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09.06.2022

18:51

Kunstmuseum Paris

Schmuggel-Skandal um den Louvre: Beben in der Glaspyramide

Von: Olga Grimm-Weissert

Der Louvre und der Louvre Abu Dhabi scheinen einem Schmuggler-Ring aufgesessen zu sein. Das französische Kultur- und das Außenministerium greifen durch.

Der Louvre und der Louvre Abu Dhabi sehen sich als Opfer eines Schmuggler-Rings. Reuters

Louvre Paris

Der Louvre und der Louvre Abu Dhabi sehen sich als Opfer eines Schmuggler-Rings.

Paris Bei Museumsankäufen zu beraten ist eine echte Herausforderung“, meinte Jean-Luc Martinez im November 2017. Da war er als Generaldirektor des Louvre auf der Eröffnung des Louvre Abu Dhabi.

Martinez wies während seiner Führung durch den Museumsneubau des Stararchitekten Jean Nouvel auch darauf hin, dass man die Provenienzen der Werke stets genau überprüfen müsse. Vor dem Goldsarkophag mit der Mumie der ägyptischen Prinzessin Henuttawy erklärte Martinez zufrieden, dass der Louvre Abu Dhabi dieses besondere Objekt „kürzlich in Deutschland“ angekauft hatte.

Diese Aussagen haben jetzt einen völlig anderen Stellenwert. Am 25. Mai wurde wie berichtet nach dreitägigen Verhören durch die Polizei ein Ermittlungsverfahren gegen Martinez eröffnet wegen „möglicher Beihilfe zu bandenmäßigem Betrug und Verschleierung der Herkunft von unrechtmäßig erworbenen Gütern“.

Die Glas-Pyramide des Louvre erbebte daraufhin förmlich, mit ihr die französische Museumshierarchie sowie das Kultur- und das Außenministerium. Martinez leitete von 2013 bis 2021 den Louvre und saß damit automatisch in den zwischenstaatlichen Kommissionen, die für die Ankäufe des Louvre Abu Dhabi mitverantwortlich sind.

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    Weil ihm Staatspräsident Emmanuel Macron die heiß begehrte dritte Amtszeit als Louvre-Generaldirektor verweigerte, war Martinez von September 2021 bis Ende letzter Woche „Botschafter für die internationale Zusammenarbeit auf dem Gebiet des Kulturguts“.

    Im Klartext: Er sollte zur Reduzierung des illegalen Handels mit Kulturgütern sein Wissen einbringen. Schließlich hatte er 2015 einen umfassenden Bericht zu diesem Thema verfasst, mit Ratschlägen, wie man gegen illegale Ausgrabungen in Krisengebieten und dem daraus resultierenden internationalen Schmuggel und Handel vorgehen könnte. Dass ausgerechnet dieser in Politik- und Finanzkreisen gut vernetzte Mann von der Spezialeinheit für Kultur in der französischen Polizei verdächtigt wird, ist erstaunlich.

    Von re. nach li.: der damalige Generaldirektor des Louvre, Jean-Luc Martinez, Brigitte Macron, der französische Architekt Jean Nouvel, Staatspräsident Emmanuel Macron und der Chairman von Abu Dhabi's Tourism and Culture Authority, Mohamad Khalifa al-Mubarak am 8. November 2017 LUDOVIC MARIN/AFP via Getty Images

    Bei der Eröffnung des Louvre Abu Dhabi

    Von re. nach li.: der damalige Generaldirektor des Louvre, Jean-Luc Martinez, Brigitte Macron, der französische Architekt Jean Nouvel, Staatspräsident Emmanuel Macron und der Chairman von Abu Dhabi's Tourism and Culture Authority, Mohamad Khalifa al-Mubarak am 8. November 2017

    Polizei und Justiz sind auf den Spuren eines internationalen Rings, der mutmaßlich mit Artefakten von illegalen Ausgrabungen handelt. Diese sollen auf Umwegen nach Hamburg gelangt sein. Dort wurden sie restauriert und mit – vermutlich gefälschten — Herkunftszertifikaten versehen. Der Polizei zufolge sollen sie entweder via Frankreich dem Louvre Abu Dhabi vermittelt oder über Auktionen und Händler verteilt worden sein.

