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23.01.2019

14:20

Chrono24-Chef Tim Stracke

„Der Markt für gebrauchte Uhren hat das mit Abstand größte Wachstumspotenzial“

Von: Thomas Tuma

Tim Stracke, Chef von Chrono24, über die wachsende Bedeutung des Kaufs von Luxusuhren im Internet und den Eklat rund um die E-Commerce-Strategie von Nomos.

Der Unternehmer ist Co-CEO und Miteigentümer von Chrono24, dem weltweit größten Marktplatz für Luxusuhren. Chrono 24

Tim Stracke

Der Unternehmer ist Co-CEO und Miteigentümer von Chrono24, dem weltweit größten Marktplatz für Luxusuhren.

Düsseldorf Onlineshops gelten vielen Vertretern der feinen Uhrenbranche immer noch als eher dubioses, zumindest schwieriges Terrain. Insofern wundert es kaum, dass Tim Stracke, Co-Chef der Verkaufsplattform Chrono24, es anfangs schwer hatte, überhaupt mit den Marken ins Gespräch zu kommen. Auf der Uhrenmesse SIHH, die jüngst in Genf stattfand, konnte sich Stracke über mangelndes Interesse aber nicht mehr beklagen.

Alle wollen irgendwie ins Netz – über Konzessionäre, eigene Shops oder Plattformen. Entsprechend groß ist das Selbstbewusstsein des in Karlsruhe beheimateten E-Commerce-Spezialisten.

Herr Stracke, Sie haben vor acht Jahren Chrono24 übernommen, das damals noch eine kleine Website war. Wie groß ist das Unternehmen mittlerweile?
Wir haben heute etwa 210 Beschäftigte auf drei Kontinenten. Unser Handelsvolumen lag im vergangenen Jahr bei über 1,3 Milliarden Euro. So viele Online-Champions aus Deutschland gibt es ja bislang nicht. In unserem kleinen, aber feinen Marktsegment zählen wir auf jeden Fall dazu.

Was bleibt am Ende vom Verkauf einer Uhr bei Chrono24 übrig?
Das ist eine Zahl, die wir nicht kommunizieren wollen, aber natürlich haben wir trotz hoher Investitionen auch immer darauf geachtet, dass etwas hängen bleibt. Inzwischen haben wir mit Chrono24 die schwarze Null erreicht.

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    Wie kommt die konkret zustande?
    Geld verdienen wir dadurch, dass Händler und Privatpersonen uns dafür bezahlen, wenn sie ihre Uhren bei uns präsentieren – und am Ende eine kleine Gebühr überweisen, wenn sie das Produkt über unsere Seite verkaufen. Im Gegenzug bringen wir auf globaler Ebene täglich rund 400.000 Akteure zusammen und organisieren für die Recherche, den Handel, aber auch die Liebhaberei von Luxusuhren die Infrastruktur, Inhalte und das wichtigste Gut in diesem Bereich: Sicherheit.

    Tim Stracke und Chrono24

    Vita Tim Stracke

    Tim Stracke ist Miteigentümer von Chrono24, des größten Onlinemarktplatzes für Luxusuhren. Sein Diplom als Wirtschaftsingenieur machte er an der Universität Karlsruhe und machte einen Master of Business Administration in den USA. Der Unternehmer war danach kurrzeitig Berater bei der Boston Consulting Group in Buenos Aires und gründete 1999 mit 25 Jahren sein erstes mit Venture Capital finanziertes Unternehmen, einen Marktplatz für Geschenke. Im Jahr 2001 gründete Stracke die mentasys GmbH, die zum führenden Technologiedienstleiter für Online-Preisvergleiche wurde. Nach seinem Ausstieg 2008 hat er sich bisher an mehr als zehn Internet-Unternehmen in Europa und China beteiligt.

    Chrono24

    Chrono24 ist ein Onlinemarktplatz für Luxusuhren mit einem Transaktionsvolumen von 1,3 Milliarden Euro im Jahr 2018. Dabei wurde das Unternehmen 2003 als reine Website gegründet. Tim Stracke hat diese dann 2010 zusammen Dirk Schwartz und Michael Krkoska übernommen und die Webseite in ein Geschäftsmodell transformiert. Heute hat das Unternehmen mit der Zentrale in Karlsruhe 210 Mitarbeiter und ist in 45 Ländern aktiv. Das Unternehmen hat 400.000 Uhren auf der Plattform, die in 22 Sprachen ansteuerbar ist.

    Im vergangenen Jahr kam es zum Eklat, als Nomos, die beliebteste deutsche Uhrenmarke, ankündigte, seine Uhren auch über die Onlineplattform Chronext sowie Ihr Chrono24 zu verkaufen: Wempe, großer Juwelier und langjähriger Handelspartner des Unternehmens, kündigte Knall auf Fall alle Verträge mit Nomos. Es gab sogar Boykottaufrufe anderer Händler gegen Nomos. Ein Beispiel für die sich verhärtenden Fronten zwischen Marken, Retailern und E-Commerce-Plattformen?
    Diplomatisch gesagt: Ich denke, im Fall Nomos hätte bereits im Vorfeld offener miteinander gesprochen werden können. Man hätte sich vielleicht starke Reaktionen ersparen können, wenn alle Seiten im Vorfeld mehr mit- als übereinander gesprochen hätten.

