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28.06.2022

20:22

Kunst- und Antiquitätenmesse in Maastricht

Ein Raubüberfall auf die Tefaf drückt die Stimmung

Von: Christiane Fricke

Vier bewaffnete Männer haben Schauvitrinen eines Kunsthändlers attackiert. Verletzt wurde niemand. Unterdessen lässt die Verkaufsbilanz nach der Hälfte der Laufzeit noch zu wünschen übrig

Die Polizei sichert den Tatort ab. Die Besucher werden aus dem Gebäude evakuiert. IMAGO/ANP

Kurz nach dem Raubüberfall auf die Kunstmesse Tefaf

Die Polizei sichert den Tatort ab. Die Besucher werden aus dem Gebäude evakuiert.

Maastricht, Düsseldorf Ein Fehlalarm, dachten viele Besucher, als heute um 11:30 Uhr auf der Kunstmesse Tefaf im holländischen Maastricht der Alarm losging. Doch dann wurde das Publikum wegen eines bewaffneten Raubüberfalls aus dem Messegebäude evakuiert.

Messebesucher hatten den Überfall auf Handy aufgezeichnet und über soziale Medien verbreitet. Darauf konnten vier ordentlich, mit Sakko gekleidete Täter identifiziert werden, davon zwei mit Maschinenpistolen oder Ähnlichem im Anschlag. Fotos zeigen zwei zertrümmerte Vitrinen.

Während einer der Täter mit einem Vorschlaghammer mit voller Kraft auf die Vitrinen einhaut, versucht noch ein Zeuge vom benachbarten Stand mit einer großen, zu Dekorationszwecken auf dem Gang stehenden Blumenvase bewaffnet einzugreifen. Er zieht sich jedoch schleunigst zurück, als auf ihn gezielt wird. Auch wenige andere im Blickfeld stehende Personen bringen sich in Sicherheit – bis auf einen älteren Herrn, der, ohne sich zu rühren, auf einer Bank im Gang ganz in der Nähe des Tatorts einfach sitzen bleibt.

Das Opfer soll, Ohrenzeugen zufolge, kein Juwelenhändler sein, sondern ein Kunsthändler. Laut dpa hat die Polizei zwei Tatverdächtige inzwischen festgenommen. Nach den anderen beiden werde noch auf Hochtouren gefahndet. Angeblich sollen es die Männer auf Diamanten abgesehen haben.

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    Die Tefaf selbst ließ nur dürre Formulierungen verlauten und stand für Nachfragen nicht zur Verfügung: „Die Sicherheitsteams der Messe arbeiteten schnell, um einen Täter zu entwaffnen, und die niederländische Polizei war innerhalb von wenigen Minuten vor Ort“, hieß es in einer Pressemitteilung zwei Stunden später. Bei dem Vorfall sei niemand verletzt worden.

    Eine Vitrine im Stil einer Volière mit Vogelfiguren der Porzellanmanufaktur Meissen zieht die Blicke auf sich. Christiane Fricke

    Auf dem Stand von Langeloh Porcelain

    Eine Vitrine im Stil einer Volière mit Vogelfiguren der Porzellanmanufaktur Meissen zieht die Blicke auf sich.

    Angeblich wurden die strengen Sicherheitsverfahren der Messe befolgt. Die Sicherheitsteams der Messe hätten schnell gearbeitet, um einen Täter zu entwaffnen, und die niederländische Polizei wäre innerhalb von wenigen Minuten vor Ort gewesen, heißt es weiter vonseiten der Tefaf. (Bericht folgt)

    Die Tefaf (The European Fine Art Foundation) ist die weltweit wichtigste internationale Kunst- und Antiquitätenmesse. Am Montag drängten sich zur Halbzeit die Besucher. Darunter war wie schon am Sonntag eine Menge Schaupublikum. Das Fachpublikum war mehrheitlich wie immer bereits in den ersten beiden Tagen erschienen.

    Inflationssorgen beflügeln Museumskäufe

    Insgesamt wurden weniger Amerikaner registriert, wohl aber alle wichtigen amerikanischen, aber auch europäischen Museen. Ansonsten kamen in der Hauptsache europäische Privatsammler. Die Museen waren offenbar kauffreudig. Nach Einschätzung des Silberhändlers Fred Matzke schürt die steigende Inflation die Angst, sich die Dinge bald nicht mehr leisten zu können. Deshalb hätten sie zugegriffen. Schon jetzt seien die Preise bis zu 20 Prozent höher.

    Matzke fürchtet eine Stagflation. „Wenn sie länger anhält, wird es gefährlich.“ Auch der Nachschub werde viel teurer. Bei ihm auf dem Stand wechselte ein in Bamberg gefertigter silberner Monatsbecher in ein nordrhein-westfälisches Museum. Zu ihm gibt es, wie durch ein Wunder, grafische Vorlagen von Jost Amman und Matthias Merian. Ein weiterer Becher, der in der Renaissancezeit in Nürnberg gefertigt wurde, übernahm ein europäisches Museum.

