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22.05.2022

13:37

Buchkritik

Grundeinkommen – Kreativkapital statt Almosen

Von: Bodo Hombach

Die Soziologen Rolf G. Heinze und Jürgen Schupp bringen Ordnung in die Debatte – von der Vision zur schleichenden sozialstaatlichen Transformation.

Zwei Autoren wollen Ordnung in die Debatte um das Grundeinkommen bringen. Imago

Grundeinkommen

Zwei Autoren wollen Ordnung in die Debatte um das Grundeinkommen bringen.

Solange Debatten als Verdrängungswettbewerb ideologischer Fundamentalkonzepte geführt werden, haben auch beste Gründe kaum Chancen, in der Realität anzukommen. Beim Thema Grundeinkommen bilden nun zwei Autoren ein Bündnis für ein Buch, das Ordnung bringen soll in eben die Debatte, in der es drunter und drüber geht.

Rolf G. Heinze ist Seniorprofessor und bisher Inhaber des Lehrstuhls für Allgemeine Soziologie, Arbeit und Wirtschaft an der Ruhr-Universität Bochum. Jürgen Schupp lehrt Soziologie an der Freien Universität Berlin.

Die Autoren gehen nicht in die Falle einer argumentativen Monokultur. Viele Ströme müssen sich vereinigen, um ein knarzendes System zu reformieren. Aber sie fließen, auch gegen das Bestandsinteresse mächtiger Gruppen und die Beharrungssehnsucht der Normalverbraucher.

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    Vorweg: Dieses Buch ist nicht süffig, aber nahrhaft. Es klaubt nicht die Dogmen der Zweifler oder Missionare zusammen. Es zeigt „ganz einfach“ auf, wie viel BGE schon längst sozialpolitischer Alltag ist. Das Buch kommt also zur rechten Zeit.

    Offene Gesellschaften diskutieren ihre Kontroversen mit relativ flacher Erregungsamplitude. Ihre „Revolutionen“ benötigen keinen „Sturm auf die Bastille“. Sie sickern ein. Es entstehen kleine Transplantate, die nach und nach zusammenwachsen und so soziale Brandwunden der Gesellschaft heilen.

    Rolf G. Heinze, Jürgen Schupp: Grundeinkommen.
    Springer VS
    Wiesbade 2022
    324 Seiten
    34,99 Euro

    „Die historische Verortung zeigt diesen seit längerem ablaufenden ‚stillen‘ Wandel zum sozialinvestiven Wohlfahrtsstaat auf und verweist auf aktuelle Allianzen für den Ausbau einer universalistischen Grundsicherung.“ Diese ist dann eben nicht das Brachialergebnis, nicht das widerwillig gespendete Almosen für demütige Empfänger, sondern „Negativbesteuerung“ als Investition in brachliegende Kompetenzen, Kräfte, kreatives Kapital. Eine Idee für mehr Effizienz auch beim Mitteleinsatz, Gerechtigkeit, Entbürokratisierung und Akzeptanz. Quasi Transferleistungen, deren Regeln „auf einen Bierdeckel“ passen.

    Beispiel: Kindergrundsicherung. Dafür haben sich kürzlich 22 Organisationen verbündet. Kinder sind Lebewesen, auf die Artikel 1 des Grundgesetzes anwendbar ist, ohne dass sie sich diese Würde zunächst durch lohnabhängige Arbeit verdienen müssten. Grundsicherung nicht als Reparatur für die gescheiterte Berufsbiografie der Eltern, sondern Investition in das wichtigste Potenzial der Gesellschaft: die Zukunft.

    Oder: Die anstehenden Umbrüche (Klimawandel, Dekarbonisierung, Digitalisierung, Erschöpfungszustand durch die Pandemie). Auch hier kann das BGE „Energie zehrende existenzielle Ängste“ mildern und Kreativbrachen abbauen. Menschen akzeptieren die nötigen Transformationen leichter, wenn sie nicht den vorherigen Verzicht auf Sicherheit kosten.

    Auf schwankendem Boden riskiert man ungern einen Schritt, geschweige denn einen Sprung ins Ungewisse. Wer nicht mehr von der Hand in den Mund leben muss, findet Wege zur Gestaltung, statt Gründe zum Klagen.

    Sozialpolitik als spezialfallorientierter, minimalinvasiver Eingriff reicht nicht mehr aus. Sie reagiert auf Ungleiches undifferenziert. Sie kostet bürokratischen Aufwand zur Bedarfsprüfung und hantiert mit Daumenschrauben. Zu oft werden diese falsch angelegt.

    Viele weigern sich aus Scham, die ihnen zustehende „Stütze“ anzunehmen. Es sind erfahrungsgemäß nicht die Dreisten und Abstauber, die von Bürokraten und Bürokratie erschreckt werden. Das führt zu „verdeckter Armut“ bei denen, die unterstützt werden sollen und müssen. Gefühlte Ungereimtheiten und Ungerechtigkeiten zerrütten die Legitimation des Staates.

    Die digitale Revolution wird neue Berufe bringen, aber selbst wenn sie die verlorenen ersetzen, fließt die Dividende eher in die Tasche einer kleinen Schicht. Das Wachstum zum Weltkonzern bedeutet nicht mehr automatisch die Vergrößerung der Belegschaft. Mit dem richtigen Algorithmus kann eine Handvoll Tüftler mehr Umsatz erzielen als früher Tausende von Mitarbeitern.

    Heinze, der sich des Themas wiederholt annimmt, und Schupp helfen uns, bipolare Frontstellungen im Denken zu überwinden. Wir sollten mögliche Entwicklungspfade nicht mehr ungeprüft verwerfen.

    Tröstlich: Visionen mutieren also irgendwann zur Transformation. Keine Generation hat das Recht, die Zukunft der folgenden zu verbrauchen. Die epochale Idee des Bundesverfassungsgerichts zum Klimawandel gilt natürlich auch für andere Bereiche.

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