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17.04.2021

11:03

Buchrezension: „Die Selbstgerechten“

Sahra Wagenknecht zeigt, wie sich die „Lifestyle-Linke“ zu Tode siegt

Von: Thomas Tuma

Die Politikerin seziert die Gründe für den Einbruch ihrer Partei, die Stärke der Grünen und den schrillen Debattenton im Land. Ihr Buch soll ein Gegenentwurf sein.

„An die Stelle demokratischen Meinungsstreits sind Empörungsrituale und offener Hass getreten“, schreibt die Linken-Politikerin. dpa

Sahra Wagenknecht

„An die Stelle demokratischen Meinungsstreits sind Empörungsrituale und offener Hass getreten“, schreibt die Linken-Politikerin.

Hamburg Ein Gespenst steht rum in Europa: Und es ist nicht der Kommunismus, der frühere Generationen noch um den Schlaf brachte. Es hat auch nichts mit Corona zu tun oder der Sorge, ob wir endgültig den Anschluss verpassen an Chinas Wachstumswillen und die amerikanische Digital-Dominanz.

Stattdessen liegt etwas ganz anderes über dieser EU und eben auch und ganz besonders über Deutschland, eine bleierne Debattenwolke, aus der immer neue Verbal-Schauer herniederregnen: Gender-sternchen, Cancel Culture, Diversity, Identitätspolitik, Blackfacing, Mikroaggressionen, Mansplaining, die Herrschaft des alten weißen Mannes.

Vieles davon ist wichtig, anderes eher unbedeutend. Es geht aber auch weniger um die Themen als um den Ton, in dem sie verhandelt werden. Und der wiederum ist derart scharf geworden, dass selbst die talkshow-gestählte und in politischen Grabenkämpfen versierte Sahra Wagenknecht schon damit gerechnet hat, mit ihrem neuen Buch „Die Selbstgerechten“ in einen Shitstorm zu geraten.

„Es scheint, dass unsere Gesellschaft verlernt hat, ohne Aggression und mit einem Mindestmaß an Anstand und Respekt über ihre Probleme zu diskutieren“, schreibt Wagenknecht. „An die Stelle demokratischen Meinungsstreits sind emotionalisierte Empörungsrituale, moralische Diffamierungen und offener Hass getreten.“ Und ausnahmsweise sind mal nicht Donald Trump oder die AfD schuld.

Wagenknecht geht es um den auch hier zu Lande höchst präsenten Linksliberalismus, den sie allerdings weder für links noch für liberal hält. Das Buch war noch gar nicht erschienen, da sorgte es in Wagenknechts Partei bereits für obligatorische Schnappatmung.

Nur knapp errang sie am vergangenen Samstag dann noch den Spitzenplatz der NRW-Linken für die Bundestagswahl, wurde aber sofort zum Rücktritt aufgefordert. Der Grund: Nichts attackiert Wagenknecht derzeit mit größerer Begeisterung als Teile ihrer eigenen Partei. Dies jedoch nicht parteiintern, sondern eben medienträchtig in einem Buch, das pünktlich zur Nominierung erscheint.

Sahra Wagenknecht: Die Selbstgerechten. Mein Gegenprogramm – für Gemeinsinn und Zusammenhalt.
Campus
Frankfurt 2021
345 Seiten
24,95 Euro

„Mein Ziel ist eine Analyse der Ursachen, warum die Linke in ganz Europa so schwach geworden ist und der gesellschaftliche Zusammenhalt immer mehr zerfällt“, sagt sie selbst dazu. So wird ihr Buch auch schnell zu einer Abrechnung mit den „Lifestyle-Linken“: Ihrer Partei jedenfalls helfe „die Fokussierung auf die Zielgruppe der Lifestyle-Linken und ihre Debatten um Denk- und Sprachverbote sowie Identitätspolitik nicht“, sagt Wagenknecht.

„Solche Diskussionen werden von einem Großteil der Bevölkerung als abgehoben wahrgenommen und gehen an den Problemen vorbei, die ein normaler Arbeitnehmer in seinem Alltag hat.“ Das mache die linken Parteien nicht attraktiver. In der eigenen Partei sorgt sie mit solchen Argumenten selbstredend für wenig Begeisterung.

Diese Frau ist anstrengend. Und mutig. Oder gar übermütig? Zu einem klassischen linken Selbstverständnis habe es immer gehört, „sich vor allem für die einzusetzen, die es schwer haben und denen die Gesellschaft höhere Bildung, Wohlstand und Aufstiegsmöglichkeiten verwehrt“, erinnert Wagenknecht. Die heutigen Linksliberalen seien dagegen verwöhnte Großstadtkinder aus wohlsituierter Mittelschicht, für deren Denke und Sound sie viele schöne Beispiele parat hat.

Ende 2019 etwa reisten junge Fans von „Fridays for Future“ mit ihrer Forderung nach einem sofortigen Kohleausstieg in die Lausitz. Als sich ihnen dort die um ihre Existenz bangenden Anwohner entgegenstellten und Bergmannslieder sangen, wurden sie von den Aktivisten „zielsicher als Kohle-Nazis identifiziert“.

Diese „Lifestyle-Linke“, so Wagenknechts scharfe These, sei gar zumindest mitverantwortlich am Aufstieg der Rechten, denn: „Linksliberale Intoleranz und rechte Hassreden sind kommunizierende Röhren, die sich gegenseitig brauchen, gegenseitig verstärken und voneinander leben.“ Wagenknechts Fazit: „Ob Flüchtlingspolitik, Klimawandel oder Corona, es ist immer das gleiche Muster: Linksliberale Überheblichkeit nährt rechte Terraingewinne.“

Wann ist was (selbst)gerecht? imago images/epd

Kunstaktion auf der Berliner Oberbaumbrücke

Wann ist was (selbst)gerecht?

