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15.03.2023

13:14

Kunst-Messe

Tefaf: Gute Verkäufe bei Alter Kunst

Von: Sabine Spindler

Die international frequentierte Kunst-Messe „Tefaf“ in Maastricht profitiert vom Interesse aus den USA. Ein Rundgang zu Entdeckungen bei den Ausstellern Steinitz, Kunstkammer Laue und Langeloh Pocelaine.

Keine Kunst- und Antiquitätenmesse bietet mehr Sammelgebiete als die Maastrichter Messe. Sie umspannt 7000 Jahre. Foto: Tefaf

Tefaf-Messe:

Keine Kunst- und Antiquitätenmesse bietet mehr Sammelgebiete als die Maastrichter Messe. Sie umspannt 7000 Jahre. Foto: Tefaf

Maastricht Die ersten Messetage sind das Stimmungsbarometer der Marktlage. Das ist auf der bis 19. März geöffneten glanzvollen Kunst- und Antiquitätenschau Tefaf nicht anders. 270 Kunsthändler und Galeristinnen aus Europa, Amerika und Asien zeigen noch bis Sonntag das Beste, was der Markt derzeit auf allen Gebieten der Kunst bereithält.

Manch millionenschwerer US-amerikanischer Sammler gönnt sich gleich ein viertägiges Verweilen auf der hochkarätigen, nobel ausgestatteten Messe, erzählt der Kunstkammerspezialist und Tefaf- Chairman der Alten Kunst Georg Laue dem Handelsblatt. Ohne Souvenir fliegt so jemand nicht zurück über den Atlantik.

Bei Laue entdeckte einer dieser Kenner ein silbernes Trinkgefäß in Form einer gotischen Laterne, Anfang des 17. Jahrhunderts von dem Nürnberger Goldschmied Michael Müllner gefertigt. Wenn dieses mit 240.000 Euro ausgepreiste Scherzgefäß auf den Tisch kam, war es Zeit für den letzten Drink.

Laues Highlight aber ist der sogenannte „Rothschild-Olifant“ von ca. 1645. Das Zier-Signalhorn ist ein Meisterwerk der Elfenbein-Schnitzerei. Löwen reißen Hirsche, Wölfe greifen Elefanten an. Die Leiber so verschlungen wie auf Rubens legendärem Gemälde „Löwenjagd“. Der Forscherinstinkt von Laues Wissenschaftlerin Virginie Spenlé hat sich bei dieser sensationellen Arbeit wieder bewährt.

Spenlé konnte das Kunstwerk aufgrund eines Straßburger Kunstkammerinventars dem dort ansässigen Bildhauer Johann Michael Egner zuschreiben. Damit füllt sie erneut eine kunsthistorische Lücke. Denn Egner war im Laufe der Zeit in Vergessenheit geraten. Museen aus Frankreich gehörten zu den hoffnungsvollen Inspizienten des im oberen sechsstelligen Eurobereich angesiedelten Schaustücks.

Der Kunstkammerspezialist Georg Laue entdeckte dieses reich verzierte Schausignalhorn in einer Pariser Sammlung. Und konnten den vergessenen Straßburger Meister Johann M. Egner als Künstler nachweisen.  Foto Kunstkammer Georg Laue

Johann Michael Egner „Der Rothschild-Olifant“:

Der Kunstkammerspezialist Georg Laue entdeckte dieses reich verzierte Schausignalhorn in einer Pariser Sammlung. Und konnten den vergessenen Straßburger Meister Johann M. Egner als Künstler nachweisen. Foto Kunstkammer Georg Laue

Das New Yorker Metropolitan Museum of Art traf eine schnelle Entscheidung am Stand des Kunsthandels Peter Mühlbauer und erwarb für einen mittleren, sechsstelligen Eurobetrag zwei fulminante silberne Rokoko-Kerzenleuchter mit dem Monogramm „AR3“. Es steht für August III, Kurfürst von Sachsen und König von Polen. Der kunstaffine Herrscher ließ die beiden und weitere 34 Leuchter einst für die Doppelhochzeit seiner Kinder anfertigen.

Auch die Pariser Galerie Steinitz begeisterte einen Amerikaner. Sie lässt mit französischen Möbeln der Spitzenklasse geschickt den Geist des 18. Jahrhunderts wiederaufleben. Für mehr als 1 Million Euro wechselte der luxuriöse, schwarze Louis-Seize-Schreibtisch mit feuervergoldeten Bronzebeschlägen der Pariser Meister Jean Francois Leleu und François Duhamel nun den Besitzer.

Die Preise für Top-Möbel steigen

„Die Preise für diese Klasse von Möbeln steigen und steigen und steigen“, bemerkte Benjamin Steinitz. An einer Wand seines Standes steht ein Paar roter China-Lack Kommoden von 1755 aus der Werkstatt des heute am höchsten dotierten Ebenisten Bernard II Vanriesemburgh. Der Preis liegt bei 5 Millionen Euro. Doch das Duo im Louis-Quinze-Stil ist nicht das teuerste Angebot im Möbel-Bereich.

Ein Paar Stände weiter offeriert die Londoner Kunsthandlung Adrian Alan die „Grande Bibliothèque“ des Belle-Epoque-Ebenisten François Linke für 8 Millionen Pfund. Der Londoner tritt mit der pompösen Vitrine gegen das schlechte Image des Historismus an.

