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18.09.2022

10:49

Privatsammlung in der Fondation Maeght

Garten Eden für die abstrakte Kunst

Von: Olga Grimm-Weissert

Der Schweizer Milliardär Jean Claude Gandur liebt die Kunst der 1950er- und sechziger Jahre. Die Fondation Maeght ermöglicht einen Einblick in seine Kunstsammlung.

Jean Tinguely verneigt sich mit der beweglichen Skulptur „Méta-Herbin“ 1955 vor seinem Mentor Auguste Herbin. Der ist mit dem Gemälde „Bien“ präsent. Roland Michaud /Archives de la Fondation Maeght / ADAGP Paris (2022) / VG Bild-Kunst, Bonn

Vorbild und Nachfolger

Jean Tinguely verneigt sich mit der beweglichen Skulptur „Méta-Herbin“ 1955 vor seinem Mentor Auguste Herbin. Der ist mit dem Gemälde „Bien“ präsent.

Saint-Paul-de-Vence In diesem Sommer und Herbst erwarten gleich mehrere ästhetische Höhepunkte die Besucher der Fondation Marguerite und Aimé Maeght im südostfranzösischen Saint-Paul-de-Vence: die Skulpturen im grünen Eingangsbereich, das Labyrinth von Joan Miro mit den restaurierten Keramikbrunnen und den edlen Marmor- und Metallskulpturen hinter dem 1964 eröffneten Gebäude des spanischen Architekten Josep Lluis Sert.

Im Innenhof stehen oder schreiten wieder die Männer und Frauen-Bronzefiguren von Alberto Giacometti, die man vermisste, seit Giacomettis Skulpturen Auktionspreise über 100 Millionen Dollar erzielen. Als Novum eröffnete ein Sterne-Restaurant im Garten mit den originellen Stühlen und Tischen von Diego Giacometti.

Die Stiftung der Galeristenfamilie Maeght ist ein Kunstgarten Eden, deren Leitung der junge Direktor Nicolas Gitton innehat. Als Augenschmaus bietet die Stiftung Maeght einen gelungenen Überblick auf die verschiedensten Spielarten der abstrakten Kunst der 1940er- bis 1980er-Jahre.

Bestückt wird die Sommerschau mit Leihgaben des Schweizer Milliardärs und vielseitigen Sammlers Jean Claude Gandur. Die Sammlungen der Kunststiftung „Fondation Gandur pour l'Art“ reicht von Archäologie über klassische Möbel und Art Déco, von europäischer Kunst nach 1945 bis zu zeitgenössischer afrikanischer Kunst.

Der programmatische Ausstellungstitel „Im Herzen der Abstraktion“ deutet die stringente Auswahl von Yan Schubert an, dem Kurator der Gandur-Stiftung. Mit 120 Werken von 60 Künstlern bietet er eine feinsinnige Übersicht über die konzessionslosen Kreationen von europäischen und nordamerikanischen Abstrakten, die nach dem Zweiten Weltkrieg Paris wieder zur Kunsthauptstadt machten.

Auf Victor Vasarelys schwarz-weißes Bild „Altaï-pos” folgt die Motorbetriebene bewegliche Skulptur „Méta-Herbin“ von Jean Tinguely. Daneben hängt Auguste Herbins Gemälde „Bien“, über dem sich die Blätter von Alexander Calders Mobile sanft im Luftzug bewegen. Roland Michaud / Archives de la Fondation Maeght / ADAGP Paris (2022) / VG Bild-Kunst, Bonn

Geometrische Abstraktion

Auf Victor Vasarelys schwarz-weißes Bild „Altaï-pos” folgt die Motorbetriebene bewegliche Skulptur „Méta-Herbin“ von Jean Tinguely. Daneben hängt Auguste Herbins Gemälde „Bien“, über dem sich die Blätter von Alexander Calders Mobile sanft im Luftzug bewegen.

Wie der 73-jährige Rohölmagnat Jean Claude Gandur hervorhebt, gibt es Parallelen zwischen der phänomenalen Moderne-Sammlung der Stiftung Maeght und seiner persönlichen Vorliebe für die Künstler der 1950er- und 1960er-Jahre. „Sie sind der Kern, das schlagende Herz, meiner Sammlung“, meint der völlig unprätentiös auftretende Sammler.

Gandur ist stolz darauf, über Werke von Künstlern zu verfügen, deren Namen weniger bekannt sind, weil dies „im Gegensatz zu den Normen des Kunstmarkts und der üblichen Sammler steht“, wie er dem Handelsblatt im Zoom-Gespräch erklärt. „Was für mich zählt, ist die Qualität des Werkes, die Botschaft, die es uns vermittelt, nicht der Name des Künstlers“.

Radikaler Verzicht auf Narration

Die Schau hält, was der Sammler verspricht: Eine subtile Konfrontation von bekannten Namen von Arman, Alexander Calder, César und Christo bis zu Victor Vasarely mit kaum bekannten Malern und Bildhauern, von denen noch zu sprechen sein wird. Den roten Faden bilden die Radikalität der Denkweise und der malerischen Geste.

