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24.08.2022

13:49

Sammlungspolitik

Geldquelle oder Verrat: Wenn Museen Kunst weiterverkaufen

Von: Christian Herchenröder

In Deutschland sind Museen auf Ewigkeit hin angelegt. Nicht aber in den USA. Nach genauer Prüfung ist dort eine qualitative Straffung üblich. Einblick in die Praxis.

Anders als sonst verhinderte eine Empörungswelle den Verkauf von Gemälden der Maler Clyfford Still, Brice Marden und Andy Warhol aus dem Museumsbestand. Sie konnten nicht wie geplant bei Sotheby’s versteigert werden. Quelle: Eli Pousson

Baltimore Museum of Art:

Anders als sonst verhinderte eine Empörungswelle den Verkauf von Gemälden der Maler Clyfford Still, Brice Marden und Andy Warhol aus dem Museumsbestand. Sie konnten nicht wie geplant bei Sotheby’s versteigert werden. Quelle: Eli Pousson

Berlin Eine Empörungswelle verhinderte den Verkauf in letzter Minute. Als im letzten Herbst publik wurde, dass Gemälde von Clyfford Still, Brice Marden und Andy Warhol aus dem Baltimore Museum bei Sotheby’s versteigert werden sollten, gab es heftige Proteste in der Museumswelt, in Tageszeitungen und bei Förderern.

Elf ehemalige Trustees kritisierten in einem offenen Brief die Entscheidung. Die aus dem Erlös der Versteigerung erwarteten 65 Millionen Dollar sollten zur „Pflege der Sammlung“ verwendet werden. Das Museum zog die Einlieferung zurück und verordnete sich eine Denkpause.

„Mehr ist mehr“ oder „Weniger ist mehr“: Das sind Grundprinzipien der Sammelpolitik internationaler Museen. Viele von ihnen tun sich schwer mit dem Gedanken, Objekte ihrer Sammlung abzuwerten, das „Weniger“ zugunsten einer qualitativen Straffung zu nutzen und Werke, die meist im Depot dahindämmern, zu veräußern. In Europa sind die Museumsdirektorinnen eher reserviert. Hier gilt die Regel, für die Ewigkeit zu sammeln.

Nur in den USA wird die Methode der Aussonderung unter dem Schlagwort „deaccessioning“ von vielen Museen seit Jahrzehnten praktiziert. Es gibt kaum Proteste, wenn die durch Verkäufe erzielten Mittel für den Ankauf erwünschter Werke eingesetzt werden, für die es generell keine staatlichen Ankaufsmittel gibt.

Ein Hauptgrund für Verkäufe der amerikanischen Museen sind überbordende Sammlungen, die durch Schenkungen reicher Trustees immer wieder auch mit Dubletten und entbehrlichen Werken bestückt werden. Ein weiterer Grund ist die Abwertung von Werken, die nach neuestem Kenntnisstand einem bestimmten Meister nur noch zugeschrieben oder gar abgeschrieben wurden.

Ein jüngeres Veräußerungsmotiv ist seit den Einbußen der Corona-Periode die konstante Finanzierung der Museumsarbeit. Im März 2020 hatte die Vereinigung amerikanischer Museumsdirektoren ihre Regeln dahingehend gelockert, dass Kunstverkäufe auch der direkten Pflege der Sammlung zugutekommen sollten.

Leitlinie fehlt in vielen Museen

Die Gewissensfrage, ob Museen Kunst verkaufen sollten, bleibt oft ungelöst, weil es in den Instituten der meisten Länder keine ausformulierte Museumspolitik gibt. Wer das Problems geklärt haben möchte, ruft nach staatlichen Richtlinien. Die gibt es in angelsächsischen Ländern, in Irland, Schweden, Belgien und den Niederlanden.

Die für viele Museen vorbildliche britische Gesetzgebung macht Abwertungen in einem skrupulösen Verfahren möglich, in dem jeder Schritt, den das Museum unternimmt, dokumentiert werden muss und alle betreffenden Fälle von hinzugezogenen Spezialisten zu prüfen sind. Das sogenannte „Decollecting“ erfordert gemäß den gesetzlichen Postulaten auch eine Kommunikations-Strategie, die das Verständnis des Publikums und das Bewusstsein über diese Art der Museumspraxis fördern soll.

