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04.06.2022

12:00

Buchkritik

Wie ein Mutter-Tochter-Gespann von Pellworm die deutsche Klimapolitik veränderte

Von: Michael Scheppe

Silke und Sophie Backsen haben gegen die Klimapolitik der Regierung geklagt und eine Verbesserung erreicht. In ihrem Buch beschreiben sie ihren Kampf – und rechnen mit Berlin ab.

Pellworm liegt bereits einen Meter unter dem Meeresspiegel. Moment Open/Getty Images

Nordseeinsel

Pellworm liegt bereits einen Meter unter dem Meeresspiegel.

Düsseldorf Pellworm ist nur sechs Kilometer lang und sieben Kilometer breit. Doch die nordfriesische Insel hat wie kein anderer Ort die deutsche Klimapolitik beeinflusst. Auf dem Eiland leben Silke Backsen und ihre Tochter Sophie. Beide haben mit ihren Klimaklagen Aufsehen erregt. Die 52-Jährige hat dafür gesorgt, dass die Bundesregierung erstmals in der Geschichte vor Gericht stand, weil sie das Klima nicht ausreichend schützt. Und die 22-Jährige erreichte mit ihrer Klimaklage vor dem Bundesverfassungsgericht, dass Klimaschutz nun als Grundrecht betrachtet wird.

Dass sich Deutschland im vergangenen Jahr strengeren Klimaschutzzielen verschrieben hat, ist auch Folge der Klagen von Familie Backsen aus Pellworm. Deren Heimat ist vom steigenden Meeresspiegel besonders betroffen. Sollte der Klimawandel so fortschreiten, könnte Pellworm in 100 bis 200 Jahren verschwunden und schon weitaus früher nicht mehr bewohnbar sein, warnen Experten. Anders ausgedrückt: „Wir werden die Ersten in Deutschland sein, die absaufen.“

So schreiben es Mutter und Tochter in ihrem Buch „Butter bei die Fische – Wie wir von Pellworm aus die Klimapolitik verändert haben“. Darin berichten die Biologin und die angehende Agrarwissenschaftlerin, warum sie geklagt haben, wie sie Politik, Gerichte und Medien erlebt haben, sie schreiben über Rückschläge und weshalb die Klimabemühungen der Politik aus ihrer Sicht noch immer nicht ausreichen.

In 16 Kapiteln beschreiben die Autorinnen ihre persönlichen Erlebnisse. Sie schaffen es, geschickt die wesentlichen Fakten einzubinden, ohne dafür Informationsboxen oder Experteninterviews abzudrucken. Sie erklären eindrucksvoll die Folgen des Klimawandels und die Zurückhaltung der Politik bei diesem Thema, verfassen aber keine Anklageschrift. „Wir haben aus der Sicht von zwei Generationen aufgeschrieben, was wir mit den Klagen bewegen wollten“, sagt Silke Backsen dem Handelsblatt. „Unser Ziel ist es, den Menschen Mut zu machen, weil jeder Einzelne etwas gegen den Klimawandel tun kann.“

Wie die ganze Republik leidet auch Pellworm unter den Folgen der Klimakrise. Der Insel, die einen Meter unter dem Meeresspiegel liegt, drohen nicht nur Überschwemmungen und vermehrt starke Sturmfluten. Anfang 2018 regnete es so stark, dass Keller überflutet wurden, Abwasserrohre liefen über. Im Sommer des gleichen Jahres sorgte eine Hitzewelle für Ernteausfälle von 30 Prozent. Familie Backsen betreibt einen Bauernhof nach ökologischem Landbau.

Sophie Backsen, Silke Backsen: Butter bei die Fische.
Hoffmann und Campe
Hamburg 2022
192 Seiten
16,90 Euro

In ihrem Buch sind die Autorinnen nicht belehrend, sie beschreiben sich selbst als „ganz normale Bürger. Wir essen Fleisch, haben einen alten Diesel-VW-Bus im Hof stehen und sind auch mal in den Urlaub geflogen.“ Für Umweltschutz setzt sich Silke Backsen indes mehr ein als der Normalbürger. Sie ist im Ruhrgebiet aufgewachsen, kennt also die Folgen des langjährigen Kohleabbaus für die Umwelt.

Schon während ihres Studiums vor 30 Jahren sei klar gewesen, dass die Politik etwas gegen die Erderwärmung tun müsse, schreibt sie. „So lange warnen Wissenschaftler vor dem Kollaps der Erde. Und trotzdem blieb unsere Bundesregierung weit hinter den notwendigen Maßnahmen zurück.“ Das machte und mache sie wütend.

Als im Sommer 2018 die Umweltschutzorganisation Greenpeace anrief und fragte, ob die Backsens mit zwei anderen Familien die Bundesregierung verklagen wollten, weil sich diese nicht an die eigenen Klimaschutzziele hält, zögerte sie nicht.