Linke bediente ab 1880 den aufgestiegenen Geldadel mit handwerklich exzellenten Stilmöbeln. Zehn Jahre lang arbeite er an dem fast vier Meter hohen geschwungenem Kabinett mit üppigen Bronze-Figuren des Bildhauers Léon Messangé. Es war Linkes Prunkstück auf der Weltausstellung 1900 in Paris. Von den drei Ausführungen existieren nur noch zwei.

Nirgendwo sonst bekommt die Alte Kunst so viele Anerkennung wie auf der Tefaf. Der Grund liegt in der exzellenten Qualität. Mehr als fünf Verkäufe im Preisbereich zwischen 20.000 und 100.000 Euro verbuchte der Meissen-Spezialist Langeloh Porcelain aus Weilheim. Die Provenienz August des Starken ist ein starkes Argument für Sammler. Eine sogenannte Augustus Rex-Vase von 1734 erwarb für 80.000 Euro ein Deutscher.

Verschiebung bei der modernen Kunst

Veränderungen machen sich im Bereich der Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts bemerkbar. Die Gemälde von Monet und Picasso, von Miro und De Chirico sind rarer geworden. Die Kunst der 1950er- und 1960er-Jahre hat dieses Terrain übernommen.

Boulakia aus England etwa bietet Karel Appels „Tete dans Trompete“ für 390.000 Euro an. Bei Thomas Gibbson Fine Art hängt für 1,95 Millionen US-Dollar Jean Dubuffets Acrylarbeit „Conjectures“ von 1964. Und Axel Vervoordt lockt diesmal mit einem großen schwarz-weißen, mit den Füßen gemalten Abstraktion von Kazuo Shiraga zum Preis von 2,4 Millionen Euro in sein kontemplatives Arrangement aus Kunst, Design und Objekten. Lucio Fontana ist bestens vertreten.

Selten hat der italienische Avantgarde-Künstler Fontana seine Leinwand mit rosa Matt-Lack überzogen. Die Züricher Galerie von Vertes erwartet 1,5 Millionen Euro für dieses noch informell geartete „Concetto Spaziale“ von 1962.

Künstlerinnen im Vormarsch

Auffällig: Künstlerinnen rücken vor. Dass die über 90-jährige Martha Jungwirth mit einer wandfüllenden, farblich delikaten informellen Leinwand zum Preis von 425.000 Dollar plus Mwst. ausgerechnet bei der New Yorker Galerie Furgus Mc Caffrey hängt, kann nur heißen: In den USA sieht man die Österreicherin durchaus im Umfeld der abstrakt-expressionistischen Malerin Joan Mitchell. Zu Recht.

Lange ignoriert, ist die Computerkunst-Pionierin Vera Molnar endlich ins Blickfeld gerückt. Für ihre frühen computergenerierten Zeichnungen von 1975 verlangt die Mayor Gallery 16.000 Euro plus Steuer.

Rund 2000 Jahre alt, aber von zeitloser Ausstrahlung ist diese Skulptur aus dem Angebot von Antonia Eberwein. Die Spezialistin für ägyptische Antiken erwartet für die 26 cm lange Tierskulptur für 24.000 Euro an. Foto: Antonia Eberwein

Ägyptisch-römischer Sandstein-Löwe:

Rund 2000 Jahre alt, aber von zeitloser Ausstrahlung ist diese Skulptur aus dem Angebot von Antonia Eberwein. Die Spezialistin für ägyptische Antiken erwartet für die 26 cm lange Tierskulptur für 24.000 Euro an. Foto: Antonia Eberwein

Kontinuität hingegen zeigt der Markt für Antiken. Hier gibt es große Kunst für relativ erschwingliche Preise. Für 24.000 Euro bietet die auf Ägypten spezialisierte Antonia Eberwein einen zeitlos wirkenden Kalksteinlöwen der ägyptisch-römischen Periode 100 vor Christus bis ca. 2. Jahrhundert n. Christus an.

Einen Betrag im unteren sechsstelligen Bereich erwartet die Wahlpariserin hingegen für eine handliche Bronze eines Betenden vor der hoch aufragenden ägyptischen Himmelsgöttin aus der Zeit um 600 vor Christus. „Die vielen falschen Berichte über Raubkunst haben einige Kunden verunsichert. Aber da, wo Provenienzen hieb- und stichfest sind, steigen auch die Preise“, beobachtet die Kennerin.

Zu sehen war das bei Chenel aus Paris. Die Kunsthandlung verkaufte für mehr als 1 Millionen Euro eine stark typisierte, dunkelgraue Sandstein-Frauenstatue aus dem 3. Jahrhundert vor Christus. Schon im 18. Jahrhundert wurde sie in der Villa des römischen Kaisers Hadrian bei Rom wiederentdeckt und ist somit ein Urstück der neuzeitlichen Antikenbegeisterung.

Die TEFAF ist nicht nur das schönste Museum auf Zeit. Die guten Verkäufe in den ersten Tagen sind auch ein Zeichen für den Handel, dass Top-Qualität in jeder Preiskategorie ihre Attraktivität nicht verloren hat.
Mehr: Die Auswahlkriterien der Tefaf

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