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10.03.2022

12:01

Privatsammlerin

Grażyna Kulczyk: Die Frau, die für die Kunst durch Felswände geht

Von: Susanne Schreiber

In den Schweizer Bergen hat die polnische Sammlerin Grażyna Kulczyk ein Privatmuseum mit Künstlerresidenz gebaut. Hier werden Maßstäbe gesetzt.

Im ehemaligen Kühllager des Klosters dreht sich ein Zylinder, der uns und die Natur spiegelt. Muzeum Susch, Art Stations Foundation CH, Foto: Stefano Graziani

Mirosław Bałka „Narcissussusch“

Im ehemaligen Kühllager des Klosters dreht sich ein Zylinder, der uns und die Natur spiegelt.

Susch Sie ist zierlich. Sie kleidet sich betont weiblich. Aber Grażyna Kulczyk ist kämpferisch und geht – wenn es sein muss – durch Wände. Weil der Raum in ihrem Unterengadiner Kunstmuseum schon vor der Eröffnung knapp wurde, ließ die wichtigste Sammlerin aus Polen den Platz eben aus Felswänden bohren.

9000 Tonnen Gestein holten Schweizer Tunnelbauer unter den von ihr erworbenen denkmalgeschützten Kloster- und Brauereibauten in Susch heraus. Die Architekten Chasper Schmidlin und Lukas Voellmy verwendeten zerriebene Felsen und rollende Steine später geschickt für Fußböden und Rauputz.

Das 2019 eröffnete Privatmuseum in dem 200-Seelen-Flecken Susch am Fuß des Flüelapasses hat sich trotz Pandemie zu einem sehr gut besuchten Ausstellungshaus entwickelt. Architektur, Konzept und Fokus sind buchstäblich einmalig. Das zog nach dem in der Schweiz kurzen Lockdown wieder zahlreiche Besucher in das flexible Ausstellungshaus. Inzwischen besuchten fast 60.000 Menschen das unter- und oberirdische „Muzeum“, rätoromanisch mit „z“.

Das „Muzeum Susch“ ist eben nicht das zigste Sammlermuseum, das zeigt, was alle anderen auch haben: etwa Hängeskulpturen von Olafur Eliasson, fluoreszierende Lichtskulpturen von Dan Flavin oder Rosemarie Trockels Strickbilder. Ausgestellt werden vor allem Konzeptkunst und Kunst von zu Unrecht übersehenen Frauen.

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    „Grażyna Kulczyk hat den Mut, den Wert polnischer Künstlerinnen und Künstler zu unterstreichen, indem sie deren Werk in den internationalen Kontext stellt,“ bemerkt Anda Rottenberg.

    Die Mäzenin vor dem Gemälde „Composition“ von Teresa Tyszkiwicz aus dem Jahr 1963. privat

    Grażyna Kulczyk

    Die Mäzenin vor dem Gemälde „Composition“ von Teresa Tyszkiwicz aus dem Jahr 1963.

    Die Kunsthistorikerin und Journalistin war unter anderem Direktorin der Zachęta Galerie in Warschau, dem Zentrum für Kunst der Gegenwart in Polen. „Dieser Vergleich zeigt deren hohe Qualität, die aber international noch unterschätzt wird,“ fährt Rottenberg fort. „Das Nebeneinander macht Kulczyks Sammlung einzigartig, speziell in der Schweiz, wo viele Privatsammler dieselbe Liste internationaler Stars wiederholen“.

    Es gibt zwei Bereiche im Muzeum Susch: elf permanente Installationen, etwa von Magdalena Abakanowicz und Mirosław Bałka, Izabella Gustowska und Piotr Uklański, fest eingebaut in grottenartigen Räumen aus schimmerndem Gestein. Zwei durchlaufende schmale Quellen haben die Architekten so gefasst, dass das einst für die Brauerei so wichtige Wasser der zeitgenössischen Kunst nichts anhaben kann. Und die lichten, oberirdischen Räume in zwei verbundenen jahrhundertealten Engadiner Häusern. Sie sind zwei Wechselausstellungen pro Jahr vorbehalten.

