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19.06.2022

09:27

Rath checkt ein: Hotel Papa Rhein, Bingen

Service ahoi: Eine erfrischend andere Hotel-Idee im Rheintal

Von: Carsten K. Rath

Jan Bolland, Hotelier des Jahres der nächsten Generation, beweist mit dem Papa Rhein, das sich unternehmerischer Mut auszahlt. Seine Crew setzt auf „Kindness“ und Stil.

Den Spa-Bereich krönt ein Pool auf dem Dach. (Foto: Papa Rhein)

Das Papa Rhein von oben

Den Spa-Bereich krönt ein Pool auf dem Dach.

(Foto: Papa Rhein)

Bingen Heimatzeit. Das ist der Marketingslogan des Hotels Papa Rhein. Wie Sie wissen, beeindrucken mich reine Slogans nicht. Mich interessierten die Strategien und die wirklichen Geschichten, die sich dahinter verbergen. Das Erlebnis, das ich als Gast am Ende des Tages mitnehme, ist entscheidend. Umso besser, wenn Marketing und finales Erleben harmonieren.

Jan Bolland, der Ende März in Hamburg im Rahmen des Rankings „Die 101 besten Hotels Deutschlands“ als bester Hotelier des Jahres der nächsten Generation ausgezeichnet wurde, versteht es wie kein anderer, seine Vision in die Tat umzusetzen. Er hat den in diesem Jahr erstmals ausgerufenen Preis für die Nachwuchsgeneration der Hoteliers sehr verdient gewonnen, wie ich finde.

Als Sohn einer Hoteliersfamilie agiert er seit Langem selbstständig und verwandelte zum Beispiel ein ehemaliges Kloster in einer geradezu unscheinbaren Gegend zu einem gefragten Spa-Resort. Das Marienhöh, Hideaway und Spa, wurde im Hunsrück aufwendig renoviert und beherbergt nun keine Nonnen mehr, sondern Hotelgäste auf der Suche nach Erholung. Marienhöh in dieser Lage zu etablieren – das muss man erst mal hinbekommen.

Die Hotellerie sei ein Teil seiner DNA, sagt Jan Bolland von sich selbst. In bereits vierter Generation begeistert seine Familie Gäste. Der Fokus auf effektives Marketing liegt dabei in der Geschichte der Unternehmer- und Hoteliersfamilie begründet. 1907 baute Jans Urgroßvater ein Naturheilkunde-Resort auf, da der gelernte Metzger selbst an einer seltenen Art von Neurodermitis litt. Für die damalige Zeit ging er einen mutigen und revolutionären Weg, der von baldigem Erfolg gekrönt wurde.

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    Von den Balkonen der Zimmer bietet sich ein großartiger Weitblick über den Fluss. (Foto: Papa Rhein)

    Sandige Töne

    Von den Balkonen der Zimmer bietet sich ein großartiger Weitblick über den Fluss.

    (Foto: Papa Rhein)

    Doch: Von heute auf morgen fiel die Kundschaft weg. Notwendige, mehrwöchige Gesundheitskuren mussten plötzlich von den Gästen selbst getragen werden, da die Krankenkassen keine Zuschüsse mehr bewilligten. Eigentlich ein Desaster für ein Kurhotel, das sich auf eben diese Gäste spezialisiert hat. Aber Bolland und seiner Familie ist es gelungen, einen neuen Gästestamm aufzubauen und seine Stammkunden auch weiterhin zu inspirieren. Die Idee Medical Health Resort war geboren. Dieses Konzept gilt mittlerweile als eines der erfolgreichsten der Luxushotellerie. Dank den Bollands.

    Jetzt hat Jan Bolland sich für sein Papa Rhein einen der schönsten Plätze am Fluss ausgesucht. Braucht ein solches Haus überhaupt ausgefallene Marketing-Slogans? Für mich nicht unbedingt, denn ich spüre von jeher eine starke Verbundenheit mit diesem Ort. Im Grunde genommen beginnt hier meine ganz eigene Geschichte, denn unweit von hier bin ich geboren.

    Allein der Name Papa Rhein ist eine freundliche Einladung an alle, die das Geerdete und doch auch das Besondere suchen. Direkt vor dem Haus liegt der wilde Rhein, die satt-grünen Weinberge erstrecken sich gegenüber. Burgen komplettieren die Rhein-Romantik. Doch bevor ich mich in weiteren Schwärmereien verliere, lassen Sie mich mehr über das Haus erzählen.

    Rath checkt ein: Video

    Papa Rhein Hotel: Carsten K. Rath zu Gast beim Hotelier des Jahres der nächsten Generation

    Rath checkt ein: Video: Papa Rhein Hotel: Carsten K. Rath zu Gast beim Hotelier des Jahres der nächsten Generation

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    Das Papa Rhein in Bingen erinnert mich an das südliche Skandinavien. Anstelle der Ostsee bringt hier der Rhein die Sicht zum Fließen. Das Hotel ist im Grunde kein Hotel, sondern ein Schiff, das an Land gestrandet ist. Man duzt sich wie auf den großen Schiffen dieser Welt. Die Mitarbeiter arbeiten als Crew fest zusammen. Alles ist durchdacht und vor allem zu Ende gedacht.

