Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

03.07.2022

08:11

Rath checkt ein: Silver Wind

Luxus mit Seegang: Auf der Silver Wind von Porto nach London

Von: Carsten K. Rath

Die Silver Wind definiert „All-inclusive“-Luxus auf den sieben Weltmeeren neu. Eine Schaukelpartie und grandiose Landgänge verleihen der Fahrt Expeditionscharakter.

Dass ein Schiff der Expeditionsklasse die Londoner Tower Bridge passieren kann, ist ein Novum. (Foto: Silversea Cruises)

Einmal im Leben

Dass ein Schiff der Expeditionsklasse die Londoner Tower Bridge passieren kann, ist ein Novum.

(Foto: Silversea Cruises)

London Eine Seefahrt, die ist… zuweilen doch sehr stürmisch. Haben Sie schon einmal Seestärke acht von zehn erlebt? Ein wirklich eindrückliches Naturschauspiel und Reiseerlebnis.

Zumindest, wenn Sie auf dem richtigen Schiff unterwegs sind. In meinem Fall ist es das Expeditionsschiff Silver Wind der Silversea Cruises. Die europäische Luxusreederei mit Hauptsitz in Monaco wurde 1994 gegründet und ist Teil der weltweit tätigen Royal Caribbean Group. Sie bietet sowohl exklusive Kreuzfahrten als auch abenteuerliche Expeditionsreisen an.

Auf der Brücke der Silver Wind erklärt mir der Kapitän, dass Atlantikstürme keine Seltenheit sind. Auf unserem Weg rund um Portugal navigieren wir auf dem offenen Meer, das ist eben nicht der Müggelsee. Wer wie ich seekrank wird, sollte daher im Vorfeld sehr genau auf die Route achten, die er auswählt.

Doch ich bereue nichts, das ist mir das Abenteuer wert. Ich steige in Porto ein und in London wieder aus. Jeder kann ein- und aussteigen, wie es ihm beliebt, denn das Schiff fährt einmal um die Welt und macht keine Rundtour, wie man es von Kreuzfahrtschiffen gewohnt ist.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Ein erfahrener Schifffahrtsgast bin ich bislang nicht. Viermal stach ich mit Tui Cruises in See. Einmal litt ich auf der Aida, entdeckte mit einem amerikanischen Schiff Alaska und testete auch die MS Europa.

    Doch die Reise mit der Silver Wind setzt sich deutlich von meinen vorherigen Seefahrten ab. Da sind zum einen die Gäste. 90 Prozent auf der Silver Wind sprechen fantastisch amerikanisch, da sie aus den USA angereist sind. Das liegt wohl auch daran, dass Silversea Cruises ein amerikanischer Anbieter ist.

    Zum anderen ist die Silver Wind ein richtiges Expeditionsschiff und steuert entsprechende Ziele an. Die Gäste sind wissbegierig und wollen wie ich neue Orte entdecken. Das klassische „All-inclusive”-Paket, das ich gebucht habe, wird zum Glück ganz anders interpretiert, als ich es aus Deutschland kenne.

    Anstelle von Spielcasinos und permanenten Cocktailempfängen kümmern sich sehr professionelle Butler um alle Wünsche, die ich während meiner Reise habe. Zudem sind auch alle Landgänge samt Verpflegung und Transfer inklusive. Das nenne ich echtes All-inclusive. Keine versteckten Kosten oder Limitierungen – einfach nur reisen, erleben und genießen.

    Rath checkt ein: Video

    Luxus mit Seegang: Carsten K. Rath auf der Silver Wind von Porto nach London

    Rath checkt ein: Video: Luxus mit Seegang: Carsten K. Rath auf der Silver Wind von Porto nach London

    Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

    Der Service ist sehr amerikanisch geprägt, im positiven Sinne. Alles funktioniert wahnsinnig schnell. Ich bestelle einen Cappuccino. Drei Minuten später wird mir dieser heiß serviert. Als ich abends meine Brille im Zimmer habe liegen lassen, fand ich sie mit einem Brillenputztuch geputzt wieder vor.

