner 35-jährigen Geschichte. Lempertz nennt 51 Millionen Euro Umsatz. Van Ham ist mit 40,1 Millionen Euro erfolgreich. 

    Trend 3: Garantien

    Es gibt Tendenzen, die für das ganze Marktjahr symptomatisch sind und die das Auktionsgeschehen beherrschen. Die Macht der Garantie wäre da zu nennen. Laut ArtTactic waren in den New Yorker Herbst-Auktionen impressionistischer, moderner und zeitgenössischer Kunst von Sotheby’s, Christie’s und Phillips 83 Prozent der Umsätze durch garantierte Lose abgesichert: auch das ein neuer Rekord. So setzt sich die Auflösung der Marktransparenz, die auch durch den Verzicht auf Kataloge als Nachschlagewerke und bleibende Marktdokumente gefördert wird, immer stärker fort. 

    Das Münchener Auktionshaus kann sich mit dem Rekorderlös wieder an die Spitze der deutschen Häuser setzen. Ketterer Kunst

    Auktionator Robert Ketterer und Nicola Gräfin Keglevich

    Das Münchener Auktionshaus kann sich mit dem Rekorderlös wieder an die Spitze der deutschen Häuser setzen.

    Unübersehbar ist eine Spaltung des Marktes in einen organisch wachsenden und in einen digital transformierten Bereich. Sie begann im zweiten Halbjahr 2020 im Schlagschatten der Corona-Krise, als Auktionshäuser, Kunstmessen und Galerien ihre Netzpräsenz ausbauen mussten, eine Präsenz, die 2021 mehr als ein Surrogat geworden ist: eine unverzichtbare Alternative. Bei Phillips lag das digitale Engagement bei 25 Prozent und die Online-only-Auktionen wuchsen um 417 Prozent seit 2019. 

    Trend 4: Kryptokunst

    Der digitale Markt, gefördert durch die Fixierung auf Kryptowährungen und Blockchain-basierte, digitale Kunstwerke, Non-Fungible Token (NFT), hat zu einer fundamentalen Neuausrichtung der Auktionsstrategie und der Angebotspalette geführt.

    Christie’s Chef Guillaume Cerutti betont in seiner Saisonbilanz, dass er auf diesen Markt baut. Denn der gibt dem Haus die Möglichkeit „sich intensiv für ein neues Publikum und neue Künstler, eine neue Generation von Sammlern, expansivere und inklusive Märkte zu engagieren.” 

    Sotheby’s verkündet in seiner Jahresbilanz den „kometengleichen Aufstieg der NFTs“ und berichtet, dass 78 Prozent der einschlägigen Bieter neue Kunden in der Mehrzahl unter 40 Jahren waren. Sotheby’s hat sich in dem Kryptokunstmarkt schon mit dem Online-Marktplatz Metaverse am weitesten vorgewagt.

    Das Berliner Auktionshaus erzielte mit 55,3 Millionen Euro das beste Gesamtergebnis seiner 35-jährigen Geschichte. Grisebach

    Im Auktionssaal von Grisebach

    Das Berliner Auktionshaus erzielte mit 55,3 Millionen Euro das beste Gesamtergebnis seiner 35-jährigen Geschichte.

    Der Jahresbericht verkündet „100 million NFT sales“ mit 78 Prozent neuer Bieter. Darunter ist Justin Sun, der Gründer der Kryptowährungs-Plattform Tron, der im November Alberto Giacomettis Bronzeskulptur „Le nez“ für 78,4 Millionen US-Dollar in einer Live-Auktion ersteigerte. 

    Ob dies ein Einzelfall bleibt oder ob neue Kunden auf breiter Basis gewonnen werden, sei dahingestellt. Es ist jedenfalls ein Paradebeispiel dafür, dass sich der traditionelle physische Kunstmarkt mit einem ausschließlich digitalen Parallelmarkt verbindet. Skeptiker halten die NFT-Erfolge für eine Blase. Aber die Verkäufe in diesem Sektor sind laut Hiscox Report bis zum Oktober 2021 bereits auf 3,5 Milliarden Dollar angewachsen und es ist noch kein Ende dieses Booms abzusehen. 

    In der letzten Woche standen vorwiegend junge Besucher vor der Berliner König Galerie Schlange, um eine spektakuläre Ausstellung des türkischen NFT-Künstlers Refik Anadol zu sehen. Von ihm konnte Sotheby‘s in Hongkong eine Arbeit für umgerechnet rund 2,4 Millionen Dollar versteigern.

    Trend 5: Mehr Luxus

    Auch das ist ein prägender Trend: Einen extremen Zuwachs hat das Luxussegment im zweiten Corona-Jahr erfahren. Sotheby’s meldet, dass zum ersten Mal die Traummarke von 1 Milliarde Dollar erreicht wurde: mit Juwelen, Armbanduhren, Handtaschen, Wein, Spirituosen und Streetwear.