Zu dem Zeitpunkt wurde klar, dass es die damalige Große Koalition nicht schaffen würde, den CO2-Ausstoß bis 2020 im anvisierten Umfang zu reduzieren. „Endlich bot sich mir die Gelegenheit, selbst etwas zu tun. Wirklich etwas zu bewegen“, schreibt Mutter Backsen.

Immer wieder stand dieser schneckenhaft langsame Verwaltungsprozess im krassen Gegensatz zu meinem Veränderungswillen. Silke Backsen, Buchautorin

Doch trotz der anderthalbjährigen Bemühungen wies ein Gericht im Herbst 2019 die Klage ab. Immerhin erkannte es Klimaklagen als grundsätzlich zulässig an – für Backsen ein Teilerfolg. Schon damals wollte sie ein Buch über ihre Erfahrungen schreiben, berichtet sie dem Handelsblatt, „doch die Sache war noch nicht richtig rund“.

Das sollte sich ändern: Greenpeace fragte bei Tochter Sophie Backsen und anderen jungen Menschen an, ob sie gegen das Ende 2019 vom Bundestag beschlossene Klimaschutzgesetz eine Verfassungsbeschwerde einreichen würden. Demnach sollte Deutschland bis 2030 im Vergleich zu 1990 55 Prozent seiner CO2-Emissionen einsparen. Umweltschützer hielten das für zu wenig. Sophie Backsen sagte „sofort zu“, obwohl sie sich „nicht allzu große Hoffnungen auf einen Erfolg“ machte. Die Klage fiel in eine Zeit, als die Umweltbewegung „Fridays for Future“ immer größer wurde.

15 Monate später, „Corona hatte das Thema nahezu vollständig aus unserem Leben verdrängt“, urteilte das Bundesverfassungsgericht, dass Klimaschutz ein Grundrecht ist. Die Karlsruher Richter forderten den Gesetzgeber auf nachzubessern, damit jüngere Generationen nicht unter den Versäumnissen der älteren leiden müssen. Als sich Sophie Backsen am Abend des 29. April 2021 selbst in der Tagesschau sah, „sickerte ganz langsam die Erkenntnis ein, dass wir da an einer historischen Entscheidung beteiligt waren“, schreibt sie.

Tatsächlich passte die Politik infolgedessen ihre Klimaschutzziele an. So soll Deutschland bis 2045 und nicht erst bis 2050 klimaneutral sein. Das steht noch heute im Koalitionsvertrag der Ampelregierung.

Trotz des Erfolgs zeigt sich Sophie Backsen am Ende des Buchs ernüchtert. Selbst die Nachbesserung würde nicht dazu beitragen, die Erderwärmung auf 1,5 Grad zur vorindustriellen Zeit zu begrenzen. Dass sich die Grünen im aktuellen Koalitionsvertrag nicht stärker durchgesetzt hätten, sei „eine weitere bittere Enttäuschung“, schreibt sie. Sie sei „erschöpft und frustriert“, auf Demos und in Parteien sieht sie nicht ihre Zukunft.

Warum nicht fürs Klima?

Corona habe deutlich gemacht, wie viel die Politik bewegen kann, „wenn sie es denn wollte“. Die Regierung sei sogar in der Lage gewesen „unbeliebte Maßnahmen durchzusetzen“. Selbst die Mehrheit der Bundesbürger sei sehr wohl bereit, ihr Leben zu verändern, wenn es wirklich wichtig ist“, schreibt Sophie Backsen. Warum nicht fürs Klima?

Ihre Mutter will den Kampf gegen den Klimawandel nicht aufgeben. „Ich kann nicht mehr zu dem Punkt zurück, an dem ich vor der Klimaklage stand. Ich werde Neues ausprobieren.“ Sie geht in die Politik: Silke Backsen wurde für die Grünen in den Kieler Landtag gewählt, gerade führt sie Koalitionsverhandlungen mit der CDU.

„Ich bin fest überzeugt, dass sich im aktuellen politischen Umfeld in Deutschland die Dinge ändern“, sagt sie. „Ob sich das schnell genug ändert, ist die andere Sache.“ Es sei unfair, so ein großes Problem ausschließlich auf die Bürger zu schieben, da die Politik die Weichen für Klimapolitik stellen müsse. Doch es sei eben auch wichtig, dass jeder Bürger seine Gewohnheiten ändere.

Im letzten Kapitel des Buchs, dem einzigen, das beide Autorinnen zusammen verfasst haben, appellieren sie denn auch an die Menschen, ihren Konsum einzuschränken und bewusster auf die Folgen des eigenen Tuns für das Klima zu achten. Die Menschheit stehe an einem Scheideweg. Mit dem letzten Satz sprechen die Autorinnen erstmals die Leser direkt an: „Wir hoffen, dass ihr euch heute für den richtigen Weg entscheidet.“

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