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25.06.2022

15:39

Buchempfehlungen

Sommer, Sonne, Lesezeit: Mit diesen Romanen können Sie entschleunigen

Ob an einem lauwarmen Abend im Garten oder in der Sonne am Strand: Sommerzeit ist Lesezeit. Das Handelsblatt stellt lesenswerte Bücher für den Urlaub vor.

Die Urlaubs- und Ferienzeit ist angebrochen. Mit einem einem guten Buch kann man dabei entspannen.

Lesen im Urlaub

Die Urlaubs- und Ferienzeit ist angebrochen. Mit einem einem guten Buch kann man dabei entspannen.

In den ersten Bundesländern beginnen die Ferien. Die Corona-Pandemie und die ungewisse Weltlage angesichts des Ukrainekrieges lassen die Deutschen sich mehr denn je nach einer Auszeit sehnen. Ob am Strand, in den Bergen, im Garten oder auf dem Balkon - Urlaubszeit ist Lesezeit. Zeit für einen guten Roman. Das Handelsblatt stellt sieben lesenswerte Titel vor.

Lyrischer Weckruf an den Westen

„Wir lebten glücklich während des Krieges“ heißt ein bitter-ironisches Gedicht, das Ilya Kaminsky seinem Lyrikband „Republik der Taubheit“ voranstellt. Es handelt von der Bequemlichkeit im „Haus des Geldes“, während anderswo Häuser zerbombt und Existenzen beendet werden, erzählt davon, dagegen zu sein, „aber nicht genug“.

Die Zeilen muten angesichts der gegenwärtigen Situation in Kaminskys Geburtsland, der Ukraine, prophetisch an. Das schon 2019 veröffentlichte Gedicht, sagt der Autor selbst, sei ein „Weckruf“. Es solle „verhindern, dass jemand mein Werk als eine Tragödie liest, die anderswo als vor seiner eigenen Haustür spielt“.

Kaminsky wurde 1977 im ukrainischen Odessa geboren, verlor im Kindesalter sein Gehör. „Republik der Taubheit“ autobiografisch zu lesen liegt da nahe – wäre aber bedeutend zu kurz gedacht. Mit 16 kam Kaminsky als Flüchtling nach Amerika, schreibt seitdem englische Sätze, die nur auf den ersten Blick um ihn selbst kreisen – und nur vermeintlich fernab spielen von seiner Wahlheimat.

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    „Republik der Taubheit“ etwa handelt von einer fiktiven besetzten Stadt, deren gesamte Bewohnerschaft sich mit einem tauben Jungen solidarisch zeigt. Und dadurch die Macht des Schweigens als Mittel gegen die brachiale Scheinmacht der Waffengewalt entdeckt.

    Ilya Kaminsky: Republik der Taubheit.
    Hanser Verlag
    München 2022
    104 Seiten
    22 Euro
    Übersetzung: Anja Kampmann

    Er habe die Sowjetunion Anfang der 1990er-Jahre nur mit seinen Augen zusammenfallen hören können, sagt der Dichter selbst. Aber nicht nur er, sondern „wir alle leben heute in der Republik der Taubheit“. Die Hoffnung seiner Kunst, sagt Kaminsky, liege darin, „dass der Akt der Lektüre ihre Leser verändern kann“. Tobias Gürtler

    Eine ganz und gar undiplomatische Aktion

    Friedericke, „Fred“ ist gescheitert: Auf ihrem ersten Botschafterposten in Montevideo konnte sie den Tod einer deutschen Touristin nicht verhindern. Zur Bewährung versetzt sie das Auswärtige Amt als Generalkonsulin ins wilde, dreckige, überwältigende Istanbul, wo sich die Probleme schon bald überschlagen: Eine Deutsch-Türkin, die Präsident Erdogan ein Dorn im Auge ist, sitzt in einer 60-Personen-Zelle, ihrem aus Berlin angereisten Sohn verweigert Ankara die Ausreise.