    Silber, Kunstkammerobjekte und Skulpturen rahmen effektvoll eine raumhohe Tapisserie. Christiane Fricke

    Der Stand der Galerie Neuse

    Silber, Kunstkammerobjekte und Skulpturen rahmen effektvoll eine raumhohe Tapisserie.

    Wie aus einem internen Ausstellertreffen am Montag zu erfahren war, will die Tefaf wohl zurück zum alten Märztermin und der längeren, zwei Wochenenden abdeckenden Laufzeit. Auch möchte sie natürlich die 40 Aussteller zurückgewinnen, die aufgrund der diesjährigen Verlegung in den Juni verloren gingen. Den Händlern ist das Gedränge im Juni wegen der vielen Konkurrenzveranstaltungen und Auktionen zu groß. Die Leute hätten zudem ihr Geld bereits ausgegeben.

    Das Zwischenresümee ist gemischt, die Stimmung inzwischen gedrückt. Viele Händler haben nicht genug verkauft. Am anderen Ende gibt es die Glücklichen. Der Schmuckdesigner und -galerist Otto Jakob, Karlsruhe, hat – wie bereits in New York – so gut verkauft, dass er nun ein „Luxusproblem“ hat. Mit anderen Worten, er muss Nachschub produzieren. Und das ist bei einer Manufaktur trotz der zehn Angestellten nicht so einfach, denn er fertigt im Jahr nur 80 bis höchstens 100 Stücke.

    Einer von zwölf Tellern mit Walfang-Szenen, entstanden um 1780. Das Set findet sich auf dem Stand des Kunsthandels Aronson Antiquairs. Christiane Fricke

    Johannes Hermanus Frerking

    Einer von zwölf Tellern mit Walfang-Szenen, entstanden um 1780. Das Set findet sich auf dem Stand des Kunsthandels Aronson Antiquairs.

    Daxer & Marschall veräußerten elf Bilder, darunter eine Landschaft der finnischen Malerin Helene Schjerfbeck. Thomas Salis vermittelte die politisch interessante, großformatige Collage „L’Esprit de Locarno“ von Max Ernst an das Museum Europäischer Geschichte in Brüssel. Das Stedelijk interessiert sich für eine Arbeit von Hannah Höch mit ethnologischem Bezug. Bei Utermann wurden zwei Werke von Lyonel Feininger vermittelt, darunter das beeindruckende Aquarell „Schoner auf schwarzem Meer“ (1934).

    James Butterwick, der zwei Arbeiten des ukrainischen Avantgardekünstlers Oleksandr Bohomazo abgeben konnte, prognostiziert steil steigende Preise für diesen unterbewerteten, von Futurismus und Rayonismus inspirierten Künstler. Ihm hat er seinen ganzen Stand gewidmet und ihn auch vielsagend betitelt: „Ukrainian Renaissance“. Es ist Butterwicks zweite Ausstellung auf der Tefaf. Bereits vor sieben Jahren hatte er in der Papier-Sektion mit einer überzeugend kuratierten Schau zum Thema Aufsehen erregt.

    Eine fast expressionistische, vom Stil des Bildhauers Fritz Wobruba inspirierte Standgestaltung mit den Kirchenmodellen Wobrubas im Hintergrund und sakraler, neuzeitlicher Plastik im Vordergrund. Christiane Fricke

    Der Stand von Kunsthandel Mehringer

    Eine fast expressionistische, vom Stil des Bildhauers Fritz Wobruba inspirierte Standgestaltung mit den Kirchenmodellen Wobrubas im Hintergrund und sakraler, neuzeitlicher Plastik im Vordergrund.

    Die Tefaf gehört mit Recht zu den schönsten Messen. Aber in diesem Jahr schien es, als hätten die Händler noch einmal mehr Mühe in die Gestaltung investiert. Eine Wucht ist zum Beispiel die architektonische, am Stil des mitausgestellten Bildhauers Fritz Wotruba orientierte Standgestaltung von Mehringer. Kombiniert werden diverse Kirchenmodelle des österreichischen Bildhauers (1907-1975) mit neuzeitlicher sakraler Plastik. Hier spielt insbesondere der im Vordergrund platzierte Liegende (Bettler) mit dem Gesicht eines Adeligen den Augenfänger. Kostenpunkt: 240.000 Euro.

    Sehenswert ist auch der strahlend beleuchtete Stand von Elfriede Langeloh, auf dem eine Vitrine mit Meissen-Vögeln im Stil einer Volière alle Blicke auf sich zieht. Superb auch die Koje von Salis mit seinen in anderthalb Jahren gesammelten Arbeiten zum „Prinzip Collage“ und der Stand der auf Silber- und Kunstkammerobjekte spezialisierten Galerie Neuse. Genuss pur bietet auch Aronson Antiquairs, spezialisiert auf Delfter Porzellan. Hier vor allem lohnt ein Blick in das zentrale Kabinett mit seinem kompletten zwölfteiligen Teller-Set zur Geschichte des Walfangs. Es werden 58.000 Euro erwartet.

    Mehr: Kunst- und Antiquitätenmesse in Maastricht: Die Tefaf schlägt Kapital aus der Verkleinerung

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