Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

03.12.2021

08:16

Messe für zeitgenössische Kunst und Moderne

Art Basel Miami Beach: Die Verjüngungskur steht ihr gut zu Gesicht

Von: Barbara Kutscher

Nach einem Jahr Zwangspause weicht die Art Basel in Miami Beach ihre Zugangskriterien auf. Sie wirkt frischer, jünger und diverser.

Das extreme Querformat hängt auf dem Stand von Hauser & Wirth. Hauser & Wirth; Foto: John Berens

Jack Whitten „Egyptian Indigo“

Das extreme Querformat hängt auf dem Stand von Hauser & Wirth.

Miami Lange nicht mehr fühlte sich die Strandausgabe der Schweizer Messe „Art Basel“ so jugendlich. Scheinbar spielend nahm die wichtigste US-Kunstshow nach ihrer covidbedingten Zwangspause im letzten Jahr die Fäden wieder auf. Noch bis einschließlich Samstag werden erwartete Zehntausende von Besuchern bei 253 internationalen Galerien im Miami Beach Convention Center aus einem reichhaltigen Angebot wählen. Es reicht von Klassischer Moderne bis zu digitaler Kunst und schließt hier und da auch Outsider Art ein.

Nach den vor Kurzem endlich aufgehobenen Reisebeschränkungen können Besucherinnen und Besucher wieder die stetig wachsende Kulturszene Südfloridas erkunden und, besonders wichtig, die lauen Dezembernächte durchfeiern. 

Aber viel hat sich doch geändert. „Die vergangenen Monate führten uns eine mangelnde Diversifizierung vor Augen“, so Marc Spiegler, Global Director des Messeunternehmens. Noah Horowitz verließ das Unternehmen im Sommer 2021 Richtung Sotheby’s. Deshalb betreut Spiegler bis zur Berufung eines neuen Direktors für Nord- und Südamerika auch diesen Kontinent.

Die Messe weichte im kräftigen Bemühen um Antidiskriminierung zum ersten Mal ihre strengen Zugangskriterien auf: Galerien müssen keine physische Niederlassung mehr unterhalten und selbst Start-ups dürfen teilnehmen. „Die Pandemie förderte ein viel flexibleres Spektrum an Geschäftspraktiken zutage. Wir ermöglichen Händlern jetzt viel früher, eigentlich ab Tag Eins, mit Kunden in Kontakt zu treten“, so Spiegler. Unter der großen Zahl von 44 Neuzugängen sind zum ersten Mal auch Simbabwe, Nigeria, Uganda und Südafrika vertreten.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Unter der großen Zahl von 44 Neuzugängen sind zum ersten Mal auch Simbabwe, Nigeria, Uganda und Südafrika vertreten. „Diese Breite an künstlerischen Stimmen verjüngt die Show und macht sie viel interessanter. Nach all den Monaten ohne Reisemöglichkeiten zu Biennalen stehen wir offen für Entdeckungen.“

    Aber nicht nur Käufer der begehrten studiofrischen „Red Chip“-Kunst werden hier bedient. Nach den starken Ergebnisse der New Yorker Leitauktionen im November brachten Händler von Bluechip-Ware – dem Rückgrat der Messe – zuversichtlich ihr Bestes mit. 

    Die golden patinierte Bronzeskulptur misst knapp einen Meter. Konrad Fischer Galerie / VG Bild-Kunst, Bonn 2021

    Tony Cragg „Over the Earth“

    Die golden patinierte Bronzeskulptur misst knapp einen Meter.

    „Erst nachdem meine Kunden auf den Auktionen den Puls des Marktes fühlen konnten, übertrugen sie mir Werke zum Verkauf“, berichtet Edward Tyler Nahem von New Yorks Upper East Side. Auf der Außenwand seines großen, sorgfältig komponierten Standes leuchtet Keith Harings vierteiliges Großformat zu 7,8 Millionen Dollar in sonnigem Gelb. Das Bild gelangte kurz nach der Entstehung 1984 in den Besitz des einflussreichen Kölner Galeristen Paul Maenz.

    Verlässlich laden direkt am Eingang Trophäen von Alexander Calder, Pablo Picasso und Marc Rothko auf den eleganten Stand von Helly Nahmad aus New York. Jean-Michel Basquiats „Untitled“ aus dem hoch bezahlten Jahr 1982 zieht zu 20 Millionen Dollar die Blicke an.

    Galerie Thomas aus München ist wieder mit einem guten Querschnitt von europäischer Klassischer Moderne bis Pop-Art dabei. Angeführt wird sie von einem relativ erschwinglichen späten Guss von Constantin Brancusis „Golden Bird“. „Von Verkauf und Präsenz her war die Art Basel Miami Beach für uns immer eine ganz, ganz wichtige Messe“, freut sich Silke Thomas über ihre Rückkehr.

