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17.09.2020

20:10

Buchrezension

Ist ein Streit um Deutungshoheit Kern des Ost-West-Konflikts?

Von: Sebastian Späth

In seinem Buch „Feindbild werden“ zeigt Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich einen Ost-West-Konflikt auf. Den Anlass für das Werk liefert ein persönlicher Streit.

Über 30 Jahre nach der Wiedervereinigung gibt es noch immer Konflikte zwischen Ost und West. Hartmut Schwarzbach_argus

Deutsche Einheit

Über 30 Jahre nach der Wiedervereinigung gibt es noch immer Konflikte zwischen Ost und West.

Düsseldorf Anlass für das Buch ist die Auseinandersetzung zwischen dem Autor, Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich, und dem Kunst-Superstar Neo Rauch, einer der teuersten zeitgenössischen Künstler. Im vergangenen Jahr hatte Ullrich den in der DDR aufgewachsenen Maler wegen einiger Interviewäußerungen sachte in die rechte politische Ecke gerückt.

Rauch antwortete mit einer gemalten Verächtlichmachung Ullrichs. Sein Bild „Der Anbräuner“ zeigt eine Figur mit entblößtem Gesäß, wie sie mit ihren Exkrementen eine Hitler-Karikatur auf eine Leinwand schmiert.

Zum 30. Jahrestag der deutschen Wiedervereinigung erhebt Ullrich, der wie Rauch in Leipzig lebt, diesen Bruch zwischen sich, einem nach Ostdeutschland emigrierten Wessi, und dem die Vergangenheit womöglich beschönigenden Ossi Rauch zum Symbol eines „Ost-West-Konflikts“.

Dieser besteht laut Ullrich darin, dass Bürger mit DDR-Vergangenheit die Westdeutschen im Besitz der Deutungshoheit über ihre eigene Geschichte sehen und sich selbst unterrepräsentiert fühlen – und zwar weit über die Kunst hinaus.

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    Ullrich beschreibt, wie die bildende Kunst zugunsten politischer Korrektheit ihre Autonomie einbüßt. Was etwa an den Diskussionen darüber deutlich werde, ob weiße und dadurch privilegierte Künstler die Probleme weniger privilegierter Bevölkerungsgruppen überhaupt thematisieren dürfen, da sie diese wahrscheinlich nicht nachvollziehen können.

    Wolfgang Ullrich: Feindbild werden: Ein Bericht.
    Wagenbach Verlag, 144 Seiten, 10 Euro

    Diese Entwicklung wiederum werde laut Ullrich von neurechten Künstlern, neben die er Rauch stellt, dazu benutzt, sich als letzte Verfechter der Meinungs- und Kunstfreiheit darzustellen und dadurch das gesellschaftliche Klima zu vergiften.

    Beim Lesen beschleicht einen das Gefühl, dass dieses Buch eine weitere Gegenreaktion Rauchs heraufbeschwören wird. Die Geschichte des „Anbräuners“ hat übrigens eine spannende Entwicklung genommen: Weil Rauch aus Wut das Verschlüsselte, das sonst seine Werke ausmacht, aufgegeben hat für eine für ihn ungewohnte Derbheit und Vulgarität, konnte das Bild zu einem Symbolbild der Identitären Bewegung werden und wurde von AfD-Abgeordneten benutzt.

    Das wird Rauch sicherlich nicht bezweckt haben. Dann stiftete er es für eine Charity-Auktion, auf der es von dem Immobilienguru Christoph Gröner für 750.000 Euro ersteigert wurde – einer Person also, in der man laut Ulrich noch stärker als in ihm einen „brutalen westdeutschen Kolonialisten“ sehen kann.

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