    Die deutschen Diplomaten sind weitgehend hilflos, verzweifeln an der Zusammenarbeit ihrer Zentrale mit dem Unrechtsregime, das zugleich ein Partner sein muss. Dann taucht ein deutscher Journalist auf – für Fred Attraktion und diplomatisches Problem zugleich. Da hilft auch der Schinken nicht, den die Mutter regelmäßig aus Deutschland schickt.

    Lucy Fricke beeindruckte schon mit ihrem Bestseller „Töchter“, dessen Verfilmung mit Birgit Minichmayr und Josef Bierbichler im vergangenen Jahr in die Kinos kam. Nun erzählt sie – lakonisch, prägnant und atemlos zugleich – von den Frustrationen und Untiefen der Diplomatie. Bitterkeit und Zynismus mischen sich mit trockenem Humor – „wir waren Beamte, die mit den freundlichen Lügen“.

    Lucy Fricke: Die Diplomatin
    Claassen Verlag
    Berlin 2022
    256 Seiten
    22 Euro

    Dazu kommt wachsender Zorn und Widerspruchsgeist der Protagonistin. Er führt schließlich nicht nur zu einer überfälligen Affäre, sondern einer ganz und gar undiplomatischen, gefährlichen Aktion. Die Ungeduld siegt über die ehernen Regeln der Diplomatie. Den Recherche-Aufenthalt in Istanbul verdankte Fricke einer Kulturstiftung des Auswärtigen Amtes. Er hat sich gelohnt. Barbara Gillmann

    Eintauchen in ein Jahrhundert China

    Wie viele Wendungen kann ein Leben nehmen? Im China des 20. Jahrhunderts scheinbar unzählige und unfassbare. Dai Sijie erzählt in seinem jüngsten Roman von Yong Sheng, geboren als Sohn eines Zimmermanns in der chinesischen Provinz im Jahr 1911. Er geht bei amerikanischen Missionaren zur Schule, wird vom Vater früh zwangsverheiratet, später studiert er Theologie und wird der erste protestantische Priester des Landes.

    Als die Rotgardisten die Macht übernehmen, versucht Yong Sheng, seine frühere amerikanische Lehrerin zu retten. Während der Kulturrevolution wird er zu Zwangsarbeit in einer Ölmühle gezwungen, bekommt die Grausamkeit von Ideologie direkt zu spüren.

    Damit ist das Buch angesichts der wieder zunehmenden Ideologisierung Xi Jinpings in China auch sehr aktuell. Inspiriert wurde der Roman durch Dai Sijies Großvater, der wirklich der erste Pastor Chinas war.

    Dai Sijie: Die lange Reise des Yong Sheng.
    Piper Verlag
    München 2022
    432 Seiten
    24 Euro
    Übersetzung: Claudia Marquardt

    Der Autor, berühmt durch „Balzac und die kleine chinesische Schneiderin“, kehrte zur Recherche 2011 aus Frankreich in sein Geburtsland China zurück. Mit präzisen Szenen und bildreichen Beschreibungen schafft es der frühere Filmautor beeindruckend, die Leser mitzunehmen auf eine Reise durch das Land und die Epoche.

    Dabei geht es Dai Sijie auch um das Verhältnis westlicher und chinesischer Kultur, Medizin oder eben Religion – der französische Originaltitel heißt treffender „Das Evangelium nach Yong Sheng“. Diese Kulturkluft bringt auch viele lustige Szenen hervor. Ein in wunderschöner Sprache verfasster Roman zum Eintauchen in ein Land, das sich uns Europäern gerade immer mehr entzieht. Nicole Bastian

    Aufarbeitung einer schaurigen Gegenwart

    Wenn Radka Denemarkova, wie kürzlich in einem „Welt“-Interview, von „dieser Sache in China“ spricht, dann ist das keine Anekdote wie andere. „Seit diese Sache in China passiert ist, rauche ich“, sagt sie dann zum Beispiel. Und sie sucht oftmals vergeblich die Kraft, um ihre Gedanken in Worte zu fassen.

    China hat Denemarkova ein lebenslanges Einreiseverbot auferlegt, weil sie sich mit chinesischen Dissidenten traf. Das zum einen. Viel mehr als das aber ist es das Schicksal einer jungen Frau, das die tschechische Schriftstellerin bis heute verzweifeln lässt.

