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01.11.2021

10:49

Buchkritik

Was ist los in den USA? Drei Bücher geben Antworten

Von: Bodo Hombach

Die Vereinigten Staaten sind alles andere als „vereinigt“. Ein ganzes Land leidet offenkundig an einer posttraumatischen Belastungsstörung. Drei Autoren begraben eine alte Hoffnung.

Wir lernen, dass die Trump-Epoche noch nicht das Thema für Historiker ist. imago images/UPI Photo

Donald-Trump-Supporter

Wir lernen, dass die Trump-Epoche noch nicht das Thema für Historiker ist.

Es war das Jahr 1935, als ein Buch aus der Feder von Sinclair Lewis erschien. Der erste amerikanische Nobelpreisträger für Literatur hatte das frühe Nazi-Deutschland bereist und sich mit kühlem Entsetzen gefragt, ob ein solcher Absturz eines zivilisierten Landes in die Barbarei auch bei ihm daheim möglich sei („It can‘t happen here“). „Leider ja“, war das Fazit seines Romans.

Wer ihn heute liest, bewundert die schonungslose Diagnose eines schon damals von inneren Spannungen zerrissenen Landes. Die frappierende Ähnlichkeit mit „Trumps own country“ bewog den Aufbau-Verlag 2017 zu einer Neuauflage.

Was ist los in Amerika? Diese Frage steht ganz oben auf der Agenda, wenn sich der sogenannte Westen mit dem prophezeiten Ende der demokratischen Verfasstheit seines Anführers nicht abfinden will. Ein Land, in dem ein Ex-Präsident nahezu täglich für neue, fragwürdige Schlagzeilen sorgt – und von einem erheblichen Teil des Landes dafür geliebt wird. Drei sehr lesenswerte Neuerscheinungen versuchen gerade, die hochkomplexe Situation zwischen Buchdeckel zu pressen.

Alle drei sind wirkliche Verstehenshilfen und vermeiden die reflexartige Ablehnung durch geifernde Parteilichkeit und Überredung statt Überzeugung. Die Autoren vermeiden, was sie im verwundeten Amerika als Ursache gesellschaftlicher Zerrissenheit ausmachen. Die Überstressung, Überforderung, Ignoranz und Geringschätzung des nicht Gleichgesinnten. Sie lassen uns Spielraum für die Entwicklung des eigenen Standpunkts.

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    Zunächst ist da Mary L. Trump gegen Onkel Donald, den das anständige Amerika gerade mit dünner Mehrheit vom Hof des Weißen Hauses gejagt hatte – auf Widerruf, wie Donald glaubt und man tatsächlich fürchten muss. Fast eine Million verkaufte Exemplare am Tag des Erscheinens.

    Mary L. Trump legt die USA auf die Couch

    Das Buch schlug in Amerika ein wie eine Bombe aus ungeschönter Analyse und bohrender Selbstkritik mitten hinein in ein Giftgemisch aus Hybris, Lüge, Hass und Leugnung historischer Tatsachen.

    Die Autorin riskiert viel, aber sie kennt sich wissenschaftlich aus in Psychologie, Traumatherapie und Psychopathologie. Sie legt ihr Land auf die Couch, denn offenkundig leidet es an einer posttraumatischen Belastungsstörung. Alle Symptome sprechen dafür: Wut und Hass, aber auch Hoffnungslosigkeit und Apathie, gepaart mit irrationalen Kurzschlusshandlungen und manischer Selbstüberschätzung. Die Covid-Pandemie wurde zum Katalysator, verstärkt durch den „Verrat der Regierung, die absolut nicht bereit war, uns durch diese beispiellos grauenvolle Zeit hindurchzuhelfen. Die dem Schrecken vielmehr erlaubte, sich auszubreiten und zu verschlimmern.“

    Mary L. verbirgt ihr Erschrecken nicht: Vierundsiebzig Millionen Amerikaner – von insgesamt gut 331 Millionen – wünschten Trump einen zweiten Wahlsieg, „trotz oder wegen der vier Jahre Inkompetenz, Grausamkeit, Kriminalität, Heimtücke, verfassungswidrigen Verhaltens und Verrats. Zu viele waren empfänglich für seine Fähigkeit, in ihrem Namen gekränkt zu erscheinen.“ Zu viele hatten allerdings auch Gründe, dem etablierten System gram zu sein.

