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05.01.2022

12:16

Klassische Moderne

Raus aus dem Museum und unter den Hammer: Ketterer versteigert die Expressionismus-Sammlung Gerlinger

Von: Sabine Spindler

Hermann Gerlinger hat seine bedeutende Expressionismus-Sammlung aus dem Buchheim Museum abgezogen. 1000 Werke sollen bei Ketterer versteigert werden.

Der Kunstsammler zieht 1000 Werke aus dem Buchheim Museum ab, um sie bei Ketterer versteigern zu lassen. AP Photo/Eckehard Schulz

Hermann Gerlinger

Der Kunstsammler zieht 1000 Werke aus dem Buchheim Museum ab, um sie bei Ketterer versteigern zu lassen.

München Es war nicht das erste Mal, dass der Würzburger Expressionismus-Sammler Hermann Gerlinger seine Leihgaben aus einem Museum frühzeitig wieder abzog. Aber nach dem Aus im Buchheim Museum gibt es nun für öffentliche Häuser endgültig keine Hoffnungen mehr auf eine der größten und bedeutendsten Privatsammlungen mit hundertprozentigem Fokus auf die Maler der Dresdner Künstlergruppe „Brücke“.

Gerlingers Sammlung mit nicht ganz 50 Gemälden und über 900 Aquarellen und Grafiken des deutschen Expressionismus wird in den kommenden vier Jahren bei Ketterer versteigert und dann wohl in alle Himmelsrichtungen verstreut.

Im Mittelpunkt stehen Werke von Ernst Ludwig Kirchner, Karl Schmidt-Rottluff, Ernst Heckel und Fritz Bleyl, die die bahnbrechende Künstlergruppe „Die Brücke“ 1905 gegründet haben. Bereits im Juni ruft der Münchner Versteigerer die erste Tranche während der Auktionen mit moderner und zeitgenössischer Kunst auf.

Einer der Glanzpunkte wird Ernst Ludwig Kirchners „Das blaue Mädchen in der Sonne“ von 1910 sein. Das Gemälde aus der Frühzeit der Avantgarde ist mit seinen übersteigerten Farben und mit der durch eine harte Linie umrissenen Figur nur eines der Meisterwerke aus Gerlingers Sammlung.

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    Mit welcher Kennerschaft der Unternehmer gesammelt hat, zeigen ebenso Schmidt-Rottluffs „Rote Düne“ von 1913 oder Heckels schroff und zugleich zärtlich gemalten „Zwei Mädchen am Wasser“ von 1910.

    Der Expressionismus-Markt wird durch die Sammlung Gerlinger einen Input hochkarätiger Ware erhalten, die Händler und Sammler wahrscheinlich schon abgeschrieben hatten. Denn Gerlinger selbst sprach 2017 kurz nach dem Zustandekommen des zehnjährigen Leihvertrages mit dem Buchheim-Museum von einer „hoffentlich endgültigen Heimstatt“ seiner Sammlung.

    „Das blaue Mädchen in der Sonne“ von 1910 gehört zu den Höhepunkten expressionistischer Malerei in der Sammlung Gerlinger (Ausschnitt). Katalog Sammlung Gerlinger

    Ernst Ludwig Kirchner

    „Das blaue Mädchen in der Sonne“ von 1910 gehört zu den Höhepunkten expressionistischer Malerei in der Sammlung Gerlinger (Ausschnitt).

    Die Hoffnung hielt nur vier Jahre. Laut einer Pressemitteilung des Buchheim Museum kam es bereits im März 2021 zum Aufhebungsvertrag „Wegen grundlegender Meinungsverschiedenheiten über die Durchführung des Leihverhältnisses“.

    Das Museum weiß, was es verliert. „Das ist der fetteste Bissen, den ein Auktionshaus kriegen kann“, kommentierte Buchheim-Museum-Direktor Daniel J. Schreiber die Kehrtwende des einstigen Partners im Gespräch mit dem Handelsblatt.

