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20.01.2022

11:53

Kulturpolitik

Privatsammlungen im Museum: Prekäre Interessen

Von: Christiane Fricke

Der Abzug der Sammlung Gerlinger aus dem Buchheim Museum und eine Bonner Tagung zeigen: Die Interessen von Öffentlichkeit und privaten Leihgebern müssen immer wieder neu justiert werden.

Die Leihgaben des Malers und Bildhauers Georg Baselitz, (l-r) "Die Freunde IV" von 1966, "Ein neuer Typ" von 1966 und "Der moderne Maler" von 1965 in der Hängung von 2015. Peter Kneffel/dpa

Baselitz-Kunst in Pinakothek der Moderne

Die Leihgaben des Malers und Bildhauers Georg Baselitz, (l-r) "Die Freunde IV" von 1966, "Ein neuer Typ" von 1966 und "Der moderne Maler" von 1965 in der Hängung von 2015.

Düsseldorf Wer privat über viele Jahrzehnte mit Kompetenz und Herzblut eine Sammlung aufgebaut hat, möchte nicht selten, dass dieser aus eigener Kraft gehobene Schatz der Kulturgeschichte der Nachwelt erhalten bleibt. Doch der Traum vom Museum als Endstation erfüllt sich nur in seltenen Fällen. Sprachlos macht, dass er sogar im Fall einer so unbestritten einzigartigen Kollektion, wie sie der fränkische Unternehmer Hermann Gerlinger zur Künstlergruppe „Brücke“ zusammengetragen hat, gescheitert ist.

Man kann sich vorstellen, was das für den 90-Jährigen für ein Drama sein muss. Und welchen Verlust das Buchheim Museum in Bernried zu verkraften hat, das mit einem Schlag seine Dauerleihgabe mit rund 1100 Werken der Brücke-Künstler verlor; und zwar bereits nach der Hälfte der ursprünglich auf zehn Jahre vereinbarten Laufzeit der Leihgabe. Nun kommt, wie berichtet, der Bestand bis 2025 beim Münchener Auktionshaus Ketterer zu wohltätigen Zwecken unter den Hammer und wird in alle Welt zerstreut.

Der Fall Gerlinger illustriert, wie schwierig es sein kann mit dem Geben und Nehmen zwischen privaten Leihgebern und öffentlichen Museen. Wobei der Öffentlichkeit die Hintergründe für den Abzug der Sammlung vorenthalten werden. Lediglich von grundlegenden Meinungsverschiedenheiten über die Durchführung des Leihverhältnisses ist offiziell die Rede.

Hätte das Publikum nicht das Recht, mehr zu erfahren? Es könnte zum Beispiel auch fragen, warum Museumsdirektor Daniel J. Schreiber sich die Chance entgehen ließ, das Buchheim Museum mit den zusammengeführten Sammlungen Buchheim und Gerlinger zu einem Mekka für die Liebhaber der Klassischen Moderne zu machen.
„Ich würde es wieder so machen“, beantwortet Schreiber die Handelsblatt-Frage, ob das Museum etwas falsch gemacht hat. Man habe mit dem Sammler präzise vertragliche Vereinbarungen getroffen, einschließlich Ausstiegsklausel. „Wir hatten es sehr klar geregelt“. Ausstellungskonzeption, Werkauswahl und Hängung etwa lag im Verantwortungsbereich des Museums. „Wir blieben immer handlungsfähig“. Das ist ihm wichtig; und dass das Museum von Gerlinger eine Entschädigung erhielt für Ausgaben in Verbindung mit der Leihe sowie für entstehende Kosten, die durch die Aufnahme alternativer Leihgaben entstehen.

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    Was „Handlungsfähigkeit“ für ein Museum bedeutet, lässt die Vorgeschichte der Dauerleihgabe Sammlung Gerlinger im Kunstmuseum Moritzburg, Halle, erahnen. Museumsdirektor Thomas Bauer-Friedrich fand, als er 2014 neu antrat, „eine Art Privatmuseum innerhalb des öffentlich finanzierten Museums vor“. Man hätte die Museumsarbeit gleichsam um den Gerlinger-Komplex herum organisieren müssen.

    „Junger Wald und Sonne“ der Gerlinger-Sammlung, dahinter Ernst L. Kirchners „Berglandschaft“ aus der Buchheim Stiftung. Sammlung Gerlinger; Buchheim Stiftung / VG Bild-Kunst, Bonn, 2022 für Schmidt-Rottluff

    Karl Schmidt-Rottluff

    „Junger Wald und Sonne“ der Gerlinger-Sammlung, dahinter Ernst L. Kirchners „Berglandschaft“ aus der Buchheim Stiftung.

    Der Sammler habe alles vorgegeben, von den Ausstellungsthemen bis zu den Pressetexten. Versuche, darauf Einfluss zu nehmen und einen Dialog auf Augenhöhe zu führen, seien gescheitert. 2017 kam es dann zum Bruch. Nach 16 Jahren, über 30 Ausstellungen, wiederholten Abzugsdrohungen, einem Erweiterungsbau, der mit Blick auf die Dauerleihgabe überhaupt erst politisch durchgesetzt werden konnte, und schließlich dem unklaren Verlust einer Zeichnung, deren Wert ausgeglichen wurde.