    Mein Zimmer ist selbstverständlich kein Zimmer im herkömmlichen Sinne, sondern eine Koje. Nur zum Glück sehr viel größer und komfortabler und nicht so gewollt wie beim bereits umgesetzten Konzept im Barefoot Hotel von Til Schweiger an der Ostsee.

    Der unschöne Seegang bleibt mir erspart. Das Gefühl von Freiheit und Abenteuer wie auf den Meeren der Welt genieße ich hingegen inmitten von sandigen Tönen der Einrichtung mit einem großartigen Weitblick über den Rhein in vollen Zügen. Ich entdecke sogar eine kleine Truhe, eine Schatztruhe versteckt in der Lobby. Auch den Sand unter den Füßen spüre ich: Rund um die Bootshaus-Bar ist eigens dafür ein Bereich mit feinkörnigem Sandstrand aufgeschüttet. Ich creme mich vorsichtshalber auch im Hotel ein; vermutlich ist die Sonneneinstrahlung wie auf hoher See intensiv, ohne dass man es merkt. Auf wasserfeste Kleidung verzichte ich allerdings.

    Gesunde Pure Cuisine von Nils Henkel

    Vom allerersten Moment an, den ich „an Bord“ verbringe, habe ich das Gefühl, in See zu stechen. In eine See voller unglaublicher Service-Gesten und Finessen. Apropos Finessen: Ich freue mich ganz besonders auf mein Dinner im Restaurant. Skandinavische Gemütlichkeit und Stil, oder neudeutsch „casual atmosphere“, herrschen hier vor. Vor allem aber freue ich mich auf das Wiedersehen mit Nils Henkel, einem der wohl talentiertesten veganen und vegetarischen Sterne-Köche Deutschlands. Doch auch Fisch und Fleisch kann er wie kaum ein Zweiter.

    In seiner Pure Nature Cuisine kombiniert er frisches Gemüse mit Kräutern. Ab und zu schwimmt ein Fisch als Beilage vorbei. Sterneambitionen hat der Profikoch und ehemalige Träger von drei Michelin-Sternen keine mehr. Vielmehr konzentriert er sich darauf, seine Gäste zu begeistern und die Gaumen zu verwöhnen. Das gelingt ihm immer wieder aufs Neue. Auf meinem Teller finde ich ein Kunstwerk, das ebenso wunderbar und vor allem bunt schmeckt. Von mir bekommen seine Kreationen sechs Rath-Sterne.

    Fazit: Per Du mit der Crew – demokratischer und herzlicher Luxus

    Für sein Haus hat sich Jan Bolland einen der schönsten Plätze am Rhein ausgesucht. (Foto: Papa Rhein)

    Wie ein gestrandetes Schiff

    Für sein Haus hat sich Jan Bolland einen der schönsten Plätze am Rhein ausgesucht.

    (Foto: Papa Rhein)

    Das Papa Rhein ist für mich der Inbegriff des demokratisierten Luxus. Im positiven Sinne. Hier treffen sich Krethi und Plethi mit Fürst und Prinzessin. Das Team und die Gäste sind per Du. Das verbindet, schafft eine herzliche Vertrautheit und freundliche Atmosphäre. Diesen frischen Unternehmergeist wünsche ich mir häufiger in der deutschen Hotellerie-Landschaft.

    Sicher, neue Konzepte erfordern Mut, ermöglichen aber auch überraschende Erlebnisse für den Gast. Dieser entscheidet in letzter Instanz über den Erfolg oder Misserfolg eines Hauses. Meine Bewertung in diesem Fall: Das Schiff fährt auch weiterhin volle Kraft voraus! Und betriebswirtschaftlich kommt der Nachwuchs-Hotelier des Jahres 2022 aus dem Lachen nicht mehr heraus. Verdient!

    Raths Reise-Rating (aktuelle Wertung gefettet):
    1. Ausdrückliche Reisewarnung
    2. Besser als unter der Brücke
    3. So lala, nicht oh, là, là
    4. Meckern auf hohem Niveau
    5. Wenn’s nur immer so wäre
    6. Ganz großes Kino

    Über den Autor: Als früherer Grandhotelier und Betreiber einer Reiseplattform ist Carsten K. Rath Globetrotter von Berufs wegen. Sämtliche Hotels, über die er für das Handelsblatt schreibt, bereist er auf eigene Rechnung. Rath ist Ideengeber des Rankings „Die 101 besten Hotels Deutschlands“, zu dessen Partnern auch das Handelsblatt gehört.

    Carsten K. Rath, Rolf Westermann: Die 101 besten Hotels Deutschlands.
    Institute for Service- and Leadership Excellence AG
    521 Seiten
    34,90 Euro
    ISBN: 978-3033088719

    Rath ist zudem Autor des Buchs zum Ranking, das im Buchhandel erhältlich ist. Die nächste Ausgabe des Buchs erscheint unter Mitwirkung des Handelsblatts Ende November im Rahmen der Veröffentlichung des nächsten Rankings der 101 besten Hotels Deutschlands.

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