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28.01.2022

05:00

Restitution

Unter dem Hammer: Endstation für Franz Marcs „Füchse“

Von: Christiane Fricke

Um Franz Marcs Gemälde „Füchse“ wurde lange gerungen, bis es vor wenigen Wochen an die Erben der jüdischen Vorbesitzer herausgegeben wurde. Jetzt wird es von Christie’s in London versteigert.

Das Gemälde hing seit 1962 im Museum Kunstpalast in Düsseldorf. Marcel Kusch/dpa

Franz Marc „Füchse“

Das Gemälde hing seit 1962 im Museum Kunstpalast in Düsseldorf.

Düsseldorf Christie’s Nachricht, dass Franz Marcs restituiertes „Füchse“-Bild in London für etwa 35 Millionen Pfund versteigert werden sollen, dürfte in der deutschen Öffentlichkeit auch Unbehagen auslösen.

Die meisten Beobachter werden zwar erleichtert gewesen sein, als sich die Stadt Düsseldorf im vergangenen Frühjahr nach langem Ringen und Anrufung der „Beratenden Kommission“ zur Rückgabe entschloss; und diese dann nach monatelangem Zögern auch in die Wege leitete. Doch es wird auch so manchen geben, der sich in der Annahme bestätigt fühlt, dass es den Erben von Kurt und Else Grawi doch nur um Geld geht.

Die schnelle Veräußerung ist indes ihre Privatsache. Noch dazu über 80 Jahre nach der Flucht aus Nazi-Deutschland und dem damit zusammenhängenden anschließenden Verkauf des Gemäldes, der die Grundlage für eine neue Existenz in Chile legen sollte. Das Ehepaar Grawi ist längst tot, die Haupterbin betagt; und so kann man sich vorstellen, dass viele Gründe für eine Liquidierung gesprochen haben könnten, nicht zuletzt die hohen Rechtsanwalts- und Verfahrenskosten.

Im vergangenen Jahr war der Wert des „Füchse“-Gemäldes auf mindestens 14 Millionen Euro geschätzt worden. Jetzt werden sehr ambitionierte 35 Millionen Pfund erwartet. Das erscheint hoch gegriffen. Denn Marc, der schon 2016 im Ersten Weltkrieg fiel, ist auf dem Markt nicht so geläufig und deshalb schwieriger zu bewerten. Aber es ist möglich, wenn Christie’s das Bild ebenso geschickt vermarktet wie den seinerzeit Leonardo zugeschriebenen „Salvator Mundi“, und wenn dann die vielen superreichen Asiaten auf das Angebot aufspringen.

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    „Füchse“ ist ein schönes und typisches Beispiel für die Tierdarstellungen der späten kubofuturistischen Schaffensphase, in der Marc (1880-1916) seine Bilder in vielfachen Brechungen aus transparent farbig leuchtenden Facetten zusammenfügte. Ob es sich um ein Hauptwerk handelt, das diesen Preis rechtfertigt, ist am Ende nicht so wichtig.

    Christie's wird das 2013 entstandene Ölgemälde in London live und zugleich virtuell in Schanghai versteigern. Christie's Images Ltd. 2022

    Franz Marc „Füchse“

    Christie's wird das 2013 entstandene Ölgemälde in London live und zugleich virtuell in Schanghai versteigern.

    Zwar wird dem deutschen Expressionismus schon lange Weltgeltung zugesprochen. Doch kann das „Füchse“-Bild mit wichtigen Werken von Ernst Ludwig Kirchner oder Max Beckmann mithalten? Hat es das Kaliber etwa von der „Berliner Straßenszene“, die nach Restitution 2006 für 38 Millionen Dollar von Ronald Lauder erworben wurde? Oder von Beckmanns „Selbstbildnis mit Horn“ (1938), das 2001, vor etwas mehr als 20 Jahren also, mit 22,5 Millionen Dollar einen Rekordpreis einfuhr?

    Allerdings honoriert der Markt qualitätvolle Tierbilder von Marc, wenn sie denn mal verfügbar sind. Das bewies noch im Sommer 2018 die Gouache „Drei Pferde“, die bei Christie’s von geschätzten 2,5 bis 3,5 auf 15,4 Millionen Pfund kletterte. Schon länger her sind die 12,3 Millionen Pfund für das Ölgemälde „Weidende Pferde“, das Sotheby’s im Februar 2008 von 6 bis 8 Millionen auf 12,3 Millionen Pfund verkaufte. Am unteren Schätzpreis hängen blieb jedoch die Figurendarstellung „Der Wasserfall“, die im November 2007 bei Sotheby’s 20,5 Millionen Dollar erreichte.

    Kurt Grawi musste sich seinerzeit mit weniger zufrieden geben. Zuerst offerierte er es über seinen Freund Ernst Simon dem Museum of Modern Art (MoMA) an. Museumsdirektor Alfred Barr bot 800 Dollar, was heute kaufkraftbereinigt 32.000 Dollar entsprechen würde, ein Angebot, auf das Grawi nicht eingehen konnte.

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    Das Kriterium, ob zwangsverkaufte Kunst einen angemessenen Marktpreis erzielte, hat ausgedient. Wichtiger ist, ob der Verkauf unter Druck erfolgte.

    Zwischen Februar und September 1940 vermittelte er das Bild über den ehemaligen Berliner Kunsthändler Karl Nierendorf an den deutsch-amerikanischen Regisseur William Dieterle. Der wiederum verkaufte das Bild 1961 über den Schweizer Kunsthandel an den Unternehmer Helmut Horten, der es 1962 dem Kunstmuseum Düsseldorf schenkte.

    1250 Dollar wollte Grawi zumindest für das Bild haben und soll sie von Dieterle auch bekommen haben. Damit verkaufte er wohl zu einem Preis, der in der Zeit der Judenverfolgung gezahlt wurde. Das legt ein Vergleich mit den bei der Luzerner Galerie Fischer abgewickelten Verkäufen von als „entartet“ gebrandmarkten Marc-Bildern an den Schweizer Privatsammler Othmar Huber in den Jahren 1940 und 1944 nahe. Für die heute im Kunstmuseum Bern bewahrten Gemälde „Blaues Pferd II“ (1911) flossen 1586,76 Dollar, für „Waldinneres mit Vogel“ (1912) 1043,10 Dollar.

    Christie’s wird jetzt sein Marketing in Höchstgeschwindigkeit hochfahren und die „Füchse“ in New York, Hongkong und London zur Schau stellen, bevor das Bild dann am 1. März unter den Hammer kommt.

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