    Hermann Gerlinger erklärt auf Nachfrage des Handelsblatts, die Leihgabe sei aus seiner Sicht ausschließlich deshalb beendet worden, weil ein wichtiges Werk verschwand.

    Das vielschichtige Verhältnis von Museum zu privatem Leihgeber war auch Anlass für eine Tagung. Im November 2021 wurde in der Bundeskunsthalle Bonn „Die Rolle von Privatsammlungen für die Öffentlichkeit“ aus einer grundsätzlichen Perspektive behandelt. Besonders interessant war eine Gesprächsrunde, in der die Kuratorin und Journalistin Julia Voss einleitend forderte: „Wir würden gern viel mehr darüber wissen, wie das private Sammeln das beeinflusst, was wir in öffentlichen Museen zu sehen bekommen.“

    Voss“ Kritik entzündete sich beispielhaft an dem auffällig großen Bestand an Baselitz-Werken in der Pinakothek der Moderne in München und daran, dass es sich hier um sehr viele Leihgaben und Schenkungen handeln würde, die mit steuerlichen Vorteilen für die Leihgeber verbunden seien. Sie fragte: Wird hier über die Steuergesetzgebung Kulturpolitik gemacht?

    Museum Ludwig: Sammler bereichern Kölner Fotokollektion

    Museum Ludwig

    Sammler bereichern Kölner Fotokollektion

    Das Kölner Museum Ludwig freut sich über die Stiftung einer Sammlung mit neusachlicher, konzeptueller und dokumentarischer Fotografie. 220 Werke von 20 deutschen und amerikanischen Fotografen verzeichnet der Bestand, darunter umfangreiche Konvolute von August Sander und Diane Arbus. Auch jüngere Künstler sind mit größeren Werkblöcken vertreten.

    Die Pinakothek verwies auf Nachfrage auf lediglich vier Leihgaben des Wittelsbacher Ausgleichsfonds, die jederzeit kündbar seien. Insgesamt hätte man 42 Baselitz-Werke im Bestand. Bei den Werken aus den Stiftungen Stoffel und Brandhorst sowie den Leihgaben der Freunde der Pinakothek der Moderne handele es sich um dauerhafte und unkündbare Vereinbarungen.

    Bleibt die Frage an die Museen, inwieweit sie steuerbegünstigte Dauerleihgaben und Schenkungen bereits gut oder überproportional vertretener Künstler überhaupt entgegennehmen sollten. Und die Frage an den Staat, ob er die steuerlichen Anreize anders setzen muss. Thomas Ackermann, Professor für Wirtschaftsrecht an der LMU München, zählte allein 300 Baselitz-Werke und 272 Arbeiten von Sigmar Polke in online zugänglichen Bestandsverzeichnissen öffentlicher und privater Museen im deutschsprachigen Raum.

    Was dem Fiskus und damit den Bürgern an Steuern entgeht, rechnete Ackermann auf der Tagung am Beispiel eines „ortsüblichen Münchener Kleinmillionärs“ vor, der Kunst im Wert von 8 Millionen Euro zu vererben hat. Hat er sie zehn Jahre an ein Museum verliehen und ist die Kunst seit 20 Jahren in Familienbesitz, würden seine Erben 1,3 Millionen Euro Erbschaftssteuer sparen.

    Kulturpolitik: Förderkreise im Museum: Verschwimmende Interessen

    Kulturpolitik

    Förderkreise im Museum: Verschwimmende Interessen

    Die öffentliche Hand hat die Ankaufsetats der meisten Museen abgesenkt. Umso wichtiger sind deren finanzkräftige Freundeskreise. Die inszenieren sich als Plattform gesellschaftlicher Repräsentanz.

    Die Frage, auf wie viel Steuern der Staat insgesamt aufgrund der Sammlerfreundlichen Gesetzgebung verzichten muss, konnte Günther Winands, Ministerialdirektor a.D., nicht beantworten. Es gebe keine Zahlen, und die Erbschaftsteuererhebung sei Ländersache, sagte der leitende Beamter der ehemaligen Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU).

    Problematisch ist darüber hinaus die Kommunikation der Museen hinsichtlich ihrer Neuzugänge jenseits eigener Ankäufe. Selten wird klar kommuniziert, was es ist: eine Schenkung, eine Stiftung, eine Mischform mit Teilankauf, ein Steuersparmodell?

    Verlierer sind am Ende die Öffentlichkeit und die Museen. Die Öffentlichkeit, die plötzlich lieb gewonnene Werke nicht mehr vorfindet, weil sie nach Beendigung des Leihverhältnisses abgezogen wurden; die Museen, die das Vertrauen einer Öffentlichkeit verlieren, die nicht länger davon ausgeht, dass zu ihrem Wohle gehandelt wird. Am Ende führt das dazu, dass steuerliche Regelungen in Misskredit gebracht werden, die ursprünglich einmal den notorisch unter knappen Ankaufsetats leidenden Museen zu Gute kommen sollten.

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