Als das Kaiser-Wilhelm-Museum in Krefeld das wertvolle Gemälde für geschätzt 20 Millionen Euro versteigern lassen wollte, schritt der Stadtrat ein. Und verhinderte den Verkauf. Quelle: Wiki Commons

Claude Monet „Das Parlamentsgebäude in London“:

Als das Kaiser-Wilhelm-Museum in Krefeld das wertvolle Gemälde für geschätzt 20 Millionen Euro versteigern lassen wollte, schritt der Stadtrat ein. Und verhinderte den Verkauf. Quelle: Wiki Commons

In Frankreich existiert seit über 200 Jahren ein staatliches Kunstankaufs-Komitee, aber auch ein Komitee für „déclassification“ von Sammlungsgut. Hier gilt das prinzipielle Gebot der Unveräußerlichkeit von Museumsobjekten.

In Deutschland gibt es keine staatlichen Richtlinien. Aber es gibt seit 2011 einen nationalen Leitfaden zum Sammeln und Abgeben von Museumsgut, in dem der Deutsche Museumsbund die Abgabe von Sammlungsgegenständen nur „in engen Grenzen und nach vorher festgelegten Richtlinien“ erörtert. Dort werden drei bereits 2004 in einem Positionspapier formulierte Grundforderungen erhärtet: das Vorliegen einer schriftlichen Sammlungskonzeption, die Pflicht, das zu veräußernde Objekt zunächst einem anderen Museum anzubieten und den Erlös dem Sammlungsetat zuzuführen.

Aussonderung: Pro und Contra

Als Richtlinien gegen die Abgabe nennt der Leitfaden die grundsätzliche Bewahrungs-Verpflichtung, die Wahrung des Zusammenhangs, die Bedeutung für die Sammlungsgeschichte, den Vertrauensbruch gegenüber Schenkern, die zeitgeprägte Entscheidung, den Eingriff in den Markt an. Als wichtigste Argumente für die Abgabe werden Qualitätsverbesserung der Sammlung, Änderung des Sammlungskonzeptes und isolierte Position im Sammlungsbestand hervorgehoben.

Das schöne Bronzeporträt von 1909 (Ausschnitt) hatte das Metropolitan Museum eingeliefert. Christie’s konnte dafür 48,5 Millionen Dollar einnehmen. Quelle: Christie’s Ltd

Pablo Picasso „Tête de femme (Fernande)“ :

Das schöne Bronzeporträt von 1909 (Ausschnitt) hatte das Metropolitan Museum eingeliefert. Christie’s konnte dafür 48,5 Millionen Dollar einnehmen. Quelle: Christie’s Ltd

Im Prinzip sind es die immer gleichen Ängste, die Museumsleiter und Kuratoren befällt, wenn sie sich mit dem Problem der Deklassierung und des Verkaufs von Museumsobjekten befassen. Nur bei den Kupferstichkabinetten galt schon seit über hundert Jahren die Devise, sich von Dubletten reichlich vorhandener Drucke zu trennen. Davon hat der Markt nicht zuletzt in den Leipziger Boerner-Auktionen der 1920er- und 1930er-Jahre gezehrt.

Wenn es um Gemälde oder Skulpturen geht, ist die Lage schon diffiziler. In den Jahren der Nazi-Diktatur trennten sich die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen von Werken italienischer Barockmalerei um deutsche Kunst zu erwerben. Noch 1966 wurde etwa ein Jan Brueghel-Werk ausgemustert, das später vom Pariser Musée de la Chasse et de la Nature angekauft wurde.

Kunstverkauf reduziert Schuldenlast

1987 verkaufte der Bremer Kunstverein ein Stillleben von Renoir für über eine Million Mark, um die Schuldenlast zu verringern. Doch das war nicht alles.im Juli 1994 berichtete Radio Bremen, dass der Kunstverein als Betreiber der Kunsthalle bereits in den achtziger Jahren eine Skulptur von Auguste Rodin und mindestens 18 Bilder, darunter Werke von Gabriele Münter, Otto Modersohn und Alfred Sisley auf dem freien Kunstmarkt abgesetzt habe.

Künstlerproteste und Opposition aus der Museumswelt verhinderten 2009 den Plan, das marode Krefelder Kaiser-Wilhelm-Museum mit dem Verkauf eines bedeutenden Monet-Gemäldes zu sanieren. Drei Jahre vorher war bereits die Absicht des Stiftungsrats der Hamburger Kunsthalle abgeschmettert worden, entbehrliche und zugleich wertvolle Kunstwerke zu vermarkten, um ein Millionenloch des Museums zu stopfen.

