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04.09.2021

13:24

Buchkritik

Matthias und Tristan Horx: Wie verschieden Vater und Sohn auf die Zukunft blicken

Von: Michael Raschke

Die Zukunftsforscher legen fast zeitgleich ihre Visionen für ein Miteinander der Generationen nach der Pandemie vor – und verfolgen dabei unterschiedliche Ansätze.

Driften Alt und Jung in der Klimafrage auseinander? imago

Fridays-For-Future-Demo

Driften Alt und Jung in der Klimafrage auseinander?

Die deutsche Bevölkerung wird immer älter. Andererseits ist da eine junge Generation, die vieles nicht mehr so hinnehmen möchte. Passt das zusammen? Oder driften Alt und Jung immer weiter auseinander? Können die Generationen noch gemeinsam Zukunft gestalten?

Das sind Fragen, die im Moment gleich zwei Zukunftsforscher beschäftigen. Passenderweise zwei, die sich nicht nur lange und gut kennen, sondern die auch zwei Generationen angehören: Vater und Sohn. Nahezu zeitgleich sind gerade zwei Bücher aus der Familie der Zukunftsforscher Horx erschienen.

„Unsere Fucking Zukunft“, Erstling von Tristan Horx, sowie „Die Hoffnung nach der Krise“ vom (noch) bekannteren Vater, Matthias Horx. Der hat sich damit nur 15 Monate nach „Die Zukunft nach Corona“ ein zweites Mal ausführlich und zukunftsgerichtet mit den Auswirkungen der globalen Pandemie beschäftigt. Beide sehen in solchen Krisensituationen Chancen, die Welt besser zu machen.

Das ist nicht wesentlich neu. Interessant jedoch sind die Ansätze, die die beiden Autoren wählen, und darin unterscheiden sich die Bücher dann auch: Bei Matthias Horx ist die Wirkung der Coronakrise Ausgangspunkt seiner Überlegungen.

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    Tristan Horx dagegen glaubt an die Kraft einer sanften Rebellion für eine bessere Zukunft, wie sie explizit die Bewegung „Fridays for Future“ entwickelt hat – und plädiert für einen neuen Generationenvertrag zwischen der Jugend und den oft so argwöhnischen Babyboomern, zu denen schließlich auch sein Vater gehört.

    Die Sprache in seinem Buch „Unsere Fucking Zukunft“ wirkt mitunter drastisch. dpa/picture-alliance

    Tristan Horx

    Die Sprache in seinem Buch „Unsere Fucking Zukunft“ wirkt mitunter drastisch.

    Folgerichtig macht der 27-Jährige ein Angebot aus der Sicht des jungen Menschen: Die verkrusteten Altersgrenzen sollten aufgebrochen werden, um ein neues Miteinander zu finden, statt sich „einfach nur an den ewigen Kämpfen aufzugeilen“. Erst dann könne zusammen nach vorn geschaut und eine gemeinsame Zukunftsvision entwickelt werden. Ohnehin, schreibt Horx, sei es „absoluter Quatsch“, dass Alt und Jung vermeintlich entgegengesetzte Ziele hätten – „es verbindet uns weit mehr, als uns trennt“. Und vielleicht hilft ja sogar die Pandemie ein wenig beim geforderten Wandel.

    Der Generationenkonflikt

    Tristan Horx’ Sprache ist, wie schon der Titel vermuten lässt, an mancher Stelle drastischer als die des Vaters, doch diese Nachlässigkeit sei ihm gestattet. Denn „Unsere Fucking Zukunft“ ist dann doch eher der Versuch, ein versöhnliches Buch zu schreiben, das eben nicht die vermeintlich unüberwindbaren Grenzen zwischen den Generationen plakatiert, sondern vielmehr die Gemeinsamkeiten herausstellt – die sich zudem in einer digitalisierten, globalisierten und damit zusammenrückenden Welt häufen, geografisch wie gedanklich.

    So beschreibt Horx nun, wie man dem „Ich“ der Generationen ein „Wir“ der Gesamtheit entgegensetzen könnte – es sollte ja im Sinne der besseren Zukunft schließlich nicht immer so weitergehen mit der eigenen Innenschau in dieser doch sehr gemütlichen Welt, in der wir vermeintlich leben. Daraus resultiert die Besinnung auf „Posterity“ (Nachwelt) statt auf „Prosperity“ (Wohlstand), wie ihn idealtypisch die Babyboomer entwickelt haben und verkörpern.