    Berge von Kunst

    Auf zeitgenössische Arbeiten

    stoßen Neugierige auch in vier Alpenanrainern. Ute Watzl stellt überraschende Kunstwerke in imposanter Bergwelt vor. Tipps für Bergtouren, Hotels und Restaurants runden die originellen Kunst-Empfehlungen ab. Natürlich wird auch das Muzeum Susch vorgestellt: Ute Watzl: „Berge von Kunst. 20 überraschende Orte internationaler Kunst in den Alpen“, AS Verlag, Zürich 2022, 220 Seiten, 42,80 CHF

    Bis 26. Juni läuft die Schau zum Werk der kolumbianischen Bildhauerin Feliza Burstyn (1933–1982). Sie unterstreicht: coole Metallskulptur brachte man auch in Südamerika zu Tanzen, nicht nur auf der Achse Europa-USA. Eine Einladung zur Wiederentdeckung.

    „Ich ahnte nicht wie kompliziert das Bauen am und im Berg würde, als ich 2013 in Susch mit der Restaurierung der Brauerei begann“, sagt die meist in hautenges Leder gekleidete Sammlerin dem Handelsblatt in ihrem holzgetäfelten Büro. „Obwohl ich viel Erfahrung hatte mit schwierigen und anspruchsvollen Großprojekten.“ Damit spielt die 71-Jährige auf die beiden gescheiterten Projekte in ihrer Heimatstadt Poznan und in Warschau an.

    Links das ehemalige Klostergebäude mit Satteldach, rechts ein Anbau an einen weiteren Altbau. Andrea Badrutt, Chur

    Muzeum Susch

    Links das ehemalige Klostergebäude mit Satteldach, rechts ein Anbau an einen weiteren Altbau.

    Grazyna Kulczyk hing schon als Studentin in den 1970er-Jahren gern mit Designern und Dichtern in der Bibliothek von Poznan ab, erzählt die studierte Juristin mit leiser Stimme auf Englisch. Vor der echten Kunst erwarb sie grafisch gut gemachte Filmplakate; dann entflammte sie für polnische Konzeptkunst.

    Als ihr Ex-Mann Jan Kulczyk und sie in den 1990er-Jahren sehr profitable Geschäfte abschlossen – unter anderem mit dem Import der VW-Automarken nach Polen – unterstützte die Sammlerin Jarosław Kozłowski oder Izabella Gustowska. Danach wendete sich die Unternehmerin der polnischen Moderne zu, dann der internationalen Kunst.

    Privatsammlung: Leuchtturm für die Kultur: Arles hofft auf den Bilbao-Effekt

    Privatsammlung

    Leuchtturm für die Kultur: Arles hofft auf den Bilbao-Effekt

    Die Milliardärin Maja Hoffmann eröffnet mit der Fondation Luma in Arles ein internationales Kulturzentrum für viele Kunstsparten.

    Sehr reich geworden mit Niederlassungen internationaler Firmen in Polen, investierte Grażyna Kulczyk 1998 in den acht Hektar großen Industriekomplex der ehemaligen Brauerei Hugger in Poznan. 2003 eröffnete „Stary Browar“ als Einkaufszentrum mit Geschäften, Büros, Gastronomie und einem Kunsthof.

    Die Unternehmerin verkaufte den Komplex ein paar Jahre später für rund 290 Millionen Euro an die Fondsgesellschaft Deutsche Asset Management. Das schreibt Dentons, eine Kanzlei für globales Immobilienrecht, auf seiner Website.

    Gescheiterte Museumspläne in Polen

    Daneben plante Grażyna Kulczyk zusätzlich ein Museum mit dem japanischen Stararchitekten Tadao Ando für Poznan: Das aber scheiterte, wie etwas später auch ein Museumsprojekt in Warschau „an dem nicht übereinstimmenden Verständnis für eine Public-Private-Partnership“.

