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23.06.2022

15:34

Kunst- und Antiquitätenmesse in Maastricht

Die Tefaf schlägt Kapital aus der Verkleinerung

Von: Stefan Kobel

Die Tefaf hat durch ihre Verlegung von März in den Juni 40 Aussteller verloren. Doch der neue Messezuschnitt tut vor allem der Sektion Kunst auf Papier gut. Auch traditionell orientierte Antiquitätenhändler versuchen sich an modernen Präsentationsformen.

Die Antiquität aus der Zeit der frühen westlichen Zhou Dynastie hat die Brüsseler Galerie Gisèle Croes mitgebracht. R. Asselberghs – Frédéric Dehaen

Chinesische Bronzemaske mit Malachit-Einlagen

Die Antiquität aus der Zeit der frühen westlichen Zhou Dynastie hat die Brüsseler Galerie Gisèle Croes mitgebracht.

Maastricht Die Königin der Kunstmessen ist zurück in Maastricht. Dieses Jahr muss die „Tefaf“ noch kurz ihr Krönchen richten. Bei der Flucht in den Juni kurz hinter die „Art Basel“ sind ihr knapp 40 Aussteller abhanden gekommen und zwei Tage Laufzeit. Terminprobleme, zwei Jahre Pandemie und der schwächelnde Altmeistermarkt haben der alten Dame zugesetzt. Die Herbstausgabe in New York wurde gestrichen.

Warum die Messe sich mit der „Tefaf Spring“ in New York nur vordergründig Konkurrenz macht, erklärt der Hamburger Galerist und Tefaf-Chairman Hidde van Seggelen: „New York hat seine eigene Identität und seine eigene Klientel, die im Umkreis von einem Quadratkilometer wohnt. Nach Maastricht fliegen Menschen aus aller Welt.“

Woher der Wind weht, wird schon durch die prominente Platzierung der Londoner Galerie White Cube direkt an der Hauptkreuzung der Hallengänge deutlich. Den eher konservativen Besucher begrüßen A.R. Penck, Georg Baselitz und Jannis Kounellis jeweils in Großformaten.

Nebenan bei Dickinson aus London wird ein „Verlorener Sohn“ von Giorgio de Chirico prominent beidseitig präsentiert. Nicht nur, um die Rückseite des Bildes zu zeigen, auf der „Merkur und die Metaphysiker“ zu sehen sind, sondern möglicherweise auch oder vor allem, um die historischen Ausstellungsetiketten zu zeigen. Das ist heute vielleicht auch nötig, da Provenienz immer wichtiger wird.

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    Jonathan Green, der in der Nachfolge seines Vaters Richard das Geschäft im siebten Jahrzehnt führt, bestätigt durchaus einen Wandel des Marktes. Online-Verkäufe hätten seit der Pandemie von 5 auf 10 Prozent des Geschäftsvolumens zugelegt. Das klingt wenig, ist aber immerhin eine Verdopplung und im Altmeisterbereich recht erstaunlich.

    Detail der Standgestaltung der Kunstkammer Laue mit der Darstellung eines Fußmalers. Kunstkammer Laue

    Auf der Tefaf in Maastricht 2022

    Detail der Standgestaltung der Kunstkammer Laue mit der Darstellung eines Fußmalers.

    Green bestätigt, dass es durchaus neue Kunden gibt, vornehmlich im Internet. Es gebe sehr viel neues Geld, dass auch gerne in Kunst investiert. Den neuen Sammlern fehle zwar oft noch die Expertise in Kunstdingen, sie wüssten aber sehr genau, an wen sie sich wenden müssten, wenn sie Garantien hinsichtlich Authentizität und Werthaltigkeit für die Ware suchen.

    Greens Geschäft mit Europa habe in den letzten Jahren abgenommen. Neue Kunden kämen aus Asien; aber auch Großbritannien sei wieder stärker. Die Highlights an seinem Stand sind drei kleine Gemälde von Jan Brueghel dem Älteren, zwei Landschaften und ein „Jüngstes Gericht“, die zwischen einer und drei Millionen Pfund kosten.