    Noch bis vor kurzem verfügte das Museum am Starnberger See durch die Zusammenführung der Expressionisten-Sammlungen Lothar Günther Buchheims und Hermann Gerlingers über einen der größten Werk-Bestände von Malern, die aus der „Brücke“ hervorgegangen sind. Schreiber bedauert, dass die „einzigartige Qualität dieser systematisch und durchgängig angelegten Sammlung durch die Versteigerung aufgelöst“ wird.

    Gerlinger besitzt hervorragende Werkkomplexe von Heckel und Schmidt-Rottluf von der frühen Phase der Stilfindung bis zum reifen Alterswerk. Das Buchheim-Museum listete durch den Leihgabenzuwachs bis vor Kurzem allein 500 Werke von Heckel. Eine komplexe und vielschichtige Ausstellung wie „Heckel Einfühlung und Ausdruck“ im vergangenen Jahr ließ ahnen, welche Quelle für Kunstwissenschaft und Museumsarbeit sich auftat.

    Kantig, schroff und doch voller Zartheit malte Erich Heckel 1910 sein Gemälde „Zwei Mädchen am Wasser“. Es kommt als Teil des umfangreichen Versteigerungskonvolut der Sammlung Gerlinger bei Ketterer Kunst unter den Hammer. Katalog Slg. Gerlinger; VG Bild-Kunst, Bonn 2022

    Erich Heckel

    Kantig, schroff und doch voller Zartheit malte Erich Heckel 1910 sein Gemälde „Zwei Mädchen am Wasser“. Es kommt als Teil des umfangreichen Versteigerungskonvolut der Sammlung Gerlinger bei Ketterer Kunst unter den Hammer.

    Seit den 1950er-Jahren hat der Ingenieur und Unternehmer in der Sanitär- und Installationsbranche seine Sammlung aufgebaut. Er gilt heute als einer der profundesten Brücke-Kenner. Sein gemeinsam mit dem Kunsthistoriker Heinz Spielmann verfasster Sammlungskatalog „Die Maler der Brücke“ ist ein Standardwerk der Expressionismus-Literatur.

    Doch so groß wie Gerlingers Renommee als Experte ist auch sein Ruf als kompromissloser und fordernder Leihgeber. Unterschiedliche Vorstellungen über Präsentation seiner Sammlung und Ausstellungsbedingungen haben das Intermezzo in Schloss Gottdorf nur von 1994 bis 2001 dauern lassen. Die Kooperation mit dem Kunstmuseum Moritzburg scheiterte 2015 nach damaligen Aussagen des Museumsdirektors Thomas Bauer-Friedrich am Beharren des Sammlers auf einen eigenen 500 Quadratmeter großen Ausstellungstrakt.

    Die Entscheidung des 90-jährigen Hermann Gerlinger zum Verkauf seiner Sammlung ist nach dieser Museumsodyssee vor allem eine Botschaft der endgültigen Absage an die Institutionen. Dass er, wie Ketterer vermeldet, der nächsten Sammlergeneration eine Chance geben will, ummäntelt die Auktion mit falscher Tugend.

    Aber dieser Schlusspunkt einer beachtlichen, sammlerischen Lebensleistung ist garantiert frei von monetärem Eigennutz. Der Sammler spendet seinen Erlös der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, BUND Naturschutz und der Stiftung Juliusspital in Würzburg.

    Für den Kunstmarkt wird das geballte Angebot zum Gradmesser, ob der Expressionismus durch die Fülle des Materials einen neuen Schub bekommt. Grafische Werke haben bis auf wenige Inkunabeln keinen leichten Stand. Höchstpreise hingegen versprechen die Schlüsselwerke aus der Brücke-Zeit. Mit ihnen wird Ketterer die vage umschriebene Erwartung eines zweistelligen Millionen Euro-Betrags erfüllen.

    Mehr: Abendauktion bei Ketterer in München: Gudrun und Robert Ketterer: Die Millionenjäger

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