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15.08.2022

13:48

Privatsammlung

Sammlerin mit Mission: Unverkrampft der Kunst begegnen

Von: Johannes Wendland

1972 erwarb Ingrid Roosen-Trinks ihr erstes zeitgenössisches Kunstwerk. Auf einem schleswig-holsteinischen Gutshof kommen Besucher von fern und nah mit ihr ins Gespräch.

Zwei Mal im Jahr präsentiert Ingrid Roosen-Trinks Teile ihrer Sammlung zeitgenössischer Kunst. KUNST für ANGELN e.V.

Der Wittkielhof im Sommer

Zwei Mal im Jahr präsentiert Ingrid Roosen-Trinks Teile ihrer Sammlung zeitgenössischer Kunst.

Kappeln Die kurvenreiche Landstraße führt von Kappeln im Norden von Schleswig-Holstein über steile Kuppen ins Binnenland. Nach einigen Kilometern endet eine Stichstraße an einem ausgedehnten Gutshof aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Eingeschmiegt zwischen üppig grünen Hügeln, besteht er aus einem stattlichen Wohnhaus, zwei rechtwinklig dazu angelegten großen Scheunen und einem malerischen Landschaftspark.

Ingrid Roosen-Trinks erwartet den Besucher bereits auf dem Innenhof. Lässig-ländlich gekleidet, mit wachen, neugierigen Augen, nimmt sie sofort das Gespräch auf. Sie möchte zwar durch die Ausstellung führen, die über alle Gebäude dieses Dreiseithofs verteilt ist und Teile ihrer Sammlung zeitgenössischer Kunst präsentiert. Aber eine klassische, monologische Führung wird es nicht werden. Interessiert nimmt sie Beobachtungen des Besuchers wahr, möchte über die gezeigten Arbeiten in den Austausch kommen.

Kein Wunder, war doch Kulturvermittlung über Jahrzehnte das Metier von Ingrid Roosen-Trinks. Nach einem Berufseinstieg als Stewardess und Radiomoderatorin gründete die geborene Hamburgerin 1990 in Berlin den Sender Klassik Radio.

1996 wechselte Roosen-Trinks zum Schreibgerätehersteller Montblanc, dessen Kulturstiftung sie nahezu zwei Jahrzehnte lang leitete. Seit ihrem Eintritt in den Ruhestand verbringt sie immer mehr Zeit auf dem Land – hier oben im Grenzgebiet zu Dänemark, in der Region Angeln.

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    Die Kunst hätte sie schon ihr ganzes Leben lang begleitet, sagt sie. „1972 habe ich mein erstes Kunstwerk gekauft“, sagt sie. „Seither ist die Sammlung ständig gewachsen. Ich bin süchtig nach Kunst. Zuhause hängt überall Kunst, und bis zum Frühstück habe ich jeden Tag schon fünf Begegnungen mit Kunstwerken gehabt.“

    Die Sammlerin möchte, dass alle Besucher des Wittkielhofes einen unverkrampften Zugang zu Kunst und Kultur bekommen. Martin Peterdamm

    Ingrid Roosen-Trinks

    Die Sammlerin möchte, dass alle Besucher des Wittkielhofes einen unverkrampften Zugang zu Kunst und Kultur bekommen.

    Den Wittkielhof, auf dem sie jetzt regelmäßig Teile ihrer Sammlung zeigt, hat sie bei ihren Ausflügen durch die Region entdeckt. Der Hof, der sich seit 1929 in Besitz der Familie Nissen befindet, wird vom heutigen Eigentümer – dem IT-Unternehmer Heiner Nissen – zum Teil als Eventscheune vermietet. TV-Produktionen haben hier ebenso stattgefunden wie Hochzeiten. Jetzt also zwei Mal pro Jahr Kunst, einmal im Frühling und einmal im Herbst.

    Porträts standen im Mittelpunkt der ersten Präsentation im vergangenen Frühjahr; ab Oktober sind rund 100 Arbeiten zu sehen, die das spannungsreiche Verhältnis zwischen Stadt und Land beleuchten. Zusammengestellt werden die Ausstellungen von der Hamburger Kuratorin Corinna Koch. Sie kann aus dem Vollen schöpfen: Die Sammlung enthält Arbeiten zahlreicher Künstlerinnen und Künstlern, die die Kunst vor allem in Berlin in den vergangenen 25 Jahren geprägt haben.

    Beziehungen stiften durch die Petersburger Hängung

    Für die Porträt-Ausstellung ist eine der beiden Scheunen durch den Einbau einer schräg angeordneten Stellwand zu einer richtigen Kunsthalle geworden. An der Wand sind kleinere und größere Formate in Gruppen mit Petersburger Hängung angeordnet.

