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03.03.2022

07:25

Provenienzforschung

NS-Raubkunst und ihre Opfer: Der Stand der Forschung zu Max Stern

Von: Christiane Fricke

Das Stern Cooperation Project bilanziert in einem Digitalkongress den Stand der internationalen Forschung zur Düsseldorfer Galerie des jüdischen Kunsthändlers Max Stern.

Die National Gallery of Art in Washington konnte das Bild erst ankaufen, als die Provenienz zweifelsfrei geklärt war. National Gallery of Art, Washington

Jan Brueghel d. Ä. „Waldige Landstraße“

Die National Gallery of Art in Washington konnte das Bild erst ankaufen, als die Provenienz zweifelsfrei geklärt war.

Düsseldorf Erneut haben sich in diesen Tagen Kunsthistoriker getroffen, um die Ergebnisse ihrer Nachforschungen zum Verbleib von NS-Raubkunst vorzutragen. Und wieder ging es um das Schicksal des jüdischen Kunsthändlers Max Stern, zwei Tage lang. Eingeladen hatte diesmal das Zentralinstitut für Kunstgeschichte (ZI) in München, drei Jahre nach der letzten großen Tagung in Düsseldorf.

„Warum so viel Aufwand, so viel Forschung?“, fragte einleitend Christian Fuhrmeister. Und das wegen einer kleinen Düsseldorfer Galerie von eher regionaler und nur selten nationaler Relevanz für den deutschen Kunstmarkt der Zwischenkriegszeit? Fuhrmeister lehrt am ZI und leitet das internationale „Stern Cooperation Project“ (SCP).

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Brisante Quellen der Galerie Hugo Helbing wurden digitalisiert und ausgewertet. Die für die Restitution relevanten, meist geheim gehaltenen Verkäufernamen sind jetzt abrufbar. Eine Sensation.

Das ZI betreibt Grundlagenforschung, indem es Quellen erschließt, entziffert und zugänglich macht, damit Dritte darauf zurückgreifen können, etwa wenn sie Werke und ihre Herkunftsgeschichte verifizieren wollen. Beispiele liefern die Auswertung des Firmenarchivs der Kunsthandlung Julius Böhler und die Dekodierung der annotierten Auktionskataloge des Münchener Galeristen Hugo Helbing, über die wir berichteten.

Auch die fragmentierten Quellenbestände zur Familien- und Unternehmensgeschichte Stern sollten gesichtet und vernetzt werden. So beschreibt Fuhrmeister das Ziel des SCP. Nicht ein umstrittenes Werk sollte hier der Ausgangspunkt sein, sondern das „große Ganze“ der Familie und der verschiedenen Galerien Stern. Diesem Ziel hat sich das Projekt aufgrund von Hindernissen nur nähern können.

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    Insbesondere gegenüber seinem deutschen Geldgeber geriet das SCP in eine schwierige Lage. Denn die Münchener Forscher mussten sich rechtfertigen, als sie nicht an der zunächst abgesagten, dann wie berichtet neu konzipierten Stern-Ausstellung der Stadt Düsseldorf teilnehmen wollten. Sie wollten es mit ihrem Kooperationspartner, den von Düsseldorf ausgeladenen kanadischen Forschern nicht verderben. Denn das Projekt wäre ohne sie und ihre wertvollen Quellen tot gewesen.

    Dass der Fall Stern am Ende dennoch so intensiv von allen Seiten betrachtet werden konnte, ist zunächst nicht das Verdienst Deutschlands. „Hier ist das Thema auch heute in der breiten Bevölkerung noch gar nicht angekommen, trotz großen medialen Interesses,“ kritisiert Willi Korte, einer der Referenten der Tagung.

    Dem Sohn des Kunsthändlers Julius Stern gelang nach der Flucht der Neustart in Kanada. Wirtschaftlicher Erfolg sicherte die Basis für die Nachforschungen nach den NS-bedingt geraubten und verloren gegangenen Werken. Sie wurden von seinen Erben angestoßen. History and Art Collection/Alamy Stock Photo

    Max Stern 1925

    Dem Sohn des Kunsthändlers Julius Stern gelang nach der Flucht der Neustart in Kanada. Wirtschaftlicher Erfolg sicherte die Basis für die Nachforschungen nach den NS-bedingt geraubten und verloren gegangenen Werken. Sie wurden von seinen Erben angestoßen.

    Als der Jurist und Provenienzforscher vor 20 Jahren erstmals in Düsseldorf vorstellig wurde, um im Auftrag des Max Stern Art Restitution Project (MSRP) nach Spuren Max Sterns zu suchen, habe sich dort niemand an den jüdischen Kunsthändler erinnert; er habe Unterlagen eines Malers gleichen Namens präsentiert bekommen.

    Solches Unwissen kann sich heute keiner mehr vorstellen. Aber Fakt ist, dass in Deutschland Erinnerung und Aufarbeitung jüdischer Schicksale tatsächlich erst durch Restitutionsbegehren initiiert wurden und immer noch werden. Und dass es erst des Skandals um den „Schwabinger Kunstfund“ Gurlitt im Jahr 2013 bedurfte, um das Thema überhaupt auf die Tagesordnung zu setzen.

    Restitution: Max Stern-Ausstellung in Düsseldorf: Boykott dient der Sache nicht

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    In Düsseldorf erinnert eine gelungene Ausstellung an das Schicksal des jüdischen Kunsthändlers Max Stern. Nun wird es Zeit, dass sich seine Erben mit deutschen Forschern an einen Tisch setzen.

