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06.05.2022

08:08

Viennacontemporary

Wiens Kunstmesse stellt sich nach dem Rückzug von Dmitry Aksenov neu auf

Von: Nina Schedlmayer

Russisches Geld steckt in vielen Kunstgeschäften. Dmitry Aksenov zieht sich in Wien zurück. Doch Phillips läutet die stärkste Saison seiner Geschichte ein.

Der Unternehmer hat mehrere Millionen Euro in die Viennacontemporary gesteckt. viennacontemporary

Dmitry Aksenov

Der Unternehmer hat mehrere Millionen Euro in die Viennacontemporary gesteckt.

Wien Von den Künstlerinnen, Galeristinnen und Veranstaltern aus Russland erleben sich einige derzeit in Europa als unerwünschte Personen. Jüngstes Beispiel ist Dmitry Aksenov. Am 28. April gab die Viennacontemporary (VC), Wiens traditionelle Kunstmesse, den Rückzug ihres Eigentümers Aksenov bekannt. Der Name des Unternehmers steht auf keiner Sanktionsliste.

Bereits im letzten Herbst hatte die VC bekannt gegeben, dass sie künftig als Non-Profit-Organisation agieren und sich umstrukturieren werde. Demnächst soll die VC Artfairs GmbH ins Handelsregister eingetragen werden.

Aksenov hatte seit 2013 – damals hielt er 70 Prozent der Anteile – insgesamt mehrere Millionen Euro zugeschossen. Nun sollen drei bis vier Shareholder übernehmen; zwei davon stehen fest. Es handelt sich um „vermögende Österreicher, die wirtschaftlich clean sind“, wie Geschäftsführer Markus Huber gegenüber dem Handelsblatt erklärt.

2021 und 2022 hatte Aksenov die Messe mit jährlich 250.000 Euro finanziert. Dieser Betrag wurde für dieses Jahr vor Kriegsbeginn bereitgestellt und ist mittlerweile ausgegeben. Auch für 2023 war er zugesagt. Ob Aksenov unter den geänderten Bedingungen diese Summe auch tatsächlich sponsern wird, ist laut Huber freilich ungewiss.

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    Für ihn, Huber, sei Aksenov „nach wie vor ein Freund, die gemeinsame Arbeit und die zugrundeliegende gemeinsamen Werte der vergangenen Jahre stehen nicht in Frage.“ Allerdings könnten er und eine Familie, die in Russland leben, gefährdet werden: „durch die klaren Positionen, die die Viennacontemporary generell und bei der nächsten Ausgabe der Messe vertreten wird.“

    Zu Aksenovs Rückzug trug freilich auch der Druck einiger Galerien bei. „Man war misstrauisch, hatte aber auch legitime Fragen“, so Huber. Zudem verwehrte die Messe russischen Galerien die Teilnahme. „Ich erlebe es das erste Mal in meinem Leben ganz nahe, dass in Europa eine Kultur ideologisch die Existenz einer anderen Kultur absolut infrage stellt.

    Gesprächsbedarf für Aussteller und Macher der Viennacontemporary. viennacontemporary

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    Gesprächsbedarf für Aussteller und Macher der Viennacontemporary.

    In dieser Situation findet in weiten Teilen der russischen Öffentlichkeit ein Propagandakrieg statt“, lautet Hubers Begründung dafür. „Eine Messe hat eine öffentliche Plattform anzubieten – und in dem Moment, wo der Name einer russischen Galerie auf der Liste erscheint, muss diese Stellung beziehen. Wenn das – aus verständlichen Gründen – nicht möglich ist, haben wir ein Problem.“

    Betroffen sind unter anderem die Myth Gallery aus St. Petersburg, ebenso die Syntax Gallery und die Iragui Gallery aus Moskau, deren Leiterin Ekatherina Iragui dennoch im Zulassungskomitee sitzt. Auf die Frage, ob das nicht etwas widersprüchlich sei, verweist Huber auf Diskussionen im Team, dessen Mitglieder auch aus Russland, der Ukraine und Belarus kommen.

    Pläne für Messe in Petersburg zerschlagen

    Eine neue ukrainische Mitarbeiterin der Viennacontemporary besitzt in Österreich mittlerweile eine gewisse Prominenz: Yana Barinova. Sie flüchtete nach Wien aus Kiew, wo sie das Kulturamt, zuvor die Holocaust-Gedenkstätte Babyn Yar geleitet hatte. Der ukrainischen Kunst widmet die Messe den Schwerpunkt der nächsten Ausgabe von 8. bis 11. September.

    „Wir haben bisher zu wenig im Bereich der freien Szene recherchiert, was die ukrainische Kunst betrifft. Es gibt wenige Primärgalerien in der Ukraine“´, ergänzt Huber. Dennoch werde man verstärkt auf sie ein Augenmerk legen. „Zudem werden wir in einer leerstehenden Immobilie gegenüber dem Kursalon eine kuratierte Präsentation ukrainischer Kunst machen.“

    Zur Neuausrichtung der Viennacontemporary nach der Pandemie gehört auch, weitere Standorte außerhalb Wiens zu bespielen. Ursprünglich wollte man eine weitere kleine Messe in St. Petersburg veranstalten. Ein Plan, den der Angriff am 24. Februar zerschlug.

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    Der russische Bauunternehmer Dmitry Aksenov hat mit der Messe Vienna Contemporary ehrgeizige Pläne. Kunst ist für den sibirischen Entrepreneur, der aus einer Bauarbeiterfamilie stammt, heute sein Lebenselixier.

    Auch Londons Szene hat sich seit dem 24. Februar verändert. Christie’s, Sotheby’s und Bonhams haben ihre Juni-Auktionen mit russischer Kunst abgesagt. Phillips zählt seit 2008 zur Mercury Group, die den russischen Unternehmern Leonid Friedland und Leonid Strunin gehört. Phillips zeigt sich weiterhin stoisch. Global Chairwoman Cheyenne Westphal, sagt auf Anfrage: „Phillips“ Eigentümer haben mit Wort und Tat dargelegt, wo sie die Ukraine betreffend stehen. Und sie appellieren mit uns für Frieden. Wir haben enge Bindungen mit der Gemeinschaft unserer Sammler. Die beständig gute Performance von Phillips spiegelt das deutlich.“

    Phillips bewirbt seine New Yorker Abendauktion mit dem Versprechen, dass es die erfolgreichste Auktion der Firmengeschichte werde. Blue-Chip Toplose, die im globalen Markt gefragt sind, sollen wohl von moralischen Bedenken ablenken.

    Abseits des großen Geldes sieht es anders aus. Eine russische Galeristin beklagt die Heuchelei englischer Institutionen, die gerne russisches Geld annahmen, ohne dessen Herkunft je zu hinterfragen, sich aber jetzt schnell von allen russischen Kontakten trennen. Sie kritisiert die Cancel-Kultur von Messen und Museen, die das Gespräch verweigern mit russischen Galerien oder Künstlern. 

    Mitarbeit: S. Dieckvoss

    Mehr: Kunstmesse Viennacontemporary: Der Hunger nach Kunst ist groß

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