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26.06.2022

10:09

Rath checkt ein: São Lourenço do Barrocal und Sublime Comporta

Zwischen portugiesischem Farmland und Atlantik: Zwei Hideaways im Test

Von: Carsten K. Rath

Portugiesische Resorts wie das São Lourenço do Barrocal und das Sublime Comporta setzen im ländlichen Raum ökologische Trends und leben das Konzept des „Slow Travel“.

Mittlerweile ist das Haus eines der Leading Hotels of the World. (Foto: Ash James)

Pool im São Lourenço do Barrocal

Mittlerweile ist das Haus eines der Leading Hotels of the World.

(Foto: Ash James)

Portugal, der schmale Landstrich auf der iberischen Halbinsel, lief für mich und meine Reiseplanung bislang eher unter dem Radar. Das südeuropäische Reiseland fungierte häufiger als Zwischenstation denn als eigenes Reiseziel auf meiner Travel-Agenda. Das hat sich spätestens nach meinem letzten Aufenthalt geändert.

Klein, aber vielfältig und vor allem ökologisch durfte ich das Land mit seinen Facetten entdecken. Fernab der trubeligen Hauptstadt Lissabon und doch dicht genug an hippen Strandoasen und/oder in einer landschaftlich besonders reizvollen Gegend wollte ich meinen Portugalaufenthalt verbringen.

Für Sie liebe Leser wurde ich fündig: Das São Lourenço do Barrocal und das Sublime Comporta sind zwei außergewöhnliche Hotelkonzepte der portugiesischen Art. Doch ob diese immer meinen Geschmack getroffen haben? Das lesen Sie im Folgenden.

São Lourenço do Barrocal: Vom Bauerndorf zum Luxusresort?

Das Märchen von einem armen Bauerndorf, das sich in ein Luxusresort verwandeln möchte, klingt fast ein bisschen zu schön, um wahr zu sein. In Deutschland und Österreich habe ich sehr gute Erfahrungen mit derartigen Hotelvisionen erlebt und fahre daher voller Vorfreude in das São Lourenço do Barrocal.

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    Meinen ersten Eindruck von den Hotels erhalte ich immer direkt bei meiner Ankunft. Auf dieser Reise eröffnet sich nach zweistündiger Fahrt vom Flughafen Lissabon eine grüne, endlose Weite vor meinen Augen. So stelle ich mir ein wahres Hideaway vor. Noch bevor ich das Fünf-Sterne-Resort São Lourenço do Barrocal betrete, begeistert mich die bis heute landwirtschaftlich genutzte Fläche. Auf rund 800 Hektar werden Biogemüse, diverse Obstsorten und Wein angebaut. Es sind acht autochone und internationale Rebsorten, wie ich später lernen darf.

    José Antonio Uva führt das Haus in achter Generation. (Foto: Nelson Garrido)

    Das Hideaway von oben

    José Antonio Uva führt das Haus in achter Generation.

    (Foto: Nelson Garrido)

    Außerdem entdecke ich Olivenbäume, aus deren Früchten regionales Olivenöl produziert wird. Das macht Lust auf die angebotene Kulinarik im Haus. Kühe grasen auf den Wiesen. Gemeinsam mit Luisitano-Rassepferden komplettieren sie die portugiesische Postkartenidylle.

    Nach acht Generationen eines der Leading Hotels of the World

    Eine Herausforderung aller Hideaways ist es, den natürlichen Charme der Umgebung nahtlos in das Haus selbst zu integrieren. Das gelingt José Antonio Uva hervorragend, wie ich finde. In achter Generation führt er dieses Haus, das heute eines der Leading Hotels of the World ist. Seit 200 Jahren befindet sich das Anwesen im Besitz der Familie Uva.

    Die Terracotta-Ziegelböden sind genauso handgefertigt wie die Holzmöbel. (Foto: Ash James)

    Ländliche Optik

    Die Terracotta-Ziegelböden sind genauso handgefertigt wie die Holzmöbel.

    (Foto: Ash James)

    Ganze 14 Jahre haben die Renovierungsarbeiten und der Umbau des einstigen Gutsdorfs zu einem Hotel angedauert, sodass es schließlich 2016 eröffnen konnte. Der portugiesische Architekt Souto de Moura hat ganze Arbeit geleistet. Ich übernachte in einem Zimmer direkt im Hauptgebäude. Wer noch mehr Privatsphäre sucht, kann sich eines der insgesamt 16 Cottages reservieren.