Museumsverkäufe: Der Markt profitiert

Das alles sind Peanuts gegenüber den amerikanischen Museumsverkäufen. Schon in den siebziger Jahren hatte Thomas P. Hoving, der umstrittene Direktor des New Yorker Metropolitan Museums, eine Welle von Kunstverkäufen initiiert. Darunter Werke gingen Werke von Henri Rousseau und Vincent van Gogh direkt an die Marlborough Gallery, die daran Millionen verdiente. 1973 entlastete das Museum auch sein Altmeisterdepot mit dem Verkauf von 144 Werken.

Darüber hinaus gab das Metropolitan Museum drei Gemälde von Max Beckmann wurden für 95.000 Dollar an den New Yorker Händler Serge Sabarsky abgegeben. Auf 20.000 Dollar hatte das Museum dessen „Selbstbildnis mit Zigarette“ geschätzt, das Sabarsky für 350.000 Mark an das Dortmunder Museum am Ostwall verkaufte.

Die für 41,6 Millionen Dollar versteigerte Landschaft von Cézanne (Ausschnitt) hatte das Toledo Museum of Art bei Sotheby’s eingeliefert. Sie ist ein Beispiel dafür, dass sich eine museale Provenienz preissteigernd auswirkt. Quelle: Sotheby‘s

Paul Cézanne "Clairière":

Die für 41,6 Millionen Dollar versteigerte Landschaft von Cézanne (Ausschnitt) hatte das Toledo Museum of Art bei Sotheby’s eingeliefert. Sie ist ein Beispiel dafür, dass sich eine museale Provenienz preissteigernd auswirkt. Quelle: Sotheby‘s

In den achtziger Jahren blühte das Geschäft mit Museumsgut in den Auktionssälen von Christie’s und Sotheby’s. Das Art Institute Chicago, das Philadelphia Museum, das Kimbell Art Museum, das Whitney Museum und selbst das Museum of Modern Art trennten sich von Sammlungsstücken. Das letztere von millionenschweren Bildern von Piet Mondrian, Giorgio de Chirico, Pablo Picasso und Henri Matisse.

Die jüngsten Verkäufe

Zu den jüngsten Museumsverkäufen gehören drei Werke von Paul Cézanne, Auguste Renoir und Henri Matisse, die das Toledo Museum, Ohio, im Mai 2022 bei Sotheby’s für 59,5 Millionen Dollar zur Stärkung seines Ankaufsetats versteigern ließ. Allein die Cézanne-Landschaft „Clairière“ erzielte 41,6 Millionen Dollar.

Während der Covid-Phase im Herbst 2020 ließ das New Yorker Brooklyn Museum Lucas Cranachs Tafelbild „Lucretia“ bei Christie’s unter den Hammer bringen und erlöste 5 Millionen Dollar. Das Everson Museum in Syracuse im Staat New York gab ein frühes Gemälde von Jackson Pollock im selben Haus für 12 Millionen Dollar weiter.

Und wieder einmal war es das Metropolitan Museum, das sich diesmal von einer Dublette trennte. Im letzten Mai ließ es bei Christie’s Picassos kubistische Bronze „Tête de femme (Fernande)“ veräußern, die 48,8 Millionen Dollar einspielte. Der Erlös ist für Neuankäufe für die permanente Sammlung vorgesehen.

Die Regeln für Kunstverkäufe

Das New Yorker Mega-Museum hatte in der Pandemie ein Defizit von 150 Millionen Dollar zu verkraften. Sein Direktor Max Hollein pocht in einer im Februar 2021 ins Netz gestellten Erläuterung der Museumspolitik darauf, dass sein Haus immer die Abgabe von Kunst praktiziert habe.

Diese Praxis beruht auf folgenden Prinzipien: Das ausgeschiedene Werk fördert nicht die Botschaft des Museums. Es ist überflüssig oder eine Dublette. Das Werk ist von geringerer Qualität als andere Exponate. Das Werk hat geringere ästhetische oder historische Bedeutung. Jedes zu veräussernde Objekt wird von Kuratoren, Konservatoren, der Administration und den Trustees geprüft, ehe es in die Auktion eingeliefert wird. Schon das suggeriert eine Sicherheit, die sich als immun gegen vielstimmige Proteste erweist.

Dass die amerikanischen Museen, die nicht von Staatsgeldern zehren, nicht erst durch die Corona-Phase zu Verkäufen stimuliert wurden, zeigt die Marktgeschichte. Man kann sich ihre inzwischen skrupulöse Methode zum Beispiel nehmen oder auch nicht.

Bei uns ist jedes Werk einer Sammlung eingemauert. Doch es gibt Objekte in den überfüllten Depots, die verhandelbar wären. Es fehlt nur an Mut und manchmal auch an Wissen, eine Auslese zu wagen.

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