    Tristan Horx: Unsere Fucking Zukunft.
    Quadriga Verlag
    Köln 2021
    174 Seiten
    16,90 Euro

    Die Zukunft nach Corona

    Die Pandemie beschleunige das Umdenken im Großen. Viele der Mächtigen etwa aus der Autoindustrie oder dem Bereich der Fast Fashion hätten verstanden, dass der Weg nach vorn ein ökologischer sein müsse. Der Weg zurück ist ohnehin versperrt: „Spätestens in 20, 30 Jahren, wenn die Fridays-for-Future-Generation zum Hauptkonsumenten- und Arbeitsblock wird, wird’s schwierig mit althergebrachten Wegen“, glaubt Horx. „Unternehmen mögen Planbarkeit – hier ist sie.“

    Und ganz konkret habe Corona noch eine weitere positive Nebenwirkung: die Normalisierung des Homeoffice am Arbeitsmarkt. Diesen Gedanken hätten die Millennials schließlich schon vor Jahren gehabt – „da wurden sie naiv und faul genannt“, schreibt Horx. „Wir leben nicht mehr im Zeitalter der Industrialisierung, die digitalen Generationen erst recht nicht … Das Office als glorifiziertes Gefängnis hat ausgedient. Produktivität ist nicht gleich Anwesenheit.“

    Man kann also viel voneinander lernen; am Ende sieht Horx die größte Gefahr für die Zukunft ohnehin nicht in Terror, Erderwärmung oder Krieg. Die größte Gefahr sei „das Zerbröseln der gesellschaftlichen und somit intergenerationalen Kommunikation, vor allem im Netz“.

    Somit ist „Unsere Fucking Zukunft“ auch kein Boomer-Bashing aus der Sicht eines wütenden jungen Mannes, sondern ein Aufruf, ganz einfach mehr miteinander zu reden und aufeinander zu hören, mit der nötigen Gelassenheit.

    In „Die Hoffnung nach der Krise“ zeigt sich der Autor hoffnungsvoll. imago images/Future Image

    Matthias Horx

    In „Die Hoffnung nach der Krise“ zeigt sich der Autor hoffnungsvoll.

    Matthias und Tristan Horx - Zwei Zukunftsforscher

    Ganz so, wie es in seiner eigenen Familie gewesen sein mag. Mit Rebellion wie bei den „Fridays for Future“-Kids war es nicht weit her bei Tristan Horx – wie auch? Schließlich wuchs er mit Eltern auf, die zwar ebenfalls der Boomer-Kohorte verhaftet sind, die er aber als „Hyperindividualisten, geprägt von den Revolutionen der Siebzigerjahre“, beschreibt.

    Die familiäre Sozialisation war zumindest so richtungsweisend, dass der Sohn in die Fußstapfen des Vaters trat. Der hat sein „Zukunftsinstitut“ schon 1998 gegründet und ist dem Sohn einige Bücher voraus. Corona widmete er sich bereits ganz zu Beginn, im März 2020, im Blogeintrag „Die Welt nach Corona“.

    Da blickte er in einer „Re-Gnose“ vom September 2020 aus zurück auf die überstandene Pandemie – viel zu optimistisch, wie sich zeigen sollte. Sein erstes Buch zum Thema erschien schon Ende Mai 2020 – in „Die Zukunft nach Corona“ warf er einen weiteren optimistischen Blick auf die Zeit nach der Krise.

    Nun also „Die Hoffnung nach der Krise“, das an sein vorheriges Buch anknüpft, ohne eine Corona-Bilanz zu sein. Matthias Horx ist hier tatsächlich hoffnungsvoll, schreibt, dass Krisen Ökonomien von innen heraus verändern, neue Epochen einleiten und Denkweisen verändern können. In einem „Corona-Upgrade“ stellt er neun Metatrends für die 2020er-Jahre als „Agenten der kommenden Komplexität“ vor, die auf das Spielfeld des Wandels treten, „wenn mächtige historische Entwicklungen ihren Tipping Point erreicht haben“.

    Matthias Horx: Die Hoffnung nach der Krise.
    Econ Verlag
    Berlin 2021
    160 Seiten
    15 Euro

    Und ja: Corona habe eine neue Einigkeit über die Notwendigkeit von flexiblen Arbeitsformen geschaffen, weil diese in der Krise Praxis wurden – aber auch eine Flut von Ängsten in Bezug auf diese neue Arbeitswelt.

    Im Rückblick lassen sich Erkenntnisse gewinnen, die Horx in der gewohnten Manier des Zukunfts- und Trendforschers beschreibt. Sollten sie in gemeinsames Handeln umgesetzt werden, kann die Welt aus Sicht des Autors eine wirklich bessere werden.

    Diese bessere Welt schwebt Vater und Sohn gleichermaßen vor. Beide Bücher sind lesenswert, weil sie die theoretische Aufarbeitung so fein mit Anschaulichkeit verweben. Das Werk des Sohnes lässt sich flüssiger lesen, das des Vaters spannt einen größeren Bogen. Wer wird an der Käuferfront besser abschneiden? Eine spannende Frage, die wie so oft die Zukunft beantworten wird.

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