    Die Ruhe meines Zimmers ist wohltuend und inspirierend. Die Terracotta-Ziegelböden sind genauso handgefertigt wie die Holzmöbel. Die liebevoll hergerichtete bunte Wolldecke verfestigt mein Bild vom portugiesischen Charme. In den weiß getünchten Wänden liegen 200 Jahre Historie verborgen, sie bekommen heute noch einen weiteren, sehr erfreuten Gast zu Gesicht.

    Die Bauweise ist passend zum gesamten Konzept nachhaltig. Das Dach wurde beispielsweise mit alten und neuen handgefertigten Ziegeln verstärkt. Die Holzfensterläden sind upgecycelt, wie es neudeutsch so schön heißt. Überall begegnen mir liebevoll positionierte Elemente, die der Historie Tribut zollen, wie alte Familienbilder.

    Servierfrische ist garantiert – ein gesunder Hochgenuss. (Foto: Ash James)

    Farm to Table

    Servierfrische ist garantiert – ein gesunder Hochgenuss.

    (Foto: Ash James)

    Der Service ist sehr herzlich und zuvorkommend. Der Guest Relations Manager Ricardo kümmert sich liebevoll um seine Gäste. Er sorgt zu jeder Tageszeit dafür, dass alles smooth läuft. Eine Tour durch die Weinberge? Ricardo organisiert sie zur Wunschzeit. Oder doch lieber ein Elektro-Bike? Steht wie bestellt abfahrbereit vor meiner Tür. „I don’t take orders from my boss. I take orders from my guest.“ Mit dieser Hingabe an den Service verschafft Ricardo mir ein ganz besonderes Gasterlebnis. Wenn Sie sich für die sportliche Variante mit dem Bike entscheiden, dann empfehle ich Ihnen, auf die Hügel in Richtung des Stausees, dem Alqueva-See, zu fahren und die Aussicht über die steppenähnliche Landschaft zu genießen.

    Nach meinem Ausflug sehne ich die Dinnertime herbei. Chefkoch Celestino Grave pflückt meine bestellten Tomaten und erntet den Salat im Farm-to-Table-Restaurant servierfrisch. Ein gesunder Hochgenuss. Auch die Frühstückszutaten am nächsten Morgen sind allesamt frisch aus dem Garten, gesund und schmecken nach portugiesischem Sommer.

    Raths Reiserating (aktuelle Wertung gefettet):

    1. Ausdrückliche Reisewarnung
    2. Besser als unter der Brücke
    3. So lala, nicht oh, là, là
    4. Meckern auf hohem Niveau
    5. WENN’S NUR IMMER SO WÄRE
    6. Ganz großes Kino

    Wunderbar entspannt fahre ich in mein zweites portugiesisches Landabenteuer und stelle das Navi auf den Atlantik in Richtung Sublime Comporta ein. Je näher ich der neuen Location komme, desto mehr offenbart sich die facettenreiche Landschaft Portugals: Das Sublime Comporta liegt auf einem 17 Hektar großen Anwesen und ist von Kiefern und Korkeichen, Sanddünen, Weinbergen, Reisfeldern und über 60 Kilometer unberührten, weißen Sandstränden umgeben. Kann das Erlebnis im São Lourenço do Barrocal noch getopped werden?

    Sublime Comporta: Mehr Hype als Service

    Auf meinen Reisen nach Portugal habe ich immer einen Ort gesucht, der mein Bild von der Natürlichkeit des Landes verkörpert. Die Umgebung beeindruckt mich und hält sich doch hinter der Eleganz der Architektur des Hotels leise im Hintergrund. Diese Idylle liegt nur eine Stunde Autofahrt von Lissabon entfernt. Wer also die Ruhe nach einem trubeligen Citytrip sucht, der ist hier genau richtig. Und das, ganz ohne weit zu reisen.

    Sie sind ordentlich ausgestattet – doch der letzte Funke der Begeisterung springt nicht über. (Foto: Sublime Comporta)

    Villa im Sublime Comporta

    Sie sind ordentlich ausgestattet – doch der letzte Funke der Begeisterung springt nicht über.

    (Foto: Sublime Comporta)

    Doch mein erster Eindruck wird gedämpft: Ich übernachte in einer Lodge, inmitten von fast 2000 Jahre alten Olivenbäumen. Klingt irgendwie romantisch. Mein Zimmer hat eine große Terrasse, von der aus ich in die karge Landschaft schaue. Manche mögen es. Mir wäre es zu trocken. Denn: Einige Villen haben auch einen Pool. Das ist schon eher mein Geschmack, bei meiner nächsten Buchung achte ich darauf.