    Beziehungen entstehen: etwa zwischen einem Atelierfoto von Jonas Burgert, aufgenommen von Andreas Mühe, und Fotografien der Schauspielerin und „Tatort“-Kommissarin Margarita Broich. Sie hat wunderbare Porträts von Schauspielerkollegen angefertigt. Thorsten Brinkmann ist mit einigen seiner markanten Aufnahmen vertreten, in denen die Köpfe durch Masken oder Töpfe verdeckt sind: echte „Anti-Porträts“, da sie sich der Repräsentation von Persönlichkeiten widersetzen.

    Die Fotografin Beate Gütschow ist gleich mit drei Arbeiten vertreten: Bildern, die am Computer aus unzähligen Einzelteilen zusammengesetzt sind und die Wahrnehmung verwirren, je länger man sie betrachtet. Die große, mit Glühbirnen illuminierte Installation „Fire Ball“ von Stephen Craig füllt eine Kopfwand. Endlich hat sie einen Platz, an dem sie voll zur Geltung kommt. „Sie war zehn Jahre lang eingelagert, weil sie für zu Hause zu groß ist“, sagt die Sammlerin.

    Für die Ausstellung wurde eine der beiden Scheunen durch den Einbau einer Stellwand zur richtigen Kunsthalle. KUNST für ANGELN e.V., Foto Fred Dott

    Blick in die Ausstellung „PORTRAITS – MASKEN – VERHÜLLUGEN“

    Für die Ausstellung wurde eine der beiden Scheunen durch den Einbau einer Stellwand zur richtigen Kunsthalle.

    Craig ist einer der vielen Künstler aus der Sammlung, mit denen Ingrid Roosen-Trinks persönlich befreundet ist. „15 Künstler waren zur Eröffnung persönlich angereist“, freut sie sich, „und dabei ist der Weg hierher nicht ganz so einfach.“

    Wer die Ausstellung besuchen möchte, bekommt direkt bei der Sammlerin einen Termin – und auch eine Führung. Rund 40 Mal hat Ingrid Roosen-Trinks durch die erste Präsentation im Frühling geführt.

    Rund die Hälfte der Besucher waren klassisches Kunstpublikum, doch die andere Hälfte waren Menschen aus der Region, die normalerweise wenige oder keine Berührungspunkte mit zeitgenössischer Kunst haben. „Das ist mir sehr wichtig. Ich möchte, dass man hier einen unverkrampften und niedrigschwelligen Zugang zu Kunst und Kultur bekommen kann, genauso, wie es früher mein Anspruch beim Klassik Radio war.“

    Und das funktioniert. Besucher hätten sich zum Fahrradausflug zum Wittkielhof verabredet. Bei ihren Führungen hätte sie viel Neugier und Aufmerksamkeit verspürt, sagt sie. „Ich wollte vermitteln, dass Kunst etwas sein kann, das jedem etwas zu bieten hat. Und das klappt! Ich war richtig euphorisch.“ Wer möchte, kann sich in der Ausstellung vor seinem Lieblingsbild von der Sammlerin fotografieren lassen. Das Bild bekommt er dann per E-Mail zugesendet – mit einer Einladung zur nächsten Ausstellung.

    Die Projektgruppe Film begleitet den Ausstellungsbesuch der Senioren

    Zusammen mit einem nahegelegenen Gymnasium plant Ingrid Roosen-Trinks gerade ihren nächsten Coup. Vier Schülerinnen und Schüler, die an der Schule eine Projektgruppe zum Thema Film bilden, werden bei der nächsten Ausstellung ihr Know-how auf ungewöhnliche Weise einbringen. Denn dann möchte die Sammlerin Bewohnerinnen und Bewohner als nahegelegenen Seniorenheimen durch die Ausstellung führen.

    Die Schüler filmen dann die Senioren bei ihrem Besuch. Und bei einem weiteren Termin sollen sie dann den fertigen Film über die Ausstellung und den Besuch den älteren Menschen zeigen. „Ein großer Mangel in unserer Gesellschaft ist, dass die Generationen immer weniger Berührung miteinander haben“, sagt Ingrid Roosen-Trinks. „Wenn es gelingt, können auf diese Weise Kontakte entstehen, die über das Ereignis hinaus bestehen bleiben.“

    Um ihren verschiedenen Aktivitäten einen Rahmen zu geben, hat Ingrid Roosen-Trinks den Verein „Kunst für Angeln“ gegründet. Die Kunst und natürlich ihre eigene Sammlung stehen im Mittelpunkt; doch ausgehend von den Ausstellungen soll sich sehr viel mehr ergeben, wenn es nach Ingrid Roosen-Trinks geht. „Ich lebe mit der Kunst“, sagt sie, „sie erhellt einem das Leben. Es wäre schön, wenn das immer mehr Menschen erleben würden.“

    Weitere Informationen sind im Internet unter www.kunstfuerangeln.de zu finden. Die Herbstausstellung „Stadt, Land, Vernetzung“ ist vom 9. Oktober bis 30. November auf dem Wittkielhof bei Kappeln zu sehen.

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