    Weil Martinez vor fünf Jahren in Abu Dhabi ausdrücklich auf den Ankauf des Prinzessinnen-Sarkophags in Deutschland hinwies, könnte dieses Starobjekt eventuell von dem Hamburger Händler Roben Dib stammen. Dib sitzt seit März in Frankreich in Untersuchungshaft. Angeblich soll er mit der Händler-Familie Semonian zusammengearbeitet haben.

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    Frankreich ermittelt in der Kunstszene wegen vermutlich illegalen Handels mit archäologischen Objekten aus dem Vorderen Orient.

    Die Ermittler stießen auch auf ein Pariser Experten-Paar, Christophe Kunicki und Richard Semper. Das auf ägyptische Archäologie spezialisierte Duo arbeitete mit dem Auktionshaus Pierre Bergé & Associés (PBA) zusammen. Die Experten und der Auktionator von PBA verkauften direkt an den Louvre Abu Dhabi. Auch diese Herren haben sich inzwischen vor der französischen Justiz zu verantworten.

    Dagegen ersteigerte das New Yorker Metropolitan Museum mehrere Objekte bei PBA, die Kunicki und Semper einlieferten. Es war die Restitution eines geraubten Goldsargs von New York zurück nach Ägypten, die 2019 die Ermittlungen in Deutschland, Frankreich und den USA auslöste. In der erfundenen Herkunftsgeschichte stieß man auf die gleichen Namen.

    Die „Grande Nation“ eröffnete in Abu Dhabi 2009 einen militärischen Stützpunkt. Parallel dazu unterzeichnete Frankreich bereits 2007 mit dem Emirat einen Kulturvertrag zum Louvre Abu Dhabi. Dieser garantiert auch die bezahlte Nutzung des Namens „Louvre“ bis 2047. Mehrere Kommissionen, denen meist nur französische Museumsdirektoren angehörten, entwickelten das Museumskonzept, übernahmen die Ausbildung der arabischen Kuratoren und schließlich die Leitung des Museums.

    Das Museum musste gefüllt werden - koste es was es wolle

    Zur Abwicklung des Projekts gründete man die „Agence France-Muséums“. Der „Wissenschaftliche Rat“ der Agence France-Muséums sollte die Echtheit und die Provenienz der angebotenen Werke überprüfen und die Ankaufskommission beraten. Letztere ist inzwischen paritätisch mit je sechs Franzosen und Emiratis besetzt. Mit diesem Gruppenentscheid verteidigt sich der beklagte Martinez jetzt. Die Endentscheidung oblag einem Emirati, da Abu Dhabi die Bezahlung übernahm.

    Je nach dem Marktangebot lag das jährliche Ankaufsbudget in den Jahren vor 2017 zwischen 20 und 100 Millionen Euro, wie das Handelsblatt bei der Eröffnung erfuhr. Zur Verteidigung von Martinez erklären dessen Kollegen anonym: Man habe das Museum füllen müssen, koste es, was es wolle. Und bevor ein Artefakt in ein anderes Museum gelangt, fragt man lieber nicht zu lang nach Provenienzen, sondern man greift rasch zu.

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    Der Louvre Abu Dhabi kaufte mindestens fünf – mutmaßlich geraubte — ägyptische Antiquitäten im Gesamtwert von etwa 50 Millionen an. Der Goldsarkophag der Prinzessin Henuttawy soll angeblich 4,5 Millionen Euro gekostet haben. Eine Tutanchamun-Stele aus Rosengranit 8,5 Millionen Euro. Der Louvre und der Louvre Abu Dhabi sehen sich in dem Prozess Opfer des Schmuggler-Rings.

    Die Gegner des Ex-Generaldirektors des Louvre werfen ihm — durchaus berechtigt — seine Faszination für hohe Preise bei den Ankäufen des Louvre vor. Sie befürworteten seine Suspendierung als Kulturgut–Botschafter. Durchgesetzt haben diese das Kultur- und Außenministerium gemeinsam. Die neue 44-jährige Kulturministerin Rima Abdul Malak, bisher sachkundige Beraterin von Präsident Macron, versteht es, rasch durchzugreifen. Martinez‘ Festnahme fand drei Tage nach ihrem Amtsantritt statt.

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