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24.03.2022

14:14

Katar

Machtpolitik mit kostbarer Kunst

Von: Olga Grimm-Weissert

Der Golfstaat investiert diskret Milliarden in Kunst und Kultur. Und sichert sich damit in Frankreich Einfluss bei den Top-Entscheidern von Regierung und Kulturszene.

Die Stiftung "Al Thani Collection" hat sich für 20 Jahre eine Etage im noblen Hôtel de la Marine an der Place de la Concorde gesichert. Jean-Pierre Delagarde CMN

Imperialer Anspruch

Die Stiftung "Al Thani Collection" hat sich für 20 Jahre eine Etage im noblen Hôtel de la Marine an der Place de la Concorde gesichert.

Paris In unregelmäßigen Abständen versorgt der kleine Golfstaat Katar die Medien mit hochkarätigem Stoff zum Träumen: An- und Verkäufe von Eins-A-Immobilien, Ausstellungen von erlesenen Kunstschätzen, die königliche Macht demonstrieren, Auktionsverkäufe oder Finanzspritzen für Kulturinstitutionen.

Dabei gelingt es den Katarern ständig die Eigentumsverhältnisse zu verschleiern. Egal, ob es sich um Finanztransaktionen großer Firmen oder Privatstiftungen mit einer möglichen Beteiligung des Staates handelt, was wem gehört, bleibt meist unklar.

Ende Februar erfuhr man in der Presse den – nicht bestätigten – Verkauf des teuersten Pariser Stadtpalais „Hôtel Lambert“. Die noble Stadtresidenz hat seit dem 17. Jahrhundert auf der Seine-Insel Saint-Louis Geschichte geschrieben.

Seit 2007 gehörte sie dem früheren Innenminister von Katar, Scheich Abdullah bin Khalifa Al Thani. Der hat es angeblich für rund 200 Millionen Euro verkauft. Käufer soll der Milliardär Xavier Niel sein, Gründer und Betreiber des Telefon- und Internetzugangs Illiad und „free“, wie mehrere Medien berichteten.

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    Das Wirtschafts-Magazin „Challenge“ schätzt Xavier Niels Vermögen auf 8,8 Milliarden Euro. Der finanzstarke Selfmademan lebt zusammen mit Delphine Arnault, der Tochter des französischen Multimilliardärs Bernard Arnault, der unter anderem über LVMH und die Stiftung Louis Vuitton in Paris in der Kunstwelt agiert.

    Der rührige Niel betreibt Europas größten Startup-Campus, die Pariser „Station F“. An dieser ist auch die Firma Qatar Financial Center (QFC) beteiligt. So wäscht eine Hand die andere.

    Da Katars Investoren in Frankreich von diversen Steuern befreit sind, zum Beispiel von der Besteuerung der Wertsteigerung bei Immobilienverkäufen, wäre der Verkauf des 4000-Quadratmeter-Hauses für Scheich Abdullah bin Khalifa Al Thani interessant.

    Die kleine Büste besteht aus zwei Teilen: Der Kopf stammt aus einer Werkstatt des Staufer-Kaisers Friedrich II. Den edlen Brustpanzer fertigten venezianische Goldschmiede im Barock. The Al Thani Collection 2018. Foto: Todd-White Art Photography

    Hauptwerk

    Die kleine Büste besteht aus zwei Teilen: Der Kopf stammt aus einer Werkstatt des Staufer-Kaisers Friedrich II. Den edlen Brustpanzer fertigten venezianische Goldschmiede im Barock.

    Denn er hatte das Stadtpalais für 60 Millionen Euro erworben. Trotz aufwendiger Restaurierungsarbeiten, die sein Sohn Hamad bin Abdullah Al Thani überwachte, bliebe ihm eine satte Marge.
    Der 40-jährige Dandy Hamad bin Abdullah Al Thani ist derzeit die Schlüsselfigur der „Soft Power made in Katar“, einer beliebten außenpolitischen Strategie, die auf Kultur setzt. Er kaufte die außerordentlichen Kultobjekte, Manuskripte, Waffen, Juwelen und sonstigen Schätze für die „Collection Al Thani“.

    Von der Firma Qatar Investment & Projects Development (Qipco) und der „Collection Al Thani Foundation“ verwaltet, waren die Objekte bereits in New York, Peking, Tokio, Paris und im Schloss Fontainebleau ausgestellt worden.

    Ende letzten Jahres schlug die Sammlung ihr Hauptquartier im Pariser „Hôtel de la Marine“ am Concorde-Platz auf. Der frühere Sitz der französischen Marine wird nach jahrelangen Umbauten von der staatlichen Behörde „Centre des Monuments Nationaux“(CMN) als möbliertes Museum verwaltet, das man mit Kopfhörern begeht.

    Die 400 Quadratmeter des ersten Stockwerks sind zwanzig Jahre lang für die Schätze der Collection Al Thani reserviert. Dafür begleicht die private Fondation Collection Al Thani den Betrag von 20 Millionen Euro. Der sei aber keineswegs eine Miete, wie der CMN-Verwalter Jocelyn Bouraly dem Handelsblatt versichert, sondern eine Finanzhilfe zu den 130 Millionen Euro Renovierungskosten.

