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22.05.2022

09:27

Rath checkt ein: Castello di Reschio

La Dolce Vita hinter dicken Mauern

Von: Carsten K. Rath

Das Projekt Castello di Reschio zeigt anschaulich, wie aus einem fast vergessenen Landstrich ein Kleinod mit internationaler Klasse entsteht.

Die alten Mauern des Castello di Reschio stehen seit dem Jahr 1050. (Foto: Castello di Reschio)

Stolze Fassade

Die alten Mauern des Castello di Reschio stehen seit dem Jahr 1050.

(Foto: Castello di Reschio)

Bezaubernde Burgfräulein, zünftige Burgfeste und deftiges Essen, das aus Tongefäßen serviert wird: Immer mal, wenn ich hinter dicke Schloss- und Burgenmauern treten darf, dann staune und sinniere ich über vergangene Zeiten. Spätestens, seit das Ranking „Die 101 besten Hotels Deutschlands“ Hotels in der Kategorie „Hotels in historischen Gemäuern“ prämiert, kenne ich einige sehr geschichtsträchtige Gebäude. Nach außen tragen sie mit Stolz ihre alte Fassade, während sie nach innen den Glanz der Neuzeit präsentieren. Doch dieses Anwesen, das ich bei meinem letzten Besuch in Italien erleben darf, schreibt Hotelgeschichte noch einmal neu.

Im wunderschönen Umbrien, dem grünen Herz Italiens, entdecke ich auf einer leichten Anhöhe das wahrscheinlich schönste Fort, das ich in meinem Leben je gesehen habe. Ich war selten so sprachlos wie an diesem verwunschenen Ort. Die alten Mauern des Castello di Reschio stehen seit 1050. Grüne Bäume, Zypressen und Kiefern, umringen das alte Gemäuer, das schon zahlreiche Gäste beherbergte.

Ich fühle mich in meinen weißen Sneakern etwas underdressed und wünsche mir ein schweres Schild samt Ritterrüstung, als ich die Auffahrt entlanggehe. Doch meine Fantasie geht abermals mit mir durch. Das Innere überrascht – und zwar ganz neuzeitlich und unternehmerisch.

Castello di Reschio: Wenn unternehmerischer Mut belohnt wird

Stilvoll. Liebevoll. Voller Glanz und Glorie. Diese Worte brennen sich nach dem ersten, dem zweiten und den vielen weiteren Eindrücken ein, die ich aus diesem Anwesen mitnehme. Zum Glück entdeckte Graf Antonio Bolza, der heutige Besitzer des Castello, 1994 das Anwesen. Eigentlich war es ein Zufall, doch ich glaube nicht an zufällige Begegnungen. Die damalige Landschlossruine und umliegende Gebäude suchten einen Besitzer und zogen den Grafen Antonio magisch an. Quasi aus dem Nichts, aus unberührtem Land und zerfallenen Ruinen gestaltete er eine Infrastruktur.

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    Er renovierte gemeinsam mit seinem Sohn Graf Benedikt in den vergangenen 20 Jahren liebevoll die verfallenen Stallungen, verstreuten mittelalterlichen Farmhäuser und das Fort. Heute bewohnen wohlhabende Familien aus der ganzen Welt die so entstandenen Villen. Einige von ihnen stehen für Mieter zur Verfügung. Das Fort dient als Familiensitz und Gästeunterkunft.

    Umbrien war lange Zeit als Armenhaus Italiens bekannt. Was in den Hügeln von Reschio einst passierte, wissen vermutlich nur die Hügel selbst. Dank einer antiken Figur, die an den oberen Hängen von Reschio entdeckt wurde, weiß man zumindest, dass hier die Etrusker herrschten. Der Name Reschio selbst leitet sich vermutlich von Resculum ab, dem lateinischen Namen für Festung.

    Rath checkt ein: Video

    La Dolce Vita hinter dicken Mauern: Carsten K. Rath im Castello di Reschio in Umbrien

    Rath checkt ein: Video: La Dolce Vita hinter dicken Mauern: Carsten K. Rath im Castello di Reschio in Umbrien

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    Heute beherbergt dieses Land das wohl schönste Juwel des südlichen Europas: das Hotel Castello di Reschio, in dem ich nun für ein paar Tage residiere.

    Die Bezeichnung „Hotel“ ist unpassend. Einfach zu schüchtern. Dieser Ort ist wie ein Zuhause, obwohl ich vorher noch nie diesen mediterranen Boden berührt habe. Graf Antonio gestaltete das Landhaus ursprünglich als eigenes Familienzentrum. Die großzügigen Dimensionen verleiteten ihn dazu, auch Gäste aufzunehmen. Menschen aus der ganzen Welt sind eingeladen, die traditionelle Werte zu erleben.