    Wenn eine ältere Dame im Restaurant aufsteht und in ihre Kabine möchte, dann springt ihr stets ein Kellner zur Seite. Ganz alte Schule eben. Er offeriert seinen Arm und begleitet sie unterstützend. Proaktiv führt er sie den zuweilen schwankenden Gang entlang. Auch bei den an Bord verwendeten Produkten hat sich der Anbieter ganz überwiegend für die jeweils besten entschieden.

    Die Menüs sind absolute Klassiker. Ich genieße große französische Weine. Die Restaurants sind alle ebenso klassisch und auf Sterneniveau ausgerichtet. Der Caesar Salad ist ein echter Caesar Salad. Er kommt mit dem richtigen Dressing und ist liebevoll garniert. Es passt einfach alles zusammen. Nur beim Frühstück stelle ich ein bisschen Luft nach oben fest.

    Der Service ist amerikanisch geprägt, die Menüs in den Restaurants absolute Klassiker. (Foto: Silversea Cruises)

    Klassisch und auf Sterneniveau

    Der Service ist amerikanisch geprägt, die Menüs in den Restaurants absolute Klassiker.

    (Foto: Silversea Cruises)

    Die Kabinen sind sehr ordentlich. Alles ist im Stil der 90er-Jahre gehalten, in toller Qualität. Der Butler-Service ist „awesome“, wie die Gäste stets sagen. Das kann man nicht oft genug erwähnen. Ich habe die getrüffelten Nüsse bei meiner Ankunft gegessen. Seitdem wurden diese wie von Zauberhand immer wieder aufgefüllt, ebenso der Champagner. Das Housekeeping ist einfach grandios. Zweimal täglich bekomme ich den vollen Service. Die Mitarbeiter sind super aufmerksam.

    Am ersten Tag wurde ich vereinzelt noch nach der Kabinennummer gefragt, ab Tag zwei dann nur noch mit dem Namen angesprochen. Und das bei über 250 Passagieren, eine großartige Serviceleistung! Darüber hinaus werden sich auch die Präferenzen gemerkt – wie ich meinen Tee trinke, muss ich nicht mehr lange erklären.

    Hidden Secrets an Land: Grandiose Seepausen mit festem Boden unter den Füßen

    Der erste, zweite und dritte sehr positive Eindruck vom Schiff setzt sich an Land fort. Wir legen in diversen Häfen an. Honfleur in der Normandie ist einer von ihnen. Dieser malerische Ort ist kein touristisch überlaufenes Gebiet, eine Aida oder ein anderes Kreuzfahrtschiff wird hier sicher nicht anlegen. Honfleur entpuppt sich als einer der schönsten Orte, die ich je besichtigt habe. Monet ließ sich in dieser zauberhaften Umgebung inspirieren. Auch ich möchte eigentlich gar nicht mehr weg.

    Das Kloster beherbergte einst Benediktiner und wurde später als Gefängnis genutzt. Heute ist es kulturelles Aushängeschild der Franzosen. (Foto: Carsten K. Rath)

    Mont St. Michel

    Das Kloster beherbergte einst Benediktiner und wurde später als Gefängnis genutzt. Heute ist es kulturelles Aushängeschild der Franzosen.

    (Foto: Carsten K. Rath)

    Le Mont St. Michel ist ein weiteres, absolutes Highlight unserer Fahrt. Diese felsige Insel liegt in der Bucht des Mont-Saint-Michel, ebenfalls in der Normandie. Das Kloster beherbergte einst Benediktiner und wurde später als Gefängnis genutzt. Heute ist es eine absolute Pilgerstätte und kulturelles Aushängeschild der Franzosen.

    Ich weiß, ich wiederhole mich. Aber ein Highlight reiht sich an das nächste. Gibt es eine Steigerung von Highlight? Dann erlebe ich dieses an meinem letzten Tag an Bord. Wir fahren auf der Themse nach London ein und passieren die Tower Bridge. Übrigens, ein absolutes Novum, dass ein Schiff der Expeditionsklasse nach London einfährt. Das ist nur aufgrund der kompakten Bauweise der Silver Wind möglich. Ein Once-in-a-lifetime-Erlebnis. Wer dieses Spektakel erleben möchte, kann sich morgens um 5 Uhr bereits mit heißem Kaffee und Bagels stärken.