    Dieses System – so die Autorin – „basiert auf einer rückständigen politischen Struktur“, wo ein undemokratisches Wahlmännersystem immer wieder Wahlverlierer ins Amt hievt, wo die eine Hälfte der Senatoren einundvierzig Millionen Bürger weniger vertritt als die andere.

    Mary L. Trump: Das amerikanische Trauma. Deutsche Übersetzung: Astrid Becker et al.
    Heyne Verlag
    München 2021
    256 Seiten
    22 Euro.

    So könne eine aggressive Minderheit die Mehrheit übertönen – bis hin zur „Nahtod-Erfahrung“ am 6. Januar, als der Präsident einen gesetzlosen Mob zum Sturm auf das Kapitol anfeuerte, die Herzkammer der amerikanischen Demokratie. Von ernsten Sorgen höchster Militärs vor dem Finger dieses Präsidenten am Atomknopf haben wir erst später gehört.

    Mary L. Trump nimmt keines der 120 Blätter ihres Buchs vor den Mund. Ihr Heimatland erscheint ihr als „Hochrisikogebiet“ mit schweren „Vorerkrankungen“. Ist das noch die „Führungsmacht des Westens“, „the land of the free“, seit 250 Jahren mit einer Verfassung, die sich selbstbestimmte Bürger ertrotzt haben und an der seitdem die Träume aller Unterdrückten und die Albträume ihrer Unterdrücker Maß nehmen?

    Diese Vereinigten Staaten sind nichts weniger als „vereinigt“. Es herrscht kalter Bürgerkrieg. Demokraten gegen Republikaner. Weiße gegen Schwarze. Reiche gegen Arme. Stadt gegen Land.

    All dies sind Symptome tiefer Verstörungen, Ursünden wie die Vernichtung der Indianer und die Versklavung gewaltsam eingeschleppter Afrikaner, deren rassistische Abwertung durch die weiße Oberschicht verdrängt wird.

    Zwischen Traum und Trauma

    Der amerikanische Traum war immer auch Trauma. Wie in der persönlichen Geschichte des Individuums gibt es auch in derjenigen des nationalen Kollektivs unheilbare Wunden. Sie lasten auf den Seelen, streuen Erreger in den Kreislauf und destabilisieren das System. Nur Aufdecken und schonungsloses Benennen kann die Dämonen der Vergangenheit bannen oder rationalisieren.

    Das versetzt auch George Packer unter Schock. „Ob diese gewaltige Alles-für-alle-Demokratie überlebt oder vom Angesicht der Erde getilgt wird, ist eine interessante Frage“, also keine absurde Unmöglichkeit. Für ihn hat das Gesicht Amerikas „tiefe senkrechte Furchen“, ein „Grau der Erschöpfung rund um die Augen“, mit „spärlichem Resthaar, das dringend professionelle Hilfe benötigt.“

    Packer, George: Die letzte beste Hoffnung. Deutsche Übersetzung: Elisabeth Liebl.
    Rowohlt Verlag
    Hamburg 2021
    256 Seiten
    26 Euro.

    So metaphorisch bleibt es in Packers „Die letzte beste Hoffnung“. Er kann auch nüchtern: „Ich will sehen, wie die ganze Geschichte hier ausgeht – wenn nicht für mich, so doch für meine Kinder.“

    Er reduziert sein Land nicht auf den Abgrund zwischen Demokraten und Republikanern. Vier Identitäten hätten großen Einfluss auf die Politik: Free America versteht Freiheit als Steuerfreiheit und staatliche Regeln als widerwärtigen Eingriff in seine inneren Angelegenheiten.

    Zu Real America zählen die von Gruppe eins aus der Mittelklasse verdrängten Verlierer: Republikaner, ländlich, weiß und pseudo-christlich verstrahlt. Die gebildete, digital geübte Elite versammelt sich in Smart America. Sie kultiviert einen kosmopolitischen Narzissmus und hält nichts von nationaler Solidarität. Bleibt noch Just America, jung und ebenfalls gebildet, kämpft für soziale Gerechtigkeit.

    Der Autor vergibt keine platten Zensuren. Er glaubt an Maßnahmen, die den Abwärtstrend verlangsamen oder stoppen können: eine ausgleichende Steuerreform, eine befähigende Debattenkultur, die das Lagerdenken überwindet.