Die Abstrakten aus aller Welt in Paris waren unerbittlich. Sie wollten über die Tradition der figurativen Malerei hinausgehen, die nicht zuletzt im Nationalsozialismus missbraucht worden war. Die Neue Malerei sollte ihrer Meinung nach von allen Zwängen befreit sein: Ohne narrativen Inhalt, ohne Figuren, allein konzentriert auf Rhythmus und Komposition der malerischen Geste, auf die Materialität von Farbe oder aufzuschlitzender Leinwand.

Joan Mitchells zartes Gemälde von 1952/53 ohne Titel hängt links. Es folgt eines der typischen schwarz-blau-grafitfarbenen Gemälde von Pierre Soulages in der Mitte. Rechts ist eine um ein Kraftzentrum kreisende Komposition von Judit Reigl platziert. Roland Michaud / Archives de la Fondation Maeght / ADAGP Paris (2022) / VG Bild-Kunst, Bonn

Abstrakt und expressiv

Joan Mitchells zartes Gemälde von 1952/53 ohne Titel hängt links. Es folgt eines der typischen schwarz-blau-grafitfarbenen Gemälde von Pierre Soulages in der Mitte. Rechts ist eine um ein Kraftzentrum kreisende Komposition von Judit Reigl platziert.

Der Rundgang macht die Besucher vertraut mit den dominant schwarzen Gemälden von Pierre Soulages und den farblich subtilen, aber expressiven Gemälden der Amerikanerin Joan Mitchell. Und mittendrin begegnet einem als knalliger Blickfang „Tiger“, ein schwarz-orange-weißes Großformat von Jack Youngerman. Das allerdings keineswegs rigoros abstrakt ist.

Der gelungenste Saal vereint ein streng geometrisches Gemälde von Auguste Herbin mit Werken von Künstlern, die er beeinflusste. Beglückt entdeckt man ein Mobile von Alexander Calder, dessen bewegliche Elemente in ungewöhnlichem hellem Grün und Rottönen bemalt sind. Davor steht eine frühe, fragile Skulptur aus Draht, mit abstrakten, mobilen Metallteilen von Jean Tinguely aus dem Jahr 1955, mit ähnlichen Farben wie das Mobile von Calder, sowie der Hommage an das Vorbild im Titel „Méta-Herbin“.

Ein Leitbild und seine Nachfolger

Nach einem Abstecher zu den abstrakten Italienern, wo Emilio Vedova mit wilder Malerpranke Schwarz-grau-weiß-Töne auf die XL-Leinwand schleuderte, geht es zu einem mit Erde und Öl konzipierten Spanholz-Gemälde von Christo aus dem Jahr 1959 und einem frühen Simon Hantai. Der Ungar spielte später gerne mit Dreidimensionalität kleiner malerischer Formen, die wie verschattet wirken.

Zu den weniger bekannten Künstlern der Sammlung Gandur zählt auch Martin Barré. Er setzt durchaus eigenwillig minimalistische Sprühnebel auf die Leinwand. Auch das weiße Quadrat im Zentrum einer „Composition“ von Aurelie Nemours nimmt man erst nach längerer Betrachtung wahr.

Auf dem Weg zur reinen Malerei

Viele Besucher übersehen es ebenso wie die „Biseautage“ betitelte, minimalistische Serie von Gottfried Honegger. Noch weiter auf dem Weg von der Gegenstandslosigkeit zur reinen Malerei ging der US-Künstler Jules Olitski, der jegliches Motiv negiert. Seine ganze Leinwand ist mit beige-gelblicher Acrylfarbe bedeckt.

Der von der Schweizer Wirtschaftszeitschrift „Bilan“ auf ein Vermögen von 1,5 bis 2,5 Milliarden Schweizer Franken eingestufte Sammler kommentiert den letzten Saal mit der Gruppe „Support/Surface“: „Dies war die letzte strukturierte Bewegung, wo sich die Künstler austauschten. Seither spricht man nur noch von Individualität. Ich stelle mir die Frage, ob das an den Galeristen liegt, die ganz junge Leute für Millionen verkaufen“.

Gandur kauft vorwiegend auf Auktionen, unterstützt von seinen sechs Topkuratoren. Für seine Stiftung arbeiten insgesamt 17 Menschen, er selbst inbegriffen. Trotzdem lässt er es sich nicht nehmen, als „echter Perfektionist“, die Bibliothek der Stiftung Maeght bei Bedarf persönlich zu konsultieren.

Seine Recherchen sind die eines echten Kunstliebhabers, das machte der Zoom-Dialog mit dem Handelsblatt deutlich. In der Bibliothek sprach ihn der junge Stiftungs-Direktor Nicolas Gitton an. Aus diesem Gespräch entstand die Idee zur instruktiven Sommerschau.

Die Ausstellung „Au coeur de l'abstraction. Collektion der Fondation Gandur pour l'Art“ in der Fondation Marguerite et Aimé Maeght, 06570 Saint-Paul-de-Vence, läuft bis 20. November 2022. Der französisch-englisch sprachige Katalog kostet 35 Euro.

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