    Das expressive, zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit schwankende Gemälde ist bei Hauser & Wirth zu finden. Hauser & Wirth; Foto: Thomas Barratt

    Rita Ackermann „Mama, Good Samaritan“

    Das expressive, zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit schwankende Gemälde ist bei Hauser & Wirth zu finden.

    Für Spiegler ist die Balance von Alt und Neu auf der Messe „superwichtig“. Aber in dieser Ausgabe ist das historische Rückgrat besonders schwach besetzt. Das mag auch am immer rarer werdenden Material liegen. Deshalb richte er den Fokus verstärkt auf die nächste Generation von Händlern im Sekundärmarkt, so der Global Direktor. 

    Sehr gut vertreten ist in der riesigen Halle amerikanische Kunst der 1970er- und 1980er-Jahre. Van de Weghe aus New York verkaufte schnell ein besonders schönes figuratives Gemälde von Philip Guston, dessen Spätwerk auf den New Yorker Auktionen überraschend auf ein neues Preisniveau sprang. „Wir hätten durchaus mehr als 5,4 Millionen Dollar verlangen können“, meint Mike Quinn von der Galerie. 

    Schon in den ersten Minuten der VIP-Stunden ließen sich Verkäufe in allen Preisklassen notieren. Die Galerie Templon aus Paris gab unter anderem ein Gemälde von Jim Dine zu 600.000 Dollar weiter. „Den Covidregeln der Messeleitung verdanken wir einen stetigen Strom von Sammlern. Es ist eine wirklich anregende Erfahrung. Sie streicht wieder die Wichtigkeit physischer Messen und der Interaktionen mit Kunst und Händlern heraus“, sagt Anne-Claudie Coric, Templons Executive Director.

    Die Megagalerie Hauser & Wirth gab in den ersten Stunden schon fast 20 Werke weiter, darunter auch an wichtige Institutionen. „Es fühlt sich großartig an, wieder in Miami zu sein. Der Enthusiasmus von Sammlern, Kuratoren und Beratern hier ist wunderbar“, begeistert sich President Marc Payot. 

    Art Basel: Die Kunst, das Risiko zu minimieren

    Art Basel

    Die Kunst, das Risiko zu minimieren

    Nach einer Corona bedingten Zwangspause meldet sich die Kunstmesse Art Basel zurück. Erstmals sichert sie ihre schwächeren Aussteller durch einen Solidaritätsfond ab.

    Auch in diesem Jahr prägen große Formate und fröhlich Farbiges das Bild. Diese Kunst findet leicht Abnehmer. Daneben sind Werke Schwarzer Künstler besonders stark vertreten und nachgefragt. Mariane Ibrahim aus Chicago und Paris beweist eine besonders gute Spürnase. Sie vertritt unter anderen den in Ghana geborenen Marktliebling Amoako Boafo. Bisher verkaufte Ibrahim an jedem Tag ihre morgens neu gehängte Auswahl vollständig aus. Geplant sei, gegen Ende der Woche erschwinglichere jüngere Positionen der Galerie zu zeigen, sagt Partner Pierre Lenhardt.

    Auch Rele Gallery aus Lagos und Los Angeles, die im Nachwuchssektor fünf figurative Bilder der 32-jährigen Marcellina Akpojotor zu Preisen zwischen 25.000 und 75.000 Dollar vorstellt, konnte alle vermitteln. Akpojotor schildert mit Streifen aufgeklebter, bunter afrikanischer Wachsstoffe ihre Familiengeschichte.

    Eine nicht alltägliche Entdeckung

    Schon seit beinahe 40 Jahren kümmert sich Jack Shainman aus New York erfolgreich um Schwarze Künstler. Die von ihm vertretene 36-jährige Nigerianerin Toyin Ojih Odutola, deren Pastellzeichnung „It’s Nothing“ hier zu 250.000 Dollar verkauft wurde, eröffnete gerade ihre erste Museumsausstellung im Hirshhorn Museum in Washington DC. 

    Aber die riesige Auswahl dieser starken Messeausgabe hält auch ungewöhnliche Preziosen bereit. Die Galerie Gray aus Chicago und New York stellt die vom Surrealismus beeinflusste Evelyn Statsinger (1927-2016) mit einer frühen, großen, detaillierten Tuschezeichnung vor, „Final Burial of a Very Young Dead One“ von 1949 für 80.000 Dollar. Die bisher kaum über die Chicagoer Stadtgrenzen hinaus bekannte Malerin wird zum ersten Mal einem kenntnisreichen, ausgewählten Messepublikum gezeigt.

    Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

    Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

    Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

    ×