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02.12.2022

08:28

Kunstmesse

Der Art Basel-Ableger in Miami Beach kann mehr als rauschende Partys feiern

Von: Barbara Kutscher

Nach 20 Jahren präsentiert sich die Kunstmesse Art Basel Miami Beach gereift. Sie hat neue Sammelgebiete initiiert und kulturelle Impulse gesetzt.

Das große Rundbild von 2022 präsentiert die Galerie Nicolai Wallner aus Kopenhagen. Galerie Nicolai Wallner

Alexander Tovborg „sunset madonna with bird and tulip“

Das große Rundbild von 2022 präsentiert die Galerie Nicolai Wallner aus Kopenhagen.

Miami Beach Könnte sich eine durch ihre ausschweifende Partyszene berühmt gewordene Stadt in eine ernst zunehmende Kulturdestination verwandeln? Höchst unwahrscheinlich. „Ich stand der Idee anfangs auch extrem skeptisch gegenüber“, gesteht der langjährige „Art Basel”-Direktor Marc Spiegler. Aber nach zwanzig Ausgaben in der amerikanischen Karibik ist klar, die Schweizer Marke hat nicht nur das kulturelle Ökosystem von Miami Beach, sondern auch den amerikanischen Kunstmarkt revolutioniert.

Die Messe habe auch eine Rolle dabei gespielt, lateinamerikanische Kunst in die internationale Szene zu katapultieren. „Art Basel hat aber auch von Miami Beach gelernt. Unsere Erfahrung in dieser völlig unterschiedlichen, oft unberechenbaren Umgebung ermutigte uns, es zehn Jahre später auch in Hongkong zu versuchen“, fuhr Spiegler auf der Pressekonferenz am Dienstagmorgen fort.

Spiegler wird die Art Basel-Marke Ende des Monats nach 15 Jahren mit noch unbekanntem Ziel verlassen. Die Transformation von Miami Beach aber ist noch lange nicht abgeschlossen: Erst vor wenigen Wochen beschlossen die Bürger, durch Anleihen von 159 Millionen Dollar künftig weitere Kulturprojekte in ihrer Strandgemeinde zu finanzieren.

Und auch das mit einer neuen Führungsstruktur unter dem gerade angetretenen CEO Noah Horowitz versehene Art Basel-Netzwerk plant, das immens gewachsene Business mit ganz frischen Ideen voranzutreiben. Horowitz sammelte in Miami Beach bereits von 2015 bis 2021 als Art Basel-Director für Amerika Erfahrungen.

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    Die bis Samstag laufende 20. Ausgabe von „Art Basel Miami Beach“ ist mit 282 Ausstellern aus 38 Ländern die bisher umfangreichste. Sie füllt jeden Quadratmeter im Convention Center aus. Eine von Händlern aus Nord- und Südamerika dominierte Auswahl präsentiert ein Spektrum internationaler Blue Chips bis zu der neumodisch manchmal „New Chips“ genannten ganz frischen Kunst. Und glaubt man den PR-Berichten der Mega-Galerien, wurden ihre Marktstars auf dem überaus gut besuchten ersten VIP-Tag lebhaft nachgefragt.

    Für das zweiteilige, über zwei Meter breite Acrylgemälde erwartet die Galerie Hauser & Wirth 750.000 Dollar. Hauser & Wirth

    Henry Taylor „Untitled“

    Für das zweiteilige, über zwei Meter breite Acrylgemälde erwartet die Galerie Hauser & Wirth 750.000 Dollar.

    Marc Payot, Präsident von Hauser & Wirth, beobachtete sogar eine „euphorische Reaktion“ auf ihren mit amerikanischen Meistern ausgestatteten Stand. „Wir konnten heute mehr Werke in wichtigen privaten und öffentlichen Institutionen platzieren, als in jedem der vorangegangenen Jahre in Miami. Am Nachmittag lagen unsere Verkäufe bereits über 18 Millionen Dollar“, sagt der Händler. Star war Philip Gustons wegweisendes Gemälde „Studio in a Small Town“ aus dem Jahr 1979, das für um 7 Millionen Dollar weitergegeben wurde.

    Auch David Zwirners wie immer stark besuchte Koje verzeichnete einen erfolgreichen ersten Tag. Hier wurden unter anderem zwei neue Großformate von Katherine Bernhardt zu jeweils 250.000 Dollar vermittelt, eines davon an eine wichtige europäische Institution. Auch viele kleinere Galeristen verkauften gut an internationale Sammler; andere wiederum schilderten eine im Vergleich zur sehr gut gelaufenen Ausgabe im letzten Jahr eine eher gedämpfte Kauflust.

    Vielleicht ist nach den eng getakteten Messeterminen in London, Paris und Seoul eine leichte Müdigkeit zu bemerken? Auch die früher so ausgelassene Partyszene ist nach der erzwungenen Zäsur durch die Pandemie noch nicht wieder zur Höchstform aufgelaufen. Die unzähligen Promotion-Events für Luxusmarken wurden ebenfalls zurückgefahren.

    Miami pflegt eine Vorliebe für große Formate, Schimmerndes und muntere Farben. Die wird auch in diesem Jahr bevorzugt bedient. Die Mnuchin Gallery aus New York etwa konnte „TKT“, eine typische Wandskulptur des Ghanaers El Anatsui aus recycelten Alu-Kapseln und auch die farbenfrohe Abstraktion „Luxuriant Growth“ der Malerin Lynne Drexler (1928-1999) sofort absetzen. Die hätten sie sogar mehrfach verkaufen können, meinte Michael McGinnis, Partner der Galerie.