    Auf Nachfrage erklärt sie, dass in Polen damals gattungsübergreifende Experimente in der Kunst „keine Priorität hatten“. Mit Blick auf die Herkunft des Handelsblatts, merkt die Sammlerin an, dass PP-Partnerschaften ja auch in Deutschland nicht ganz konfliktfrei seien.

    Bis 26. Juni läuft die Schau zum Werk der kolumbianischen Bildhauerin. Muzeum Susch; Arts Station Foundation; Annik Wetter

    Feliza Burstyn

    Bis 26. Juni läuft die Schau zum Werk der kolumbianischen Bildhauerin.

    2005 ließen sich Jan und Grażyna Kulczyk scheiden. Das Vermögen des Powerpaares wurde damals laut NZZ auf über drei Milliarden Schweizer Franken geschätzt und aufgeteilt. Seitdem gilt Grażyna Kulczyk als reichste Frau Polens. Mit ihrem vielen Geld und ihrer 2004 gegründeten Stiftung, die heute Art Stations Foundation heißt, geht die durchsetzungsstarke Frau eigenwillige Wege.

    Statt auf allseits bekannte Künstler und große Namen setzt die Frau mit dem blondierten Bob auf Überraschungen, Entdeckungen und „Slow Art“, wie sie es nennt. „Ich habe eine Nase für Künstler und Künstlerinnen, die sich gut entwickeln werden.“

    Die ersten Werke von Alina Szapocznikow kaufte sie „in den 1990er-Jahren in einer Galerie in Warschau“. Heute steht das körperbetonte Werk der polnischen Bildhauerin neben dem von Louise Bourgeois. Natürlich befinden sich auch viele Werke des konzeptuell denkenden Malers Roman Opalka in ihrer gut 600 Werke umfassenden Privatsammlung.

    Ausstellung: Minimal Art: Das Spiel mit der Perfektion

    Ausstellung

    Minimal Art: Das Spiel mit der Perfektion

    Christoph Seibt ist fasziniert von der Minimal Art. Das Bucerius Kunst Forum zeigt raumgreifende Ensembles aus der Sammlung des bekannten Wirtschaftsanwalts.

    Aber Kulczyk besitzt auch Werke von den Zero-Künstlern Heinz Mack, Günther Uecker und Jan Schoonhoven sowie von Antonio Tapiès und Jenny Holzer. Doch die Privatsammlung bleibt privat. Allenfalls werden dort vertretene Positionen im Muzeum vertieft. So bekommt die polnische Feministin Natalia LL bald eine Ausstellung.

    Das Publikum lernt aus der Sammlung nur elf permanente Installationen kennen. Darunter die 14 Meter hohen „Stairs“ der großartigen Bildhauerin Monika Sosnowska. Sie machte der Mäzenin Entwürfe für den ehemaligen Eisturm der Brauerei. „Ich entschied mich für den zweiten. Da sieht die dekonstruierte Metalltreppe aus wie eine Wirbelsäule, die alle Teil des Museums verbindet, symbolisch und visuell.“

    Die Sammlerin besucht regelmäßig Messen und Galerien. „Als ich das ‚Herrenzimmer‘ von Heidi Bucher zum ersten Mal in der Sadie Coles Galerie sah, wusste ich sofort, dass es ein starkes, provokatives Werk ist, ausgeführt mit Leidenschaft.“ Die Schweizerin Heidi Bucher (1926–1993) formte Räume ihres großbürgerlichen Elternhauses in Latex ab und hängte diese Häute an die Wand. Bucher ist die kommende Ausstellung im Muzeum gewidmet.