    Einer Chinesin, mit der sie einige Male kritisch über Chinas Regierung sprach. Und die dann plötzlich anklagende Briefe an diese Regierung schrieb, die sie in ein Arbeitslager führten, das sie nicht überleben sollte.

    Radka Denemarková: Stunden aus Blei.
    Hoffmann und Campe
    Hamburg 2022
    880 Seiten
    32 Euro
    Übersetzung: Eva Profousová

    Der Roman „Stunden aus Blei“ ist eine literarische Aufarbeitung dieser Erlebnisse, über die Denemarkova nur schwerlich sprechen, die Protagonistin ihres Romans – sie heißt einfach nur „die Schriftstellerin“ – aber ausführlich berichten kann. „Ich bin schuld an ihrem Tod“, wirft sie sich im letzten Drittel des Textes vor.

    „Du bist schuld daran, dass sie im Leben Erfüllung fand“, erwidert ein Freund, der genauso wie die anderen Figuren des Romans keinen Namen trägt. Es gibt nur Funktionen in dieser schaurig-surrealen Welt.
    „Stunden aus Blei“ ist eine offensive Anklage an ein skrupelloses Regime, das Kapitalismus und Totalitarismus zusammenführt. Aber es ist auch der indifferente Umgang der restlichen Welt mit diesem Regime, der bei der Lektüre erschaudern lässt. Und noch mehr der Gedanke, dass es keine schaurig-surreale Fiktion ist, von der Denemarkova hier erzählen will, sondern die schaurige Gegenwart. Tobias Gürtler

    Künstliche Intelligenz mit Empathie

    Facebook, was ist schon Facebook? Und erst Instagram? Drei Buchstaben versprechen, etwas viel Größeres, nahezu Göttliches zu werden: WAI – „We are infinite“.

    Um die revolutionäre App gleichen Namens dreht sich alles im Buch „Unser Plan für die Welt“ von Tahmima Anam, der kosmopolitischen Erfolgsautorin aus Bangladesch. Es ist Thriller, Liebesgeschichte und Enthüllung zugleich.

    Asha, die Icherzählerin und geniale Mathematikerin vom Bostoner MIT, entwickelt einen Algorithmus, um Empathie für Künstliche Intelligenz zugänglich zu machen. Das öffnet ihr die Tore zum geheimen Tech-Inkubator Utopia in New York, der von Nobelpreisträgern, Expräsidenten und der Elite der Start-up-Welt unterstützt wird. Wer eintreten darf, findet Exklusivität, Gleichgesinnte und den Auftrag, Lösungen zu entwickeln für den „unausweichlichen Untergang der Welt, so wie wir sie kennen“.

    Tahmima Anam: Unser Plan für die Welt.
    Hoffmann und Campe
    Hamburg 2022
    352 Seiten
    22 Euro

    Mit ihrem Mann Cyrus Jones und Freund Jules bringt sie die Plattform an den Start, die das individuelle menschliche Bedürfnis nach Bedeutung und Ritualen vorausahnt. Cyrus, auf enzyklopädische Weise brillant, wird zum humanistischen Geistführer.

    Mit seinem Wissen ist die Plattform gefüttert, sie schafft Zusammenhänge, die andere nicht sehen. Und die gefährlich werden können. Der intensive, entlarvende Blick hinter die Start-up-Kulissen ist spannend und ernüchternd zugleich. Struktur, Sprache und Inhalt sind fein aufeinander abgestimmt, kleine Gehirntrainings schaffen Nähe zur Protagonistin. Das gefährliche Spiel, der leidenschaftliche Leichtsinn, die Intensität des Gründungsprozesses faszinieren und verstören – und ziehen in ihren Bann. Anne Koschik

    Eine Obergärtnerin, zwei Kriege

    Sechs Männer starren sie an. Sie, die neue Obergärtnerin im Haus Clarenburg. Die sechs Männer, ihre Untergebenen. Und das im Jahr 1913.