    Die Villen sind ordentlich ausgestattet: edle Parkettböden, eine abgehängte Decke, charmant-rustikale Möbel. Doch Sie merken es bereits: Der letzte Funke, der mich in Begeisterung entflammen lässt, mag einfach noch nicht überspringen.

    Der Service im Restaurant ist gut, die Küche mit eigens angebauten Zutaten ist exzellent. Meine Empfehlung: Ordern Sie das Tatar als Vorspeise. Es schmeckt wirklich großartig. Als Hauptgang bestelle ich Fisch. Auch dieser schmeichelt meinem Gaumen. Es könnte alles perfekt sein in dieser abgeschiedenen Idylle. Doch einige Punkte irritieren mich.

    Da ist zum einen das Front Office. Die Professionalität macht selbst gerade Urlaub oder eine ausgedehnte Pause. Ich muss sie zumindest eigenhändig suchen und bitte mehrmals um Hilfe. Mein Zimmertelefon funktioniert nicht, was fatale Auswirkungen hat. Ich muss einen Abholservice telefonisch bestellen. Das kenne ich anders.

    Die Idylle liegt nur eine Autostunde von Lissabon entfernt. (Foto: Sublime Comporta)

    Beeindruckende Umgebung

    Die Idylle liegt nur eine Autostunde von Lissabon entfernt.

    (Foto: Sublime Comporta)

    Normalerweise wird den Gästen ein Golfwagen in einem weiträumigen Resort zur Verfügung gestellt, mit dem sie dann eigenständig fahren können. So lege ich ungeplanterweise mehrmals eine Sporteinheit ein und laufe den knappen Kilometer zu Fuß zur Rezeption. Bei den ländlichen Wegen eine Herausforderung, das Fortkommen ist auf dem zuweilen staubigen Land äußerst mühsam.

    Das Frühstücksbuffet ist sehr einladend und schmackhaft. Ich wähle aus vielen frischen Obstsorten meinen gesunden Start in den Tag. Doch auch hier ein Manko: Niemand spricht Englisch. Ich habe vier Kellner angesprochen und um einen Kaffee gebeten. Mein Tipp: Setzen Sie sich möglichst weit weg von der Bar. Der Lärm der Kaffeemaschine lässt Sie Ihr eigenes Wort nicht mehr verstehen.

    Sicher, es sind Kleinigkeiten. Doch diese summieren sich und formen am Ende das Bild, das ich von diesem Haus habe. Ein durchwachsenes Bild, das zum jetzigen Zeitpunkt noch Luft nach oben lässt. Der Hype erschließt sich mir (noch) nicht.

    Raths Reiserating (aktuelle Wertung gefettet):

    1. Ausdrückliche Reisewarnung
    2. Besser als unter der Brücke
    3. SO LALA, NICHT OH, LÀ, LÀ
    4. Meckern auf hohem Niveau
    5. Wenn’s nur immer so wäre
    6. Ganz großes Kino

    Fazit: Ländliche Luxus-Hotellerie liegt im Trend, der Service bleibt zuweilen auf der Strecke

    Zwei ländliche Regionen, zwei ökologisch inspirierte Hotelkonzepte und doch zwei ganz unterschiedliche Gasterfahrungen. Im Sublime Comporta springt der Funke nicht gänzlich über. Der Punktabzug in Sachen Service wiegt schwer. Das São Lourenço do Barrocal hingegen begeistert mich samt umgesetzter Öko-Idee. Wiederkommen werde ich dennoch in beide Häuser. Denn ich freue mich schon auf die Weiterentwicklung der wunderbaren Juwele im Herzen Portugals.

    Über den Autor: Als früherer Grandhotelier und Betreiber einer Reiseplattform ist Carsten K. Rath Globetrotter von Berufs wegen. Sämtliche Hotels, über die er für das Handelsblatt schreibt, bereist er auf eigene Rechnung. Rath ist Ideengeber des Rankings „Die 101 besten Hotels Deutschlands“, zu dessen Partnern auch das Handelsblatt gehört.

    Carsten K. Rath, Rolf Westermann: Die 101 besten Hotels Deutschlands.
    Institute for Service- and Leadership Excellence AG
    521 Seiten
    34,90 Euro
    ISBN: 978-3033088719

    Rath ist zudem Autor des Buchs zum Ranking. Die nächste Ausgabe des Buchs erscheint unter Mitarbeit des Handelsblatts Ende November im Rahmen der Veröffentlichung des nächsten Rankings der 101 besten Hotels Deutschlands.

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