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09.02.2022

15:42

Museum Folkwang in Essen

Ausstellung zum 100-jährigen Bestehen: Brückenschlag nach Japan

Von: Regine Müller

Das Museum Folkwang in Essen feiert sein Jubiläum mit einer reich bestückten Schau impressionistischer Kunst aus der eigenen Sammlung und der des japanischen Unternehmers Kojiro Matsukata.

Das Bild gehörte einst Karl Ernst Osthaus, bevor es nach Japan gelangte. The National Museum of Western Art, Tokyo (ehemals Museum Folkwang, Hagen/Essen)

Paul Signac „Le Port de Saint-Tropez

Das Bild gehörte einst Karl Ernst Osthaus, bevor es nach Japan gelangte.

Essen Paul Signacs in leuchtenden Orange-Rosa-Tönen vibrierendes Bild „Der Hafen von Saint-Tropez“ ist eines der herausragenden Exponate der Jubiläums-Ausstellung zur Gründung des Museum Folkwang vor 100 Jahren. Die bewegte Geschichte des 1901/02 entstandenen Ölbilds verdichtet auf verblüffende Weise die Dramaturgie der opulent bestückten Ausstellung „Renoir, Monet, Gauguin. Bilder einer fließenden Welt“.

Denn die Schau erzählt zugleich von zwei geglückten Schicksalen privater Sammlungen und der frühen, in Deutschland und Japan parallel aufkommenden Leidenschaft für den Impressionismus.

Signacs post-impressionistisches Bild war tatsächlich zunächst Bestandteil der von Karl Ernst Osthaus (1874-1921) gegründeten Folkwang-Sammlung. Die befand sich zunächst in Hagen im eigens von Henry van de Velde ausgestatteten Neo-Renaissance-Bau – heute Osthaus Museum Hagen – und dann ab 1922 im neu erbauten Museum Folkwang in Essen. Durch Tausch gelangte das Bild in den 1970er-Jahren nach Tokio und ist dort heute Teil der Sammlung des Museum of Western Art.

„Es ist ein großes Glück, dass dieses Werk sozusagen an seinen Ursprung zurückkehrt“, sagt der Folkwang-Direktor Peter Gorschlüter stolz beim Rundgang. Dass dieses und weitere Werke aus Tokio ins Ruhrgebiet geholt werden konnten, verdankt sich auch der Tatsache, dass das Museum of Western Art derzeit umfangreich saniert wird und die Bilder somit zur Verfügung standen.

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    Kunstsammlungen sind stets dynamische und hoch fragile Gebilde. Sie sind Kinder ihrer Zeit, Ausdruck persönlicher Leidenschaften und werden nicht selten auch zum Politikum. Im Januar sorgte etwa die Meldung für Furore, dass die bedeutende Sammlung Gerlinger mit Spitzenwerken expressionistischer Kunst keinen Platz in einem Museum findet, sondern versteigert und damit in alle Winde zerstreut wird.

    Denn ihr Eigentümer Hermann Gerlinger wurde – wie berichtet – nach weiteren gescheiterten Kooperations-Versuchen auch mit dem Buchheim-Museum nicht glücklich. Das heikle Verhältnis von Museen zu privaten Leihgebern ist brisant, bereits im November reflektierte eine Bonner Tagung die Konfliktlinien.

    Der fein gekleidete Kunstsammler scheint für die Malerin seine Studien zu unterbrechen. Osthaus Museum Hagen; Foto: Achim Kukulies, Düsseldorf

    Ida Gerhardi „Porträt Karl Ernst Osthaus“

    Der fein gekleidete Kunstsammler scheint für die Malerin seine Studien zu unterbrechen.

    Sowohl die Sammlung des Folkwang-Gründers Karl Ernst Osthaus als auch die von Kojiro Matsukata waren keinesfalls gefeit vor Krisen, Verwerfungen und Verkäufen. Aber sie blieben doch intakt – in Essen – dank der Gründung des Folkwang-Museumsvereins. Der kaufte nach Osthaus‘ frühem Tod die Sammlung inklusive der Rechte am Namen „Folkwang“ komplett für die Stadt Essen an.

    In der aktuellen Ausstellung treten die beiden Sammlungen in einer klugen Auswahl komplementärer Werke in einen aufschlussreichen Dialog. 45 Werke wurden vom Western-Art-Museum in Tokio geliehen, etwa 50 Werke gehören zum Osthaus-Erbe, ergänzt von weiteren Leihgaben etwa aus dem Pariser Musée d‘Orsay, dem Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud in Köln und weiteren japanischen Leihgebern.

    Ausstellung und Hintergrund

    Die Ausstellung

    „Renoir, Monet, Gauguin. Bilder einer fließenden Welt. Die Sammlungen von Kojiro Matsukata und Karl Ernst Osthaus“ läuft im Museum Folkwang, Essen, bis 15. Mai 2022. Der Katalog kostet im Museumsshop 42,80 Euro, im Buchhandel 54 Euro.