    Gemeinsam mit der jungen Chelsea-Galerie Berry Campbell belebt der auf der Upper Eastside angesiedelte Händler Robert Mnuchin gerade erfolgreich den Markt dieser vergessenen New Yorker Malerin aus der zweiten Generation des Abstrakten Expressionismus.

    Das 1911 entstandene Gemälde hängt auf dem Stand von Thomas. Die Münchner Galerie zählt zu den wenigen, die Werke aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch in großer Auswahl vorhalten. Galerie Thomas

    August Macke „Stillleben mit Körben“

    Das 1911 entstandene Gemälde hängt auf dem Stand von Thomas. Die Münchner Galerie zählt zu den wenigen, die Werke aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch in großer Auswahl vorhalten.

    Aus einem in diesem Jahr eher konservativen Angebot, das sehr stark auf Gemälde setzt, sticht der aufwendig konzipierte Stand von Neugerriemschneider aus Berlin heraus. Im Mittelpunkt steht Michel Majerus“ monumentales Gemälde „XXX“ (2001), das vor einem umlaufenden kaleidoskopischen Tapetendruck von Thomas Bayrle installiert ist.

    Der Markt für den 2002 im Alter von nur 35 Jahren verstorbenen Majerus zog, nach den Auktionsergebnissen zu urteilen, vor allem 2021 stark an. Im August setzte Sotheby’s in Singapur den Rekord von knapp 800.000 Dollar. Die Galerie stimmte ihre Präsentation mit Majerus“ erster US-Museumsausstellung ab, die gerade im ICA Miami eröffnet wurde.

    Die Messe veränderte über die vergangenen Jahre stetig ihr Angebotsprofil. Das Kontingent von Händlern, die kapitale Werke aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zeigen, hat sich stark reduziert. „Wir reflektierten einen allgemeinen Trend – die Marktdynamik hat sich verändert“, erklärt Horowitz diesen Wandel. Immer noch findet sich diese geschrumpfte Nische von der Galerie Thomas aus München mit einer großen Auswahl belegt, darunter Constantin Brancusis schimmernd polierte Skulptur „Golden Bird“ von 1919 (Guss 1984, Edition 3 von 5) zu 6,8 Millionen Euro.

    Verlässlich bestückt auch Helly Nahmad aus New York seinen immer prominent den Haupteingang flankierenden Stand mit Picassos und Dubuffets. Auch bei Leandro Navarro aus Madrid findet sich Moderne Kunst. Hier lässt etwa der in der Schweiz angesiedelte Nachlass Oskar Schlemmers eine seltene Buntstiftzeichnung des Künstlers feilbieten. Die „Konzentrische Gruppe“ von 1936 mit Annotationen auf dem Transparentpapier soll 290.000 Dollar kosten.

    Die farbenfrohe Abstraktion von 1963 konnte die Galerie Mnuchin sofort absetzen. Galerie Mnuchin

    Lynne Drexler „Luxuriant Growth“

    Die farbenfrohe Abstraktion von 1963 konnte die Galerie Mnuchin sofort absetzen.

    Siebzehn jüngere historische Positionen sind in Einzelpräsentationen im Sektor „Survey“ zu entdecken. Christine Berry und Martha Campbell zeigen eine Auswahl von Werken Lynne Drexlers, deren Raritäten aus den 1960er-Jahren schon bis zu 1,2 Millionen Dollar kosten können.

    Christin Tierney aus New York widmete ihren Stand einer Mini-Retrospektive des Multimedia-Künstlers Dread Scott, eigentlich Scott Tyler. Unterschiedliche Fotoserien aus 15 Jahren sollen das Messepublikum mit Fotos von Unterprivilegierten und dem Thema Waffengewalt konfrontieren. Schwarzweiß-Abzüge kosten ab 3500 Dollar. Das Highlight, die Skulptur „Bensonhurst: Violence is an Equal Opportunity Employer“, ein Holzkasten mit Pistole und Munition hinter einer Glasscheibe und der Aufschrift „In Case of Emergency Break Glass“, soll möglichst an ein Museum vergeben werden — für 40.000 Dollar.

    Große Aufmerksamkeit sichert sich der belgische Künstler Guillaume Bijl mit der sehr überzeugenden fiktionalen Installation „Casino“. Die hatte er zum ersten Mal 1984 für ein Museum in Gent geschaffen. Die zweite Spielhölle findet sich am Stand von Meredith Rosen aus New York, in der man schier den Alkohol und Zigarettenqualm riechen kann.

    Neuer Focus auf Latinos und Native Americans

    Neugierige Passanten, die durch den gerafften Vorhang eintreten, werden von professionellen Croupiers an zwei Spieltischen zum Zocken verführt. Gier und Verlangen seien hier thematisiert, so der Pressetext, der das Werk im Kontext der Messe auch als Parabel für die launische Natur des Kunstmarktes interpretieren möchte. Die Galerie preist die Installation mit 250.000 Dollar aus.

    Die 26 Erstaussteller tragen dazu bei, Perspektiven zu erweitern. „Diese Korrektur war in den USA notwendig. Lag zunächst der Fokus auf Schwarzamerikanern, werden nun auch Latinos und Native Americans neu bewertet“, beobachtet der Galerist Chris Sharp aus Los Angeles.

    Sharp zeigt Kunstharz-Wandskulpturen des Dilettanten Ishi Glinsky, der 1982 als Mitglied des Tohono O’odham Stammes bei Tuscon geboren wurde. Einige Werke kombinieren indigene Schmuckformen mit den populären Zeichentrickfiguren Wile E. Coyote und Road Runner. Sie sollen Findigkeit und Widerstandsfähigkeit der Native Americans verkörpern. In Los Angeles werde Glinsky bereits kräftig gesammelt zu Preisen von 25.000 bis 45.000 Dollar, sagt Sharp.

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