    Bis heute nutzt der Graf mit seiner Familie das Anwesen selbst. Sportlich reitet er seine Pferde aus den beiden hauseigenen Reitställen und begrüßt jeden, der ihm begegnet, als Freund des Hauses. So viel Nähe hinter dicken Mauern habe ich nicht erwartet. Sie berührt mich ebenso wie jeder einzelne Raum, den ich erkunde.

    Stilvoller Müßiggang an einem verwunschenen Ort. Foto: Castello di Reschio

    Swimming Pool im Castello di Reschio

    Stilvoller Müßiggang an einem verwunschenen Ort.

    Foto: Castello di Reschio

    Vermutlich liegt dieses Flair auch darin begründet, dass sich das Fort beziehungsweise sein Betrieb als Familienunternehmen gestaltet. Count Benedikt kümmert sich als renommierter Architekt vom Entwurf bis zur Umsetzung persönlich um die denkmalgeschützten Gebäude und designt die dazu passenden Möbel. Wer weiß besser, welches Stück an welchem Platz gut aufgehoben ist, als ein begabtes Familienmitglied, der Eigentümer? Übrigens: Die exquisiten Möbelstücke und Leuchten sind auch unter dem Label Benedikt Bolza Design erwerbbar.

    Graf Benedikt Bolza kümmert sich als renommierter Architekt um die denkmalgeschützten Gebäude – und designt die dazu passenden Möbel. (Foto: Castello di Reschio)

    Grand Suite

    Graf Benedikt Bolza kümmert sich als renommierter Architekt um die denkmalgeschützten Gebäude – und designt die dazu passenden Möbel.

    (Foto: Castello di Reschio)

    Ich entdecke für alte Landschlösser typische Orte, die optimal renoviert und für heutige Ereignisse genutzt werden. So befinden sich innerhalb der Mauern zwei miteinander verbundene Höfe, die vermutlich früher dem gesellschaftlichen Zusammenkommen dienten. Heute ist einer von ihnen mit Glas umhüllt und fungiert als edler Palmenhof. Ein Ort für ruhige Stunden und Erholung bei einem frisch gebrühten Espresso, während der andere dank perfekter Akustik Schauplatz von Konzerten, Vorträgen und künstlerischen Veranstaltungen ist.

    Ein weiterer, besonderer Ort ist das Badehaus. Perfekt für eine wohltuende Auszeit verbirgt sich im alten Weinkeller des Schlosses ein modernes Spa im antik-römischen Stil. Die antiken Steinmauern dämpfen das Licht wohltuend. Ich tauche in den Salzwasserpool ein und vergesse die Hektik meiner Anfahrt. In der traditionellen Sauna aus mediterraner Eiche fallen alle Gedanken an den nächsten Tag wie von selbst ab. Versprochen!

    Nichts ist dem Zufall überlassen. Für einen flüchtigen Moment dachte ich, dass die gestickten Initialen auf Kopfkissen, Handtüchern und Decken „C.K.R.“ – also meinen Namen – bedeuten. Sie stehen natürlich für Castello di Reschio. Ich scheine also hierherzugehören. Die Zimmer sind alle sehr individuell mit eigens designten Möbeln und Antiquitäten ausgestattet. Trotz, oder vielleicht auch gerade durch die gedeckte Farbwahl verströmen die Räume ein sehr einladendes, behagliches Flair. Sicherlich auch dadurch bedingt, dass keine künstlichen Lichtquellen eingesetzt werden, wo sie nicht unbedingt erforderlich sind.

    Perfekt für eine wohltuende Auszeit verbirgt sich im alten Weinkeller des Schlosses ein modernes Spa im antik-römischen Stil. (Foto: Castello di Reschio)

    Das Badehaus

    Perfekt für eine wohltuende Auszeit verbirgt sich im alten Weinkeller des Schlosses ein modernes Spa im antik-römischen Stil.

    (Foto: Castello di Reschio)

    Ich jedenfalls fühle mich sehr wohl in meiner großzügigen Suite. Die Tür ist sieben Zentimeter dick, sodass kein störender Lärm, kein Geräusch ins Innere dringt. Ich schlafe hier wie in der Stille eines Bergklosters, nur deutlich komfortabler.