    Genau so verhält es sich mit Stern. Hier stießen seine Erben die Forschungen an. Und möglich machte es Max Stern persönlich. Das fing damit an, dass er die Repressalien des NS-Regimes rechtzeitig richtig deutete, ihm aufgrund kluger Vorkehrungen die Flucht gelang und er im Ausland neu anfangen und weitermachen konnte.

    Als Galerist war Stern schließlich in Kanada so erfolgreich, dass er seinen Erben neben viel Quellenmaterial genug Geld hinterließ, dass sie die konzentrierte und bis heute andauernde Suche nach den einst unter Druck verlorenen Kunstwerken leisten konnten.

    Wie die Grundlagenforschung des SCP für Einzeluntersuchungen fruchtbar gemacht werden kann, zeigte der Tagungsbeitrag von Stephan Klingen, Kunsthistoriker und Archivar am ZI. Er versuchte, die Kundenkartei Sterns auf die Zusammensetzung ihrer Klientel von den mittleren 1920er-Jahren bis zur Auflösung der Galerie im Jahr 1937 zu analysieren. Dabei nahm er insbesondere die jüdische Klientel in den Blick.

    Das Gemälde wurde 1937 mit Sterns Galeriebestand bei Lempertz zwangsversteigert (Ausschnitt aus einem Hochformat). Katalog

    Emile Vernet-Lecomte „Aimée, junge Ägypterin“

    Das Gemälde wurde 1937 mit Sterns Galeriebestand bei Lempertz zwangsversteigert (Ausschnitt aus einem Hochformat).

    Nun stellte sich im Zuge der Recherche aber heraus, dass die Kundenkartei signifikante Lücken aufweist. Es gibt beispielsweise keinen Eintrag über den Ankauf eines frühen Landschaftsbildes von Jan Brueghel d. Ä. durch den jüdischen Textilunternehmer Richard Friede aus Bocholt.

    Als das Bild nun vor wenigen Jahren wieder auf dem Kunstmarkt auftauchte, wollte es die National Gallery in Washington erwerben. Doch einer Einigung mit der Familie Friede stand die noch auf recht wackeligen Beinen stehende Herkunftsgeschichte im Wege.

    Erst mit Hilfe des vom ZI bereits ausgewerteten Firmenarchivs der Kunsthandlung Julius Böhler fand sich der entscheidende Nachweis. Nicht Friede hatte das Bild aus dem Bestand der Alten Pinakothek erworben, sondern Max Stern, und zwar vermittelt über Böhler. Die Einigung der National Gallery erfolgte daraufhin mit den Erben nach Max Stern und der Ankauf konnte kürzlich stattfinden.

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    Das Kriterium, ob zwangsverkaufte Kunst einen angemessenen Marktpreis erzielte, hat ausgedient. Wichtiger ist, ob der Verkauf unter Druck erfolgte.

    Komplizierter ist der Fall, mit dem sich das LVR Landesmuseum in Bonn herumschlägt. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wurde das hier verwahrte „Stillleben“ von Pieter van der Plaes von Max Stern an den Unternehmer und Sammler Hugo Heinemann verkauft. Es gibt zwar keinen Eintrag in der Kundenkartei, obwohl Heinemann nachweislich einer der besten Kunden Sterns war. Doch durch die Auswertung anderer Quellen ließen sich die Umrisse der Sammlung des für Stern so wichtigen Kunden Heinemann destillieren.

    Dazu gehört etwa die Korrespondenz, die Max Stern mit dem RKD, dem Niederländischen Institut für Kunstgeschichte, führte. Sie wurde von Philip Dombowsky, dem Archivar der National Gallery in Ottawa, und Anne Uhrlandt, der SCP-Projektkoordinatorin ausgewertet.

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    Die Erben des jüdischen Kunsthändlers Max Stern streiten um ein Gemälde in deutschem Privatbesitz. Was spricht für einen Zwangsverkauf, was dagegen?

    Mit betrachtet wurden zudem die systematisch erfassten Kunstwerke aus den Galerie-Publikationen Sterns. Schließlich zog Klingen die Akten zu den Rückerstattungsverfahren zu Rate, die die Witwe Auguste Heinemann in den frühen 1960er-Jahren angestrengt hatte; außerdem die Datenbank „German Sales“. Dort fand er in zwei Lempertz-Katalogen von Herbst 1940 Einlieferungen „aus nicht arischem Besitz“, deren Beschreibungen exakt auf die Angaben in den Rückerstattungsverfahren passen.

    Das Beispiel van der Plaes zeigt beispielhaft, wie Grundlagen- und objektorientierte Forschung Hand in Hand den Schlüssel liefern, mit dessen Hilfe sich das Puzzle dieser Geschichte und die Heinemann-Sammlung zumindest in wesentlichen Umrissen zusammensetzen lassen.

    Am Ende stellt sich allerdings eine schwierige Frage: Wie soll hier restituiert werden? Juristisch korrekt an die Erben des glücklich überlebenden Erstgeschädigten Max Stern? Das legt das noch immer geltende, von den Alliierten eingeführte Rückerstattungsgesetz und die sich darauf beziehende Passage in der „Handreichung“ nahe. Oder an die Erben des Zweitgeschädigten Hugo Heinemann, der einst im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau ermordet wurde? Was ist fair und gerecht?

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