    Die 125 cm hohe Marmorskulptur von 1810 hat die Galerie Neuse auf ihrem Stand. Für das Frühwerk sind 650.000 Euro veranschlagt. Zum 200. Todestag des früh verstorbenen Künstlers gibt es eine Sonderpräsentation im Vestibül des Neuen Flügels von Schloss Charlottenburg (bis 31.12.). Galerie Neuse

    Ridolfo Schadow „Ganymed“

    Die 125 cm hohe Marmorskulptur von 1810 hat die Galerie Neuse auf ihrem Stand. Für das Frühwerk sind 650.000 Euro veranschlagt. Zum 200. Todestag des früh verstorbenen Künstlers gibt es eine Sonderpräsentation im Vestibül des Neuen Flügels von Schloss Charlottenburg (bis 31.12.).

    Zwei monumentale „Cappriccios“ von Hubert Robert zieren den deutlich kleineren, aber nicht minder eindrücklichen Stand von Colnaghi. Nach der Aufteilung des Geschäfts zwischen London und New York verantwortet Jorge Coll jetzt den Altmeisterbereich und präsentiert ihn an weniger prominenter Position in Maastricht moderner.

    Langsam setzt sich auch bei den Händlern von Kunsthandwerk, Antiquitäten und Antiken die Einsicht durch, dass eine modernere Präsentation möglicherweise auch jüngeres Publikum anspricht. Der Stand des Porzellan-Spezialisten Röbbig aus München wirkt deutlich aufgeräumter als bei früheren Messeauftritten. Zu den Kleinoden, die jetzt besser zur Geltung kommen, gehören 18 Meissener Figuren aus der Dresdner Hofkapelle von circa 1750.

    Benjamin Steinitz ist zurück auf der Tefaf und brennt ein Feuerwerk an Highlights ab. Sie sind nicht alle so ins Auge fallend wie das wuchtige peruanische Kabinett mit Intarsien aus Perlmutt und Schildkrötenpanzer für 1,5 Millionen Euro. Dazu gibt es kein einziges Vergleichsexemplar.

    Oft muss man genau hingucken und die jeweilige Werkgeschichte befragen, um die Kleinode zu finden. Etwa ein paar auf Zeichnungen von William Kent beruhenden Terrakotta-Skulpturen (2,85 Mio. Euro), die seit ihrer Beauftragung durch den britischen Premierminister Robert Walpole um 1730 lückenlos dokumentiert sind.

    Das technisch anspruchsvolle Blatt findet sich am Stand der Kunsthandlung Rumbler. Helmut H. Rumbler, Frankfurt

    Rembrandt „Sitzender männlicher Akt“

    Das technisch anspruchsvolle Blatt findet sich am Stand der Kunsthandlung Rumbler.

    So hat Präsentationspionier Cahn bei weitem nicht den avantgardistischsten Stand unter den Antiken-Händlern. ArtAncient aus London imitiert in seinem Stand Sichtbeton und arrangiert sehr luftig gerade einmal knapp 20 Objekte. Das dürfte heute heutigen Seh- und Einrichtungsgewohnheiten sehr viel eher entgegenkommen als die gestopfte Wunderkammer vergangener Adels- und Bürgerzeiten.

    Zentrale Platzierung der Sektion Kunst auf Papier

    Großer Profiteur des neuen Messezuschnitts ist die Sektion Art on Paper. Sie wird nicht mehr im ersten Stock versteckt, sondern in die riesige Halle integriert. Besonders schön ist der Übergang gelungen. Von der Kunsthandlung Helmut H. Rumbler oder über Stephen Ongpin wird der Besucher aus den angrenzenden Abteilungen geschmeidig in diese bisher eher stiefmütterlich behandelte Sektion geführt.

