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24.05.2022

08:10

Privatsammler

Hermann Gerlinger: Ein einziger Blick genügt, um Qualität zu erkennen

Von: Sabine Spindler

Die erste Tranche der bedeutenden Expressionismus-Sammlung von Hermann Gerlinger wird Anfang Juni bei Ketterer Kunst versteigert. Das Handelsblatt sprach mit dem 91-Jährigen über Kunstkauf in vordigitalen Zeiten und warum er auch das Spätwerk von Karl Schmidt-Rottluff erwarb.

Wenn bei Ketterer demnächst die Sammlung in alle Himmelsrichtungen verstreut wird, bleibt Gerlingers Lebensleistung bestehen. Er hat der Brücke ein Denkmal gesetzt. Thomas Obermeier

Hermann und Hertha Gerlinger

Wenn bei Ketterer demnächst die Sammlung in alle Himmelsrichtungen verstreut wird, bleibt Gerlingers Lebensleistung bestehen. Er hat der Brücke ein Denkmal gesetzt.

München Der legendäre Sammler Hermann Gerlinger schweigt, wenn es um die einst gezahlten Preise für Meisterwerke von Ernst Ludwig Kirchner oder Erich Heckel geht. „Gute Kunst ist immer zu teuer“, meint er ironisch und mit einem Anflug von patriarchalischer Weisheit im Interview mit dem Handelsblatt.

Gerlinger muss es wissen. Schließlich hat er in mehr als einem halben Jahrhundert eine der bedeutendsten Expressionismus-Sammlungen zusammengetragen. Am 10. Juni versteigert Ketterer Kunst in München den ersten Teil der insgesamt 1000 Objekte umfassenden Sammlungen und öffnet damit ein Füllhorn hochkarätiger Werke für den leicht ausgetrockneten Expressionismus-Markt.

Zum Angebot zählen ebenso Druckgrafiken, Aquarelle von Max Pechstein, Otto Mueller und Emil Nolde sowie zahlreiche Dokumente zum Wirken der „Brücke“. Denn dieser 1905 in Dresden gegründete Künstlergemeinschaft gehörte sein ausschließliches Interesse.

Als Kunst-Sammler verkörpert der heute 91-Jährige eine Spezies, die eher selten ist. Während andere einzig auf Arbeiten aus avantgardistischen Hochphasen setzen, verfolgte der Würzburger ein breites Epochenbild der von ihm favorisierten Brücke-Künstler.

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    „Ich habe Anfangs auch Werke von Max Beckmann und Franz Marc gekauft, aber man wird so den einzelnen Künstlern nicht gerecht“, so Gerlinger. Anfang der 1960er-Jahre hat er sie wieder verkauft. Sieben Namen sind letztlich übrig geblieben. In ihren Oeuvres vom stilsuchenden Frühwerk bis zum reifen Spätwerksieht er die großen Umbrüche des 20. Jahrhunderts und die Biographien der Künstler eingeschrieben.

    Der Sammler steht vor Arbeiten aus seiner breitgefächerten Sammlung zur „Brücke“. Stock & People

    Hermann Gerlinger

    Der Sammler steht vor Arbeiten aus seiner breitgefächerten Sammlung zur „Brücke“.

    Das Werk von Karl Schmidt-Rottluff war ihm besonders nahe. Als andere Gerhard Richter und Otto Piene kauften, erwarb er Selbstporträts des betagten Expressionisten und sein 1964 entstandenes Gemälde „Verschneite Schonung“.

    „Schmidt-Rottluffs Kreativität und seine künstlerische Kraft habe ich auch in seinem Spätwerk gespürt, das ohne die Brücke eigentlich undenkbar ist“, so Gerlinger. Viele Jahre verband den Künstler und den Sammler eine Freundschaft, wenngleich man beim förmlichen Sie blieb. Bei einem Besuch in Westberlin zog der Künstlerfreund ein kantiges, in übersteigerten Farben gemaltes Bild aus einem Stapel hervorzog. „Du und ich“ aus dem Jahr 1919.

    Klassische Moderne: Raus aus dem Museum und unter den Hammer: Ketterer versteigert die Expressionismus-Sammlung Gerlinger

    Klassische Moderne

    Raus aus dem Museum und unter den Hammer: Ketterer versteigert die Expressionismus-Sammlung Gerlinger

    Hermann Gerlinger hat seine bedeutende Expressionismus-Sammlung aus dem Buchheim Museum abgezogen. 1000 Werke sollen bei Ketterer versteigert werden.

