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26.12.2021

08:00

Buchkritik

Zeit der großen Inflation: Eine Erzählung aus der Zeit, als Deutschland wirklich pleite war

Von: Frank Wiebe

Georg von Wallwitz bietet in seinem Buch eine wunderbare Betrachtung der großen Inflation vor etwa 100 Jahren – und sie kommt genau zur richtigen Zeit.

Nach dem Ende der Inflation und der Einführung der Reichsmark verkauften viele Bürger ihr Eigentum, um es gegen Bargeld einzutauschen. (Foto: ullstein Bild)

Schlange vor dem Staatlichen Leihamt

Nach dem Ende der Inflation und der Einführung der Reichsmark verkauften viele Bürger ihr Eigentum, um es gegen Bargeld einzutauschen.

(Foto: ullstein Bild)

Wenn ein Vermögensverwalter, der Mathematik und Philosophie studiert hat, ein Geschichtsbuch schreibt, kann das gutgehen? Es kann. Georg von Wallwitz, Gründer der Vermögensverwaltung Eyb & Wallwitz in München, hat mit „Die große Inflation“ ein wundervolles Buch geschrieben.

Der Untertitel „Als Deutschland wirklich pleite war“ verrät schon, dass es hier nicht um Panikmache geht: Bei der großen Inflation, die ihren Höhepunkt 1923 erreichte, war Deutschland eben „wirklich pleite“, heute kann davon nicht die Rede sein. Mehrmals weist der Autor auch darauf hin, dass nicht die Inflation der 20er-, sondern die Deflation der 30er-Jahre den Aufstieg der Nazis befördert hat. Und er zeigt am Beispiel Japan, dass hohe Schulden und große Geldmenge nicht automatisch die Preise explodieren lassen.

Von Wallwitz hat das Buch im letzten Sommer beendet. Damals war schon relativ klar, dass die Preissteigerung in den kommenden Monaten deutlich anziehen würde, aber die hohen Prozentzahlen waren noch nicht erreicht. In jedem Fall kommt das Buch zur rechten Zeit. Wer wissen will, wie es vor 100 Jahren bei der großen Inflation zuging, die heute noch das kollektive deutsche Gedächtnis prägt, der ist mit dem Werk gut bedient.

Das Buch überzeugt zunächst, weil es gut lesbar und verständlich ist. Manche Passagen, etwa über die Probleme bedeutender Persönlichkeiten, ihre Meinung zu ändern, sind vielleicht etwas zu lang geraten. Manche Sprachbilder, wie die „Väter, Mütter und Großeltern“ sowie „Pflegeeltern“ der „Inflation“, hätten etwas sparsamer ausfallen können.

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    Aber erfreulich ist, dass von Wallwitz das Thema stets mit Schwung, flüssiger Sprache und niemals langweilig abhandelt. Man merkt zudem, dass er gewohnt ist, wirtschaftliche Zusammenhänge auch Laien nahezubringen. Wo es nötig ist, steigt er kurzerhand in die wirtschaftliche Theorie ein.

    Georg von Wallwitz: Die große Inflation.
    Berenberg Verlag
    Berlin 2021
    256 Seiten
    25 Euro

    Dabei bewegt er sich vor allem in der Quantitätstheorie der Inflation, nach der die Preise vor allem von der Ausweitung der Geldmenge getrieben werden – was bei einer Hyperinflation sicher auch angebracht ist.

    Er deutet mit knappem Humor zugleich die Grenzen dieses in Deutschland noch immer populären Konzepts an: „Auch mit dieser Theorie meint es die Realität aber nicht immer gut.“ Der Autor bezieht sich häufig auf Originalquellen, aber auch frühere Arbeiten von Historikern wie etwa Carl-Ludwig Holtfrerich und Gerald D. Feldman. Obwohl es eher eine große Erzählung als ein wissenschaftliches Buch ist, werden Quellen sauber zitiert und vermerkt.

    Farbe gewinnt der Text auch durch die lebendige Darstellung der handelnden Personen. Da gibt es den pedantischen Reichsbankpräsidenten Rudolf Havenstein, der aus deutschem Pflichtbewusstsein bis zu seinem Tod tonnenweise Geld drucken ließ, um sich als treuer Untertan der Regierung zu beweisen. Oder den ehrgeizigen Karl Helfferich, der zugleich ein kluger Ökonom und ein widerwärtiger Hassprediger war.

    Relativ schlecht kommt bei von Wallwitz Matthias Erzberger weg, dem er bescheinigt, seine große Finanzreform nicht gut umgesetzt zu haben. Angemessener wäre vielleicht die Wertung, dass in den Wirren der Nachkriegsjahre realistisch zunächst nicht mehr zu erreichen war.

    Die Reform, die erstmals der deutschen Regierung eine solide finanzielle Basis verschaffte, dürfte dann aber die Voraussetzung für die Überwindung der Inflation nach 1923 gewesen sein. Der Autor zieht hier eine Parallele zur Europäischen Union, die ähnlich wie die Reichsregierung zu Kaisers Zeiten kaum eigene Einnahmen hat. Dabei lässt er aber unerwähnt, dass das Reich damals wenigstens eine Regierung und ein relativ starkes Parlament hatte – beides fehlt der EU bisher.

    Letztlich ist Inflation aus Sicht des Vermögensverwalters von Wallwitz ein politisches Phänomen. Die große Geldentwertung der 20er-Jahre war kein Unfall, sondern sie diente dazu, den Krieg nachträglich zu finanzieren. Die Alternative wären hohe Arbeitslosigkeit und erdrückende Schuldenlast gewesen – und damit wahrscheinlich ein noch früherer Zusammenbruch der gerade erst geschaffenen, noch fragilen Demokratie.

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