    Warum nicht auch ein Zivildienst, bei dem entfremdete Gruppen zusammenarbeiten? Warum nicht gar eine Wahlpflicht, um die faktische Ausgrenzung vieler Wähler zu beenden? Ein sympathischer Wunschzettel auf dem Fensterbrett. Vielleicht findet ihn das Christkind und sorgt für Bescherung. Altes Urvertrauen in demokratische Stabilität bleibt erschüttert.

    Auch bei Jan Philipp Burgards „Mensch, Amerika!“ prallen unerträgliche Kontraste aufeinander. Der Journalist Burgard macht keine Bücher, sondern Reportagen. Er geht mit Kamera und Mikrofon an die Frontabschnitte der Gesellschaft. Er hat Lust auf Leute, Ereignisse, Orte, Situationen. Reportage braucht den Reporter. Wer etwas be„greifen“ will, muss sich damit be„fassen“. Nichts ersetzt die persönliche Nähe. Gefahren sind eingepreist.

    Burgard, Jan Philipp: Mensch, Amerika!
    Piper Verlag
    München 2021
    204 Seiten
    22 Euro.

    In zehn Sondierungen sucht er das Land, das er schätzt, bewundert, aber auch fürchtet. Es geht um Rassismus und Polizeigewalt, um Waffennarren und Amokläufer, die Macht der Lobbyisten, die brennenden Wälder Kaliforniens und die digitalen Bastler des Silicon Valley.

    Menschen versuchen, ihre Identität gegen die ferngesteuerte Massengesellschaft zu behaupten. Ständig drängen sich die Schatten der Vergangenheit in den Alltag. Der blockierte Riese steht vor seinen desaströs endenden Kriegen. Er verfolgt nicht seine Kriegsverbrecher, sondern deren Enthüller. Da wundert nicht die Offenheit mancher Gesprächspartner, die sich fast augenzwinkernd zu kriminellen Handlungen bekennen. Es scheint, als sei der Misserfolg das einzige Verbrechen, dessen man sich schämen müsste.

    Burgard gelingt die Balance zwischen genauer Beobachtung, kühler Analyse und doch auch persönlicher Betroffenheit. Irgendwie mag er all diese Leute. Er will verstehen, wie sie wurden, wer sie sind. Ein Leitmotiv erscheint ihm allgegenwärtig: Angst. Diese stärkste der menschlichen Emotionen verbindet Verlierer und Gewinner. Sie wird geschürt durch fanatische Apokalyptiker und politische Hasardeure, denen sich Sender und Zeitungen andienen, wenn das den Marktanteil steigert. Sie wird bekämpft durch große und junge Bewegungen, die ihr Urvertrauen in die älteste Demokratie der Neuzeit nicht aufgeben wollen.

    Der frühere US-Präsident arbeitet an einem eigenen sozialen Medium mit dem Namen „Truth Social“. Reuters

    Donald Trump

    Der frühere US-Präsident arbeitet an einem eigenen sozialen Medium mit dem Namen „Truth Social“.

    Die Angst erscheint in tausenderlei Gestalten, und sie ist Komplizin der Macht. Wer auf dieser Klaviatur zu spielen weiß – Trump war Virtuose  –, kann erschreckende Reaktionen abrufen und sich selbst dann als Retter und Erlöser anbieten.

    Alle drei Autoren verzichten auf antiamerikanische Häme. Sie leiden unter den Problemen des Landes und würden sich „liebend gern“ irren. Das verleiht ihren Befunden ein hohes spezifisches Gewicht. Und es macht die Leser zu Mitautoren. Es kann und darf ihnen nicht gleichgültig sein, wenn die gefährlich überdehnte Atlantik-Brücke reißen würde.

    Wir lernen von allen dreien, dass Amerika so groß ist, dass es alles gibt und dass der Trumpismus nicht alles spiegelt, ausdrückt und beherrscht. Wir lernen aber auch, dass die Trump-Epoche noch nicht das Thema für Historiker ist. Es wäre falsch, es nur unter dem Aspekt der Vergangenheitsbewältigung zu sehen. Es bleibt das Menetekel an der Wand. Burgards Buch endet mit einem Satz von feiner Ambivalenz: „Lebe wohl, Amerika!“

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