Sie seziert dabei die gängigen Kurz-Schlüsse: „Nazis sind gegen Zuwanderung? Also muss jeder Zuwanderungskritiker ein verkappter Nazi sein!“ Und sie zeigt historische Parallelen: „2015 hieß das Regierungsnarrativ nicht Lockdown, sondern Willkommenskultur, und Widerspruch war mindestens so unerwünscht wie zu Corona-Zeiten.“

Ähnliches haben zwar schon andere vor ihr erkannt, etwa die US-Philosophin Nancy Fraser oder die französische Feministin Caroline Fourest. Aber als prominenteste deutsche Linke hat Wagenknechts Stimme immer noch großes Gewicht. Auch, wenn sie selbst ja durchaus als Opfer des von ihr beschriebenen Phänomens gelten darf.

Jahrelang musste sie sich intern gegen Katja Kipping wehren, die als Parteichefin die Linke neu akademisierte. 2019 gab Wagenknecht entnervt den Fraktionsvorsitz ab und zog sich auch aus der von ihr mitgegründeten linken Sammel-Bewegung „Aufstehen“ zurück.

Ihre persönliche Betroffenheit ist Stärke und Schwäche des Buchs gleichermaßen. Stärke, weil hier eine Insiderin als Kronzeugin auftritt. Schwäche, weil ihr die Attacke von „Parteifreunden“ als beleidigte Rache ausgelegt wird.

Ihre Analyse ist glasklar: Die (Wieder)Entdeckung einer überwiegenden akademischen Linken-Elite (die 68er waren ja einst nichts anderes) brachte die Linkspartei zwar in den vergangenen Jahren an den Unis zurück ins Gespräch, entfremdete sie aber zugleich von ihrer klassischen Arbeiter-Klientel. „Links“ stehe „heute in den Augen vieler Menschen nicht mehr für Gerechtigkeit, sondern vor allem für Selbstgerechtigkeit“, glaubt Wagenknecht.

Sahra Wagenknecht kritisiert die Lifestyle-Linken

Verlierer von Globalisierung, Digitalisierung und damit einhergehenden Revolutionen der Arbeitswelt seien „die sogenannten einfachen Leute“. Zu den Gewinnern zählt die Autorin dagegen „die neue akademische Mittelschicht der Großstädte“, also jenes Milieu, in dem der Linksliberalismus die Petersilien-Töpfchen auf dem Altbau-Balkon pflegt, bevor’s im Elektro-SUV zum Bio-Bauern am Stadtrand geht.

In diesem Terrarium des guten Geschmacks wünsche man sich zwar noch „eine gerechte und diskriminierungsfreie Gesellschaft, aber der Weg zu ihr führt nicht mehr über die drögen alten Themen aus der Sozialökonomie, also Löhne, Renten, Steuern oder Arbeitslosenversicherung, sondern vor allem über Symbolik und Sprache“, ätzt Wagenknecht.

Spätestens hier wird klar, wer von dieser Klientel politisch profitiert: die Grünen, die von SPD und Linker zugleich „auf geradezu unterwürfige Weise als intellektuelle und politische Avantgarde akzeptiert“ wurden.

Und nicht nur die Grünen profitieren, sondern auch jene Unternehmen, denen es gelingt, den Kammerton der neuen Symbolpolitik mit anzustimmen: Als etwa die Unilever-Tochter Knorr ihre „Zigeuner-Sauce“ umbenannte, war zwar die Lifestyle-Linke begeistert – ignorierte dann aber, dass die Arbeiter, die diese Sauce produzieren, gerade erfolglos gegen miese Bezahlung oder schlechte Arbeitsbedingungen kämpften.

Ein Beispiel, das es nicht mehr in Wagenknechts Buch geschafft hat, zeigt eindrucksvoll, womit sich „Lifestyle-Linke“ derzeit so beschäftigen: Auf der Landesdelegiertenkonferenz der Berliner Grünen wurde die Spitzenkandidatin Bettina Jarasch jüngst nach dem Berufswunsch ihrer Kindheit gefragt. „Indianerhäuptling“, antwortete sie fröhlich.

Diese „koloniale Fremdbezeichnung“ löste sofort Empörungsreflexe aus, so dass sich Jarasch noch während der Konferenz für ihre „unreflektierte Wortwahl“ entschuldigen musste. Die Partei löschte im Youtube-Video obendrein die Stelle mit dem Warnhinweis, da sei ein Begriff benutzt worden, „der herabwürdigend gegenüber Angehörigen indigener Bevölkerungsgruppen ist“.

Man darf gespannt sein, was in einem solchen Meinungsklima zum Beispiel aus den Karl-May-Festspielen wird. Und aus Sahra Wagenknecht. Es kann jedenfalls niemand behaupten, diese Frau hätte kein klares Profil oder Programm.

Aber warum kandidiert sie überhaupt noch für die Linken, wenn sie so vieles an ihrer Partei stört? „Bisher ist es ja nicht so, dass die Lifestyle-Linken in der Partei dominieren. Das ist ein Flügel“, sagte sie nach ihrer Nominierung diese Woche dem Handelsblatt. „Ich kandidiere wieder für die Linke, weil ich mir wünsche, dass wir wieder mehr gesellschaftlichen Rückhalt bekommen und ich dazu beitragen kann.“

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