    Wenn das Service-Team schon weiß, was ich brauche, noch bevor ich es weiß

    Wie sieht nun der Service hinter alten Schlossmauern aus? Herzlich und zuvorkommend! Ich möchte nach dem Lunch einen Ausflug in die Welt der Dolce Vita unternehmen, daher pünktlich auf mein Zimmer gehen. Ich ordere meinen Espresso und bitte darum, diesen in den nächsten zehn Minuten zu servieren. Wohl wissend, dass zehn Minuten in Italien auch mal 30 Minuten dauern können, reserviere ich mir ein Shuttle gleich dazu. Mit einem verschmitzten Lächeln sieht mich die Mitarbeiterin an und ruft mir freundlich zu: „Aber Herr Rath. Ihr Wagen steht für Sie bereit und erwartet Sie, wann immer Sie so weit sind.“ So funktioniert Service auf Weltklasseniveau! Es ist eben nahezu so, als wäre ich nicht in einem Hotel, sondern zu Hause. Nur, dass die Wände deutlich dicker sind, das Klima deutlich milder ist.

    Ein Ort für ruhige Stunden und Erholung bei einem frisch gebrühten Espresso. (Foto: Castello di Reschio)

    Der Palmenhof

    Ein Ort für ruhige Stunden und Erholung bei einem frisch gebrühten Espresso.

    (Foto: Castello di Reschio)

    Das Dolce Vita schmecke ich übrigens im wahrsten Sinne des Wortes in den Restaurants und Bars des Anwesens. Für Ihren Start in den Tag empfehle ich Ihnen ein zeitiges Frühstück im Ristorante Al Castello auf der Terrasse. Diese liegt im Westflügel und offeriert einen großartigen Blick über die hügelige, oft noch nebeldurchtränkte Landschaft.

    Die klassische italienische Küche samt Ambiente genieße ich im Ristorante „Alle Secuderie“. Meine selbstgemachte Steinoffenpizza, belegt mit frischem Gemüse und würzigem Käse, schmeckt einfach grandios! Das frische Gemüse stammt aus dem eigenen Garten. Doch was sage ich, es sind ganze Gartenlandschaften! In den letzten Jahren spezialisierten sich die Bolzas auf ökologischen Landbau ganz ohne künstliche Zusätze. Auf meinen Streifzügen über das Anwesen passiere ich Beerensträucher, Obstbäume und diverse Gemüsesorten.

    Die Terrasse offeriert einen großartigen Blick über die hügelige Landschaft. (Foto: Castello di Reschio)

    Ristorante Al Castello

    Die Terrasse offeriert einen großartigen Blick über die hügelige Landschaft.

    (Foto: Castello di Reschio)

    Natürlich fehlen auch die für Italien typischen Olivenhaine nicht. Auf den angebauten Sangiovese-, Ciliegolo-, Cesanese- und Merlot-Reben wachsen die Trauben für die hauseigenen, edlen Tropfen. An den Gärten der anliegenden Villen erkenne ich die Vorlieben der Eigentümer: Individualität wird nicht nur im Interior großgeschrieben, sondern auch in der Natur um die Häuser herum gelebt. Eine eigene Obstplantage? Eigener Weinanbau? Ein Kräutergarten? Die Wünsche der Hausbesitzer werden liebevoll in die Landschaft eingebettet und umgesetzt.

    Fazit: Die Liebe zum Haus schwingt durch jede Mauer

    Ich kenne die Mandarins und Four Seasons dieser Welt. Alles beeindruckende Häuser, keine Frage. Doch eines gibt es eben nicht aus dem Lehrbuch: beseelte Tradition. Für die einen mögen Traditionsbewusstsein und gelebte Werte ein angestaubtes Image haben. Für mich sind es genau diese Aspekte, die einen Aufenthalt zu einem Erlebnis machen, an das ich noch lange zurückdenke. Castello di Reschio ist ein Ort, der verzaubert, Demut lehrt und darüber hinaus übrigens auch zum Reiten einlädt. Selbst wenn Sie eigentlich Angst vor Pferden haben.

    Raths Reise-Rating (aktuelle Wertung fett):
    1. Ausdrückliche Reisewarnung
    2. Besser als unter der Brücke
    3. So lala, nicht Oh, là là
    4. Meckern auf hohem Niveau
    5. Wenn`s nur immer so wäre
    6. Ganz großes Kino
    7. Mein 7. Stern (den es eigentlich nicht gibt) heißt ab sofort „Di Reschio“

    Über den Autor: Als früherer Grandhotelier und Betreiber einer Reiseplattform ist Carsten K. Rath Globetrotter von Berufs wegen. Sämtliche Hotels, über die er für das Handelsblatt schreibt, bereist er auf eigene Rechnung. Rath ist Ideengeber des Rankings „Die 101 besten Hotels Deutschlands“, zu dessen Partnern auch das Handelsblatt gehört.

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