    Reisewarnung Rückflug

    Mein Reiseerlebnis wird durch ein sehr negatives Erlebnis beendet, der Rückweg gehört nun mal dazu. Wenngleich wir alle unter dem Fach- und Führungskräftemangel leiden, kann ich es nicht verstehen, warum ich am Düsseldorfer Flughafen zwei Stunden vergeblich auf mein Gepäck warten muss. Ich bin mit der Fluggesellschaft Eurowings von London nach Düsseldorf geflogen. Die einstündige Verspätung kommentiere ich nicht weiter, denn die Abfertigung in Düsseldorf ist leider der Tiefpunkt in Sachen Servicequalität. Nachdem nun etliche Passagiere besagte zwei Stunden auf ihr Gepäck gewartet haben, verschwindet London von der Anzeigentafel. Vom Gepäck weiterhin keine Spur. Von Eurowings-Servicekräften übrigens auch nicht.

    Nach elf Tagen, mehreren unbeantworteten Mails, auch an den Vorstandsvorsitzenden, bin ich zu dem Schluss gekommen, dass Eurowings unter Service offensichtlich Selfservice versteht. Mehr als zwei Stunden habe ich im Lost & Found am Düsseldorfer Flughafen wohl über tausend Gepäckstücke gesichtet. Meines war letzten Endes auch dabei: unter dem falschen Datum, im falschen Raum. Danke an Irena, der sehr bemühten Mitarbeitern, die sicher bis heute noch etliche Überstunden leisten muss.

    Raths Reiserating für Eurowings (aktuelle Wertung gefettet):
    1. Ausdrückliche Reisewarnung

    2. Besser als unter der Brücke

    3. So lala, nicht oh, là, là
    4. Meckern auf hohem Niveau

    5. Wenn’s nur immer so wäre

    6. Ganz großes Kino

    Fazit: Luxus auf hoher See

    Das Housekeeping ist grandios. Zweimal täglich gibt es den vollen Service. (Foto: Silversea Cruises)

    Im Stil der 90er-Jahre

    Das Housekeeping ist grandios. Zweimal täglich gibt es den vollen Service.

    (Foto: Silversea Cruises)

    Mein Erlebnis auf der Silver Wind wird mir noch lange in Erinnerung bleiben. Mittlerweile habe ich wieder festen Boden unter den Füßen, worüber ich sehr froh bin. Doch die zuweilen holprige Fahrt war jede Seemeile wert. Der Service und das Konzept sind außergewöhnlich. Jeder Handgriff sitzt, alles passt ineinander, nichts ist gewollt, schon gar nicht bemüht. Qualität durch und durch. Jetzt verstehe ich auch die hohe Anzahl an Stammgästen. Direkt neben mir wohnte ein Ehepaar, das seit einem Jahr auf hoher See lebt und seine Kabine entsprechend mit Andenken aus aller Welt dekoriert. Und wer weiß, vielleicht treffen wir uns wieder.

    Raths Reiserating Silver Wind (aktuelle Wertung gefettet):

    1. Ausdrückliche Reisewarnung

    2. Besser als unter der Brücke

    3. So lala, nicht oh, là, là

    4. Meckern auf hohem Niveau

    5. Wenn’s nur immer so wäre

    6. Ganz großes (Weltmeer-)Kino

    Über den Autor: Als früherer Grandhotelier und Betreiber einer Reiseplattform ist Carsten K. Rath Globetrotter von Berufs wegen. Sämtliche Hotels, über die er für das Handelsblatt schreibt, bereist er auf eigene Rechnung. Rath ist Ideengeber des Rankings „Die 101 besten Hotels Deutschlands“, zu dessen Partnern auch das Handelsblatt gehört.

    Carsten K. Rath, Rolf Westermann: Die 101 besten Hotels Deutschlands.
    Institute for Service- and Leadership Excellence AG
    521 Seiten
    34,90 Euro
    ISBN: 978-3033088719

    Rath ist zudem Autor des Buchs zum Ranking. Die nächste Ausgabe des Buchs erscheint unter Mitarbeit des Handelsblatts Ende November im Rahmen der Veröffentlichung des nächsten Rankings der 101 besten Hotels Deutschlands.

    Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

    Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

    Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

    ×