    Die Mission

    Das Muzeum Susch ist mehr als ‚nur‘ ein Museum für zeitgenössische Kunst: es sei ihre Mission, kein eitles Projekt, sagt die Sammlerin. Man nimmt ihr das ab. Denn zum einen zählen auch Tänzerinnen und Choreografen seit der Erfahrung mit einem Tanz-Schwerpunkt in Stary Brower für Grażyna Kulczyk dazu. Sie wohnen in der Residenz, bevor sie in der Reihe Performing Arts in Susch auftreten. Zum anderen lässt die Mäzenin aufwendige Magazine und Kataloge von Kunstwissenschaftlerinnen und Kunsthistorikern erarbeiten. Ein Manifest der Frauen in Tanz und Kunst ist im Entstehen begriffen.
    Kulczyk will Bedeutungsvolles tun, etwas das Veränderung bewirkt: „Deshalb möchte ich Künstlerinnen und Denkerinnen die verdiente Achtung verschaffen. Ich vertraue darauf, herausragende historische Positionen aufzubauen, ungeachtet der Verführung, die vom Erfolg junger Stars ausgeht.“

    Blick in die Ausstellung "Jarosław Kozłowski ‘Books, Words, Ideas’", die Werke von 47 Künstlern zum Thema Künstlerbuch zusammenführt. Muzeum Susch, Art Stations Foundation CH; Stefano Graziani

    Ehemaliger Pferdestall in Susch

    Blick in die Ausstellung "Jarosław Kozłowski ‘Books, Words, Ideas’", die Werke von 47 Künstlern zum Thema Künstlerbuch zusammenführt.

    Die vermögende Sammlerin schätzt die Schweiz sehr. Hier fühlt sie sich frei. „Vielleicht war es ein Wink des Himmels, dass mein Geschenk an Polen nicht angenommen wurde.“ Sie fürchtet, „in Polen wäre ein Großteil meiner Energie, ein wertvolles Projekt von internationaler und historischer Bedeutung zu schaffen, in einem Meer von Vorurteilen versenkt worden.“

    Denn die Kunst von Frauen, die sie fördert, ist freizügig. Künstlerinnen setzen ihren eigenen Körper ein und verletzen bisweilen Schamgrenzen. Das gefällt in Polen vielen Autoritäten nicht, der katholischen Kirche schon gar nicht. „Dort wäre ich eingezwängt worden zwischen linken und rechten Attacken, unfähig meinen Fokus auf die Kunst von Frauen zu halten.“

    Die Lust zu Bauen

    Bislang hat Grażyna Kulczyk in Susch sechs Häuser gekauft und restaurieren lassen: „Die beiden Museumsgebäude mit den unterirdischen Ausstellungsräumen, dazu ein Auditorium, die Residenz für Künstler, Kunstwissenschaftlerinnen, Choreografen und Tänzerinnen, das Gästehaus und meinen Wohnsitz.“

    Wenn in diesem Sommer endlich ein dauerhafter Parkplatz beim Museumskomplex eingerichtet sein wird, plant sie dann eine weitere Immobilie in Susch zu erwerben? Aktuell habe sie keine Restaurierungspläne, aber immer noch „Lust zu bauen“, räumt die Geschäftsfrau ein, die in der männerlastigen Auto- und Immoblienbranche stets die einzige Frau war.

    Polnische Kunst: "Etwas Chaos bedeutet Freiheit"

    Polnische Kunst

    "Etwas Chaos bedeutet Freiheit"

    Ein westdeutscher Landarzt hat eine der größten Privatsammlungen polnischer Kunst zusammengestellt. Ihr Schwerpunkt liegt auf den 1980er-Jahren. Mit dieser Zeit verbinden die Polen quälende Erinnerungen.

    Grażyna Kulczyk verwendet in der englischen Unterhaltung die „Lust zu bauen“ auf Deutsch. Eindeutiger Hinweis darauf, dass die Frau, die Steine ins Rollen bringt, es männlichen Fürsten gleichtun will, die im Barock im großen Stil gebaut haben.

    Und „The Rolling Stones“ verehrt die Sammlerin bereits seit 1967 glühend. Mitten im Kalten Krieg kamen die Rockmusiker nach Polen für ein Konzert. Auch wenn der Teenager aus Poznan nicht live dabei war, haben dieses Konzert „und all die anderen Kontakte in den Westen uns geholfen, die dunkelsten Zeiten zu überleben und mit der freien Welt verbunden zu bleiben.“

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