    Die Sammlung beansprucht in allem den Superlativ. Sie überspannt sechs Jahrtausende auf allen Kontinenten. Sie erwirbt ausschließlich exzeptionelles Kulturgut, bei den besten Händlern der Welt und auf Auktionen. Eines der Spitzenstücke ist die kleine Büste des Kaisers Hadrian:

    Nur das Beste aus Südamerika: Eine Maske der Maya mit farbigen Einlagen aus Guatemala. Al Thani Collection 2021 Foto: Marc Domage

    Aus allen Epochen und Erdteilen

    Nur das Beste aus Südamerika: Eine Maske der Maya mit farbigen Einlagen aus Guatemala.

    Der antike Kopf des Hohenstaufen-Kaisers Friedrich II. wurde im 13. Jahrhundert in Süditalien überarbeitet, wogegen der von einem venezianischen Goldschmied gefertigte Brustpanzer aus dem 16. Jahrhundert stammt.

    Historische Raritäten von großem künstlerischen Wert vermitteln oft die Pariser Antiquitätenhändler Nicolas und Alexis Kugel. Die Beschreibung in den Sammlungskatalogen legt nahe, dass sie die Verkäufer sind.

    Eine weiße, mehr als 3000 Jahre alte „Sternenbetrachterin“ aus Marmor stammt aus Vorderasien und besticht mit ihrer abstrakten Form. Der in New York tätige deutsche Händler Heinrich Schweizer lieferte vermutlich die dunklen afrikanischen Köpfe aus Gabun für die Schatzansammlung. Auch er zeichnet für die lieferte die Katalogbeschreibung.

    Als Teile der Sammlung 2018 im Schloss Fontainebleau gezeigt wurden, lautete der programmatische Titel der Schau „Könige der Welt. Kunst und königliche Macht anhand der Meisterwerke der Collection Al Thani“. Die Ansammlung von Schätzen entspricht also der Machtstellung der Herrscher, wenn man den Goldlettern auf dem Katalog Glauben schenkt.

    Scheich Hamad bin Abdullah Al Thani ist ein Dandy im Dienst der Außenpolitik. Er kauft meist die Kunstschätze für die Sammlung an. Hier 2018 auf einer Hochzeit in Windsor. Getty Images

    Gut vernetzt in Europa

    Scheich Hamad bin Abdullah Al Thani ist ein Dandy im Dienst der Außenpolitik. Er kauft meist die Kunstschätze für die Sammlung an. Hier 2018 auf einer Hochzeit in Windsor.

    Diese Macht untergrub eine Pariser Gewerkschaft im November 2021 mit einem Streik der Aufseher anlässlich der geplanten Eröffnung der Säle für die Al Thani Sammlung. Das Personal fand seine unsicheren Arbeitsplätze im Verhältnis zu den dargebotenen Milliardenwerten und dem luxuriösen Dinner mit Staatspräsident Emmanuel Macron unwürdig. Da in Frankreich zuerst gestreikt und erst dann verhandelt wird, blieb das Palais aus dem 18. Jahrhundert zunächst einmal geschlossen.

    Es ist wenig wahrscheinlich, dass Scheich Hamad bin Abdullah Al Thani diesen Protest wahrgenommen hat, denn der weltweit größte Antiquitätenkäufer war wohl wieder in eine seiner spektakulären Residenzen in London oder Doha abgereist.

    Wenn die Herrscher von Katar etwas versteigern lassen möchten, machen sie es wie andere Sammler auch. Sie organisieren vorher zur Wertsteigerung eine Ausstellung. Nach der protzigen Schau mit Juwelen und Schmuck unter dem Titel „Von den Großmoguls zu den Maharadschas“ 2017 im Pariser Grand Palais erhielt Christie’s zwei Jahre später 350 Schmuckstücke und Edelsteine eingeliefert. Die Preziosen brachten der Collection Al Thani dann 109 Millionen Dollar.

    Vorliebe für Rennpferde

    Neben Juwelen und Immobilien mögen die Herrscher von Katar auch Rennpferde. In der Normandie besitzen sie mehrere Gestüte. Vermutlich beteiligen sie sich an den Pferdeauktionen von Arqana in Deauville, denn sie besuchen regelmäßig das Hippodrome der Stadt. Bei einem Besuch entdeckten sie die Renovierungsarbeiten des aufgelassenen Klosters „Les Franciscaines“, das die Stadt Deauville zu einem durchdachten und ästhetisch ansprechenden Kulturzentrum umbauen ließ.

    Der vom Projekt begeisterte Botschafter von Katar bot sogleich finanzielle Unterstützung an, worauf das Emirat zum „Ehrenmäzen“ ernannt wurde, wie die Direktorin der „Franciscaines“, Caroline Clemensat, dem Handelsblatt erklärt. Und das, obwohl der Stadtrat, laut telefonischer Aussage des Bürgermeisters Philippe Augier, bloß 400.000 Euro in Raten annahm. Die Botschaft von Katar ließ eine Handelsblatt-Anfrage unbeantwortet.

    Bisher war Katar für seine drei Schwerpunkte: Universitäten – Museen – Sport im Emirat bekannt. Mit der Fußballweltmeisterschaft in Doha ab November diesen Jahres wird diese Trias einen lokalen Höhepunkt erreichen. Da es im Vorfeld viel Kritik an der Fußballweltmeisterschaft gibt, ist die kulturelle Softpower in Frankreich mehr als bloßes Mäzenatentum. Sie ist immer auch Machtpolitik.

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