    Das Buch

    von Rainer Stamm und Gloria Köpnick: „Karl Ernst und Gertrud Osthaus. Die Gründer des Folkwang-Museums und ihre Welt“ mit 368 Seiten und 52 Abbildungen erscheint am 17. Februar 2022 im C.H. Beck Verlag für 29,95 Euro.

    Die Sammlerpersönlichkeiten selbst, die sich im wirklichen Leben wohl nie begegnet sind, stehen sich in der Schau gleich zum Auftakt in Form von Porträts gegenüber: Ida Gerhardi porträtierte den Erben und Bankierssohn Karl Ernst Osthaus 1913 mit vergeistigtem Blick in seidener Weste in seinem Arbeitszimmer, umgeben von Büchern.

    Der walisische Künstler Frank Brangwyn zeigt den ebenfalls schwer reichen Schiffbauunternehmer Matsukata sechs Jahre später in der legeren Pose eines Lebemanns westlicher Prägung mit Pfeife. Ungeachtet dieses habituellen Unterschieds entdeckt die Ausstellung erstaunliche Parallelen der Sammler. Sie manifestieren sich, weit über das Geschmackliche hinaus, in gemeinsamen, sehr grundsätzlichen Motivationen und Prinzipien.

    Der reiche Schiffbauunternehmer wird 1916 in der legeren Pose eines Lebemanns westlicher Prägung mit Pfeife porträtiert. The National Museum of Western Art, Tokyo. Ex-Matsukata Collection, Schenkung der Erben von Kojiro Matsukata

    Frank Brangwyn „Portrait of Mr. Kojiro Matsukata“

    Der reiche Schiffbauunternehmer wird 1916 in der legeren Pose eines Lebemanns westlicher Prägung mit Pfeife porträtiert.

    Matsukata hatte von Beginn an vor, eine enzyklopädische Sammlung nach dem Vorbild des Victoria and Albert Museum in London aufzubauen. In ihr sollte nicht nur Kunst, sondern auch internationales Kunstgewerbe zu sehen sein. Durch finanzielle und steuerliche Schwierigkeiten konnte dieser Traum erst 1959 Realität werden. Ein Brand in Matsukatas Londoner Lager hatte einen Teil seiner Sammlung vernichtet. Japan erhob auf Kunst eine Luxussteuer; deshalb wurde ein weiterer Teil der Sammlung in Paris im Musée Rodin zwischengelagert.

    Matsukata bewies als Unternehmer Weitsicht und gesellschaftliche Verantwortung, indem er in Japan den Zwölf-Stunden-Tag durch den Acht-Stunden-Tag ersetzte und unabhängigen Journalismus unterstützte. Sein Ziel als Sammler war, die westliche Kunst der japanischen Bevölkerung zugänglich zu machen, denn die Kunst sei „Ausdruck der Seele eines Volkes.“

    Osthaus verfolgte eine ähnliche, aus heutiger Sicht ganz aktuelle Agenda: Entliehen dem Palast „Fólkvangar“ aus der altnordischen Mythologie, verstand er sein in Hagen eröffnetes Museum als eine Halle für das Volk. Kernidee des Folkwang-Gedankens war das, was heute als kulturelle Teilhabe bezeichnet wird. Dazu kam der Wille, das Museum für die zeitgenössische Kunst und kunstgewerbliche Objekte zu öffnen.

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    Die Kontroversen um die Sammlung Bührle im größten Museum der Schweiz reißen nicht ab. Nun sehen auch die Geldgeber die Mängel und suchen externe Evaluation.

    Rund 120 Gemälde, Plastiken, japanische Drucke sowie im zentralen Raum eigens in Auftrag gegebene Installationen der japanischen Gegenwartskünstlerinnen Chiharu Shiota und Tabaimo bilden einen dichten Parcours, der die Entwicklung beider Sammlungen anhand von thematischen Gegenüberstellungen nachvollziehen lässt.

    Während Osthaus beispielsweise von Paul Gauguin Bilder aus der berühmten Reihe der späten, ikonischen Südseebilder sammelte, bevorzugte Matsukata das Frühwerk Gauguins, das in vorwiegend erdigen Tönen in der rauen Bretagne entstand.

    Schon allein für die große Zahl an Werken der Titel gebenden Künstler Renoir, Monet und Gauguin aus dem fernen Japan kommen, die für den europäischen Museumsgänger sozusagen „neu“ sind – wie etwa Monets großformatiges, fulminantes Ölbild „Sur le bateau“ – lohnt der Weg nach Essen.

    Darüber hinaus gibt es einen großen Raum mit Bronzen von Auguste Rodin, herausragende Porträts von Éduard Manet und van Gogh, Werke von Camille Corot, Gustave Courbet und Camille Pissarro zu sehen. Eine erhellende Schau, die trotz der Vielzahl ihrer historischen Verweise nicht an Überinformation erstickt und sinnlich präsentiert ist.

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