    Schmidt-Rottluff hat fast nie an Privatsammler verkauft. Gerlinger fragte kühn, ob er es hergeben würde. „Als ich erfuhr, dass es das Hochzeitbild ist, das Schmidt-Rottluff seiner Frau geschenkt hatte, verlor ich alle Hoffnungen“, erzählt er. Ein paar Wochen schrieb Schmitt-Rottluff nach Würzburg: „Es ist für Sie reserviert“ Das Gemälde wurde eines der Höhepunkte der Sammlung.

    Die Konzentration auf die Brücke hat der Sammlung Schärfe und Bedeutung gegeben und aus dem Inhaber eines Sanitär- und Installationsbetriebes einen profunden Brücke-Forscher gemacht. „Ich habe gespürt, dass da ein Schatz gehoben werden kann, der auch für die Öffentlichkeit interessant ist“, so seine Motivation.

    Der Bestandskatalog mit rund 50 Gemälden und 950 Papierarbeiten und Künstlerschmuck ist heute ein Standardwerk. Selbstverständlich war das nicht. „Als ich Anfang der Fünfziger als Student in München meine ersten expressionistischen Grafiken kaufte, war das Angebot im Handel gar nicht breit, es gab keine Werkverzeichnisse und nur spärliche Ausstellungen.“

    Das Ehepaar hat mit der Sammlung gelebt. Thomas Obermeier

    Hermann und Hertha Gerlinger

    Das Ehepaar hat mit der Sammlung gelebt.

    Die Kunst der Moderne hat den damals 24-Jährigen nie mehr losgelassen. Wo Expressionismus angeboten wurde, war Gerlinger zur Stelle. „Ganz wichtig war das Stuttgarter Kunstkabinett von Roman Norbert Ketterer, das Zugriff auf den Nachlass Kirchners hatte, sowie der Kunsthandel Wolfgang Ketterer, dessen Auktionen einen vielseitigen Überblick über die einst verfemte Kunst gaben.“

    Es kam vor, dass Lothar-Günther Buchheim und er in derselben Auktion saßen. „Aber Konkurrenten waren wir nicht, ihn interessierte ja nur die Zeit bis 1920.“ Noch bedeutsamer für den Sammler waren die Galerien. Kunstkaufen das war Kommunikation, lange Gespräch, Diskussionen. Das Analysieren von Datenbanken, Art Advisors, Allerts auf Internetplattformen - all das lag in weiter Ferne.

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    Gerlinger verfolgte das Angebot der Frankfurter Kunsthändlerin Hanna Bekker vom Rath. In Berlin kommunizierte er in der Galerie Nierendorf mit dem Moderne-Kenner Florian Karsch. Und aus dem Rheinland schickte der Galerist Wilhelm Grosshennig per Post seine Angebote. Hier erwarb er 1975 mit Erich Heckels „Kinder“ von 1909/10 eines der frühesten expressionistischen Gemälde des Brücke-Mitbegründers. Die Atelierszene mit Fränzi, dem Lieblingsmodell der Brücke-Künstler, kam direkt aus dem Nachlass des Künstlers. Sie wird nun zur unteren Taxe von 600.000 Euro aufgerufen.

    Gerlinger war ein Unermüdlicher. Wer in 50 Jahren 50 Gemälde kauft, hat eine Mission. „Und um Qualität zu erkennen, brauchte ich nur einen einzigen Blick“. 13 Jahre nach Heckels „Kinder“ erwarb er beim Kunsthändler Wolfgang Wittrock eine weitere Ikone der Brücke: Ernst Ludwigs Kirchners „Blaues Mädchen in der Sonne“ aus dem Jahr 1910. Wenn es in einer der kommenden Auktionen zum Aufruf kommt, ist ein Bietergefecht programmiert.

    Kulturpolitik: Privatsammlungen im Museum: Prekäre Interessen

    Kulturpolitik

    Privatsammlungen im Museum: Prekäre Interessen

    Der Abzug der Sammlung Gerlinger aus dem Buchheim Museum und eine Bonner Tagung zeigen: Die Interessen von Öffentlichkeit und privaten Leihgebern müssen immer wieder neu justiert werden.

    Gerlingers Sammlung hatte längst Museumsreife. Schloss Gottorf in Schleswig, das Kunstmuseum Moritzburg in Halle, das Buchheim Museum der Phantasie in Bernried haben gejubelt, als die Sammlung angeblich für immer in ihren Häusern verweilen sollten.

    Nur lange dauerten diese Beziehungen nie. Meinungsverschiedenheiten im Leihverkehr und in der Vorstellung der Präsentation waren die offiziellen Gründe. Dass Sammler sanfte Persönlichkeiten sind, steht nirgendwo geschrieben. Und was die einen konsequent nennen, ist in den Augen anderer Eigensinn. Wenn bei Ketterer demnächst die Sammlung in alle Himmelsrichtungen verstreut wird, bleibt Gerlingers Lebensleistung bestehen. Er hat der Brücke ein Denkmal gesetzt.

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