    Die Auktionshäuser und Non Fungible Token: Kampf um die Vorherrschaft auf dem Markt für Kryptokunst

    Die Auktionshäuser und Non Fungible Token

    Kampf um die Vorherrschaft auf dem Markt für Kryptokunst

    Sotheby’s ist das einzige Auktionshaus mit einer eigenen Plattform für Kryptokunst. Christie’s kooperiert mit dem gut eingeführten NFT-Marktplatz OpenSea.

    Josh Pullan, der Chef von Sotheby’s globaler Luxusabteilung, gibt zu Protokoll: „Eine neue Generation von Luxusgut-Sammlern ist im Markt, mit einer total frischen Einstellung. Ihr Luxusbegriff geht über die traditionellen Kategorien hinaus, bis in die animierende Welt des Streetwear - Mode, Sneaker, Scateboards - in der Künstler und Designer Kleidung in Kunst verwandeln.” 

    Christie’s konnte eine Hermès-Handtasche aus weißem Krokoleder mit Diamant besetzter Schließe für über eine halbe Million US-Dollar versteigern. Und erlöste allein 90 Millionen Schweizer Franken in den Genfer Luxusgut-Auktionen, wo es Rekordgebote für Weine aus Bordeaux gab. 40 Prozent der aktiven Weinkäufer kommen aus Asien und der amerikanischen Westküste. Das motiviert Christie’s, ein Zentrum für Weinauktionen in Los Angeles zu etablieren. 

    Trend 6: Käufer in Asien

    Die Kunstauktionen der drei großen Häuser zehren von der Kauflust asiatischer Sammler, die immer stärker auch die westliche Kunst ersteigern. Das Interesse reicht von Botticelli, dessen für 92 Millionen Dollar versteigertes Porträt bei Sotheby’s ein asiatischer Unterbieter begehrte, über Claude Monet bis Gerhard Richter. Noch sind die Absatzraten in den Auktionen in Hongkong hoch und der Galeriemarkt in China zeigt keine Ermüdung. 

    Phillips setzt auf Expansion in Asien und wird in einen Neubau der Architekten Herzog & de Meuron im Kulturdistrikt von Hongkong einziehen. Im Oktober eröffneten 14 internationale Galerien, darunter Esther Schipper aus Berlin, Lisson aus London und Lehmann Maupin aus New York Pop-up Räume in einem neuen Kunstzentrum in Peking für drei Monate.

    Das Geschäft mit statusbewusstem Luxus floriert. Die Handtasche aus weißem Krokoleder mit Diamant besetzter Schließe konnte Christie's für über eine halbe Million US-Dollar versteigern.

    Handtasche von Hermès

    Das Geschäft mit statusbewusstem Luxus floriert. Die Handtasche aus weißem Krokoleder mit Diamant besetzter Schließe konnte Christie's für über eine halbe Million US-Dollar versteigern.

    Gleichzeitig aber waren die zwei Herbstmessen in Shanghai von einer plötzlichen Schließung zweier Museen überschattet. Sie erfolgte kommentarlos und wird als Zeichen politischer Zensur gedeutet. 

    Ungeachtet dieser Konstellation waren auf den zwei Messen in Shanghai besonders die Werke junger Künstler bei Sammlern unter 40 Jahren begehrt. Ein Bild, das von der Art Basel abweicht, auf der Verkäufe in der Preiskategorie 1,2 bis 6,5 Millionen Dollar — für ein Gemälde von Philip Guston bei Hauser & Wirth — an der Tagesordnung waren. 

    Der von der Art Basel und der UBS initiierte „Mid Year Review 2021“ verkündet einen beachtlichen Anstieg von HNW-Sammlern, den Superreichen in aller Welt, um 42 Prozent, der vor allem die Generation der „Millennials“ erfasst: Personen, die zwischen 1981 und 1996 geboren sind. Das manifestiert sich nicht zuletzt in den neuen Käufern auf Auktionen. Nach Schätzungen des „Global Wealth Report“ wird das globale Vermögen in den nächsten fünf Jahren um 39 Prozent auf 583 Billionen ansteigen. 

    Dieser neue Reichtum nährt auch das Kunstgeschäft. Denn nicht nur die galoppierende Inflation, die in den USA schon bei 7 Prozent liegt, sondern auch der Mangel an Anlage-Möglichkeiten und nicht zuletzt ein immer stärker ausgeprägtes Statusdenken wird den Kunstmarkt weiter beleben. Nur Kriege oder ein Crash der chinesischen Wirtschaft könnten dem Wachstum ein Ende setzen. 

    Mehr: Rückblick auf den Kunstmarkt im ersten Halbjahr: Auf Wachstum programmiert: 16 Millionen-Zuschläge in einer Saison

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