    An zentraler Stelle haben hier Wienerroither und Kohlbacher aus Wien Schätze der Klassischen Moderne zusammengetragen, etwa ein stehendes weibliches Modell in einer Art Umhang, das verschämt die Augen mit den Händen bedeckt, um dem Blick seines Zeichners Egon Schiele zu entgehen (2 Millionen Euro).

    Tefaf in Maastricht: Die Königin der Messen bedient den Geschmackswandel

    Tefaf in Maastricht

    Die Königin der Messen bedient den Geschmackswandel

    Die Tefaf steht für höchste Qualität bei Alten Meistern, Asiatika und Antiken. Sie folgt jedoch dem Zeitgeschmack und setzt stärker auf Design und Gegenwartskunst.

    Die Münchner Galerie Thomas ist direkt von Basel nach Maastricht gefahren. Sie hat sich zur Teilnahme an beiden Messen entschieden, weil das Publikum beider Messen vollkommen unterschiedlich sei, wie Silke Thomas versichert. Gerade viele amerikanische Sammler kämen je nach Interessenlage nur zu einer von beiden Veranstaltungen. Etwa, um eine „Hommage to the Square“ von Joseph Albers im zweitgrößten Format für knapp zwei Millionen Euro zu finden.

    Vielleicht auch wegen Basel machen sich bei der modernen Kunst Millionen-Werke rar. Schöne Ausnahmen bestätigen diese Regel: Ben Brown hat zwei geradezu filigrane „Concetto Spaziale“ von 1958 bzw. 1959 in Beige im Angebot. Der Preis war leider nicht in Erfahrung zu bringen.

    Zum 40-jährigen Galerie-Jubiläum hat sich Thomas von Salis etwas ganz Besonderes ausgedacht. Er widmet ein Kabinett, das fast die gesamte Größe des Standes einnimmt, der Collage von Hans Arp bis Franz West. „Im europäischen Kunsthandel hat es in den letzten Jahrzehnten keine vergleichbare Ausstellung zum Thema Collage gegeben“, erklärt er stolz.

    Und der Sammler weiß gar nicht, wo er zuerst hinschauen soll. die Palette reicht von einer Briefmarken-kleinen Arbeit Alberto Burris bis zu frühen Collagen von Kurt Schwitters und einem collagierten Stillleben von Pablo Picasso aus dem Jahr 1914. Aus demselben Jahr ist Hans Arp erstes Klebebild „Avant ma naissance“, für das 150.000 Euro erwartet werden.

    Kunstmesse: Tefaf New York findet nur noch im Frühjahr statt

    Kunstmesse

    Tefaf New York findet nur noch im Frühjahr statt

    Der New Yorker Ableger der Maastrichter Tefaf hat eröffnet. Gleichzeitig wird bekannt, dass die zweite Ausgabe im Herbst entfallen soll.

    Der Geschmackswandel verlangt vom Kunsthandel Umdenken. Dass diese Transformation nicht immer gelingt, lässt sich bei Senger aus Bamberg beobachten. Fünf fachfremde Objekte dürfen Aussteller präsentieren. Zeitgenössische Kunst muss vorab genehmigt werden.

    Doch im Fall Senger sind die Instrumente der klassischen Jurierung nicht ausreichend. So hängt bei dem ausgewiesenen Kenner mittelalterlicher Skulptur ein Gemälde von Andy Denzler, das weder dem Händler, noch der Messe gut zu Gesicht steht.

    Museale Qualität sollte über alle Sparten und Epochen hinweg der Maßstab sein. Will die Tefaf im zeitgenössischen Bereich bestehen, muss sie an dieser Stelle die gleichen Maßstäbe ansetzen wie in allen Bereichen, seien es römische Antiken, klassisches Design oder zeitgenössische Malerei.

    Die Tefaf findet im Congresszentrum MECC in Maastricht statt. Sie endet am 30. Juni und ist täglich von 10 bis 19 Uhr geöffnet. Online-Tickets sind günstiger: Das Tagesticket kostet dann 45 statt 50 Euro.

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