    „Ein Garten über der Elbe“, der neue Roman von Marion Lagoda, aus dem diese Szene stammt, basiert auf wahren Begebenheiten. Hintergrund ist die Geschichte von Else Hoffa, die 1913 von Würzburg nach Hamburg kam, um den Römischen Garten im Stadtteil Blankenese anzulegen – und damit die erste Obergärtnerin Deutschlands war.

    Die Namen hat Lagoda geändert, weil weite Teile ihrer Erzählung fiktiv sind. Aus der Bankiersfamilie Warburg wurden so die Clarenburgs, aus Elsa Hoffa wurde Hedda Herzog.

    Marion Lagoda: Ein Garten über der Elbe.
    C. Bertelsmann Verlag
    München 2022
    384 Seiten
    22 Euro

    In detailreicher Sprache beschreibt die Journalistin Lagoda, die sich auf Gartenreportagen spezialisiert hat, wie Hedda durch das Gelände streift, um Pflanzenwachstum und Sonnenstände zu unterschiedlichen Uhr- und Jahreszeiten zu notieren, wie sie Trockenmauern errichten lässt, Terrassenbeete anlegt, ein Seerosenbecken, den Rosengarten, bis hin zum begrünten Amphitheater.

    Spannend auch, wie Hedda ihre Rolle als Vorgesetzte findet: „Nach dem täglichen Kraftakt, sich als Chefin beweisen zu müssen, war sie froh über die Stunden, die sie hier entspannt, allein arbeitend und lesend in aller Muße verbringen konnte.“

    All das vor dem Hintergrund des Ersten und dann nahenden Zweiten Weltkriegs, der den Traum vom Idyll zerstört. Denn die Clarenburgs wie auch Hedda sind jüdisch und müssen letztlich Hamburg verlassen.

    Lagoda beschreibt die Naturgestaltung ausgiebig, ohne zu langweilen. Eine spannende und zugleich entspannende Lektüre. Claudia Panster

    Die innere Freiheit einer Frau

    Mit 46 Jahren „unsichtbar“? Adélaïde Bethel arbeitet in der Presseabteilung eines großen Pariser Verlags. Gerade hat sie sich von ihrem langjährigen Partner getrennt, musste in eine kleinere Wohnung ziehen – und sich prompt eine Siamkatze gegen die Einsamkeit anschaffen.

    Doch es muss auch ein Leben nach der Trennung geben: Sie stellt sich vor, „dass sich ihr Herz häutet und die letzten Fetzen der Liebe abwirft […]. Darunter wartet eine nagelneue Haut auf neue Gefühle.“

    Chloé Delaume: Das synthetische Herz.
    Liebeskind Verlag
    München 2022
    160 Seiten
    20 Euro
    Übersetzung: Claudia Steinitz

    Die Partnersuche gestaltet sich jedoch schwierig – denn Adélaïde sträubt sich dagegen, auf Datingplattformen wie Tinder und Co. zurückzugreifen und versucht, ihre neue Liebe auf die klassische Weise in Bars, Cafés und auf Partys zu finden.

    Dabei erlebt sie immer wieder bittere Enttäuschungen – und rutscht zielsicher von einer Dating-Katastrophe in die andere. Unterstützung findet Adélaïde dabei bei ihren Freundinnen, die stetig versuchen, sie vom „Heiratsjucken“, wie sie es nennen, zu heilen.

    Mehr zum Thema Sommer und Urlaub:

    Die Autorin Chloé Delaume beschreibt gnadenlos den Entwicklungsprozess von Adélaïde – und räumt dabei mit überholten, gesellschaftlichen Frauenbildern auf, lästert über den männlichen Machismo und enttarnt unemanzipierte Träumereien vom Prinzen, der ein erfülltes Leben in trauter Zweisamkeit bieten soll. Dabei beschreibt Delaume gleichzeitig humorvoll Adélaïdes Arbeitsumfeld, den Zustand der französischen Verlagsbranche – und schafft ein Manifest für mehr weiblichen Mut und innere Freiheit. Isabelle Wermke

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