    Plattformen wie Ihre sind nun mal die große Bedrohung für den kleinen Juwelier in der Nachbarschaft.
    Selbst Wempe überschätzt womöglich die Gefahren und unterschätzt, inwieweit die Nomos-Entscheidung wieder gut fürs eigene Geschäft sein könnte. Es gibt ja auch ganz viele Uhrenfans, die Chrono24 eher als Info-Seite wahrnehmen und ihre Uhr am Ende doch in einer Boutique kaufen. Wir nennen diese Kunden „ROPOs“: „research online, purchase offline“. Und E-Commerce kann Marken durchaus bekannter und emotionaler machen, was am Ende auch wieder dem stationären Handel hilft. Andererseits wollen ja auch wir keine rein digitale Plattform sein.

    Sondern?
    Das Uhrengeschäft ist ein sehr persönliches. Wir wollen unsere Kunden kennen lernen, für die aber auch greifbar sein. Wir laden zum Beispiel immer öfter zu Workshops und Get-togethers ein. In unserer Branche geht es auch sehr stark um Vertrauen.

    Wie viele Uhren werden auf Chrono24 aktuell angeboten?
    Über alle Marken hinweg sind es rund 420.000. Der Durchschnittspreis liegt zwischen 6.000 und 7.000 Euro. Das ist auch das Segment, in dem wir uns am wohlsten fühlen, obwohl es natürlich Ausreißer nach unten wie nach oben gibt, bis zu Schätzen im siebenstelligen Bereich.

    Allein der Markt für Uhren aus zweiter Hand wird auf einen zweistelligen Milliardenbetrag geschätzt. Marken wie Audemars Piguet kündigen bereits an, das Geschäft künftig selbst kontrollieren zu wollen. Erwachsen Ihnen da neue Konkurrenten?
    Eher spannende Kooperationspartner, hoffe ich. Denn so, wie die Marken natürlich über enorme Expertise zu ihren Modellen verfügen, verstehen wir sehr viel vom E-Commerce, der Technik und Logistik. Warum soll man sich da nicht gegenseitig unterstützen? Tut es Mobile.de zum Beispiel weh, wenn Daimler oder BMW selbst zertifizierte Gebrauchtwagen verkaufen? Im Gegenteil: Die Autokonzerne stehen für einen großen Teil des Angebots auf Mobile.de.

    Das heißt, Sie gehen jetzt auf die Marken zu, um über neue Kooperationen zu verhandeln?
    Die kommen mittlerweile schon von sich aus auf uns zu. Auf dem jüngsten Salon de la Haute Horlogerie …

    … neben der Baselworld die weltweit wichtigste Uhrenmesse …
    ... habe ich viele Gespräche auf Augenhöhe mit Markenverantwortlichen geführt. Vor sechs, sieben Jahren wurden noch nicht mal meine E-Mails beantwortet. Da ist enorm viel in Bewegung geraten.

    Welche Ziele haben Sie sich bei Chrono24 für die nächsten Jahre gesetzt?
    Wichtig ist uns, dass wir die „Customer-Experience“ weiter steigern. Außerdem möchten wir zum Beispiel im asiatischen Raum weiter zulegen. Aktuell etwa wachsen wir in Japan mit über 100 Prozent jährlich, was uns sehr freut. Wir schätzen, dass weltweit bereits jeder dritte Uhrenliebhaber Chrono24 nutzt – sei es als Informations- oder Kaufplattform.

    Gönnen Sie sich im eigenen E-Commerce-Shop auch selbst ab und an eine Uhr?
    Klar, zuletzt diese Jaeger-LeCoultre mit Weltzeitzonen. Ich muss in meinem Job viel mit Menschen in allen möglichen Weltgegenden telefonieren. Nun passiert es mir nicht mehr, dass ich jemanden aus Versehen aus dem Schlaf klingele.

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    Die Krise der Uhrenhersteller ist vergessen. Ohne Politiker wie Donald Trump würden sich die Luxusmarken allerdings noch wohler fühlen.

    Wie steht es um die Uhrenbranche als solche?
    Der Gesamtmarkt erzielt aktuell rund 37 Milliarden Euro zu Endkundenpreisen. Den meisten Marken geht es gut. Man muss ja auch sehen, dass die Branche in den vergangenen sieben, acht Jahren um fast 100 Prozent gewachsen ist. Wenn also mal gejammert wird, dann doch auf sehr hohem Niveau. Das Geschäft mit neuen Uhren dürfte stabil bleiben, aber auch nicht unbedingt weiter stark wachsen.

    Welche Trends prophezeien Sie?
    Auch wenn es Sie nicht überraschen mag: Ich glaube, dass der Markt für gebrauchte Uhren das mit Abstand größte Wachstumspotenzial hat. Viele sprechen schon von dem „neuen China“. Da rechnen neue Studien mit Steigerungen von rund neun Prozent jährlich und einem Gesamtvolumen von etwa 15 Milliarden Euro. Auch das Geschäft mit den Millennials als künftig wichtigster Kundengruppe wird stark zunehmen.

    Und die Internet-Affinität wird auch bei sehr klassischen Marken weiter steigen. Viele überlegen ja derzeit, selbst einen Onlineshop zu eröffnen. Das sind also gleich drei Entwicklungen, die uns durchaus in die Karten spielen.

    Herr Stracke, vielen Dank für das Interview.

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